Die neue Serie über rächende Polizisten - Re:Levant

Die neue Serie über rächende Polizisten

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Wenn Polizisten Selbstjustiz ausüben 

Eine neue israelische Fernsehserie erzählt die Geschichte der „rächenden Polizisten“, die das biblische Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ buchstäblich am israelischen Mafiaboss Michael Mor ausübten. Die Ruhe des pastoralischen Strandorts Naharia war seit der Übernahme der Stadt durch Mor durch Sprengstoffsätze, Handgranaten und blutige „Rechnungsbegleichung“  unterbrochen worden. Als auch die Polizei zur Zielscheibe wurde, entschlossen sich vier Polizisten, Feuer mit Feuer zu löschen. War es Selbstverteidigung oder Selbstjustiz?

Eine Todesanzeige

27. November 2007. In der weit verbreiteten Tageszeitung „Jedioth Aharonot“ erscheint eine Todesanzeige: „Wir trauern um den Polizeioffizier Abraham Azoulai (ein fiktiver Charakter eines sehr populären Films von Ephraim Kishon, BR)“ Unter der Todesanzeige stehen die Namen von sieben „Kollegen“ von Azoulai. Im Gegensatz zu dem „Verstorbenen“ handelt es sich dabei um wirkliche Polizisten, nämlich um die Verdächtigen der „Rächenden Polizisten“. Die Namen standen zu dem Zeitpunkt unter Maulkorberlass. Michael Mor hatte sie herausgefunden und eine kreative Weise gefunden, den Maulkorberlass zu brechen. Die Anzeige war eine nicht subtile Warnung: „ich weiß, wer Ihr seid und wo ich Euch finden kann.“

Rückblick auf Naharia unter Mafiaterror 

Seit den 1990er Jahren terrorisiert der gerade mal 20 Jahre alte Michael Mor seine Heimatstadt Naharia: Illegale Spielcasinos, Schutzgeldzahlungen, Bestechung – alles führt auf ihn zurück. Über Strohmänner schafft er es, den Immobilienmarkt in Naharia zu dominieren. Keiner kommt an ihm vorbei.

Mor ist nicht der erste Mafiaboss, der sein Glück in Naharia versucht. Aber er ist der Erste, der die goldene Regel bricht: Die Polizei war bis dato Tabu.

Nicht für Mor: Zwischen den Jahren 2000 und 2006 landen Handgranaten und Sprengstoffsätze beim Bürgermeister (Jacky Sabag) in der Polizeistation und in Privatwohnungen von Polizisten. Nur durch ein Wunder stirbt keiner bei diesen Terrorattacken. Alle Indizien weisen auf Mor hin, aber trotz intensiver Polizeiarbeit reicht es nicht für eine Verurteilung. Lediglich illegaler Waffenhandel kann ihm 2007 nachgewiesen werden, die er mit einer Gefängniszeit von 10 Monaten absitzt.

Selbstjustiz oder Selbstverteidigung

„Wir müssen ihn dazu bringen, einen Fehler zu machen. Das geht nur, wenn wir seine Methoden benutzen.“ Zu dieser Schlussfolgerung kommt  Tzachi HaLevi, der den Leiter des Kommissariats in der Fernsehserie „Rächende Polizisten“  (auf „Hebräisch HaShotrim“zu deutsch die Polizisten) spielt. Gemeint sind die Methoden von Michael Mor. i In der Fernsehserie wurde sein Name zu „Maor Edri“ geändert, aber jeder wusste, dass Michael Mor gemeint ist  – einschließlich Michael Mor, der dies in einem  Interview zu der Fernsehserie belegte .

Im Oktober 2006 legten die PolizistenSprengsätze an das Fenster von  Mors Wohnung und unter sein Auto. Der Sprengsatz an der Wohnung explodierte, löste lediglich einen  Sachschaden aus. Der teils paranoide, teils zu Recht verängstigte Michael Mor – der sich nicht nur die Polizei zu Feinde gemacht hatte, sondern auch frühere Protegés, die jetzt ihre eigenen Mafiaorganisationen aufbauen wollten – untersuchte sofort sein Auto. Er fand den zweiten Sprengsatz.

Wer singt zuerst

November 2007. Die Innenrevision der Polizeiabteilung hält die vier Verdächtigen fest. Alle schweigen sich aus, und die Beweislage dafür, dass sie die Sprengstoffe gelegt haben, ist niedrig. Keiner der Tricks („good cop, bad cop“, falsche Hinweise, dass der Kollege bereits ausgesagt hat usw.) funktioniert.

Dann kommt der Tränenausbruch von Menachem Ohana – als ihm die Ermittler der Innenrevision mitteilen, dass er als einziger der Polizisten für weitere 96 Stunden in U-Haft bleiben muss. Ohana, der kurz zuvor Vater geworden ist, und seinen Sohn noch nicht gesehen hat, hält den Druck nicht mehr aus. Er will seinen Sohn nicht durch Gefängnisgitter aufwachsen sehen. Ohana entschließt sich, Kronzeuge zu werden.

Nachspiel

Inzwischen sind 14 Jahre vergangen. Die Polizisten saßen für ein Jahr in Haft und versuchen seitdem ihr Leben außerhalb der Polizei wieder aufzubauen – einige mehr, andere weniger erfolgreich. – Eine Karriere bei  der Polizei weiterzuführen war für alle vier vorbei: am Tag vor ihrem Haftantritt, am 20. Oktober 2010, wurden sie alle fristlos entlassen. War alles umsonst? Nicht unbedingt: Michael Mor kam zwar noch während der Haftzeit der Rache-Polizistin frei, wurde aber in der Zwischenzeit wieder verhaftet, diesmal wegen Mithilfe zum Mord an einen Kronzeugen. Er sitzt derzeit im Gefängnis. Seine Haftzeit ist jedoch bald zu Ende, möglicherweise bereits in diesem Jahr (je nachdem, ob ihm wegen guten Verhaltens die Strafzeit gemindert wird)   – in der Zwischenzeit ist er vor allem im Internet aktiv, sei es in  Interviews auf der Internetseite des Fernsehsenders, wo „Ha-Shotrim“ (die Polizisten) ausgestrahlt wird (siehe unten), oder bei einem Schlagabtausch und Drohungen bei  Twitter, wo er zu Beispiel gegen seinen Rivalen Shmuel Harosh hetzt, der wiederum einen 14-jährigen Sänger namens Dekel Vakhnin rekrutierte, um Mor zu drohen (Re:Levant berichtete).  Die Polizei in Naharia hat ihre Einheiten verstärkt und die organisierte Kriminalität ist dort zwar nicht gänzlich verschwunden, aber zumindest unter Kontrolle.

Seit damals war die Polizei in Israel oft Gesprächsthema in Israel, zuletzt vor ein paar Tagen, als Ofer Kasif, ein Mitglied der Knesset, bei einer Demonstration auf brutalste Weise von Polizisten zusammengeschlagen wurde. Polizeibrutalität ist in den  letzten Jahren immer wieder häufiger aufgetaucht , so gab es Berichte, die im Zusammenhang zu Verstößen von  Corona-Regeln hochkamen. Kasif sagte, das Hauptproblem sei nicht, dass die Polizei ohne mit der Wimper zu zucken ein Mitglied des israelischen Parlaments verprügelt, sondern, dass Polizeigewalt gegen Demonstranten fast Teil der Routine geworden ist , egal ob es sich um Rechte, Linke, Araber, Ultra-Orthodoxe Juden oder um Äthioper handelt. (Über die Proteste der Äthiopier, siehe diesen Artikel bei Re:Levant) Aber auch von  höheren Stellen der Polizei sowie der Minister für Innensicherheit treten moralisches Verhalten hervor.

Korruption bei der Polizei ist ein Thema, dass öfters in den Nachrichten gemeldet wird  In diesem Zusammenhang hat es den  Hauptermittler der Korruptionsabteilung, Ephraim Bracha 2015 in den  Selbstmord getrieben. Im Fernsehen wurde dieses Thema in der Serie „Maniak“ (Kollaborator) kürzlich thematisiert, wo es um Polizisten geht, die mit der  Mafia zusammenarbeitetund Mordaufträge annehmen.  Ein Mitarbeiter der Innenrevision der Polizei, ermittelt in diesem Fall und findet heraus, dass sein bester Freund der Drahtzieher ist. 

Den Drehbuchautoren der Serie „Ha-Shotrim“ (die Polizisten), die nach anderthalb Jahrzehnten den fast vergessenen Polizeiskandal wieder beleuchteten, ging es darum, Polizisten zu zeigen, die nicht korrupt sind und denen es um das Wohlergehen der Bewohner ihrer Stadt geht. 

Auch 2021 sucht die Polizei ihren Weg.

Rückblick: Rache ist süß

2009. Michael Mor sippt lächelnd einen Espresso in einem Strandcafé in Naharia. Die „rächenden Polizisten“ sitzen zu dem Zeitpunkt im Gefängnis, während er weiterhin seine Stadt kontrolliert. Das hat er auch vom Gefängnis aus gemacht, aber ist es nicht schön, dass er als freier Mensch durch die Straßen Naharias marschiert, während die Einzigen, die seine Herrschaft anfechteten, die ehemaligen  Polizisten, die im Gefängnis sitzen.

2011 lauern zwei Unbekannte auf Eldad Hadad (einer der “rächenden Polizisten”) auf, der auf dem Weg zur Synagoge ist, um für seinen verstorbenen Vater das Totengebet zu beten. Sie tauchen aus einer Seitengasse auf, ziehen Pistolen und schießen eine Salve auf den unbewaffneten Hadad. (die Polizei hat ihm seine Dienstwaffe mit der Kündigung abgenommen und es ihm verboten, bewaffnet zu sein). Fast durch ein Wunder überlebt er diesen versuchten Mordanschlag. Zehn Jahre später sind seine physischen Wunden größtenteils geheilt.

Benjamin Rosendahl ist Projektleiter, Übersetzer und Journalist. In München geboren, lebt er in Tel Aviv mit seiner Frau Liron und der gemeinsamen Tochter Alma.

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