Das indische Postfräulein
Zweigstelle der israelischen Post

Das indische Postfräulein

Die kleine Siedlung mitten in der Wüste hat ein Postamt, das bei den Vorgesetzten in der Stadt als „problematisch“ gilt. Damit ist gemeint, dass sich kein Post-Angestellter dauerhaft dorthin versetzen lässt. Die Kandidaten, die der Postdirektor bestimmt, reichen höheren Orts Beschwerden und Bittschriften ein, machen ihre fünf Kinder geltend oder die kranke Mutter in der Stadt und erreichen meist, dass sie nach wenigen Monaten (wieder) abberufen werden. Der Posten bringt sich immer wieder in Erinnerung, seine versuchsweise Besetzung beschäftigt die Postdirektion stets von neuen.

Esther, mit ihren Eltern aus Indien eingewandert, kam daher wie gerufen. Sie hatte eben eine unglückliche Liebesgeschichte hinter sich und wollte „vergessen“. Ihr war, wie sie dem hocherfreuten Direktor mitteilte, „jeder Platz recht“. Man achtete in der Freude über die hoffnungsvolle Neubesetzung nicht darauf, dass Esther wenig Übung im Lesen lateinischer Buchstaben hatte.

Nun ist jene Siedlung ein Ort, an dem Wissenschaftler und andere Intellektuelle leben, die regen Schriftverkehr mit dem Ausland unterhalten, darunter bekannte Leute wie der Anthropologe Professor Frielinghaus, der Experte für Solar-Energie Professor Freeman oder der Schriftsteller Gold. Auch sonst trifft viel Post aus aller Welt in der Siedlung ein, die meisten Bewohner sind Einwanderer aus Amerika und Europa. Die Häuser liegen verstreut, zwischen den verschiedenen Ansiedlungen gibt es Institutsgebäude oder Versuchsfelder für Wüstenpflanzen, so dass es für den einzigen Postangestellten zu zeitraubend wäre, die Post auszutragen. Eingehende Post wird in Postfächer gelegt, aus denen die Einwohner sie abholen.

Die Professoren Frielinghaus und Freeman fanden nun in ihren Postfächern öfter Briefe und wissenschaftliche Zeitschriften, die jeweils für den anderen bestimmt waren. Sie brachten die Sendungen zu dem gleich neben den Postfächern liegenden Schalter, an dem das indische Postfräulein saß und ihren Dienstpflichten oblag, klärten sie über den Irrtum auf und baten, das Betreffende in des jeweils Anderen Fach zu legen. Die Verwechslung lag nahe, die Namen Frielinghaus und Freeman sind zumindest in den Anfangsbuchstaben gleich. Doch hörten die Verwirrungen nicht auf, sondern mehrten sich, bald fand Professor Frielinghaus auch Briefe in seinem Fach, die für den Schriftsteller Gold oder den Biologen Ben-Shachar bestimmt waren, was sich weniger leicht erklären ließ. Natürlich hat niemand Zeit, über derlei nachzudenken und unwahrscheinliche Möglichkeiten zu erwägen, und da Golds Haus in unmittelbarer Nähe des Hauses von Frielinghaus liegt, fuhr der vielbeschäftigte Anthropologe abends rasch auf dem Fahrrad bei dem Schriftsteller vorbei und brachte ihm, was er fälschlich in seinem Fach gefunden hatte. 

Die persönlichen Beziehungen zwischen Frielinghaus und Gold waren nicht die besten, was von Meinungsverschieden über Israels Politik, die Zukunft des Landes und andere wichtige Fragen herrührte, die diese beiden Männer zwar nicht zu entscheiden hatten, über die sie jedoch – wie hierzulande fast jedermann – determinierte Ansichten besaßen. Die Bewohner der Siedlung sind Menschen, die ihre Zurückgezogenheit lieben: hätten sie sonst diesen weltabgeschiedenen Platz als Wohnort gewählt? Die beiden Nachbarn hatten Einzelheiten über den jeweils Anderen von Dritten erfahren, nicht einmal von solchen am Ort, sondern von gemeinsamen Bekannten in der Stadt oder gar im Ausland. Sie hatten kaum je miteinander gesprochen, von gelegentlichen Grüßen zwischen dem Fußgänger Gold und dem Radfahrer Frielinghaus abgesehen.

An jenem Abend, als Frielinghaus zum ersten Mal verirrte Post zu Gold brachte, lud der Literat, der selbst die Tür öffnete, den Anthropologen auf eine Tasse Tee in seine Küche ein, wo sie zu ihrer beider Überraschung eine Stunde in angeregtem Gespräch verbrachten. Ähnliches geschah Gold bald darauf im Haus des Solar-Experten Freeman, denn auch Gold brachte gelegentlich fehlgeleitete Post zu ihren eigentlichen Adressaten wie das wohl jedermann in der Siedlung über kurz oder lang tat.

Nachdem das Postamt etwa ein Jahr lang auf diese Weise geführt worden war, sah man Menschen, die bisher niemals miteinander gesprochen hatten, in freundlicher Unterhaltung vor dem Lebensmittelladen oder auf den langen Sandwegen zwischen den verstreut liegenden Gebäuden. Gegenseitige Einladungen wurden üblich, bisher verschlossene Häuser öffneten sich, das Klima in der Siedlung hat sich spürbar verändert. Eine echte Überraschung ist die angekündigte Hochzeit zwischen der Tochter des Biologen Ben-Schachar und dem Sohn von Professor Freeman. Das indische Mädchen wurde inzwischen von der Postdirektion versetzt, an einen weniger schwierigen Ort, in Anerkennung ihrer guten Arbeit.

Chaim Noll wurde 1954 in Berlin geboren. Sein Vater war der Schriftsteller Dieter Noll. Er studierte Kunst und Kunstgeschichte in Ostberlin, bevor er Anfang der 1980er Jahre den Wehrdienst in der DDR verweigerte und 1983 nach Westberlin ausreiste, wo er vor allem als Journalist arbeitete. 1991 verließ er mit seiner Familie Deutschland und lebte in Rom. Seit 1995 lebt er in Israel, in der Wüste Negev. Chaim Noll unterrichtet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Universität Be’er Sheva und reist regelmäßig zu Lesungen und Vorträgen nach Deutschland.

“Diese Kurzgeschichte wurde zuerst im Buch “Kolja” veröffentlicht, und ist mit ausdrücklicher Zustimmung von Verlag und Autor hier nachgedruckt.

This Post Has One Comment

  1. Hinreißend – zumal der ehemalige Leiter im blaustein Institute for desert studies der Ben gurion Universität, daß in sde Boker liegt, Prof. David faiman war. Sicher völlig “zufällig”.

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