Adolf Eichmanns Bibliothek in Jerusalem

Adolf Eichmanns Bibliothek in Jerusalem

Dieser Beitrag wurde von Nathan Marcus verfasst. Nathan Marcus ist Dozent für moderne Europäische Geschichte an der Ben Gurion Universität in Beer Sheva. Sein Vater ist Besitzer der Buchhandlung Ludwig Mayer in Jerusalem.

Hannah Arendts «Eichmann in Jerusalem» bleibt auch heute, nach beinahe 60 Jahren, ein lesenswertes und umstrittenes Zeitdokument. Lesenswert weil es, trotz aller schlauen Ironie und nicht nur sachlich formulierter Kritik, einen einmaligen Einblick in den Verlauf des Prozesses und seiner damaligen Wirksamkeit gibt.

Umstritten, weil eben die Schlüsse welche Hannah Arendt aus dem Prozess zog – dass nämlich die Schergen der Nazis welche sechs Millionen Juden ermordeten auf keinen Fall alles bösartige Ungeheuer gewesen sein mussten (und konnten), sondern eben oft durchaus auch normale, eben banale, Täter waren, Menschen wie Du und ich –nicht allen gefiel.

Für Arendt war Eichmann vielleicht auch nur Modell einer philosophischen Überlegung welche die Wichtigkeit von selbständigem Handeln und Denken unterstreichen sollte. Auf jeden Fall war Eichmann bei weitem nicht der einzige, welcher eine für die Nachwelt verdaulichere Persona konstruierte. Der erfolgreichere Albert Speer schaffte es so sogar mit dem Leben davon zukommen.   

Zuletzt hatte im April diesen Jahres Gabriel Bach, der damalige stellvertretende Ankläger im Eichmann Prozess, darauf hingewiesen, dass seines Erachtens Arendt in ihrem Text dutzende Fakten falsch dargestellt hätte. Grob gesagt, Arendt ging Eichmann auf den Leim.

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Gabriel Bach – Bildquelle: Wikicommons

Allerspätestens seit Christopher Brownings «Ganz normale Männer» wissen wir natürlich nur zu gut wie aus einfachen Ehemännern und Familienvätern Massenmörder wurden, die, ohne Unmenschen zu sein, über Wochen hindurch unzählige unschuldige Frauen und Kinder hinrichten konnten.

Nichtsdestotrotz hatte bereits 2011 die deutsche Philosophin Bettina Stangneth in ihrem Buch «Eichmann vor Jerusalem» aufgezeigt, dass Eichmann keineswegs der unscheinbare Bürokrat gewesen war, als den er sich in Jerusalem gab. Vielmehr war er ein fanatisch von der nationalsozialistischen antisemitischen Ideologie getriebener Karrierist gewesen. Die Persona des eingeschränkten Hanswurst war gespielt, die Figur des gedankenlosen Schreibtischtäters blosse Aufmache zur heuchlerischen Verteidigung.

Eines von Eichmanns Argumenten, bloss pflichtbewusster, gesetzestreuer Staatsdiener gewesen zu sein, und kein ideologischer von verbrecherischen Motiven getriebener Unmensch, war seine unwahre Behauptung er sei gar nie wirklicher Anti-semit gewesen.

Das ganze Massenmorden sei ihm zuwider gewesen, eine grauenhafte Aufgabe die er hatte tun müssen, aber nicht hatte tun wollen. In Wirklichkeit sympathisiere er mit dem Zionismus und sei mit Theodor Herzl einig gewesen, dass eben für die Juden Europa kein Zuhause darstelle, und deren Ausreise in einen Judenstaat die beste Lösung sei.

Während des Prozesses behauptete er daher auch mehrmals, seine Umsiedlungspläne für Europas Juden nach Madagaskar seien inspiriert gewesen von seiner beindruckenden Lektüre der zionistischen Schriftsteller Theodor Herzl und Adolf Böhm. Er habe 1935 beim Reichssicherheits Hauptamt deren Schriften für ein SS-Leitheft rezensiert. Nur ist eine solche Rezension weder nachweisbar noch aufgetaucht.

Hingegen wissen wir folgendes: In Tonbandaufnahmen des Verhörs durch die israelische Polizei im Jahre 1960 (und vielleicht auch gegenüber Wilhelm Sassen in Argentinien) erwähnt Eichmann zwar eine Rezension von Theodor Herzls «Der Judenstaat», aber nicht den Namen Adolf Böhm. In seinen eigenen Aufzeichnungen während der Haft erinnert er sich jedoch fälschlicherweise an Böhm und dessen «Judenstaat».

Indessen kamen zur selben Zeit ein höherer Polizeibeamter in die Bücherei von Ludwig Mayer, unweit des Gerichtssaales im Zentrum Jerusalems, und bat darum sechs deutsche Bücher ausleihen zu können, welche die Besitzerin Esther Mayer frei aussuchen solle (die Buchhandlung betrieb auch eine Leihbibliothek). Nach einer Woche lieh er sechs neue Bücher aus, und so ging das weiter mehrere Wochen lang, ohne dass Esther Mayer Auskunft auf die Frage bekam für wen die Bücher denn seien.

Ludwig und Esther Mayer vor ihrem Buchladen

Nach dreimonatigem Nachhacken bekam sie dann endlich die hochgeheime Antwort: Die Bücher bekam kein anderer als Adolf Eichmann. Mayer versprach weiter Bücher auszusuchen, wollte sie aber auf keinen Fall zurückhaben, und lieferte dem Gefangenen von nun an nur noch Lektüre zur Geschichte der Juden und des Zionismus. Darunter: Theodor Herzl und eben Adolf Böhm.

Als Eichmann im März 1938 Vertreter der Wiener Kultusgemeinde, darunter auch Adolf Böhm, vorlud und sie damit beindruckte dass er aus Böhms Werk auswendig zu zitieren wusste, da war dies wohl eine geplante Inszenierung, behauptete er doch dabei auch, er sei im palästinischen Sarona geboren und spreche fliessend Hebräisch, was beides ganz und gar nicht der Wahrheit entsprach.

Ob er nun 1935 den „Judenstaat“ wirklich gelesen und auch noch rezensierte bleibt weiterhin dahingestellt. Adolf Böhms Buch dürfte er aber damals, entgegen seiner späteren Aussagen im Prozess, wohl eher nicht gelesen haben. Zwar haben wir keine Unterlagen darüber, welche Bücher ihm Esther Mayer ins Gefängnis schickte, jedoch wissen wir durch Zeugenaussagen, dass Herzl’s «Judenstaat» und Böhm’s «Zionistische Bewegung» dazugehörten. Hat die traditionsreiche Buchhandlung ihm unwissentlich geholfen, sein Lügengebäude aufzubauen?

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