Die Namen des Königs - Re:Levant
Tod, Engel, Kurzgeschichte, Monolog, Napoleon, Sklaverei, Krieg

Die Namen des Königs

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Amnon Dvir ist Historiker, Kunstforscher und Archäologe. Heute behandelt er psychisch verletzte Menschen. Außerdem lektorierte er wissenschaftliche Bücher, war als Journalist tätig, verwaltete die Buchhandlung „Ischtar“ in Tel-Aviv und hat Gärten in verschiedenen Städten gestaltet. Er hat Bücher publiziert und nahm mit seinen Fotografien an verschiedenen Ausstellungen teil.

„Schid“ (Żyd) ist polnisch und heisst „Jude“.

Die Namen des Königs

von Amnon Dvir

Übersetzung: Uri Shani

Es gibt einen Engel, der die letzten Worte sammelt, oder, genauer gesagt, der sich mit der Destillation und Extraktion der menschlichen Inhalte befasst, bevor sie hinfällig werden. Er bewahrt die Worte, die Stimmen und die Blicke und nimmt den letzten Atem der Menschen vor ihrem Tod auf. Niemand auf der Welt weiß, nur er. Nur bei ihm befindet sich der bewahrte Schatz.

Wie kommt man zu ihm, wie kann man wissen? Nur im Traum. Um zu ihm zu gelangen, musst du rein sein. Vielleicht an Yom Kippur. Aber alle Menschen sind noch immer voller Sünden und Laster (winzige oder riesengroße). Es gibt solche, die an Yom Kippur versuchen, sich zu reinigen, und deshalb gibt es eine kleine Chance, dass sie den bewahrenden Engel im Traum treffen. Wer rein ist, wird ihn träumen. Das erhabene, das Leben überragende geträumte Treffen ist lebensverändernd.

Der Name des Engels ist Ssion. Im Folgenden, einige der Akten des Ssion-Archives:

Ahab

Maira

Der Sklave

Lachtschek

Ssamir

Ismael

Ahab

Ich schwebte in himmlischen Gefilden und kam zu Ahab. Ich hörte aus seinem Mund die Namen des Königs: „Ich sehe sie jetzt. Atalja, die mit gespaltenen Ohrläppchen geboren wurde. Am Schluss überkam sie die sexuelle Lust, sie erbte die Eigenschaften ihrer Mutter, der Königin.

Elias, ich weinte vor ihm, und er ergriff mein Haupt, das Haupt des Königs, und schmetterte es auf den Boden, wegen Nabots Tod. Die Felssplitter und der Dreck sitzen bis heute in meiner Stirn. Nabot, seine aufgerissenen Augen vor dem Tod. Isebel erzählte es mir mit Wonne. Isebel saugt mein Blut aus, bemächtigt sich gelüstig meiner Lenden, wedelt mit ihren Hinterbacken vor meinem Gesicht, steckt ihre Zunge in mein Ohr und flüstert ‚du bist der König‘. Danach geht sie auf den Balkon, ihr nackter Körper glänzt im Mondlicht, die blaue, gläserne Brosche auf ihrer Brust, sie breitet die Arme aus und schreit: „Vater, oh, mein Vater, wo bist du!“ Ithobaal war geblendet. Ein Blitz traf meine Brust, und Blut floss von meinen Augen. Meine Augen sind geschlossen. Die Augen von Ben-Hadad leuchten, er schnitt mein Fleisch und trank mein Blut aus einem Becken. Ich will meinen Vater Omri, ich bin ein Kind. Er kam mit dem heißen Wüstenwind, der Geheimnisse aus Schinar mit sich bringt, zeigte auf das glänzend blinkende Meer, streichelte mein Haar. Zwischen den Felsen sog ich seine Prophezeiung ein: ‚Du bist der König und wirst in der Schlacht sterben.‘ Jetzt trauere ich um mein Leben, um seinen Tod, bitte, begrabe mich mit ihm.“

Maira

(inmitten des Massakers, das Napoleons Soldaten im März 1799 in Jafa anrichteten)

„Eine Hölle hat uns dieser Bonaparte gebracht. Alle seine Soldaten sind krank, sie triefen vor Eiter und vor Hass, halten Messer zwischen den Zähnen, wollen niedermetzeln, abschlachten. So viele von uns haben sie ermordet! Ich rannte die Treppen hinunter, ich wollte nur Wasser bringen, für meinen Sohn Daud, der im schimmligen unterirdischen Versteck wartet. Ihn werden sie nie finden. Ich wollte ihm noch zuflüstern, dass ich ihn liebe, aber die Hand des Ekelhaften erreichte meinen Hals. Sie haben Eugene, den Sohn von Josephine, hierhin geschickt. Man sagt, er ähnele ihr. Nichts wird mehr helfen. Sie haben uns alle umgebracht.  

Sieh nur die blutbefleckten Steine, der Tod kriecht die Treppen hinunter. Den ganzen Tag lag ich umhüllt vom grässlichen Gestank der Epidemie. Mein Leben nimmt im Dreck sein Ende. Ich habe das Meinige getan. Nur das Meer reinigt seine Wellen und sprüht Freudesspritzen. Hör nur die krächzenden Krähen, wie unter dem hellblauen Frühlingshimmel die Krähen in den Leichen der Gefallenen herumstochern. Dort, im Turm, über dem Dunst des Schreckens, liegt Adele, die Amme, die Daud so lieb gehabt hat, und schickt ihre Seele in die stinkende Luft. Mit ihrem geschundenen Körper bricht sie die letzten Sonnenstrahlen.

Wie hat uns doch der Satan geschlagen!

Nimm… nimm mich in den Tod…ich bin so schwer. Mein Körper gräbt sich schon in die Erde. Meine Seele beginnt, sich zu erheben. Alles ist still. Man hört noch die Wellen…. Kalt. Nimm mich.“

Der Sklave

Ich schwebte über einem Feld und an seinem Ende liegt er. Sein verstaubter Körper, mit den Ketten an seinen Füßen und Händen, bewegt sich nicht. Ich näherte mich, von seinen Lippen erhob sich ein Gestöhn: „Schon wieder bin ich von einem Herrn davongelaufen. Bis hierher habe ich es geschafft. Keine Ahnung, wo ich bin. Trocken und verkümmert war mein Leben, mein Körper eine Ruine, ohne einen Tropfen Blut. Böse Menschen kamen, rissen mich von meiner Mutter Brust weg und schnürten mich ans Gitter eines Karrens. So begann und so endet mein Leben. Wohin bin ich gekommen. Keine Ahnung. Man sagt, zu einer weißen Stadt am Meer. Ich kannte keine Länder. Ich hatte keine Dörfer oder Städte oder Häuser, keine Familie oder Freunde. Seit ich gefangen wurde, vergingen achtzehn schlimme Jahre, und ich liege hier tot ohne Erinnerung, wie damals, als Säugling. Ich möchte wieder zu Mama, bist du meine Mutter?“

Lachtschek

Zu Beginn des Monats März 1948, in der Hitze der Schlacht, kam ich zum KKL-Haus neben der Bet-Dagan-Kreuzung und fand Chaim Lachover, einen überlebenden Partisanen, der im Hof eines Hauses in Bet-Dagan lag.

„Am Sonntag, frühmorgens, Warschau schlief noch, kein Laut in den Straßen, hörte ich ein leises Klopfen an der Tür. Mama kam rein und brachte mir ein Glas Milch und eine Schale Honig. Ich war erkältet und durstig. Ich freute mich, ihr geliebtes Gesicht zu sehen. Sie wollte bestimmt das Gestrige wiedergutmachen. Gestern, auf dem Heimweg von der Schule, überfielen mich zwei polnischen Jugendliche, schrien „dreckiger Schid“, schlugen mich ins Gesicht und hinterließen eine Wunde an der Stirn und zwei blaue Augen. Ich schwor, mich zu rächen. Mama sagte mir, ich solle es lieber lassen und vergessen, und ohne es ihr zu sagen, weigerte ich mich. Ich werde sie noch erreichen, beschloss ich, und ich werde von jetzt ab alle Schläge und Schikanen sammeln und zu einer grausigen Kraft wachsen lassen, die ich mit mir nach Palästina mitnehme. Dort werde ich sie bestimmt brauchen. Ich kann zurückschlagen, mich rächen. Mama sagte, diese Kriege bringen mich nirgends hin, und ich nickte, um sie zu befriedigen, und versprach ihr, den Frieden zu bringen (nach einem schrecklichen Krieg und einem Sieg… aber das sagte ich ihr nicht).

Jetzt ist meine Zeit gekommen, und ich sehe das wunderschöne Gesicht meiner Mutter und ihre glänzenden Augen. Sie beugt sich zu mir hinunter, streichelt mein Haar und flüstert: ‚Siehst du, Chaim, du hattest nicht recht und hast auch keinen Sieg und keinen Frieden gebracht.‘ Dann küsst sie mich auf die Stirn und verschwindet.“

Ssamir

Auf dem Weg über den Hügeln von Samaria hörte ich, was aus seinen Lippen sickerte: „bb..bl..bb…Blut….heißes Blut, Blut in meinem Mund, wie süßes Öl schmeckt es, und ich fühle meinen Körper nicht mehr, mich selbst. Jussuf kam und zeigte auf mich, und ein paar Soldaten fielen über mich her und schlugen mich nieder. Genug! schrie ihr Offizier, und sie zogen sich zurück. Er kam zu mir und fragte: „Wer hat den Stein geschmissen?“ Und ich stotterte, ich wusste nicht, was ich sagen sollte. „Ich, ich habe den Stein geworfen.“ „Und.. wer noch?“ fragte er. „Alle waren da, alle warfen Steine“, sagte ich ihm. Danach weiß ich nicht, was geschah. Man nahm mich, und jemand schoss von weitem einen Gewehrschuss, und ich empfand einen schrecklichen Schlag in der Brust. Und jetzt liege ich da, zwischen den Sträuchern, auf der Erde, und ich rieche den Regen, der sich nähert. So ein Geruch von feuchtem Dreck, und so einen kalten und feuchten Wind. Ich weiß, dass der Regen kommen wird, aber ich werde nicht mehr da sein, um seine Tropfen zu empfangen.

Ahh, wie ich den ersten Regen liebe! Erinnerst du dich an den großen Onkel Chamid, der im Hummusladen in Jaffa arbeitete? Er holte uns immer aus dem Haus und schrie: „Rennt schnell in die Felder! Steht auf den Erdbrocken und wartet dort auf den Regen!“ Was wir auch machten. Während Jahren. Ob du es weißt oder nicht, es gibt nichts Schöneres als das. Der Regen ist die gesegnetste Peitsche, sie ist Gottes Kuss.

Und jetzt sehe ich Jussufs Gesicht, wie er mit mir rennt. Wir rannten beide zusammen hinunter, beide stehen wir schnaubend auf dem Feld, unser Gesicht nach oben gerichtet, wir öffnen den Mund und unsere Arme sind ausgebreitet. Wir sammeln die Tropfen und johlen und umarmen uns.

Jetzt sterbe ich ohne Regen, und Jussuf ist nicht bei mir.“

Ismael

„Wo bist du, Mama? Dich zu sehen ist jetzt mein Verlangen. Dein Gesicht ist mir Oase, deine Wasser begehre ich. Dank dir bin ich auf die Welt gekommen. Nicht dank dem Vater. Der Vater verbannte mich, stieß seinen Samen in deinen Bauch, wo ich zum Erstgeborenen wurde. Der Samen des Unheils, sein Schwanz treibt herum und findet keinen Platz. Er hätte verderben können, in Mutters warmem umarmendem Labyrinth.

Aber da erblühte ein anderes Morgenrot, und die Geschichte der Menschheit kam anders.  

Vater verwöhnte mich und spielte mit mir. Einmal näherte er sich und musterte mein Gesicht, streichelte meine Nase und küsste meine Stirn. Hat er mich geliebt?

Sarai hasste seinen Samen, verfluchte ihn in Mutters Gebärmutter. Verfluchte Mutter. Ihr Blick brannte in meinen Knochen. Jahrelang erwürgte sie mich mit ihren Blicken, wollte, dass ich in der Wüste verrecke, weit weg vom Schatten ihres Zeltes, und die letzte Ziege verschwand aus unserem zurückgerichteten Blick. Grauenhafte Sehnsucht packte mich. Ich weinte meine Seele hinaus. Ich hatte kein Heim mehr. Vom beschützenden Zeltlager weg suchten wir Schatten in der brennenden Hitze, ich weinte und dürstete, und Mutter gab mir ihre vertrocknete Brust. Dann schnitt sie sich in den Arm, um mir rosarotes Blut auf meine aufgerissenen Lippen zu tröpfeln. Ihr Blut rettete mich.

Dieses Blut, das von ihrem Arm floss, brachte mich zum Wahnsinn, brannte sich in meine junge, ermattete Seele. Später wuchsen daraus Rachegedanken und brodelnder Hass. Ich vererbe mein Blut den folgenden rächenden Generationen. So sterbe ich, und meine Nachkommen werden die Zelte stürmen, ihre Schwerter zücken und das Blut Anderer fließen lassen.“

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Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Rosebud
Rosebud
4 Monate

Der Besuch Napoleons im Heiligen Land wurde ausser hier auch in einer anderen, exklusiv fuer re:Levant uebersetzten Geschichte erwaehnt: https://www.re-levant.de/der-napoleonhugel/

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