Der große Mann aus den Träumen - Re:Levant

Der große Mann aus den Träumen

Los geht's
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Nachruf auf Jehoschua Kenaz

Von Benjamin Rosendahl

Diese Woche verstarb der israelische Schriftsteller Jehoschua Kenaz an Covid 19. Der Virus nahm das wohl letzte Mitglied der Kaaniten-Bewegung von uns – eine Bewegung, die versuchte, eine neue Identität in Israel zu schaffen, die sich nur aus der hebräischen Sprache definiert, unabhängig von Religion und ethnischer Herkunft. Für den 1937 in Petach Tikwa geborenen Jehoschua Glas war es folglich klar, seinen Namen in Kenaz, nach dem Biblischen Richter Otniel ben Kenaz zu ändern, von einem europäischen zu einem hebräischen Namen. Er machte sich als Schriftsteller und Literaturübersetzer einen Namen, vor allem aus dem Französischen – und war auch, wie wir gleich sehen werden, und ohne es zu wissen, ein erfolgreicher Heiratsvermittler. Der Titel und die Untertitel dieses Nachrufs sind von den Titeln seiner Bücher inspiriert, von denen einige verfilmt wurden.

Nachruf auf den israelischen Schriftsteller Jehoschua Kenaz, der diese Woche an Covid 19 verstarb. von Benjamin Rosendahl
Kenaz steht, vorne der Dichter Meir Wieseltier und die Dichterin und Schriftstellerin Hagit Grossmann, Foto: Zoe Grindea

Wohnung mit Hofeingang…

In so einer Wohnung in Tel Aviv saß David, alleine, ohne die Stadt, die Landessprache und eine einzige Person zu kennen. Auch den Besitzer der Wohnung, in der er blieb, den Schriftsteller Jehoschua Kenaz, kannte er nicht: Kenaz war während seines Aufenthalts an der Oxford University, wo David studierte, bei Freunden von David geblieben. Als David ihnen von der Idee erzählte, das regnerische London mal für ein paar Wochen zu verlassen, und in der sonnigen Stadt am Mittelmeer den Strand, die Cafés und „la dolce vita“ zu genießen, gaben sie ihm Kenazs Telefonnummer. Und dieser lud ihn ein, in seiner Wohnung zu bleiben. Von „la dolce vita“ blieb nicht viel übrig – kurz nachdem David an jenem Herbsttag 1973 in Israel ankam, brach der Jom Kippur-Krieg aus. Kenaz wurde eingezogen, und die Cafés waren natürlich geschlossen. Die meiste Zeit verbrachte David im Luftschutzbunker des Gebäudes mit Nachbarn, die er weder kannte, noch deren Sprache er sprach…

Nach den Feiertagen

(Das Buch handelt von einer kleinen Gemeinde von jüdischen Landwirten im britischen Mandatsgebiet Palästina, vor der israelischen Staatsgründung)

„Es war genau acht Uhr abends, und die Standuhr im großen Zimmer des Hauses von Hadassa Friedmann, läutete. Brochow der Lehrer dachte „ich hoffe, Friedmann-der-Säufer taucht nicht plötzlich auf.“ Hadassas Vater war ein Säufer und kam jeden Abend besoffen nach Hause, vom Wein, den er im Moschaw mit den Kälbern getrunken hatte. Meistens nahm er zwei gesunde Kälber nach Hause und sang das Lied, das wohl einzige Lied, das er kannte:                                                                                                                                       

Eine fröhliche Hand hatte sie / Und keiner traute sich / Keiner traute sich, sie anzufassen.

Es war acht Uhr abends.“

(Quelle: Webseite von Am Oved, dem israelischen Verlag, wo das Buch erschienen ist. Eigene Übersetzung)

Ein musikalischer Moment

Das Telefon klingelte. Auf der anderen Leitung war aber nicht, wie Nili annahm, ihr guter Freund Jehoschua Kenaz, sondern ein fremder Mann, der noch dazu kein einziges Wort Hebräisch sprach. „David from London“ sprach nur Englisch. Er war Kenazs Einladung gefolgt, in dessen Wohnung in Tel Aviv zu bleiben, ohne ihn zu kennen. Das Klingeln des Telefons war wie Musik in seinen Ohren, und auch das Gespräch war ein musikalischer Moment für ihn gewesen – Nilis gebrochenes Englisch mit hebräischem Akzent war sehr schön anzuhören gewesen. Er folgte ihrer Einladung, sie und einige ihrer Freundinnen in einer nicht weit weg gelegenen Wohnung in Tel Aviv zu besuchen.

Ein weiterer musikalischer Moment sollte am nächsten Tag folgen, als Ilana – eine von Nilis Freundinnen – David mitnahm, um ein Konzert von Daniel Barenboim zu hören. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft – und viel mehr…

Der Weg zu den Katzen

(Das Buch spielt hauptsächlich in einem Altenheim. Jolanda Moskowitz, eine der Patientinnen, glaubt, dass die Hauptkrankenschwester sie töten will, kehrt zurück in ihre Wohnung in Tel Aviv, und wird dort von Einsamkeit und Entfremdung überschwemmt – und von einer Nachbarin namens Betty belästigt, die die Katzen des Titels füttert und Jolanda vorwirft, sie wäre die Geliebte ihres Mannes.)

„In der nächsten Nacht erinnerte sie sich daran, wie sie mit dem Rollstuhl den Weg des eleganten Gartens herunterraste und sich überschlug. Das Lachen von Lion vom anderen Ende des Ganges weckte sie vom Schlummern auf. Sie war erleichtert, als sie merkte, dass ihr jetzt nichts passiert war, dass die Verlobung im Garten lange her war und nur Fragmente der Erinnerung sie täuschten. Sie versuchte, das nächste Geräusch vom Flur zu ignorieren und einzuschlafen, weil sie sehr müde war. Aber die Stimmen wurden lauter. Frau Moskowitz konnte jeden der Sprecher im Flur an seiner Stimme erkennen. Am Stand der diensthabenden Krankenschwester vor den Öffnungen der Räume versammelten sich einige von ihnen, um fernzusehen, zu lachen und Spaß zu haben. Lions Stimme knurrte etwas und die Krankenschwestern antworteten mit einem großen Lachen. Dem Lachen zufolge war es nicht schwer sich vorzustellen, dass er fluchte und ihnen obszöne Hinweise oder einige unhöfliche Witze gab. Oft bedauerte Frau Moskowitz, ihr Vertrauen Lion geschenkt zu haben, und erzählte ihm in Momenten der Illusion der Nähe des Herzens sogar von ihrem Leben. Er war ein ungeschickter, zeitlos junger Mann, kahl und rund, seine Augen groß und hervorstehend und sein Blick unkonzentriert, sein Teint dunkel und stark, seine Hände dick und haarig. Sie vermutete, dass die Schwestern wie sie von seiner tierischen Art angezogen wurden, die dunkel und zwiespältig war.“

(Quelle: Webseite von Am Oved, dem israelischen Verlag, wo das Buch erschienen ist. Eigene Übersetzung)

Zwischen Nacht und Morgengrauen

(aus einem Nachrufs des Regisseurs Michael „Mickey“ Gurevitch, der viele Jahre lang enger Freund von Jehoschua Kenaz war. Eigene Übersetzung, es ist etwas gekürzt)

Ich traf Joshua Kenaz 1987 in Chaims und Hannahs Restaurant in der „Basel“-Straße in Tel Aviv. Ich war sechsunddreißig, er war fünfzig. Es scheint mir, dass ich bis dahin aus seinen Büchern nur zwei gelesen hatte, die mir eine neue Sprache eröffneten, genau, reich und frei von Fälschungen. Jehoschuas Gesicht drückten Liebe und Hass wie bei einem Jugendlicher aus, zum Beispiel in Gesprächen voller subtiler Ironie mit seinen beiden alten Freunden Yoram Bronowski und Avraham Yavin, seinem Herausgeber. Über ihrem Tisch flogen Spottfunken, die für ein ungelerntes Ohr wie Komplimente klangen, und nur der humorvolle Funke in ihren Augen verriet ihren wahren Inhalt. Viele Jahre lang trafen wir uns jeden Nachmittag in Chaims und Hannahs Restaurant, das nach Chaims Tod von seinem Sohn Kobi weitergeführt wurde. Freitags, wenn das Restaurant nicht geöffnet war, fanden wir ein anderes Restaurant, und diese Restaurants hatten eine andere Art von Zuhause für uns, wo wir jeden Tag einige unserer Familienmitglieder trafen, die in Wirklichkeit unsere Freunde waren. (Kenaz war nie verheiratet und hatte keine Kinder, BR) In diesen täglichen Treffen hörten wir von Jehoschua von einer älteren Frau, die ein Stockwerk über ihm wohnte und die er trotz seiner Abneigung gegen ihre Dummheit und weltlichen Probleme jeden Freitag besuchte und sie zu einem Friseur brachte, der ihr die Haare färbte. Auch brachte er ihr Essen aus dem nahe gelegenen Supermarkt und sorgte für alle Vorkehrungen und Dienstleistungen, die eine ältere Frau brauchte. Als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, besuchte er sie und kümmerte sich auch dort weiter um alle ihre Bedürfnisse. Von all den Dingen, die diese Frau betrafen, erzählte er normalerweise spöttisch, ironisch, fast wütend. Deshalb waren wir so überrascht und erstaunt, sein neues Buch „Auf dem Weg zu den Katzen“ zu lesen, in dem es um dieselbe Frau ging, aber diesmal war seine Beschreibung bewegend, eingehüllt in endloses Mitgefühl und tiefe Einsicht in ihre Seele und Gefühle. Zwei Seelen wohnten in Jehoschua Kenaz: eine – die nichts als das Gewicht sieht, das diese rücksichtslose Frau auf seine Schultern legt, und die andere – die des großen Schriftstellers, der mit scharfer Klarheit sieht, was jenseits der Dinge liegt, eine Seele, die in kleinen Dingen die Metapher für das Universelle sieht und die für keinen Moment die kleinsten täglichen Details aus den Augen verliert. Viele loben ein anderes Werk Jehoschuas, aber für mich ist „Der Weg zu den Katzen“ sein Meisterwerk. Kenaz hat viel über Kindheit und Jugend geschrieben. Manchmal, wenn ich ihn nach dem Abschied an der Straßenecke von mir weggehen sah, schien es mir, als würde er seinen Körper in seinem jugendlichen Gang bewegen, und mit den Händen des Jugendlichen winken, der in Petah Tikwa aufgewachsen war und bis im hohen Alter darin, im Körper des Jugendlichen, lebte. Er hatte die Integrität eines unschuldigen Kindes. Mehr als einmal musste ich ihn bitten, die Straße zu überqueren, als er von Fußgängern an einer roten Ampel angehalten wurde, obwohl in der Ferne kein Auto zu sehen war, obwohl es fast Jom Kippur war. Er hatte die Integrität eines reinen Mannes. Er hatte eine echte Lebensfreude. In unserem Restaurant bestellte er immer eine Flasche Grapefruitsaft mit einer Flasche Soda, goss beide in ein Glas, probierte und sagte mit einem scherzhaften Vergnügen: Ah, der Champagner der Natur. Er liebte es zu schreiben, obwohl es ihn ziemlich quälte, er liebte Paris, obwohl er hauptsächlich auf dem Land lebte, er liebte seine Freunde, obwohl Einsamkeit sein Favorit war. Und wir haben ihn sehr geliebt, obwohl wir ihn nie wirklich gekannt haben.

Der Zurückbringer früherer Liebenden

Sommer, 2020. David und Ilana treffen sich in einem Café in London. Fast 50 Jahre ist es her, seitdem sie sich in Nilis Wohnung in Tel Aviv getroffen hatten und beim Barenboim-Konzert am nächsten Tag die ersten Funken blitzten. Bereits im folgenden Jahr war Ilana zu David nach England gezogen, und die beiden hatten geheiratet und ein neues Leben begonnen. „Ist es nicht ironisch, dass Jehoschua Kenaz keinen von uns kannte, aber dass er uns zusammengebracht hat? So eine Geschichte hätte wohl auch Kenaz selbst nie erfinden können. Er war wie ein Katalysator einer chemischen Reaktion – ohne ihn findet die Reaktion nicht statt, aber nachher lässt er sich aus der Gleichung herausstreichen.“ Als Ilana das sagte, sippte sie von der Kaffeetasse und schaute David tief in die Augen.

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Benjamin Rosendahl ist Projektleiter, Übersetzer und Journalist. In München geboren, lebt er in Tel Aviv mit seiner Frau Liron und der gemeinsamen Tochter Alma.

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The Dude
The Dude
1 Monat
The Dude
The Dude
1 Monat

Und hier die komplette Liste der Werke und Übersetzungen:
http://www.ithl.org.il/page_14138

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Chemist
Chemist
1 Monat

Your comment about him acting as a catalyst is appropriate, the term is sometimes used to mean somebody or something which enables something else to happen (often in business). Strictly speaking in Chemistry, the catalyst must be present to enable a reaction to take place but is not itself part of either the reagents or products of the reaction. Another way of thinking of it like the rabbi or priest who officiates at a wedding, but does not form part of the new marriage; you start with two single people and end up with a couple, but it won’t happen unless the rabbi or priest sanctifies it.

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