Der Mann im Glaskasten

Der Mann im Glaskasten

„Einmal im Jahr muss ich auf ein bestimmtes Amt“, erzählte ein Freund, „ein Formular ausfüllen… Gut, die Einzelheiten sind nicht interessant. Es gibt da einen Glaskasten, irgendwo im fünften Stock, in dem ein Angestellter sitzt, eine Art Vorposten, die anderen Angestellten sitzen weiter hinten in Büros, und er entscheidet, wo genau man hinzugehen hat, gibt Formulare aus, nimmt Anträge entgegen, alles in diesem Glaskasten, eine Art Zentrale oder Empfangsbüro… Immer sind einige Leute um ihn, das Telefon klingelt ununterbrochen.

Ich hatte mich auf den Besuch vorbereitet, hatte alle nötigen Unterlagen bei mir, alle nötigen Formulare ausgefüllt, auch vorher Kopien angefertigt, hielt alles in der Hand, sprungbereit. Als ich ihn endlich – zwischen zwei längeren Telefonaten – soweit für mich interessieren konnte, dass er zur Kenntnis nahm, um welche Art Antrag es ging, zählte er ohne Stocken sämtliche Papiere auf, die ich dafür einreichen müsse. Ich war sicher, die nötigen Unterlagen beisammen zu haben.

Er nahm sie entgegen, blätterte sie durch und sagte:
‚Wunderbar. Aber es fehlt die Bestätigung von deiner Bank.’
‚Was für eine Bestätigung?’ fragte ich.
‚Dass die Nummer deines Bankkontos dieselbe ist, die du in deinem Antrag angegeben hast.’
‚Natürlich ist es dieselbe. Warum sollte ich eine falsche Nummer angeben?’
‚Ich sage nicht, dass du eine falsche Nummer angeben sollst.’
‚Wozu dann die Bestätigung? Die Nummer meines Bankkontos ist seit Jahren dieselbe.’
‚Eine neue Regelung’, erklärte er stirnrunzelnd. ‚Könnte ja sein, das Konto existiert gar nicht.’
‚Es existiert.’
‚Wunderbar. Wenn es existiert, werden sie dir die Bestätigung geben und alles ist in Ordnung.’

Ich gab nicht auf. ‚Aber wozu?’ fragte ich. Es ist, hier in Israel und überall auf der Welt, eine der sinnlosesten Fragen, die man auf Behörden stellen kann. Er schien ähnlich zu empfinden, wandte sich schweigend ab und blickte in seinen Computer. Ich fügte hinzu: ‚Seit Jahren überweist euer Amt auf dieses Konto, noch nie hat es Probleme gegeben.’

Er reagierte nicht. Eine gewitzte Frau mit rotgefärbtem Haar nutzte die Pause und stellte ihrerseits eine Frage, in unterwürfigem Ton, und sogleich wandte er sich ihr zu, antwortete freundlich und weitschweifig, als wolle er mir zeigen, wie nett er sein kann, dann klingelte das Telefon, von neuem gab er eine längere Erklärung, lauschte, redete wieder, und als nach alledem tatsächlich ein Augenblick der Stille entstand, sah er mich, der ich die ganze Zeit vor ihm auf der Stuhlkante gesessen hatte, und fragte: ‚Nu?’
‚Ich möchte meinen Antrag einreichen.’
‚Ich habe dir schon gesagt: Es fehlt die Bestätigung der Bank.’
‚Wozu?’

Er fand, dass es genug war. ‚Es ist wegen der Sicherheit’, sagte er sanft. ‚Eine neue Maßnahme.’
Da gab es nichts weiter zu fragen. Was mit Sicherheit begründet wird, ist außerhalb jeder Diskussion. Ich schwieg und fand mich in mein Los, einen weiteren Vormittag zu verlieren, noch einmal in die Stadt zu kommen, von weit her, durch die halbe Wüste.

Er schien zu spüren, was mich bewegte. Manchmal gibt es etwas wie Telepathie, sogar mit einem Angestellten auf dem Steueramt.
‚Von wo kommst du?’ fragte er.
Ich sagte es ihm.
‚Ganz schöne Reise.’
Ich nickte betrübt.
‚Welche Bank?’
‚Nationalbank.’
‚Die haben ihr Büro hier um die Ecke’, sagte er. ‚Wenn du dich beeilst, schaffst du es, mir die Bescheinigung vor Büroschluss zu bringen. Wir schließen um eins. Jetzt ist es…’ Das Telefon klingelte. ‚Halb elf… Hallo?’ Und er nickte mir ermutigend zu, ehe er mit dem Anrufer zu reden begann und mich vergaß.
‚Gleich um die Ecke’ war etwas übertrieben, aber das Gebäude der Nationalbank liegt immerhin im selben Bezirk. Ich hielt ein Taxi an, stand mit diesem zweimal wartend an verstopften Kreuzungen, hörte im Radio Nachrichten über den neuesten Einmarsch oder Ausmarsch, dann den Bericht über ein Fußballspiel, ließ mir vom Taxifahrer erzählen, dass es schlechte Menschen gäbe, Menschen, die ihm sein Brot nicht gönnten und mit ihm um den Fahrpreis feilschten, verzichtete also darauf, hörte, schon auf der Strasse stehend, seine Segenswünsche, eilte zur gläsernen Tür, entleerte den Inhalt meiner Taschen, legte Schlüsselbund, Münzgeld, mobiles Telefon, Brieftasche, Kugelschreiber in ein Körbchen, das ein junger Mann durch eine Schleuse schob, während ein anderer seinen Detektor an meinem Körper herumwandern ließ, beantwortete die Frage, ob ich eine Waffe bei mir hätte, verteilte Schlüsselbund, Münzgeld und anderes von neuem auf meine Taschen, eilte zum Schalter eines mir flüchtig bekannten Bankangestellten, rief ihm über die Köpfe der Wartenden zu, weshalb ich gekommen war, ertrug Gezisch und wütende Blicke, empfing – ohne dass er von seinen Papieren aufgesehen hätte – seine Auskunft, wohin ich mich wenden solle, lief dorthin, erfuhr, dass jemand anders für mich zuständig sei, fand diese Person, reihte mich vor ihrem Zimmer unter die Wartenden ein, füllte, während ich wartete, zwei Formulare aus, hörte, als ich endlich vorgelassen wurde, von einer gereizten Sekretärin, dass eigentlich der Mann im Erdgeschoss für meine Sache zuständig war, derselbe, der mich so entschlossen an eine andere Stelle verwiesen hatte, wartete wieder, empfing irgendwann, als ich fast die Hoffnung verloren hatte, ein Formular mit einer hingekritzelten Unterschrift, lief auf die Strasse, fand ein Taxi, fuhr, stand, hörte, zahlte, entleerte meine Taschen, füllte sie wieder und erreichte zwanzig Minuten vor Büroschluss das Steueramt.

Ich empfand so etwas wie Stolz. Das Papier war in meinem Besitz, ich hatte auf der Bank nur knapp zwei Stunden verbracht, konnte die Angelegenheit, um deretwillen ich in die Stadt gekommen war, noch am selben Tag erledigen und fand insgesamt, ich hätte mich tapfer geschlagen. Das Ausfüllen der beiden Fragebögen war wie üblich mit Komplikationen verbunden gewesen: einige Fragen, mit denen ich nicht gerechnet hatte oder die ich kaum verstand, erforderten Konsultation über mobiles Telefon, meine Frau musste zu Hause in Akten nachblättern, meine Tochter helfen, nie gehörte Worte zu enträtseln, all das lag glücklich hinter mir, und mit einer Miene, die den Triumph nicht verhehlen konnte, näherte ich mich dem Glaskasten im fünften Stock.

Ein anderer Mann saß dort als am Morgen. Auch er war umlagert, erteilte Auskünfte, redete ins Telefon. Endlich drang ich zu ihm vor und breitete auf der Tischplatte meine Papiere aus. Mit glücklicher Stimme fügte ich hinzu:
‚Und hier ist die Bestätigung der Bank.’

Der Mann blätterte die Papiere durch, mit vorgeschobener Unterlippe, sah sich alles an, stellte sogar Fragen, mich und meine Verhältnisse betreffend, legte die Papiere schließlich wieder auf den Tisch, schob sie in meine Richtung und sagte mit gleichmütiger Stimme:
‚Alles schön und gut, aber du bist nicht berechtigt, den Antrag zu stellen.’

In mir ereignete sich ein Zusammensturz, lautlos, unsichtbar, etwas Schweres lagerte sich auf dem Grund meines Magens, und dennoch, obwohl fast ohne Atem, redete ich:
‚Das kann nicht sein. Dein Kollege vorhin hat gesagt…’
‚Welcher Kollege?’
‚Der heute Morgen hier saß.’
‚Wie heißt er?’
‚Ich habe ihn nicht nach seinem Namen gefragt.’
‚Hättest du tun sollen.’
‚Das wird sich ermitteln lassen. Ich stelle diesen Antrag jedes Jahr.’
‚Hast du eine Akte bei uns?’
‚Ich denke, ja…’

Er stocherte auf dem Keyboard seines Computers herum, blickte starr auf den Bildschirm, erklärte: ‚Kann keine Akte unter deinem Namen finden. Nach allem, was ich in deinen Unterlagen lese, gehörst du nicht zu denen, die antragsberechtigt sind.’
‚Aber ich habe seit Jahren…’
‚Tut mir leid. Ich nehme den Antrag nicht an.’

Er wandte sich ab, anderen Akten, anderen Besuchern zu, oder das Telefon klingelte oder sonst etwas geschah. Ich stand vom Tisch auf und wankte aus dem Glaskasten, geschlagen, wie taub, ohne einen Gedanken im Kopf.

Doch wir haben größere Reserven des Überlebens, als wir meinen. Alte Erinnerungen stellen sich ein und inspirieren uns zu überraschenden Taten. Ich ging nicht nach Hause, wie man erwarten sollte, sondern zum öffentlichen Fotokopierer am Ende des Korridors, um die Bestätigung der Bank zu fotokopieren, weil ich immer und grundsätzlich jedes Blatt kopiere, das ich bei irgendeiner Behörde einreiche, mechanisch, ohne nachzudenken, und so tat ich auch an diesem Tag. Das Suchen nach Münzen in meiner Hosentasche, das Herumfingern an den Tasten des Fotokopierers, das Heraussuchen des Blattes aus dem Packen meiner Papiere brachte mich zur Besinnung.

Ich gehe noch mal hin, dachte ich. Der Gedanke kam mir, während der Kopierer brummte und summte und das Blatt ausspuckte. Ich gehe noch mal zu ihm, da ich nun schon hier bin, und rede mit ihm. Vielleicht hat er sich geirrt oder er überlegt es sich anders – auf Behörden ist alles möglich. Ich nahm meine Papiere und ging zurück zum gläsernen Kasten.

Und wer beschreibt mein Erstaunen, als nicht der Mann dort saß, der eben meinen Antrag abgelehnt hatte, sondern wieder der von heute Morgen. Er saß dort, als sei er immer hier gewesen und hätte sich niemals aus dem Glaskasten entfernt.

Er erkannte mich sogar. Als sei es nichts, streckte er die Hand aus, nahm meine Papiere entgegen, sah die Bestätigung der Bank, rief aus: ‚Hast es noch geschafft! Fünf Minuten vor Büroschluss…’ Und wie er es sagte, beugte er sich auch schon über meine Papiere, füllte seinerseits eine Stelle aus, die zum Ausfüllen durch die Behörde bestimmt ist, hakte etwas ab, unterschrieb irgendwo, knallte einen Stempel darunter, und teilte mit, während er stempelte, den Blick auf das Papier gerichtet, ohne weiter von mir Notiz zu nehmen: ‚Du bekommst Bescheid mit der Post wie jedes Jahr.’

Und er wandte er sich ab und vergaß mich, weil das Telefon klingelte oder jemand kam, und ich fuhr nach Hause, der glücklichste Mensch auf der Welt.“
Hier unterbrach mein Freund seine Erzählung, um sie auf mich wirken zu lassen. Ich war nicht wenig erstaunt über ihr Ende. Gerade wollte ich etwas von mir geben über seltsame Zwischenfälle, unerwartete Fügungen, als er mir zuvorkam und von neuem zu reden begann. Mit verfinstertem Gesicht, die Stimme gesenkt, jedes Wort langsam aussprechend, sagte er:
„Eine Frage verfolgt mich seitdem, plagt mich bis zur Schlaflosigkeit: Wer war der Mann, der zwischendurch im Glaskasten saß? Der Pförtner, ein Mann vom Reinigungsdienst? Ein X-beliebiger, der den Glaskasten leer fand und sich einfach reingesetzt hat? Oder gab es ihn gar nicht? Habe ich ihn nur geträumt?“

Chaim Noll wurde 1954 in Berlin geboren. Sein Vater war der Schriftsteller Dieter Noll. Er studierte Kunst und Kunstgeschichte in Ostberlin, bevor er Anfang der 1980er Jahre den Wehrdienst in der DDR verweigerte und 1983 nach Westberlin ausreiste, wo er vor allem als Journalist arbeitete. 1991 verließ er mit seiner Familie Deutschland und lebte in Rom. Seit 1995 lebt er in Israel, in der Wüste Negev. Chaim Noll unterrichtet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Universität Be’er Sheva und reist regelmäßig zu Lesungen und Vorträgen nach Deutschland.
“Diese Kurzgeschichte wurde zuerst im Buch “Kolja” veröffentlicht, und ist mit ausdrücklicher Zustimmung von Verlag und Autor hier nachgedruckt.

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