Die Leopardenfalle

Die Leopardenfalle

Das Buch “Die Leopardenfalle” von Tzur Shezaf war sofort ein Bestseller, als es 1988 erschien und erlebte seither mehrere Auflagen. In diesem literarischen Debüt befinden sich zwei Novellen, die miteinander korrespondieren. Danach schrieb er sechs weitere Romane, sieben Bücher über seine Fahrten, zwei Bücher mit Legenden, und außerdem machte er fünf Photoausstellungen und sieben Filme.  

Tzur Shezaf wurde 1959 in Jerusalem geboren und ist vor allem für seine abenteuerlichen Fahrten in Asien und Afrika bekannt. Er berichtete als Journalist aus der Türkei, Pakistan, Afghanistan, Tschetschenien, Irak, China, Indien, Jemen, Sudan, Eritrea, Kosovo und vielen weiteren Ländern. Er ist verheiratet und hat drei Töchter.

Im Folgenden ein Ausschnitt aus dem dritten Kapitel der “Leopardenfalle”. Übersetzung: Uri Shani

Die Leopardenfalle

….

3. Mussa Ali

Plötzlich blieb ich stehen. In der Dunkelheit hörte ich ganz deutlich ein lustvolles Stöhnen und Heulen, wie ich es noch nie gehört hatte. Ich ging um die Quelle herum, gegen die Windrichtung. Der Mond ging hinter den Edom-Bergen auf. Und so, auf einem großen Felsen, im weißen Mondlicht, sah ich zwei Leoparden. Ein Leopard, der eine Leopardin begattet. Die Leopardin stöhnte wie eine Frau, und der Leopard, der sie bestieg, jaulte zur Antwort. Es war so schön, so überwältigend. Ich saß hinter einem Felsen, und der Wind wehte mir den Duft und das Lied ihrer Liebe zu, und ich beneidete sie. Ich wusste, dass sie zu mir geschickt worden waren, damit ich wissen soll, was zu tun war. Damit ich es sähe. Ich wusste, was das Ende sein wird. Ich wusste, was mein Ende sein wird. Die ganze Nacht liebten sie sich. Von Zeit zu Zeit ließen sie voneinander ab, wandten sich zur Quelle und tranken in großen Zügen, dann liebten sie sich wieder wild, mit Geschrei und Gejaule. Und ich spielte auf der Rababa und besang mit leiser Stimme meine Sehnsucht. Vor dem ersten Licht kehrte ich zum Zelt zurück, nahm das Gewehr und ging wieder zur Quelle. Man kann nicht zwei erwachsene Leoparden in der Nähe des Zeltes, mit den Ziegen und dem Esel, lassen, während ich meine langen Reisen unternehme. Als ich zur Quelle kam, waren die Leoparden verschwunden. Aber ich wusste, dass sie zu ‘Ejn al-Bard hinaufgegangen waren, was die Juden Ejn-Chawa nennen. Dort, gegenüber der Quelle, gibt es eine alte Leopardenfalle, die mein Vater mir einmal gezeigt hatte. Damals, als er sie mir gezeigt hatte, wurden schon fast keine Leoparden mehr erbeutet. Aber seine Leopardenjagdgeschichten hatten unsere Kindheit bezaubert.

Ich ging zurück zum Zelt, nahm ein kleines Ziegenlamm und marschierte mit der aufgehenden Sonne los. Die Leopardenspuren gingen vor mir her, das Gewehr geschultert, und eine volle Dschirba Wasser gekreuzt auf meiner Brust. Ich kletterte auf dem uralten Weg hoch, die Ruinen zogen an mir vorbei, dann ging ich runter zum Fluss, umging die Hügel, überschritt Rinnsale und ging mit ihnen hoch. Die Spuren tanzten vor mir her. Dann erreichte ich die Falle. Ich legte das Ziegenlamm in die Falle, passte den Fallenstein an seine Stelle, wandte mich zur Tarnungsstelle, die gegen die Windrichtung lag, und wartete. Von unten, von der Quelle, kam das Gestöhne des Leopardenpaares hoch, das sich gegenüber dem großen Wasserfall wieder liebte. Und dann ließ die Lust der Leopardin offenbar nach, und sie hüpfte mit schönen Bewegungen auf dem Weg hinauf. Der Wind kam mit ihr. Sie konnte mich nicht riechen. Nur das Wimmern des Ziegenlammes, das nach seiner Mutter flehte, hörte sie. In Sekundenschnelle stürzte sie sich in die Falle. Das Ziegenlamm schrie, und der Stein fiel der Leopardin auf den Rücken und fing sie fest. Ihre Wutschreie waren laut und zornig, verbreiteten sich mit Echo über die Abhänge. Der Leopard erschien, sprang in die Falle und versuchte seine Geliebte zu befreien. Er war schön und kräftig gebaut. Seine Geliebte stöhnte entrüstet. Manchmal ist es gut, ein Leopard zu sein, manchmal ist es besser, ein Gewehr zu sein. Und auf jeden Fall, wehe dem Menschen, der ein Gewehr geschultert und vor ihm lechzt ein Leopard.

Ich erschoss ihn, er brüllte und fiel. Einen Moment lang noch zeterte die Leopardin, dann wurde sie still. Der Leopard erzitterte und erstarrte. Ich ging zur Falle, der Leopard war tot. Ich schob den Gewehrlauf zwischen die Steine, die die Falle verschlossen. Die Leopardin biss in den Lauf.

Ich schoss in ihren Mund, das Echo wurde von ihrem Körper und von den Wänden der Falle abgedämpft. Danach saß ich auf dem Felsen. Als ich mich ein wenig erholt hatte, trank ich Wasser von der Dschirba, öffnete die Falle und zog die Leopardinnenleiche, deren Kopf zertrümmert und mit dem Blut des Ziegenlammes vermischt war, heraus. Ich legte sie neben den Leoparden und häutete beide. Danach ging ich zur Quelle runter, reinigte die Felle vom Blut und salzte sie ein. Es war schon Mittag. Dann ging ich zur großen Wasserlache hinauf, entledigte mich der Dschirba, legte das Gewehr und den Dolch neben die Dschirba und die Felle und ging ins Wasser. Das Wasser schockierte mich. Es war kalt und erfrischend. Ich ging wieder an die frische Luft und trocknete mich im Wüstenwind. Ich zog mich an, schulterte die Leopardenfelle und kehrte zum Zelt zurück. Die Frauen waren mit der Herde ausgezogen. Ich breitete die Felle zum Trocknen in der Sonne aus, ich war müde. Ich ging ins Zelt, das aufgestülpt war, damit der Wind hindurchziehen und die in der Nacht aufgestandene Luft befreien konnte. Ich legte mich hin und schlief ein.

Als ich aufwachte, waren die Frauen wieder zurück, Wasser und Reis wurden mir gereicht und mit ihnen warmes und wohlriechendes Brot. Ich aß und trank, wusch meine Hände und rülpste. Die Frauen waren zufrieden. Sie erwarteten, dass ich ihnen über die beiden Leoparden erzählte, und bereuten es, dass wir keine Nachbarn hatten, denen man über meine Heldentaten hätte erzählen und sich brüsten können. Ich fühlte mich angenehm geschwächt nach der langen Nacht und dem anstrengenden Tag. Ich schlürfte süßen Tee und erzählte ihnen über meine Reisen. Gute Frauen hat mir Gott gegeben. Sie waren Schwestern, für die ihr Vater eine beträchtliche Summe bezahlt hatte. Ihr Vater war ein reicher Beduine und Onkel meines Vaters. Ich kannte sie, seit sie kleine Mädchen waren. Wir hatten zusammen die Herden gehütet. Ich hatte ihre Gesichter ohne Gesichtsschleier gesehen, lange bevor ich um ihre Hand angehalten hatte. Mit den Jahren vertiefte sich die Freundschaft und das Verständnis zwischen uns. Die Einsamkeit ist etwas, das in unserer Familie vererbt ist. Und ich habe sie gepflegt und gehegt wie ein Derwisch, der sich für seinen Gott bewahrt. Mein Zelt war gefüllt von Gutem, der Haschisch hat uns reich gemacht. Wenn die Sterne den Himmel bedeckten, nahm ich meine Rababa heraus und sang ihnen süße und vibrierende Liebeslieder. Das Feuer loderte angenehm durch die Retama- und Tamarisken-Kohlen, und die Kinder schmiegten sich an ihre Mütter. Das ist gut, das Familienzelt, das auf dich wartet. Am nächsten Morgen schnürte ich die warmen Brote in ein Bündel, trank süßen und würzigen Tee, nahm das Kamel und ritt nach Gaza. Die Leopardenfelle waren im Bündel. Ich sagte den Frauen, dass ich sie den Engländern verkaufen werde, die bestimmt gut dafür bezahlen werden. Und vielleicht verkaufe ich sie einem der Reichen in Gaza. Als ich den Kopf zurück zum Zelt hinzudrehte, lag dieses schon tief hinter mir, und die Frauen führten schon die Ziegen in einer Staubwolke hinaus zur Weide und zur Quelle.

Ich ritt auf dem uralten Weg der Karawanen, schlief an abgelegenen Orten, breitete die Leopardenfelle aus, um sie zu lüften, und früh am Morgen, vor dem brennenden Licht der Sonne, rollte ich sie ein und packte sie wieder unter dem Sattel ein. Ich ritt nach Gaza und ritt zurück. Es verging eine Woche. Aber ich ritt am Familienzelt vorbei, von den Leopardenfellen stieg schon kein schlechter Geruch mehr hoch. In den Nächten breitete ich sie unter meinem Kopf aus und roch die Wärme und das kurze schwarz gefleckte Haar. Ich ritt ohne Pause. Ich wusste, dass ich zu meinem Zelt zurückkehren sollte, zu den wartenden Frauen, zu den Kindern, die auf die Geschenke warteten, die ihr Vater ihnen aus den Hafenstädten mitbrachte, und zur Kamelstute, zu der mein Hengst wollte. Aber im Sattel waren die beiden Leopardenfelle. Der Mond verschwand im Himmel. Die Nächte waren pechschwarz. Ich machte Feuer und rauchte, verbrannte meine Sehnsucht nach ihren Augen, die mit Kajal beschmückt waren. In den Feuerflammen wurde ich von ihren Augen gefangen genommen und entfloh durch sie in den schwarzen Sternenhimmel über mir. Ich roch die Leopardenfelle und lag stundenlang, die Sternen betrachtend, die von Horizont zu Horizont flogen, die Welt umkreisend. Und in der Wüste ist alles so klar. Klarscharf. 

Ich plante es so, dass ich zur Dämmerung an ihrem Zelt ankam. Ich war bereit, Kamele zu sehen und mein Kamel wieder umzudrehen. Ich stieg vom Kamel, ließ es hinter mir und bestieg einen kleinen Hügel, von dem ich ihr Zelt beobachten konnte. Vorsichtig, mich heranschleichend. Ich wusste: Wenn ich einen anderen Beduinen antreffen sollte, müsste ich erklären, warum ich mich heranschleiche. Aber es war mir egal. In der Dämmerung sah ich keine Kamele. Ich führte mein Kamel am Halfter, und mein Herz schlug wild. Hunde bellten und ein Esel schaute gleichgültig um die Ecke des Zeltes. Niemand war da. Ich stand vor dem Zelt. Keiner kam heraus. Sie ist nicht hier, dachte ich. Und mein Herz wurde zusammengepresst, wie ich es nur in meiner Jugend erlebt hatte, als ich mit der Herde war. Ich war nicht mehr jung – ein erwachsener Mann. Und mein Blut kochte und erstarrte nacheinander. Sie stand am Eingang des Zeltes. Ohne Kopf- und ohne Schulterbedeckung, ihre Augen schwarz und leuchtend, die Lippen voll und die Nase ein wenig gekrümmt.

“Bist du hungrig?”

Ich nickte. Ich hatte Angst zu sprechen. Dass ich das Wunder dieser abkühlenden Abendluft nicht wegblase.

“Willst du reinkommen?”

Sie war des Todes. Lädt einen fremden Mann in ihr Zelt. Ohne Kopfbedeckung. Ich bin des Todes.

Ich löste die Leopardenfelle vom Sattel und trat ins Zelt ein. Ich setzte mich. Sie servierte mir Tee, dann brachte sie mir Wasser, damit ich mir Gesicht und Hände wusch, und dann tischte sie das Mahl auf.

“Ich habe auf dich gewartet”, sagte sie.

“Und hast du keine Angst?” fragte ich.

“Was hast du mir gebracht?” fragte sie.

Ich entrollte die Leopardenfelle. Sie legte sie nebeneinander.

“Abu-Nimr”, sagte sie.

“Löwin”, sagte ich. Das Feuer entbrannte in meinen Lenden. Ich reichte ihr meine Hand. Der Himmel erlosch. Eine schwarze Nacht so schwarz wie eine Sturmwolke legte sich auf die Welt, und ich stürzte mich auf sie, begattete sie brüllend auf den Leopardenfellen, und sie stöhnte, mit offenen Beinen, ihre Augen auf mein Gesicht gerichtet, ihre Hände in meinem Rücken, und ihre Lenden kreisten in wildem Tanz. Ich drehte sie um und nahm sie von hinten. Sie jaulte und kreischte, biss und schlug mich. Sie erweckte in mir eine Lust, die ich noch nie gespürt hatte. Ich wickelte sie in ein Leopardenfell und schmiegte mich an sie. Und als das erste Licht aufstieg, fand es uns mit einem noch größeren Verlangen.

“Ich gehe”, sagte ich.

“Du wirst zurückkehren”, versprach sie.

Ich rollte die Leopardenfelle ein und steckte sie wieder unter den Sattel. Ich ritt weiter, zu den Stränden des Persischen Golfes. In den Nächten breitete ich die Leopardenfelle aus, legte mich darauf und roch ihren Geruch. Jetzt war ich auch nicht mehr so vorsichtig, wenn ich andere Beduinen traf. Viele wollten meine Heldentat von mir abkaufen. Sie boten Unsummen. Ich lächelte jeweils, breitete die Felle unter mir aus, spürte meine Lust und schlief ein, von der wildesten der Wüstenfrauen träumend.  

Es vergingen viele Tage. Die Wüste – manchmal bewahrt sie ihre Geheimnisse, manchmal erzählt sie sie. Sie spielt mit den Menschen. Die Felsen im Uadi stehen jahrhundertelang da, und eines Tages, plötzlich, verschwinden sie mit der Sturzflut. Und genauso wir alle. Wollen Sturzfluten sein: sammeln die kleinen und durststillenden Tropfen von den bedrohenden Sturmwolken, die von den hohen Bergen hinter dem Horizont kommen, überfluten die Erde, die uns nicht aufsaugen kann, und preschen weiter, reißen alles mit uns mit. Egal, welche Vernichtung wir hinter uns lassen. Es tut gut, eine Sturzflut zu sein: mit dem trüben Wasser und den Baumsplittern und den Kadavern und dem tosenden Schaum auf dem Wasser und den Wasserfällen, die plötzlich zu Leben erwachen. Bis wir zu den Dünen und dem riesigen Meer kommen, und dann verrinnt das Wasser und verschwindet, wie wenn es nie da gewesen wäre. Und es bleiben nur die ausgerissenen Baumstämme und die Kadaver. Irgendwann kommt ein merkwürdiger Reisender vorbei, oder eine herumstreifende Beduinin, und sammelt das mitgeschwemmte Ziegenbockhorn ein, oder das vom Wasser geschliffene Stück Holz. Und wieder verdichten sich die Dinge zu einer neuen Geschichte. Wie die Sonne und der Mond und alle Sterne und das Wasser, das immer neu ist.

Ich ging zurück zu meinen Frauen, brachte ihnen arabisches Parfum und indisches Gewürz, breitete Tücher in meinem Zelt aus, wob Fransen für meine Kamele, bereite sie für das große Fest vor. Ich bewahrte die Erinnerung an jene Nacht und an den Morgen danach. Mit ihrem Geruch an meinen Fingern, und den Kamelreisen auf den verwundenen Wegen in die großen Wüsten. Ich zog ein paarmal an ihrem Zelt vorbei. Hielt nicht. Ich bewahrte das wunderbare Gefühl in mir. Aber schlussendlich konnte ich der Sehnsucht nicht mehr widerstehen, und eines Abends, als der volle Mond am sich dämmernden Himmel stand, stieg ich mit meinem Kamel das Uadi hinauf. Ich verließ es vor der Abbiegung und stieg den Hügel hinauf, von wo ich ihr Zelt sehen konnte. Ein Esel und Hunde. Keine Kamele. Das Zelt war aufgestülpt, wie wenn die Sonne noch heiß brannte, und sie wartete auf den Westwind, der durch das Zelt wehen sollte. Ich führte das Kamel und tränkte es, nachdem ich den Sattel entfernt hatte. Es trank gierig, und ich bündelte die Leopardenfelle, nahm Parfum und Silberringe mit mir und ging zum Eingang des Zeltes. Ich warf einen Blick ins dunkle Zelt. Still. Plötzlich hörte ich ein Stöhnen. Mein Blut stockte. Und ich wusste, dass ich sie mehr liebte, als ich jemals jemand geliebt hatte. Nicht einmal ihren Namen kannte ich. Es wurde dunkel, und der Mond hinter mir war dick und groß und makellos. Es war still. Eine einsame Stille der Nacht und ein einzelner Klang der Rababa, und eine Frau, die leise sang.

Dann verstummte sie. Ich hörte, wie die weinerliche Rababa auf den Boden gelegt wurde, und sie kam zu mir raus ins Mondlicht.

“Gehen wir rein”, sagte ich.

“Nein”, sagte sie, “du hast mich noch nicht im Mondlicht gesehen.”

“Man wird uns sehen”, sagte ich.

“Sollen sie”, sagte sie.

Und plötzlich wurde ich vom einfachen Zauber der Tat, des Rechtsbruches, gefangen genommen.

Ich ging aus mir hinaus. Und sie ging aus ihren Kleidern, schlüpfte ins Zelt und kehrte mit der Rababa zurück.

“Spiel”, sagte sie und reichte mir das Instrument.

Ich wollte spielen. Konnte nicht. Ich drehte mich zur Wüste und schaute in den Mond. Es waren keine Wolken im Himmel. Ich spielte und sang mit lauter Stimme. Aus meinem Körper hinaus. Er hatte keine Bedeutung. Ich hörte ihren stockenden Atem und ihre tanzenden Schritte hinter mir. Dann hörte ich auf und drehte mich zu ihr um. Sie tanzte das Ende der Melodie. Ich zog mich aus. Nackt gegenüber einer Frau, im vollen Mondlicht. Mit mir selbst war ich manchmal, wenn ich für einige Momente in Rinnsale oder Quellen eintauchte, aber niemals tauchte ich in die Augen einer Frau ein. Sie betrachtete mich. Maß jedes Detail an mir. Ich war ein Mann. Nie war ich so stolz auf meinen Körper, so makellos zufrieden mit ihm. Nie maß ich eine Frau, wie ich die Frau maß, die ich in dieser Nacht liebte. Ihre lächelnden und starken Augen, ihre gekrümmte Nase und die verschmitzten Lippen. Starke Winde kamen von den Bergen. Sturzfluten schlugen die Wüste. Kamele wurden im stürmischen Wasser weggespült, Füchse sprangen auf die Felsenplateaus, und ich liebte die Frau meines Lebens. Berührte ihre Gebärmutter mit der Spitze meines Gliedes, entfachte in ihr Tänze von Lust, ein Kreischen und Johlen, wie ich es nie bei einer lüsternen Frau erlebt habe. Und nie werde. Ich erlebte plötzlich das Leben. Und ich wusste, dass es ein Sohn sein würde. Ich war so tief in ihr drin, dass es nicht anders sein konnte.

“Ich will meinen Sohn”, stöhnte ich.

“Gib ihn mir”, seufzte sie.

Ich ergoss in sie alle Samen, die sich in mir in meinen Reisen in der Wüste angesammelt hatten. Alles, was ich hatte. Ich spürte, wie sie mich verließen. Und sie erhielt sie, drückte sich an mich.

Ich wusste, dass ich sie am richtigen Ort ließ. Der Mond war voll und festlich. 

“Wie wirst du ihn nennen?”

“Wie werde ich wissen, dass er geboren wurde?”

“Er wird zu dir kommen.”

“Aber du wirst ihn aufziehen.”

“Ein Kind, das mir geboren wird, kann nur ein Mann aufziehen.”

“Und dein Mann?”

“Er wird mich umbringen.”

“Wenn er wissen wird, dass er nicht von ihm ist.”

“Er wird es wissen.”

“Wer wird es ihm erzählen?”

“Er ist unfruchtbar. Wenn ich schwanger sein werde, wird er wissen, dass ich mit einem anderen Mann gewesen war.”

“Und warum hast du ihn nicht verlassen?”

“Denn ich wollte mir meinen Mann auswählen, und nicht wieder von einem Mann gewählt werden, den ich nicht wollte.”

“Und jetzt wird er dich umbringen.” Und ich wusste: Auch das Kind in ihrem Bauch. Und es tat mir schon leid um das Kind, das ich in ihre Gebärmutter gepflanzt hatte, und um diese Leopardin, die der Jäger umbringen wird, der keinen Leopardengeschlechtsakt gekannt hatte.

“Und du wirst nicht fliehen?”

“Ein Mensch geht nur selten aus sich selbst heraus. Und wohin sollte ich mit einem Kind im Bauch fliehen?”

“Zu mir”, sagte ich.

“Nein. Er wird uns verfolgen, und uns beide ermorden, und dann wird das Kind keine Mutter und keinen Vater haben.”

“Und warum sollte er nicht nur das Kind töten?”

“Komm in acht Monaten wieder.”

“Warum?”

“Dein Sohn ist in mir schon seit einem Monat.”

Ich war erregt. Wie wenn es mein erstes Kind wäre, um dessen Anfang ich wusste. Es ist anders, wenn du eine Frau erhältst, als wenn du eine auswählst, weil sie dein Traum ist.

Wir zogen uns an, und sie wusch meine Hände und meine Füße und tischte das Mahl auf.

Ich sah sie an, durch alle Traurigkeit, die es in dieser Welt gibt, durch alle Liebe, die es so selten gibt, wie der seltene Regen, und die Blumen, die plötzlich in den Felsspalten erblühen und nie wieder kommen, oder du kommst nie wieder an jenem Ort vorbei.

Tzur Shezaf, Schriftsteller, Israel

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