Die Jahrzeit von Karl Scheinfeld

Die Jahrzeit von Karl Scheinfeld

Itzchak Noy, Jahrgang 1942, ist im Moshav Netaim aufgewachsen, der im Jahr 1932 von Einwanderern aus Europa, darunter seinen Eltern, gegründet worden war.

Nach Militärdienst und Studium begann er, beim Radio zu arbeiten. Er war Radiosprecher, Moderator der Kindersendungen, schrieb Geschichten, die er vorlas, und Hörspiele, bei denen er auch selber mitmachte. Während seines weiterführenden Studiums in Boston war er Radiokorrespondent, schrieb weiterhin Kindergeschichten, die später als Bücher herauskamen.

Der Roman “Die Jahrzeit von Karl Scheinfeld” (2011) ist der erste Roman für Erwachsene. Er wurde bisher auf Russisch übersetzt. Er erzählt die Geschichte einer äußeren und inneren Reise: Die äußere ist die Reise des israelischen Bürokraten Isser Sheinfeld von Jerusalem nach Prag. Die innere Reise ist in die persönlichen sowie die kollektive Seele der Deutschen, der Juden, der Israelis und auch der Tschechen – Prag ist hier der Ort, wo sich alle Identitäten treffen.

Der Roman "Die Jahrzeit von Karl Scheinfeld" (2011) von Itzchak Noy erzählt die Geschichte einer äußeren und inneren Reise: Die äußere ist die Reise des israelischen Bürokraten Isser Sheinfeld von Jerusalem nach Prag. Die innere Reise ist in die persönlichen sowie die kollektive Seele der Deutschen, der Juden, der Israelis und auch der Tschechen – Prag ist hier der Ort, wo sich alle Identitäten treffen.

Die Jahrzeit von Karl Scheinfeld

von Itzchak Noy

Übersetzung: Benjamin Rosendahl

Reuven Malka von der Einkaufsabteilung bat mich, einen oder zwei Zettel auf das Grab des „Maharalals”, so der gängige Name des mittelalterlichen Rabbiner Löws von Prag, zu legen.

Seine, Malkas, Frau „lässt ihn nicht”, behauptete Malka. Er benötige die Gnade des Himmels, um die innersten Kammer ihres Innersten zu öffnen, wenn das denn auch wirklich die Metapher für das richtige Körperteil sei – „verarmt, vereinsamt, aber immer noch verzaubernd.”

„Unsere säkularen, zur Hölle verdammten Brüder lobpreisen jenen Haarbüschel und führen ihn in verzierten Broschüren in grellen Farben öffentlich vor, zum Scham seiner Besitzer und deren Mütter.” Man habe ihn bereits ein-, zweimal so etwas plötzlich vor seine Nase (und unter seine Brille) gehalten, um sein offenes Auge zu überraschen, und die Mädchen im Büro zum Lachen zu bringen. Er wisse das.

„Das Bermuda-Dreieck”, sagte ich. Was für ein Idiot ich doch bin, immer mit einem falschen, unnötigen Witz zur falschen Zeit zur Stelle. Danach wird mein Versuch, mich beliebt zu machen, als Arroganz ausgelegt, und man verabscheut mich nur noch mehr. „Weisst du, Reuven, das ist ein Dreieck im Meer, das nur Probleme gibt – man kommt weder hinein noch hinaus – genauso wie die Haare der Frau dort unten.”

(…)

Er hatte schon sämtliche lokale Wunderheiler von Hatzor in Norden bis zu Netivot im Süden versucht, aber „die dumme Kuh bleibt bei ihrem Einspruch.” So bleibe ihm nur noch der Maharal aus Prag, im Schleier des Nebels.

Er leitete diese Dinge mit einem monotonen, entfremdeten Geträller an mich weiter, so als ob er auf der Spitze eines abgelegen Berges stehe, und dort ein Gebet dem Wind preisgebe.

Ich war nach Jerusalem gezogen, 28 Jahre vor einer ärgerlichen und erklärlichen Affäre. Die Gründe dafür, dass ich sie hier offenlege, sind mir selbst nicht ganz klar. Ich hoffe, dass es sich um die Wahrheit handelt, aber selbst dessen bin ich mir nicht ganz sicher.

Der Eintritt in den Mutterleib von Reuven Malkas Frau hat damit, wenn überhaupt, nur indirekt etwas zu tun, da er an die Spitze der Geschichte vorgedrungen ist, aus Gründen, die die Zeit hervorgebracht hat, soll heißen: Ordnung verpflichtet.

Aber auch ohne Reuvens Geschichte habe ich keine Erklärung für meinseit kurzem aufgetretenes zwanghaftes Bedürfnis, die Sachen niederzuschreiben, außer es gibt dafür eine medizinische Erklärung. In einem wissenschaftlichen Artikel las ich, dass Schreiben als Therapie insbesonders bei Ärzten der seelischen Gesundheit und anderer angesehener Zweige des Medizinerberufs sehr im Trend liege. Und du, rate mal!

Dazu kommt: Eine Geschichte wie die von Reuven Malka, so häufig sie auch vorkommen kann und so lächerlich sie auch sein mag, kann als Beschleuniger unterschwelligen Drucks fungieren. Das Geschlechtsteil einer aufsässigen Frau hat gewisse Männer schon seit jeher verhext – insbesonders charakterschwache Männer, so wie ich. Derzeit weigere ich mich, das einzugestehen.

Ich kam Anfang der 60er Jahre nach Jerusalem, vom Amt des Moschaws, wie man hier landwirtschaftliche Dörfer nennt. Rangniederer öffentlicher Bediensteter. Seit damals bin ich natürlich aufgestiegen, aber nicht genug, dass man es in einem langweiligen Buch zusammenfassen könnte.

Leute meiner Altersklasse, die im öffentlichen Dienst die ungerade Leiter hochgeklettert sind, brauchen in dieser Phase ihres Lebens einen arbeitslosen Journalisten, der ihre Memoiren schreibt. Sie glauben, dass ihre ausgeleierte Lebensgeschichte nicht nur ihre Familie interessiere, und verlassen sich dabei auf die kleine Gruppe Schleimer, von denen sie im Büro umzingelt sind. Dabei handelt es sich um eine natürliche Entwicklung des Egos, die in den meisten Fällen unvermeidbar ist. Sie ist gleichzeitig unbedeutend; sie hat auch keinen Wert an sich, aber diese Tatsache hat Angestellte des öffentlichen Dienstes noch nie gekümmert.

Ich für meinen Teil will hier nicht meine Lebensgeschichte ausbreiten. Sie ist nämlich wirklich für sich bedeutungslos. Was ich hier ausbreiten will, ist die Geschichte der zweiten Generation von Holocaustüberlebender. Es handelt sich also nicht um meine Lebensgeschichte, obwohl – da ich mich selbst zum Vertreter dieser geschlagenen Generation ernannt habe – diese Stellung mir vorschreibt, über mich selbst zu reden. Das wird nicht zu übertrieben sein, und auch nicht immer in der ersten Person. Dieser letzte Punkt rührt nicht von meinem Ego her – Gott behüte! – sondern vom Gegenteil desselben. Im weiteren Verlauf werdet Ihr sehen, dass ich recht hatte.

Gideon Hausner, dieser arrogante Idiot, stand dem großen Eichmann Auge in Auge gegenüber, und verkündigte ohne Scham der Welt, dass er der Vertreter der sechs Millionen sei. „…Ich werde also ihre Stimme sein…“ , vermeldete er vor dem „Beit ha-Am“-Versammlungssaal in Jerusalem. Nicht mehr und nicht weniger. So eine Frechheit! Schließlich war dieser aufgeblasene Furz einer Person nur zufällig Generalstaatsanwalt geworden. Bei der „Progressiven Partei“ musste man ihn dafür entschädigen, dass er es nicht in die Knesset, das israelische Parlament, geschafft hatte, und dass Pinchas Rosen Justizminister war…So ging das schon damals, sogar unter den deutschen Juden, den „Jeckes“. Und überhaupt, wer hatte ihn darum gebeten, seine Stimme zu sein? War es das, was die sechs Millionen brauchten?

Er hatte eine große, letzte Chance, wirklich zu erfahren, was den Deutschen im Kopf vorschwebte, als sie die Gaskammern bauten. Aber genau das hat er verpasst. Eichmann lachte ihn aus.

(…)

Im Jerusalem vor der russischen Einwanderung gab es, Gott sei Dank, einige Juden aus heißen Landen, die lauthals davon ausgingen, dass der Holocaust der europäischen Juden nichts weiter sei als ein privater Konflikt zwischen Deutschen und aschkenasischen Juden. Er solle zwar erwähnt werden, denn das ganze Volk Israel sei wie Brüder, aber das heiße nicht, dass der Holocaust in solchen krankhaften Ausmaßen erwähnt werden solle, wie wir es sehen – dies sei nur aufgrund der ethnischen Benachteiligung der Fall. Sie haben natürlich recht, die Juden aus den heißen Ländern. Sie wissen nur selbst nicht, wie sehr sie recht haben. Sie sind laut und wütend, und hören sich an wie eine frühe Version von Charly Bitton, dem Anführer der israelischen Black Panthers. Ich verdanke ihnen meine geistige Gesundheit.

Ich betrachtete den beschämten Malka, und eine Welle des Mitgefühls überkam mich: „Sie lässt dich nicht, Reuven?“

„Gestern Nacht versuchte ich es. Ich versuchte und versuchte. Sie lässt mich nicht. Unbeugsam und kompromisslos – wie das Loch einer Kobra.“

Sein müder Blick war auf meine Schulter gerichtet. Ich nehme an, dass er es so gewählt hatte, um in diesem erniedrigenden Moment sich etwas arrogante Distanz zu holen. Auch ich tat das, wenn ich in das Büro von Silberschlag ging, um meine aufgeschobene Dienstgradserhöhung zu besprechen. Blick zur Schulter, und ein Herz voller Flüche.

Im Vergleich zu Reuven war mein Hebräisch einseitig und anspruchslos. Sie kam an seine paradoxale Vielseitigkeit nicht heran, seiner Mischung aus talmudischer Weisheiten und schmutzigsten Marktgeschrei.

Ich schätze, dass seine Augen auf das Bild Theodor Herzls, dem Vordenker des Staates schauten, dass sich hinter mir befand. Für einen Augenblick schien es mir, als ob die beiden eine Grundsatzdebatte über den Platz des Glaubens in der Idee des „Judenstaates“ führten, und dass mir Reuven und Theodor nur aus Höflichkeit es vermieden, mir anzudeuteten, mich nicht zwischen ihnen zu stellen und das Zimmer zu verlassen. Die Vertreter des Ewigen kamen zu spät in Basel an, zum ersten Zionistenkongress 1897, wegen der nie-endenden Wartezeit auf den Messias. Als sie schließlich doch die Kongresshalle betraten, war es wieder einmal unmöglich, ihre heiligen Anforderungen zu ignorieren. Und was sie betraf – sie wurden von Koalition zu Koalition heiliger, angefangen bei Ben-Gurion, Israels ersten Premierminister, und bis zum letzten, der das Licht ausmachen wird, wenn alles vorbei ist…

(…)

 „Aber der Maharal ist ein Aschkenaze“, versuchte ich erschwerend, in einem Ausbruch nicht-schädlicher Bösheit einzuwenden. „Noch dazu ein arroganter Aschkenaze. Wie die Alteingesessenen von Mapai.“

Blödsinn! Vor der spanischen Inquisition waren alle Juden Brüder. Es gab da gar kein Mapai, und somit auch keine Aschkenazen, die Marokkanner in Zeltlager und zu Notstandsarbeiten führte. Außerdem hatte Reuven in einem entlegenen Buch gelesen, dass der Maharal ursprünglich aus Spanien kam. Eines sei aber zweifelfrei klar: „Der Golem, den er geschaffen hat, war vollkommen Aschkenaze, und da er „einer von Euren Leuten“ war, werden einige unklare Dinge klar, die es besser sind, nicht genau darzulegen, um einige kompetenzbefugte Sachbearbeiter höheren Ranges nicht zu verletzen, und das Volk Israels zu spalten.“

Warum Reuven Malka ausgerechnet mir drei Zettel in die Hand drückte, weiss keiner recht zu sagen; außer ich hätte sie auf dem Flugzeug der „Tzech Airlines“ aufgemacht, um den Inhalt kennenzulernen. Ich dachte aber nicht daran, das zu machen, es kam mir gar nicht in Gedanken.

(…)

Nach den „Protokollen der Weisen aus Zion“ versammeln sich irgenwann, zu Zeiten des Laubhüttenfests, das Gremium der Juden zwischen den alten Grabsteinen, um den Erdball neu unter den Vertretern der verworfenen semitischen Rasse aufzuteilen. Und ist so ein Friedhof, wo das Schicksal ganzer Nationen entschieden wird nicht dafür auserwählt, ein viel weitreichenderem Ziel zu dienen? Das Saugen des Blutes der christlichen Welt durch ehrenwerte, krummnasige jüdische Männer der Schule Rothschilds nämlich! Es sei daher wichtig, die tödliche Heiligkeit nicht damit zu vergeuden, bei der sturren Malka Malka Sehnsucht nach ihrem blassen Armen zu wecken.

Es stimmt zwar, dass der öffentliche Dienst des Judenstaats Höhepunkte unbekannter Ausmasse in Ineffizienz erreicht hat, aber hier, im Falle Reuvens, gehen wir zu weit – es ist unmöglich, von diesem Dummkopf zu erwarten, dass er die Absurdität seiner Bitte erkenne. Ich werde daher sein Sprachrohr sein, und nehme die Verantwortung für uns beide auf mich.

(…)

Die Chancen sind 50:50, aber wenn dieser schmutzige Trick funktioniert, dann kann die Mission meiner guten Tag je nach Ausgang erweitert werden: Das strahlende Gesicht Reuvens nach einer Nacht, wo er es hineingedrückt und verspritzt hat, wird dem Unbehagen den ich mir selbst für das Verheimlichen der Wahrheit auferlege, gleichbedeutend sein. Es ist zwar nicht so, dass ich Schwierigkeiten hätte, für einen guten Zweck zu lügen – das mache ich seit jungen Jahren und mit großem Erfolg. Aber für den Seelenfrieden der Genitalien eines unwürdigen Menschen wie Reuven Malkas zu lügen, das ist wirklich ein sinnloses Unterfangen.

Ich fuhr nach Prag.

Der Roman "Die Jahrzeit von Karl Scheinfeld" (2011) von Itzchak Noy erzählt die Geschichte einer äußeren und inneren Reise: Die äußere ist die Reise des israelischen Bürokraten Isser Sheinfeld von Jerusalem nach Prag. Die innere Reise ist in die persönlichen sowie die kollektive Seele der Deutschen, der Juden, der Israelis und auch der Tschechen – Prag ist hier der Ort, wo sich alle Identitäten treffen.

This Post Has One Comment

  1. Wie schoen es doch ist, in diesen Zeiten des Hausarrests zumindest literarisch eine Reise in so faszinierende Orte wie Jerusalem und Prag machen zu koennen!

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