Deutsches Requiem - Re:Levant

Deutsches Requiem

Die folgende Kurzgeschichte handelt von Fritz und Ludwig, zwei Freunde, die in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen zusammen aufwachsen, und was mit ihnen geschah. Damals, 1934, schenkte Ludwig seinem Freund noch ein Buch.

Rosendahl über diese Geschichte: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.“ Dieser oft zitierte Satz von Heinrich Heine hätte auch von meinem Großvater stammen können, der Deutschland 1938 verließ und nach Israel (bzw ins Britische Mandatsgebiet Palästina – der Staat Israel sollte erst 10 Jahre später ausgerufen werden) einwanderte. Wie ein anderes Klischee besagt, hat er Deutschland verlassen, aber Deutschland hatte ihn nie verlassen. Zumindest dachte er so – denn Ludwig, der in der Zwischenzeit seinen Namen zu Arje hebraisiert hatte, kehrte 1957 in ein Land zurück, das wenig zu tun hatte mit dem Land, das er verlassen hatte. Aber vielleicht hatte es dieses Land, wo er sich so zuhause gefühlt hatte, wo er gedacht hatte, dass er als Jude genauso Deutscher wie jeder andere sei, nie gegeben. Diese fiktionalisierte Kurzgeschichte ist auch ein Nachruf auf dieses tolerante, jeden akzeptierende Deutschland, das es wohl nie gegeben hat. Daher heißt sie „deutsches Requiem“.

Benjamin Rosendahl ist Projektleiter, Übersetzer und Journalist. In München geboren, lebt er in Tel Aviv mit seiner Frau Liron und der gemeinsamen Tochter Alma.

Deutsches Requiem

von Benjamin Rosendahl

Übersetzung: Uri Shani

A

Er glaubte seinen Augen nicht.

Im Buch, das er vor wenigen Minuten aus dem Haufen von Blättern und Büchern herausgezogen hatte, prangte die Widmung, die er seinem Freund vor zweiundzwanzig Jahren geschrieben hatte, diesem Freund, der gestorben war. Seine Hände zitterten, als er las:

„Mein lieber Freund Fritz!

Bücher u. Menschen haben ihr Schicksal und so gelangt auch dieses Buch in Deinen Besitz. Dein 31. Geburtstag sei auch dem Andenken unserer 25jährigen Freundschaft Erinnerung.

Die Zeit ist hart und schwer für uns, doch niemand weiß, was uns die Zukunft bringt, und das ist gut.

Bonn, 6. August 1934

Ludwig“

Zweiundzwanzig Jahre waren seit jenem Sommer vergangen, als Ludwig noch glaubte, dass es für Juden wie ihn und für Deutsche eine gemeinsame Zukunft in Deutschland geben könnte. Er glaubte an die Freundschaft mit Fritz, der 1945 im Krieg fiel. Wie ironisch, der Jude hatte überlebt, der Deutsche nicht. „Mein Beileid, Frau Müller“, sagte er der Frau, die ihm gegenüberstand und um ihren Sohn trauerte. „Darf ich das Buch mitnehmen?“ Sie nickte, ohne den Blick zu heben. Er schloss die Tür, blickte nicht zurück und ging. Er ging nie mehr zu diesem Haus und dieser Frau zurück. Er hielt einen Moment inne und schrieb etwas in das Buch.

Fritz und Ludwig, zwei Freunde. Damals, 1934, schenkte Ludwig seinem Freund noch ein Buch. von Benjamin Rosendahl

B

„Dreckiger Nazi“, rügte ihn sein Hausherr, Herr Maschiach, als er die deutschen Bücher in der Baracke sah, die er Ludwigs Familie vermietete. Was sollte er antworten? Dass er aus Deutschland vor eben diesen Nazis geflüchtet sei? Dass fast all seine Familie umgebracht wurde? Dass er nicht mehr Ludwig, sondern Arje hieß? Er beschloss, sich zurückzuhalten, ging in stramme Haltung und sang die Nationalhymne – die rumänische. Herr Maschiach war zu Tränen gerührt. „Arje“, sagte er. „Sie gelten jetzt als Rumäne, Sie gehören zu uns.“

In derselben Stunde, in der Ludwig in Palästina von Herrn Maschiach ehrenhalber die rumänische Staatsbürgerschaft erhielt (in der Schule in Deutschland hatte er alle europäischen Hymnen auswendig gelernt), traf Fritz Müller in deutscher Uniform in Rumänien eine Kugel, die sein Herz zerbarst.

C

„Alle Achtung“, sagte man ihm. Für diese Auszeichnung hatte er hart gearbeitet. Stolz ging er in stramme Haltung, als der Kommandant ihm noch eine Medaille an die Brust festete. Erfolg war ihm immer schon wichtig gewesen, sogar mehr als Freundschaft. Trotzdem fragte sich Fritz, was wohl aus Ludwig geworden sei. Er erinnerte sich an das erste Mal, als sie sich getroffen hatten – noch bevor er Ludwig gesehen hatte, hatte er ihn gehört. Es war ein grässlicher Schrei, die sein Knochenmark durchdrang, der Schrei eines sechsjährigen Knaben, der sein Auge verlor.

In jenen Augenblicken, als Fritz mit Medaillen geschmückt wurde, saß Ludwig in einem Untersuchungszimmer der Polizei. „Sehen Sie“, sagte ihm der örtliche Polizeikommissar, Schmidt. „Ich habe Ihren Vater gekannt. Ein ausgezeichneter Soldat. In jenem Krieg waren Sie noch Teil unserer Armee. Der nächste Krieg beginnt gleich, und er wird gegen Sie sein. Als Familienfreund kann ich dir von du zu du nur eines sagen: Hau ab! Hau ab, solange du noch kannst. Du bist zwar blind auf einem Auge, und auch nicht mehr jung. Aber du kannst noch fliehen. Zögere nicht.“ Ludwig trat aus der Polizeistation und dachte an die Sekunden, als seine Mutter die Schaufel vom Balkon geworfen hatte, als er fünf Jahre alt gewesen war.

„Geh nicht raus!“ schrie sie, aber es war zu spät. Instinktiv hob er den Blick nach oben, woher er etwas gehört hatte, und die Schaufel landete genau auf seinem linken Auge. Ein fremder Junge, in seinem Alter, rief nach Hilfe und stand ihm bei.

Und jetzt? War er vielleicht auch blind auf einem Auge, wie das ganze Land?

D

„Eigentlich, so gesehen“, erzählte Ludwig Fritz‘ Mutter, „rettete mich jener Unfall. Ich wollte mich freiwillig für die jüdische Brigade der britischen Armee melden, wurde aber abgewiesen. Und so konzentrierte ich mich darauf, eine neue Familie in Palästina zu gründen.“ Frau Müller hob ihren Blick: „Mein geliebter Junge fiel im Krieg. Erst nach vielen Jahren erfuhr ich etwas von seinen Greueltaten.“

Und sie erzählte.

E

Ludwig wandte die Seite mit der Widmung um und schrieb:

„Mein Freund Fritz Müller trat 1937 der SS bei. Er fiel im Kampf im Jahr 1945 in Rumänien. Ich erhielt dieses Buch von seiner Mutter, nachdem ich 1956 von Israel nach Deutschland zurückkehrte.“

Fritz und Ludwig, zwei Freunde. Damals, 1934, schenkte Ludwig seinem Freund noch ein Buch. von Benjamin Rosendahl

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Leser
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4 Monate

Unglaubliche Geschichte. Und wahr ist sie auch noch! Uebrigens war auf Hebraeisch der Titel Amos Elons Buchs ueber die Geschichte der Juden in Deutschland auch „Requiem Germani“…

Andy B.
Andy B.
2 Monate

Powerful story!! Thank you Ben for sharing this with us! I still can’t wrap my mind around what happened in Germany in the 1930’s & 40’s! it is important that stories like these are shared. We must always keep in mind the famous saying „If we don’t learn from history we are doomed to repeat it!“

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