Das achte Buch Michaels - Re:Levant
Roman, Shoa, Israel, Humor

Das achte Buch Michaels

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Michael ist ein 56-jähriger Shoa-Überlebender und lebt alleine. Seine Beziehung zu seiner Umwelt befreite ihn nicht von seiner Einsamkeit. Aber die Romane, die er schrieb, beschützten ihn bisher vor den Schrecken seiner Vergangenheit. Sein Freund Amos, ein Literaturkritiker, der an ihn glaubt, beruhigte bisher immer seine Zweifel und Hemmungen. Amos überzeugt ihn langsam, in seiner frühen traumatischen Kindheit zu graben. Es wird, nach sieben Büchern, Michaels achtes Buch sein.  

Im Folgenden drei Ausschnitte aus „Das achte Buch Michaels“. Im ersten Ausschnitt befindet sich der Autor Michael in der in Israel traditionellen Buchmesse, die „die Woche des Buches“ heißt und im Juni im ganzen Land veranstaltet wird. Der zweite Ausschnitt ist ein Wortspiel mit dem hebräischen Wortstamm „S.F.R.“. Das Verb „lispor“ heißt zählen, das Substantiv „Ssofer“, das sich aus diesem Verb bildet, heißt aber „Schriftsteller“. Im dritten Ausschnitt erscheint eines der Leitmotive im Roman: Michael vergleicht sich mit dem biblischen Propheten Jeremias, der zur Zeit der Eroberung Jerusalems vor 2600 Jahren in ein Loch in der Erde gesperrt wurde, und Michael will in das „Loch“, in seine traumatische Kindheit, als seine Mutter ihn weggab, um ihn vor den Nazis zu retten, „hinabsteigen“.

Ilana Weiser-Senesh ist in Naharija als einziges Kind von Shoa-Überlebenden aufgewachsen. Sie studierte englische Literatur und Theaterwissenschaften und begann 1980, Gedichte zu publizieren. In den letzten vierzig Jahren hat sie Gedichte, Romane, Kurzgeschichten, Essays, Artikel, Theaterstücke und Drehbücher geschrieben und publiziert. Die Liste ist lang. Und – ja, ihr Mann ist mit Chana Ssenesch verwandt…

Das achte Buch Michaels

von Ilana Weiser-Senesh

Übersetzung: Uri Shani

Erstes Kapitel

Ich muss die Klimaanlage und die Computer-Maus flicken, eine Tischlampe für den Arbeitstisch und ein paar Kleider für den Sommer kaufen. Aber zunächst will ich sehen, wie es mit den Verkäufen läuft. Noch drei Tage. Bis jetzt sehr schlecht. Trotz der Pressearbeit des Verlages und dem Interview in der Zeitung, keine Begeisterung. Ich kotzte dem Journalisten praktisch alles, was er wissen wollte, in den Schoß, anlässlich der Geburt des neuen Babys. Ich verkaufte ihm Wissensbisse, von denen ich nicht wusste, dass sie in mir existierten. Zwar dünn und fleischarm, und vielleicht auch gar nicht wahr.

Schon seit einigen Stunden sitze ich hinter dem Stand auf dem Plastik-„Keter“-Stuhl (warum sie behaupten, er sei angenehm, verstehe ich nicht). Ich habe fünf Bücher signiert. Vielleicht sechs. Ja, sechs. Angenehmer zu denken, sechs. Die meisten gehen an mir vorüber, ihr streifender Blick bezeugt meine Anonymität. Und trotzdem erkannten mich ein paar, die es wagten, mir zuzulächeln, mit einem zarten, geheimen Nicken. Einer oder zwei, ältere, kamen und drückten mir die Hand. Es kam auch eine Frau, eine Lehrerin für Literatur oder sowas, die ihre Lippen zusammenpresste mit einer Anspielung von einem bösen Lächeln und behauptete, so wie ich schreibe, das verderbe die Jugend.

So gegen Nachmittag, als der allgemeine Strom der Blätternden versiegte und die Welle der Besucher des Abends noch nicht begann, kam mir ein merkwürdiger Gedanke hoch: Ich nehme den Hut ab und lege ihn neben die Bücher, vielleicht kommt jemand und tut etwas hinein. Das ist es doch, was ich hier mache, ich warte auf ein Nicken, auf einen Blick der Anerkennung, und mehr als alles – auf ein Almosen. Ja, und dann ist es doch billiger und einfacher eine Bezahlung für das Blättern zu verlangen. Etwas Symbolisches, das nicht viel kostet. Und der großmütige Gönner muss dann das Buch nicht kaufen. Denn die Wenigsten wollen ja wirklich das Buch lesen. Sie wollen alle nur blättern.

Ich kann auch auf den Tisch vor mir einen Haufen von farbigen Blättern, schön dekoriert, legen, und darauf eine kurze Zusammenfassung der Handlung, mit ein paar nummerierten Wegweisern zu den wichtigsten Stellen im Buch; und für diejenigen, die es vorziehen zuzuhören, kann ich eine Studentin aus einem der Schreiblingswerkstätten hinstellen, vielleicht die Soldatin mit dem leuchtenden Haarschopf, sie sieht am wenigsten pathetisch aus, die das Buch zusammenfasst. Ich werde den Spendern natürlich eine originale Unterschrift geben (ich muss sie wieder abrunden oder auf Englisch schreiben). Mein Hut wird sich füllen, mein Sitzen wird nicht so langweilig sein, und keiner wird meinen Stand mit dem Gefühl verlassen, er habe etwas verpasst.

Die Vision verbesserte ein wenig meine Laune, und vielleicht war das der Grund, warum ich zwischen fünf und halb sechs drei Bücher signierte und eindeutig von mindestens vier Küken in Gestapo-Schuhen und kürzesten Minirocks identifiziert wurde. Ich bat die Vertreterin des Verlags, sie solle mir einen Espresso mit warmer Milch von irgendwo ergattern, und sie schickte ihren Sohn, einen etwa zehnjährigen Bengel, der die ganze Woche stolz einen Fußball mit vielen Unterschriften umarmte und zwischen den Ständen herumlungerte, zum Kaffeehaus auf der anderen Straßenseite. Er kam nach einer Viertelstunde zurück, mit einem befleckten Polystyrol-Becher, und der wenige Kaffee, der noch drin war, war lau.

Es wurde kühl. Der Sommer lässt dieses Jahr auf sich warten. Schade, dass ich die Jeansjacke nicht mitgenommen habe. Bald geh ich nach Hause. Ich sehne mich nach dem Glas Jack Daniels, das ich zu dieser Tageszeit normalerweise in mich entleere. Bei den Ständen ringsum bewegt sich plötzlich etwas, vor allem bei den Kochbüchern, meine Stimmung sinkt mit einem Mal und verstreut meine Vision in einen Nebel von Depression.

Noch drei oder vier Tage. Ich kann mich plötzlich nicht mehr erinnern wie viele. Ich frage Amalia, die Vertreterin des Verlages, und sie blickt mich mit riesigen Augen an, erstaunt, und sagt drei. Ich schäme mich. Manchmal vergesse ich Dinge. Noch bis vor kurzem war mein Gedächtnis eine Sage unter meinen Freunden. Ich meine triviales Gedächtnis, nicht das, das wirklich einen Wert hat. Das war, als wir noch in jenem Kaffeehaus saßen und mit unserem Wissen in die Nacht hinein fochten. Was tranken wir damals? Vielleicht Wodka. Auch das weiß ich nicht mehr.

….

Die Jahre und die Bücher haben es mir leichter gemacht, und ich habe zumindest einige Kapitel aus meinem Leben geschrieben. Und ich sage mir: Ein Schriftsteller ist auch ein Schriftsteller, wenn er nichts erzählt. Auch wenn er Freunde zählt, oder das Leben, die Landschaft, seine Geliebten, Kinder, Eltern, Hypotheken, Jahreszeiten, Katastrophen, ist er immer noch ein Schriftsteller. Auch wenn er Angst hat und nicht mehr erzählt und sich einer anderen Arbeit widmet, zum Beispiel wenn er Geld zählt, und auch wenn er dies oder jenes auf die Beine stellt und verschiedene Schriftstücke aufsetzt, ist er immer noch ein Schriftsteller. Und auf jeden Fall kann er jeden Tag sein Glück zählen. Das habe ich im Laufe der Jahre verstanden, und ich versuche, an dieser Meinung festzuhalten, mit aller Kraft, dass sie mir nicht entgleite. Immer wieder sage ich mir, dass es solche gibt, die gar nicht schreiben, aber sie sind eigentlich Schriftsteller. Und sie wissen es, oder sie wissen es nicht, und sie sind glücklich. Und es gibt solche, deren Leben darin besteht, dass sie unaufhörlich die Bewegungen der Meereswellen betrachten, und sie sind glücklich. Und es gibt solche, die sich mit dem eintönigen Akt des Geldzählens begnügen, und sie sind glücklich.

….

Es ist mir egal, dass das Buch nicht gut angekommen ist. Ich sage mir nochmals, dass es mir egal ist, dass das Buch nicht gut angekommen ist. Er passte nicht zu seiner Zeit, auch Amos sagte das. Und überhaupt – nicht aus Liebe schrieb ich, und nicht für die Liebe, sondern weil ich einfach nicht anders konnte. Sie sollen sagen, was sie wollen, über den Hass, der fehl am Platz sei, der zu vehement sei, zu rüde. Oder dass ich die Geschichte nicht gut erzählt habe, dass da gar keine Geschichte war, und dass man die Figuren nur erraten konnte.

Ja, sie sagten, was sie sagten, und ich will sie trotzdem nochmals erzählen. Schon seit langem will ich das Buch der Wut nochmals schreiben, aber in letzter Zeit schwappt es in mir über. Es wird anders sein, diesmal, etwas aus der Mitte des Weges. Ich werde es lieben, ich werde es verwöhnen, ich werde es zu einem Requiem meiner Wut machen. Denn ich bin nicht mehr, was ich einmal war. Das geschieht langsam, aber ich kann noch und noch Zeichen dafür erkennen. Ich nehme genauestens wahr, wie der Körper darauf reagiert, versuche, den Kopfschmerz oder die Tränen vorherzusagen, den Schmerz im Bauch. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich fähig, vor den Spiegel zu treten und jeden Zentimeter in meinem Gesicht zu mustern, ich nähere mich noch mehr, bis es fast verschwimmt, und prüfe. Ich lese mein Gesicht sorgfältig, jede Falte, jede Erhebung, jede Kapillare, und suche nach einer Veränderung.

Ich werde ganz langsam schreiben, im Tempo der Veränderung. Man muss von ganz nah dem Körper zuhören, auch das muss dokumentiert werden. Ich kann es schon spüren, wie es in mir geschieht. Das wird die Spitze der Geschichten sein, und sie wird den Knoten auflösen. Ich werde die Wut nicht mehr brauchen. Und auch wenn ich sie benutzen sollte, wird sie verständlicher sein, sanfter. Und niemand wird mir sagen, dass es hässlich sei, unerhört, und das ist sowieso nicht mehr relevant. Es ist eine geraume Zeit seither vergangen. Jetzt kann ich schon von Wut und Niederlage sprechen, man vergräbt das Entsetzen nicht mehr unter dem Deckmantel des „Nie wieder!“ Ich werde wieder in das Loch hinabsteigen, Jeremias-Kind, und von dort unten hinaufblicken, und sie wird kommen. Ich werde meinen Blick auf sie, auf ihre Augen, einfrieren, sodass sie sie nicht mehr schließen kann, auf ihren schwarzen, dicken Zopf, oder auf ihr helles Haar, das auf den Schultern liegt, auf den grabenden, die erfrorene Erde verletzenden Fingern, und auf das Heu. Ich werde den Blick der Trennung einfrieren, werde sie anschreien, vielleicht überlegt sie es sich anders und reicht mir die Hand hinunter ins Loch und zieht mich hinauf. Und sie wird mich mit in den Zug nehmen, oder wohin es auch sein mag. Sie wird mich berühren. Natürlich mochte ich ihre Berührung, eine dünne, warme und trügerische Berührung, die mir Gutes versprach und dann versiegte und mich dreckig und ohne Erinnerung zurückließ. Und sie wird mich im Mantelärmel verstecken, wie sie immer lachte, als man sagte: Du bist so klein, Mischa, iss was, bevor du dich in Nichts auflösest, du bist so klein, dass deine Mutter dich in ihrem Mantelärmel verstecken kann. Sie wird wieder lachen: Komm her, du kleiner dürrer Bengel, komm mit mir auf den Zug. Und sie hatte sich gar nicht vorgestellt, als man sagte wie klein du bist iss was iss was.

Ich werde alles zurückgeben, und niemand wird mir sagen, ich solle mich mit Brosamen begnügen. Oder ich erfinde mich von neuem, Jeremias-Kind, von dem sich seine Mutter schön schön verabschiedet, ihn mit Küssen und Tränen mit ihren Armen umhüllt, ihm eine Geschichte erzählt vor dem Loch, ihn fest umarmt, damit er sich erinnere, kämmt mit warmen Fingern sein wunderbares, duftendes Haar, das sie gerade erst vor wenigen Minuten für den Abschied gewaschen hat. Es macht mir nichts aus, stundenlang dort zu warten, von mir aus soll es auch wieder schneien. Ich werde mich nicht fürchten, mich an der gefrorenen Erde festzuhalten, um hinaufzusteigen, meine Fingernägel in das Eis zu hauen, und hinauszuklettern, in der Dunkelheit auf den Steinen zu kriechen, an die große Tür zu pochen, und mich nicht zu wundern, dass man mich sofort hört, als hätte jemand die ganze Zeit sein Ohr an die Tür gehalten, oder ein Auge hätte gespäht, und zwischen den weißen, fahl beleuchteten Wänden verschluckt zu werden, und im endlosen Korridor wie in einem Mäusegang zur Finsternis hin zu gehen. Oder von der dicken Bäuerin mitgenommen zu werden, von ihrer roten Schürze umschlungen zu werden, zu jener großen Tür geführt zu werden, ein schwaches Klopfen, dann ein starkes, die Tür öffnet sich ein Spalt weit, noch ein bisschen, zwischen den Wänden verschluckt zu werden, und im selben Korridor zur Finsternis hin zu gehen. Es ist mir egal, das alles nochmals durchzumachen. Ich habe die Kraft dazu. Ich habe schon einige klebrige Fötzel, wie schleimige Algen, von mir abgeschüttelt. Ich bin mir das schuldig. Jedem Wort, das ich jemals geschrieben habe, allem, was ich je getan habe. Auch wenn die Geschehnisse bekannt erscheinen. Es wird auf jeden Fall eine andere Geschichte, eine bessere, und sie wartet auf mich hinter der letzten Kurve des Weges. Dorthin muss ich vordringen.  

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Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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