Die Grenze überschreiten - Re:Levant
Israel, Äthiopen, Frauen, Vergewaltigung, Flucht,

Die Grenze überschreiten

Los geht's
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“Jeder hat Dinge, die er tief in sich verbirgt und aussprechen will, aber nur wenige wagen es, ihre Geschichte aufzuschreiben. Das betrifft ganz besonders die Juden aus Äthiopien, und besonders Frauen, die sexuell misshandelt und versklavt wurden und viel Leid erlebten – psychisch, gesellschaftlich und körperlich -, und sie können es nicht erzählen und nicht schreiben.

Ich kann weder lesen noch schreiben, und ich habe nie ein Buch geschrieben. Meine Geschichte habe ich jahrzehntelang im Bauch getragen, denn ich schämte mich. Ich fürchtete mich davor, was man sagen würde, denn bei “Beta Israel” bestimmt der ethische Code, dass Frauen ihre Ehre bewahren müssen, und wenn etwas Schlimmes geschieht – verschweigt man es.

Ich empfinde es als meine Pflicht, die Wahrheit zu erzählen, was mir geschehen ist, auf dem Weg zu meiner Mutter und meinen Brüdern, und von dort nach Israel. Das ist das Ziel meiner Beichte: zu erzählen, wie es den Frauen in der Region Armachiho und im Sudan ergangen ist.”

Alef bedeutet auf Amharisch “die Grenze überschreiten”. Alef war schon im Alter von neun Jahren eine geschiedene Frau. Israel erreichte Alef Baruch nach sechzehn langen und schrecklichen Jahren im Jahr 1992, sie lebt heute in Ramle und ist Mutter von fünf Kindern. Das Buch wurde von Yael Ornan Garmi aufgeschrieben und erschien in ihrem Verlag “Notza” (Feder) im Jahr 2019.

Die Grenze überschreiten

von Alef Baruch

Übersetzung: Uri Shani

4. Kapitel: Die Flucht

Ich fühlte meiner Schwester auf den Zahn, und es wurde mir klar, dass sie keinerlei Absichten hatte, in nächster Zeit in den Sudan zu fliehen. Ich entschloss, es alleine zu tun.

Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete. Ich konnte mir nicht vorstellen, was geschehen würde. Ich plante meine Flucht im Geheimen, ohne dass meine große Schwester etwas davon ahnte. Ich begann, einen Fluchthelfer zu suchen, der den Weg kannte. Das war kein Problem, denn das Restaurant war ein Treffpunkt für Fluchthelfer und Flüchtlingen. Ich bat Dutzende, aber alle weigerten sich, denn sie wollten meine große Schwester nicht verletzen. Schließlich fand ich einen, der bereit war, es für zwanzig Birr zu tun. Meine Freude kannte keine Grenzen. Ich sah mich schon, wie ich morgen meine Mutter umarmen würde. Ich wartete den Augenblick ab, dass meine Schwester nicht achtgab, nahm das Geld aus der Restaurantkasse, und bezahlte den Fluchthelfer, damit er mich in den Sudan ins Flüchtlingslager Wodeilo, in der Nähe von Kassala, bringe, wo meine Mutter und meine Brüder waren.

Der Fluchthelfer erklärte mir, wie und wann ich aus dem Haus gehen solle. Laut seinen Anweisungen sollte ich einer Frau folgen, die ins Restaurant kommen und Tella, das lokale Bier, bestellen wird. Sie wird mich mit Niya, meinem neuen Namen, ansprechen, und ich werde ihr das Bier geben, ohne Bezahlung von ihr zu verlangen. Und tatsächlich, nach zwei Tagen, wie er versprochen hatte, betrat abends eine junge Frau mit einem Krug das Restaurant. Sie bat mich, den Krug mit Tella zu füllen. Im ersten Moment verstand ich nicht, dass dies die Frau war, auf die ich ungeduldig gewartet hatte, erst als sie mir flüsterte, ich solle ihr folgen, war mir klar, dass der Moment gekommen war. Die Frau verließ das Lokal, und ich wollte nicht, dass meine Schwester, die am Eingang saß, sähe, wie ich aus dem Restaurant gehe. Ich ging also durch die Hintertür hinaus, und mit der Aufregung überkam mich eine neue Angst. Ich nahm die zwanzig Birr für die Bezahlung, fasste das Fahrrad und folgte der Frau. Sie blickte mich nicht an und sagte nichts, ging nur weiter, und ich hinterher. Ich hinterließ meiner Schwester keine Nachricht und keinerlei Andeutung.

Nach kurzer Zeit sah ich eine Gruppe von jungen Leuten, die auf uns warteten. Es waren fünf Männer und drei Frauen. Ich kannte sie nicht, sie waren Äthiopier, die vor dem grausamen Mengistu Haile Mariam flohen. Wir warteten auf die Nacht und begannen den Marsch. Wir gingen schnell, um uns von der Stadt zu entfernen, und dann kamen wir in die Wüste. Der Wind war heiß, trotz der späten Nachtzeit. Wir sprachen nicht miteinander, wir mussten still sein, damit keine Soldaten uns hörten, die vielleicht in der Region patrouillierten. Ich erinnere mich, dass ich den Atem der Anderen hörte, der Fluchthelfer zeigte uns den Weg mit Handzeichen.

Vor Sonnenaufgang überquerten wir die Grenze. Ein wenig später erhielten wir Erlaubnis, ein paar Stunden zu schlafen. Trotz des langen und anstrengenden Weges hatte ich wegen der Angst und des Adrenalins Mühe, Müdigkeit zu verspüren und wie die anderen zu schlafen. Ich schlief aber offenbar irgendwann ein, denn ich wachte mit einem Schrei auf, wegen eines starken Schmerzes an der rechten Hand. Eine Schlange hatte mich gebissen. Der Fluchthelfer sprang auf mich, verschloss mir mit der Hand den Mund und flüsterte mir zu, ich dürfe nicht schreien. Es waren Soldaten in der Umgebung, und sie durften uns nicht hören. Ich versuchte, trotz des Schmerzens, ruhig zu bleiben. Der Fluchthelfer steckte mir einen kleinen Ast in den Mund und sagte mir, ich solle darauf beißen, zückte sofort ein Messer und schnitt in die Schwellung. Mein Körper zuckte und zitterte, und ich verlor die Kontrolle, bis ich ein Kribbeln an der Hand verspürte. Danach konnte ich nicht mehr einschlafen.

Am Morgen konnte ich meine Glieder nicht bewegen. Ich hatte kein Wasser und keine Nahrung mitgebracht, denn ich dachte nicht, dass der Weg von Humera [andere Schreibweise: Himora, Grenzstadt zum Sudan, heute gleichzeitig an der Grenze zu Eritrea]  zum Flüchtlingslager Wodeilo so lange sein würde. Die Leute, mit denen ich marschierte, sprachen nicht mit mir, aber sie gaben mir ein bisschen Wasser und Nahrung. Der Marsch fiel mir sehr schwer, meine Kräfte verließen mich, meine Beine wurden schwer und ich konnte sie nicht mehr heben, aber ich ging weiter. Die Verzweiflung breitete sich in mir aus, der Schmerz war unerträglich, aber die Sehnsucht nach meiner Mutter und meinen Brüdern überstieg all das.

Als wir den Tekeze-Fluss erreichten, war ich am Ende meiner Kräfte. Das war ein riesiger Strom, und ich erfuhr, dass jeder den Bootsführer bezahlen musste, damit er ihn auf die andere Seite des Flusses bringe. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte nichts mitgenommen, und Geld hatte ich nicht, das Geld, das ich mitgebracht hatte, hatte ich dem Fluchthelfer gegeben. Ich stand hilflos da, während die anderen bezahlten und auf das andere Ufer gebracht wurden. Der Fluchthelfer bestimmte, dass ich bleiben musste. Eine der Frauen schaute auf mich und weinte, sie sagte dem Fluchthelfer: “Wie können wir sie hierlassen?” Er antwortete: Wir haben ihr schon Nahrung und Wasser gegeben. Wenn es dich so schmerzt, dann bleibe halt da mit ihr.” Sie stieg natürlich ins Boot und schaute weiterhin auf mich, bis sie verschwand.

Ich blieb allein, hilflos. Ich hatte zwei Möglichkeiten – den ganzen Weg zu Fuß alleine zurück nach Humera zu gehen, zu meiner großen Schwester, oder versuchen, den Fluss zu überqueren, um zu meiner Mutter zu gelangen. Ich konnte zwar nicht schwimmen, aber wählte trotzdem die zweite Möglichkeit. Ich glaubte fest daran, dass alles von Gott bestimmt sei.

Ich versank fast sofort. Ich verlor das Bewusstsein, und das erste, woran ich mich danach erinnern kann, ist ein Kreis von fremden Menschen, die sich zu mir hinunterbückten und auf Arabisch zu mir sprachen.

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Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Rosebud
Rosebud
1 Monat

Die Geschichte der aethiopisch-juedischen Gemeinde (hier richtig Beta Israel genannt, und nicht, wie leider so oft, Falaschmura) und der Auswanderung nach Israel ist unglaublich לא יאמן כי מסופר. Es gilt leider ארץ עשררל נקנית בייסורים

Zusatzfrage: ist “Alef Baruch” ein Pseudonym?

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