Die erbärmliche Geschichte der Familie Pasternak

Die erbärmliche Geschichte der Familie Pasternak

Diese Geschichte ereignet sich in Tel-Aviv, vor dem Hintergrund des Krieges vom Juni 1967. Dina und Sewik (mit stimmhaftem -s wie in See), Bruder und Schwester aus der surrealen Familie Pasternak, nutzen die Situation aus, um ein wertvolles Gemälde, das ihr Großvater, Pawel Pasternak, ukrainischer Gauner, gestohlen und nach Israel geschmuggelt haben soll, zu finden. Der Großvater hatte auch noch andere Enkel, und jedem hat er eine andere Anspielung gegeben, wo der Schatz zu finden sei, und so befinden sich die Enkel jetzt im Wettkampf. Während des Romans erfährt der Leser die facetten- und versionenreiche Geschichte der Familie. Im vorliegenden Ausschnitt wird Tel-Aviv bombardiert, und Sewik und Dina versuchen, einen Safe zu knacken.

Doron Shinar ist in Tel-Aviv geboren, im Kibbutz aufgewachsen, hat Jurisprudenz studiert, und nach vielen Jahren als Jurist und Geschäftsmann beschloss er, Romane zu schreiben. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Der Gauner Pawel Pasternak soll irgendwo ein gestohlenes Gemälde, das Millionen wert ist, versteckt haben. Seine Enkel versuchen es jetzt, nach seinem Tod, im Juni 1967, zu finden. von Doron Shinar

Die erbärmliche Geschichte der Familie Pasternak

von Doron Shinar

Übersetzung: Uri Shani

(Kinneret Zmora, 2018)

aus Kapitel 2

Alles lief wie am Schnürchen. Erst bei der Explosion, dem Teil, den Sewik angespannt abwartete und den er gründlich von seinem sagenhaften Explosionsmeister, seinem Großvaters, gelernt hatte, lief alles schief. Der Standpunkt des Beginns, der Sewik Pasternak während seines letzten Gefängnisaufenthaltes mitgeteilt wurde, befand sich genau am Eingang zur engen Plonit-Gasse. Das Ende einer staubigen Straße wachte in der Dämmerung von sechs Uhr auf, wieder schrien die Radios, alle auf “Kol Israel” eingestellt; ein paar Greise, die sich weigerten, in die Bunker runterzugehen (“Warum sich beeilen und ins Grab steigen?”), gingen zum Gazamarkt, der auch Schuk HaKarmel genannt wird, standen Schlange und warteten stumm, dass ihnen ein Glas heißes Salep von einem Stand eingeschenkt würde, der auf seinen Rädern zur King-George-Straße geschleppt wurde. Sewik zog aus einem alten Versteck einen Rucksack und schulterte ihn. Er schloss die Augen, dachte nach, seine Stirn in Falten, rief in Erinnerung, was er auswendig gelernt hatte. Er öffnete die Augen, ging nach Westen, und an der Ecke Allenby/King George nach Süden. Genau wie es ihm mitgeteilt wurde. Zählte genau die Schritte ab. Machte die größte Anstrengung, weder nach links noch nach rechst abzuweichen. Manchmal musste er sich, wegen eines vorbeigehenden Fußgängers, an die Hauswand drücken. Eine der Frauen pöbelte ihn an. Sie schrie ihn an und fragte ihn: “Wieso ist so ein Haudegen wie du nicht an der Front? Und wer ist dieses Showgirl, die dir die Hand hält? Hohe Absätze so früh morgens? Woher kommst du eigentlich?” Aber Sewik hielt sich zurück und antwortete nicht. Was sollte er schon antworten? Dass man einen, der jahrelang im Gefängnis saß, nicht zum Reservedienst ruft? Dass, auch wenn man ihn hätte rekrutieren wollen, er keine Adresse habe? Dass, auch wenn man gekommen wäre, um ihn abzuholen, was hatte er mit diesem Krieg am Hut, er hatte selber eine Mission, die er ausführen musste, dass die Erfüllung dieser Mission sein Leben zum Guten wenden würde, dass er mit dem Schatz, den er heute aus seinem Versteck holen werde, alles stehen und liegen lassen und für immer aus diesem dreckigen Loch verschwinden, sich von allen entfernen konnte, von seiner Mutter, von seinen Geschwistern, von seinem Vater im Gefängnis, von seinem Großvater im Gefängnis, von der ganzen gefangenen Dynastie, die ihn auf diese Welt gebracht hatte.

Das sind Gedanken, die ein Mensch für sich behält.

“Das ist es. Wir sind da. Bis hierher weiß ich es.”

Sie standen nicht weit vom Shalom-Meir-Hochhaus, der noch nicht fertig gebaut war. [Der “Migdal Schalom” war Israels erster Wolkenkratzer und mit 123 Metern damals das höchste Gebäude in ganz Asien. Der Übersetzer] Von weitem sah man ein paar Frauen in langen Kleidern und schwarzen Schuhen, die sich zum Eingang des Hochhauses beeilten. Dina lächelte. Sie wusste, wie es weitergeht. Sie hegte keinen Zweifel, dass es jetzt an ihr war, die Führung zu übernehmen. Geradeaus, dann rechts, dann links, geradeaus, und wieder rechts. Jetzt wusste sie, was das bedeutet hatte, was sie auswendig gelernt hatte. Auch sie hatte ja ein Stück Weg auswendig lernen müssen, keiner von ihnen erhielt den ganzen Weg. Sie empfand ein flatterndes Glücksgefühl. Jetzt wird es soweit sein! Ein Abenteuer, wie sie es noch nie erlebt hatte. Und was werden sie finden? Ihre Hände schwitzten. Sie schlüpfte aus den hohen Absätzen, die nicht zu den verschlissenen Gehsteigen dieser Stadt passten und auch unnötige Blicke anzogen. Sie ging barfuß voran. So war es einfacher, doppelte Schritte zu zählen. Da ihre Schritte klein waren, empfahl ihr, wer auch immer ihr das empfahl, einen dritten Schritt bei jedem fünften Mal hinzuzufügen. Sie musste sich extrem konzentrieren und genau zählen, zwei Dinge, Konzentration und Genauigkeit, die Dina nicht leicht fielen. Der Schweiß tropfte ihr den Rücken herunter. Sewik betrachtete sie interessiert, verwundert, barmherzig und auch wütend.

Der Marsch endete genau am Eingang zur Filiale der Israel-British Bank.  

“Hier ist es also?” fragte Sewik erstaunt.

“Es scheint so” sagte Dina. “Da ist eine Bank.”

“Aber da ist kein Wächter, keine Öffnungszeiten, alles ist dunkel, nicht einmal eine Straßenlampe hats hier.”

“Aber es muss hier sein.”

Die Tür aufzubrechen, das war die einfache Sache. Zwei Schraubenzieher und ein kleiner Bohrer, und die Tür war offen. Sie waren drin. Sewik zückte eine kleine Taschenlampe aus dem Versteck in seinem Rucksack. Kein Alarm. Nur ein paar Passanten auf der Straße. Schwieriger war, den Safe zu finden. Denn einen Schatz bewahrt man bestimmt in einem Safe auf. Zuerst fanden sie keinen Safe. Doch dann erkannte ihn Dina. Dort, in der Ecke, ein blauer Safe. Blau? Egal. Hauptsache, es war ein Safe. Unter dem Tisch. Sewik begann mit der Arbeit. Spielte mit grauer Knetmasse. Zündete ein Streichholz. Von der Sorte, die nicht im Wind auslöschen. “Abhauen”, schrie er, “schnell, hinter die Wand.” Eine enorme Explosion schleuderte den kleinen Safe auf die andere Seite des Zimmers. Eine Reproduktion von Miro zerschmetterte. Der Safe war aufgestülpt wie eine Grapefruit, die in Scheiben geschnitten war. Von weitem hörten sie eine Sirene. Vielleicht ein Krankenwagen, vielleicht die Polizei. Nicht klar. Aber inzwischen war etwas nicht in Ordnung. Überhaupt nicht in Ordnung. “Sewik? Sewik? Was ist mit dir?” schrie Dina. Sewik stöhnte. Sein Gesicht war zum Boden gerichtet, und aus seinen Ohren strömte Blut. Blut spritzte auf die Wand. Eine kleine Blutlache. Dina erhob sich. Blut an ihren Füssen. Der Schreck packte sie. Sie begann zu jammern. “Ich bin in Ordnung”, ächzte Sewik. Seine Ohren dröhnten. Sein Kopf schmerzte. Ein merkwürdiger Schmerz. Schlimm, aber auch angenehm.

“Steh auf, Sewik”, bat sie.

“Moment. Was war im Safe? Hab ich den Schatz zerstört? Hab ich?”

“Du hast nichts zerstört, Sewik. Du hast nichts zerstört. Beruhige dich. Bist du in Ordnung? Ich bin in Ordnung.”

“Was heißt das? Wo ist es?”

“Wo ist was?”

“Der Schatz, Dina, bist du taub oder was?”

“Da ist nix.”

“Was heißt das? Was sagst du da?”

“Ich sage, ich meine, der verdammte Safe war leer, völlig leer, hohl, wie das Loch, das ich jetzt im Kopf habe von dieser Explosion.”

Dann kam der Streifenwagen der Polizei. Die Polizisten nahmen beide fest und verprügelten Sewik. Während sie ihm noch die Prügel verabreichten, ertönte die Sirene. Und gleich danach Raketen auf Tel-Aviv. Beide saßen neben dem Streifenwagen. Die Polizisten flüchteten irgendwohin, und die beiden waren in Handschellen.

Es war kaum zehn Uhr morgens, aber dieser Tag war schon ganz mies zu Ende gegangen.

Der Gauner Pawel Pasternak soll irgendwo ein gestohlenes Gemälde, das Millionen wert ist, versteckt haben. Seine Enkel versuchen es jetzt, nach seinem Tod, im Juni 1967, zu finden. von Doron Shinar
Doron Shinar, Photo: Inbal Geron

This Post Has One Comment

  1. Gefaellt mir sehr gut! Der Name “Pasternak” ist bestimmt nicht zufaellig gewaehlt – spielt wohl auf Boris Pasternak (“Dr. Zhivago”), und vor allen auf seinen Vater, den Maler Leonid Pasternak, an.

    Die Handlung erinnert mich auch ein bisschen an den Film “Dog Day Afternoon” (mit Al Pacino), ueber einen Bankueberfall, der ziemlich in die Hose geht…

    Kurzum: das Setup weist auf einen spannenden, unterhaltsamen und gut geschriebenen Roman hin – hoffentlich bald auch auf Deutsch erhaeltlich!

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