Die Netzhaut - Re:Levant
Israel, Student, Krankenhaus

Die Netzhaut

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Ein Altphilologiestudent arbeitet in einem psychiatrischen Krankenhaus. Eines Abends, bevor er ins Krankenhaus geht, schlendert er durch die Straßen der Stadt. Er kommt zum Friedhof, dort glaubt er, er könne um etwas trauern, auch wenn dieses Etwas noch nicht begraben sei. Dann geht er in die geschlossene Abteilung des Krankenhauses und hilft einer Patientin namens Sara. Sara erholt sich nach einer Operation zur Behandlung ihres Gebärmutterkrebs, aber sie halluziniert einen Abort. Er scheitert im Versuch, ihr behilflich zu sein und sie zu verstehen, und verinnerlicht ihren Schmerz, ihr Trauma. Obschon seine Netzhaut beschädigt ist, scheint es, dass er andere Dimensionen sieht und aus seiner Seele berichten kann. Aber die Vernachlässigung überwältigt ihn, er fühlt sich schuldig. Er entscheidet sich, das Krankenhaus zu verlassen und zieht sich zum Meer zurück, geschlagen.

Idan Zivoni (Jahrgang 1964) ist Schriftsteller, Literaturkritiker und der Chefredakteur des renommierten “Resling”-Verlages. Er veröffentlichte das Essay “Flughäfen oder Sehnsucht nach der Zukunft” (Resling, 2004). Vor drei Monaten haben wir hier einen Auszug aus “Geister überall” (“Yediot Achronot”, 2017) veröffentlicht.

Ein Altphilologiestudent arbeitet in einem psychiatrischen Krankenhaus. Eines Abends, bevor er ins Krankenhaus geht, schlendert er durch die Straßen der Stadt. Auszug aus dem neuen Roman von Idan Zivoni Schriftsteller, Literaturkritiker und der Chefredakteur des renommierten "Resling"-Verlages.

Die Netzhaut

von Idan Zivoni

Übersetzung: Uri Shani

In letzter Zeit versuche ich, mich auf die Landschaft zu konzentrieren, mich an sie zu erinnern, weil ich befürchte, sie nicht mehr zu sehen. Mein Herz steht still. Das Auge, das vor dem Spiegel hin- und herspringt, versucht immer noch das Schicksal der Träne (wehe der Träne, die hinuntertropfen will) zu erzählen. Die Zunge schweigt. Ich lasse die Schande und die Abbitte mein Leben zu vermitteln, denn solange sie nichts verloren hat, kann die Zunge nichts zurücknehmen. (Er besteht darauf, dass ihm, dem Studenten der Altphilologie, bei Beginn der Arbeit in der geschlossenen Abteilung, die er auf Empfehlung einer Freundin annahm, die dort lange, bevor er Lilo getroffen hatte, dort gearbeitet hatte, gesagt wurde, dass die Patienten hier vollständig gefühllos seien – hoffnungslos oder apathisch in einem unvorstellbaren Maße, ohne jeden ersichtlichen Grund. Dass sie ruhelos würden, depressiv, schlaflos, oder ihr Schlaf sei gestört. Unerklärliche Ängste befielen sie. Sie änderten ihre Meinung schnell, würden niederträchtig, vulgär, böse, extrovertiert, übertrieben gönnerhaft, denn dies sei die wankelmütige Natur ihrer Krankheit (der Fluch). Wenn die Krankheit aggressiver werde, effektiver, erfülle sie sie mit größerem Hass. Deshalb mieden sie per se bevölkerte Orte und bildeten sich Elegien und Liebschaften ein. Sie beschweren sich über ihr Schicksal und drücken eine Leidenschaft aus zu sterben. So werden sie widerwillig in eine verletzende und lähmende Apathie hineingezogen, in eine Trägheit des Körpers und Abstinenz von Genüssen. Langsam, ohne es gewollt zu haben, verließe sie das Blut, sie verschwänden in ein bleiches Weiß, die glückliche Ader, die Blut frei in alle Glieder des Körpers führe, werde abgeschnitten, sie vergäßen sich in einer Grimasse von geblähten Lippen.)

Die Morgenstunden sind noch immer kühl und klar. Und er, wem sollte er sein Leid mitteilen, die Hässlichkeit seines Fleisches? Wem sollte er die ganze Nacht hindurch mit halb weinendem Auge von Spritzen erzählen, die in scharfer Glut der Flamme getränkt und in löchrige Haut gesteckt wurden, von Ärzten, die autoritäre Miene zu Dingen zeigen, die ihrer Meinung nach nur in Blindheit funkeln? Wessen beschämenden Schatten sollte er über alles spannen wie Tinte eines Tintenfisches?

Und wieder dieselben Fahrten nach der Schicht im Haus der Mündel. Die Körper der Mündel noch schläfrig, schlaff, unbewegt, kopflos, ihre Schädel rot befleckt, die Körperhaut dunkel befleckt, von wem konnten sie in solcher Stunde Hilfe erwarten? (Hatten die Ärzte die Abteilung jemals in ihrer ganzen Blöße gesehen?) Und wieder der Tag seines jüngsten Gerichts, ihres – eine eingebildete katastrophale Geburt, die nie stattfand (ihr Fötus, der aus dem weiblichen Blut und dem Weiß des Mannes, der seinen Makel sucht, entstand), ein Körper, der nicht entstand, die unbestimmte Figur von Sara, die sich nie bei ihm zu einem Ganzen festsetzt, wenn der Tag sich zurückzieht. Das Herz gibt nach.

Der Heilungsprozess seines linken Auges dauerte schon drei Jahre, und seine Netzhaut war noch immer weit vom Zustand entfernt, dass er sie ohne Zweck gebrauchen konnte. Nach der Schicht schlafen sie nebeneinander im Taxi ein, Schulter an Schulter. Das Herz verbrennt. Morgendlicher Mundgeruch, der sich mit rauer Körnigkeit, mit einer Erinnerung, die kommt und geht wie die Flut, mit Tränen, die sich am Schmerz laben, vermischt. Das Herz wird untersucht. Der hartnäckige Rückzug jedes Einzelnen in seine persönlichen Angelegenheiten scheint ihm desolat, brutal, eine erschreckende Spezies des Absurden. Das Herz täuscht. Neonreklamen in grünem und orangem Licht, die ganze Nacht, in der Leere. Das Herz hört. Und dieser gerügte Morgen ist mitnichten anders als alle anderen Morgen. Das Herz schrumpft. (Es wurde ihm gesagt, dass der Verantwortliche für die Abteilung die Autorität habe, den Mündeln Strafen zu erteilen: Stundung der Rechte; beiläufige böse Bemerkungen; Selbstverachtung; sanfte und manchmal harte Körperstrafe; Einschließen eines Mündels in einem Zimmer während Stunden, oder Tagen, Monaten, Jahren; Verhinderung des Körperkontaktes zwischen den Mündeln (mit sich selbst) und Verhinderung des Körperkontakts der Mündel mit dem Personal; unterschwellige Androhung, das Mündel in die Warteliste für Elektrisierung, die von der Unendlichkeit kommen wird, zu setzen; Überweisung des Mündels in unerwünschte, nicht weniger herabgekommene Abteilungen, oder seine Beauftragung, unangenehme Arbeiten zu verrichten, wie Reinigung der Exkremente derjenigen, die die Gewalt über ihre Schließmuskel verloren haben. Genauso könne er den Mündeln beschränkte Privilegien einräumen: die Wahl der Arbeiten, die in der Abteilung verrichtet werden; die Wahl der besten Zimmer oder Betten; ein bisschen mehr Privatsphäre; so ganz nebensächlich Luxusgüter wie Kaffee oder Zucker verstreuen; freier Ausgang aus der Abteilung; oder einfach menschlichere Beziehung. Und das Leben in der Abteilung gestaltete sich ja aus der Zusammensetzung all der kleinen Gesetze, der strengen Einhaltung, der Fastzeiten, der Anteilnahme, der Schanden und der Erniedrigungen, all diese formieren zusammen in ihrer reinen Art die tägliche Routine.)

Während er durch die erloschenen Ecken der Stadt ging, streifte er die Dinge nur, hütete sich vor Kontakt mit Menschen, sprach wenig, und trotzdem dringen die Dinge auf geheimnisvollen Wegen in den Körper: Ein Mensch, der in der Nacht zu sich selbst spricht; eine Frau, die durch die verrosteten Töpfe träumt; verlassene, stillegelegte Straßen; ablehnende Betonflächen; Glasfassaden wie Flächen schwarzen Lichts; schwindelerregende Abwesenheit von Gefühlen – von all diesem versuchte er mit erdrücktem Herz zu entfliehen.

Seit Monaten litt er unter einer Sprache, die etwas Schönes oder Hässliches vermitteln sollte. Aber zuerst war da der müde, erschöpfte, kontaktlose, apathische Körper. Das Herz zerfließt. Der verworrene Körper in den Wänden der Haut. Gemeinsames Wohnen ist eine Ausnahme in dieser Stadt. Das Herz gibt zu, das Herz erkennt, dass es falsch war, der Arbeiter kehrt zu seinem Haus am Abhang zurück. Er empfand so stark Mitleid in seinem Herzen, dass es sich so verhielt in der Stadt, in der jeder nur einen Moment lang für seine Haut lebt, in der jeder für sich lebt, auch in seinem Tod. Das Herz erschrickt.

(Wenn er nur erzählen könnte, was er sah, würde er sich wünschen, dass wir uns ein großräumiges Gebäude vorstellten, einem Palast ähnlich, belüftet, hochgelegen und elegant, umgeben von weiten Wiesen und Gärten. Dann könnte Sonne und Luft sich in jede Ritze und jedes Fenster hineinschleichen. Die Landschaft der Hecken und der fernen Felder, die milde Sonne, die alles streichelt, die Gruppe der fürsorglichen Angestellten – all dies würde nicht mehr durch verrostete Gitter oder Vorhänge, die sich in bleiches grau gekleidet haben, versteckt sein. Alles würde still, sauber und einladend sein. Alle Mündel am Ort würden vom geheimen Trieb der sinnlichen Lüste angespornt werden. Der Ort würde dann wie ein Bienenstock aussehen, in dem sich lauter menschliche, durchaus positive Aktivität entfaltet. Ohne Zwang, ohne Fesseln, ohne gezückte, die Erde begehrende Messer; ohne Peitschen, Spritzen oder Prügelstrafen in dieser Mündelgemeinschaft, denn al diese waren ja wohlbekannt als nicht nützlich zum Überzeugen, zum Nachahmen und zum ehrlichen und guten Willen, durch moralische Therapie zu Befriedigung zu gelangen.)

Willenlos ging er gebückt im Gedränge des Stadtzentrums umher, und wo auch immer er hinsah, sah er gebrochene Menschen, deren Seele mutlos war. Vielleicht sah er eine alte Frau, die sich schlapp verhielt und schritt zu ihr in Sorge, aber dann zog etwas Anderes seine Aufmerksamkeit auf sich, er drehte sich auf dem Sockel um, schritt zurück, stieß mit einem Mülleimer zusammen, erschrak vom Schatten, der sozusagen auf ihn geworfen wurde, und ging weiter.

Ein Altphilologiestudent arbeitet in einem psychiatrischen Krankenhaus. Eines Abends, bevor er ins Krankenhaus geht, schlendert er durch die Straßen der Stadt. Auszug aus dem neuen Roman von Idan Zivoni Schriftsteller, Literaturkritiker und der Chefredakteur des renommierten "Resling"-Verlages.
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Anonym
1 month ago

Wow!

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Tamiflu
28 days ago

In jьngster Zeit haben mehrere Arbeiten belegt, dass das GefдЯverhalten der kleinen Arterien und Venen in der Netzhaut des Auges – der einzigen Stelle im menschlichen Kцrper, an der BlutgefдЯe nichtinvasiv und ohne aufwendige Bildgebung in Aktion beobachtet werden kцnnen – Rьckschlьsse auf die allgemeine GefдЯsituation des Patienten erlaubt und speziell seines kardiovaskulдren Risikoprofils.

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