Ehud Ein-Gil: Auf dem Weg nach Hadramaut

Ehud Ein-Gil: Auf dem Weg nach Hadramaut

Im Roman “Auf dem Weg nach Hadramaut” sind Erinnerungen des Erzählers mit erfundenen Episoden verflochten. Die Rahmengeschichte erzählt seine Reise im Frühling 1973 in “Feindesland”, um seine Idee der Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge mit Hilfe der südjemenitischen Regierung zu verwirklichen. Zu seiner großen Überraschung wird er sofort zum Präsidenten selbst geführt. Dieser interessiert sich für den jungen Israeli und dafür, wie seine Weltanschauung sich von einer zionistischen Kindheit bis hierher entwickelt hat.

Ehud Ein-Gil, israelischer Publizist und Buchautor, geb. 1950 in Tel Aviv, ehem. stellv. Chefredakteur der führenden israelischen Tageszeitung “Haaretz”.  Bisher veröffentlichte Romane “Auf dem Weg nach Hadramaut” (2004),  “Alle lieben Dora”,  (2008). Ein historischer Roman über das Schicksal verschwundener Kinder in Israel in den 50er Jahre ist in Vorbereitung.

Auf dem Weg nach Hadramaut

von Ehud Ein-Gil

Übersetzung: Uri Shani

Das Schwierigste wird das Schweigen sein, dachte ich. Niemandem erzählen. Während sehr vieler Jahre, vielleicht bis in den Tod. Und es war tatsächlich nicht einfach, auch nach zehn oder zwanzig Jahren, aber ich habe mich daran gewöhnt. Das Hüten des Geheimnisses wurde Teil meines Lebens, eine Bürde, deren Gewicht stetig abnahm, bis das Geheimnis eine verschwommene Erinnerung wurde. In den letzten paar Jahren konnten Tage vergehen, sogar Wochen, während derer ich nicht daran dachte. Wie wenn es ausgewischt wäre. Manchmal erinnerte ich mich für einen Augenblick, wie das Flackern einer erlöschenden Kerze. Und je mehr Zeit verging, desto weniger wichtig wurde es, und heute, nach fünfundzwanzig Jahren, auch wenn ich es erzähle, wer könnte schon beweisen, dass all das tatsächlich geschah. Oder nicht geschah. Alle die etwas wussten, sind schon tot, oder verschwunden. Sogar jener Staat existiert nicht mehr.

Roman, Israel, Hadramaut
Buchdeckel

***

“Sie können gehen, aber glauben Sie nicht, dass wir es nicht wissen. Wir wissen, dass Sie nicht alles erzählt haben.”

Ohne etwas zu sagen, wandte ich den beiden Agenten meinen Rücken zu und ging hinaus, so wie ich hineingekommen war, durch das Büro daneben, in dem ein Polizist in Uniform saß, zudem Balkon am Ende des Obergeschosses, und weiter die Treppen hinunter zum Erdgeschoss, und mit großer Erleichterung hinaus auf die Dizengoff-Straße.

Natürlich habe ich ihnen nicht alles erzählt. Und vor allem habe ich jedes Detail ausgelassen, das jemand anderen kompromittieren könnte. Über mich sprach ich viel, genug, um mich für viele Jahre ins Gefängnis zu bringen. Aber ich wusste damals nicht, und ich weiß es auch heute nicht, ob sie wirklich wussten, was ich verbarg, oder ob sie es nur so sagten, routinemäßig oder als ein professioneller Trick, der mir das Gefühl geben sollte, dass sie alles wissen, dass ich beim nächsten Mal besser vorsichtig sein sollte, oder dass sie immer in der Lage sein würden, die belastenden Informationen zu benutzen, die sie gegen mich hatten, kurz, um mir zu sagen: Das Wild ist uns zwar diesmal entgangen, aber unsere Zähne sind scharf und bedrohlich wie eh und je.

Ich hörte einige Tage nichts von ihnen, und ich hoffte schon, dass das das Ende der Geschichte gewesen war. Als mich dann ein Polizist doch telefonisch zu einem zusätzlichen Treffen am selben Ort vorlud, war ich aufs Schlimmste gefasst. Das Schlimmste, das hatten sie mir schon im ersten Verhör klargemacht: Verhaftung, Anklage wegen Kontakt mit einem feindlichen Agenten, Prozess und Urteil, das bis zu fünfzehn Jahre Gefängnis sein kann.

Zum zweiten Verhör kam ich besser vorbereitet, nachdem ich mit einem Anwalt gesprochen hatte, ich nahm eine Tasche mit Ersatzunterwäsche und Socken mit, Zahnbürste, eine Zeitung und zwei-drei Bücher. Ich antwortete auf keine der Fragen, ich bestätigte nicht einmal, was ich im ersten Verhör gesagt hatte, und natürlich unterschrieb ich nichts. Alles was ich zu sagen hätte, würde ich vor Gericht sagen, sagte ich wieder und wieder. “Sie lassen uns keine Wahl”, sagte zum Schluss einer der Agenten. “Bis jetzt haben wir Ihnen Zuckerbrot angeboten, aber wir haben auch die Peitsche.”

Die beiden gingen hinaus und ließen mich schmoren, damit sich die Drohung in mir verbreite. Sie kamen nach fast einer Stunde zurück und sagten mir, ich könne gehen. Als ich vom Stuhl aufstand, spürte ich am Rücken mein schweißgetränktes T-Shirt. Ich erwartete ein “Halt”, aber es kam nicht. Nach einer Minute war ich wieder auf der Straße, frei.


Was hatte ich gemacht? Warum wurde ich vorgeladen, und was verriet den Agenten des Schabak (ist der israelische Innengeheimdienst, welcher damals noch Schin-Bet hieß)? Ich werde nichts mehr verbergen. Wenn es der Schabak weiß, kann es jeder wissen. Aber ich möchte mit dem Teil beginnen, den ich ihnen verschwiegen hatte. Das ist schließlich das Geheimnis, das ich all die Jahre hindurch gehütet habe.

***

Das Flugzeug begann seinen Anflug Richtung Süden. Ich drückte mein Gesicht durch das Fenster. Durch die Wolken konnte ich sehen, wie die gräuliche Farbe des Mittelmeers sich in das Gelb der Wüste veränderte, aber ich sah keine Ansiedlung und auch nicht den grünen Streifen, der sich am ganzen Nil entlangziehen soll. Achmed, der mich seit New York begleitete, hatte kein Wort mit mir gesprochen, seit er mir am Kennedy-Flughafen den diplomatischen Pass auf den Namen Mussa Abu Salem gegeben hatte (sie hatten darauf geachtet, mir einen Namen zu geben, der keine gutturalen Laute beinhaltete) und bedeutete mir, auch meinerseits kein Wort zu sagen. Ich konnte kein Arabisch, und er wollte kein unnötiges Interesse für uns wecken.

Es war April 1973. Drei Jahre waren vergangen, seit ich meinen Dienst in der Kompanie im Sinai beendet und den Panzerkommandantenkurs begonnen hatte. Der Abnutzungskrieg der Jahre 1968 bis 1970 dauerte noch einige Monate, und bis zum Waffenstillstand hatten meine Kameraden noch ganz schön viel Artilleriefeuer abbekommen und sich an mehreren Scharmützeln am Suezkanal beteiligt. Es gab Verluste, Tote und Verletzte. Zion Haddad, der mein Panzerkommandant gewesen war, wurde zu einem anderen Regiment versetzt und fiel im “Kai”, dem Vorposten an der südlichen Einfahrt zum Suezkanal. Yoram Levy, der Kanonier, wurde bei einem ägyptischen Artillerieangriff leicht verwundet, der sich entwickelte, als zwei Fallschirmspringereinheiten, die von benachbarten Positionen gestartet waren, um Hinterhalte zu legen, aneinandergerieten. Es folgte ein kurzer, aber tödlicher Kampf, in dem fast alle getötet oder verwundet wurden. Im Helikopter, der die Verwundeten ins Krankenhaus flog, bat jemand um eine Schnur, um einen Infusionsbeutel für einen der Fallschirmspringer aufzuhängen, und Yoram gab ihm seine Halskette mit der Erkennungsmarke. Nachdem der Helikopter im Tel-Haschomer-Krankenhaus gelandet war, wurde den Eltern von Yoram mitgeteilt, dass ihr Sohn schwer verwundet wurde. Erst im Krankenhaus merkten seine Eltern, dass es ein Irrtum gewesen war.

Jetzt saß ich im Flugzeug, mein langes Haar hinten in ein Haargummi gebunden, und betrachtete aus dem Fenster Ägypten wie ein neugieriger Tourist. Ein halbes Jahr war vergangen, seit mit großem Medienrummel Dutzende von Linke in Israel, darunter vier jüdische, verhaftet und der Mitgliedschaft in einem Spionage- und Sabotagenetz beschuldigt wurden, das unter Anleitung des syrischen Geheimdienstes gearbeitet haben soll. Zwei von ihnen, Udi Adiv und Dan Vered, Mitglieder der “Roten Front”, waren auch in Syrien gewesen. Ich hatte Israel zwei Wochen nach ihrer Verhaftung verlassen. Es war noch fast nichts über ihre Aktivitäten bekannt. Viele der Verhafteten waren in den Kreisen der revolutionären Linken damals bekannt, und es fiel uns schwer, die Version zu akzeptieren, die von den Sprechern des Schabak verbreitet wurde. Wir befürchteten, dass es eine Provokation war, dass die Verhaftungen zum Ziel hatten, letzten Endes die ganze antizionistische Linke gesetzlich zu verbieten. Später wurde bekannt, dass es tatsächlich eine Provokation gewesen war, aber nicht von Seiten des Schin-Bet. Die Mitglieder dieser Organisation hatten vor, mit der DFLP, der “Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas”, Kontakt aufzunehmen, aber ihr palästinensischer Kontaktmann hatte anderes mit ihnen vor, und erst als sie in Damaskus waren, verstanden sie, dass das Szenario sich geändert hatte.

Als ich in New York das Flugzeug nach Kairo bestieg, wusste ich schon, dass die Reise nach Damaskus Udi Adiv siebzehn Jahre Gefängnis gekostet hatte, und Dan Vered zehn Jahre. Ich wusste auch, dass bei allem Verständnis für ihre Motive ihre Aktion in den Reihen der Linken auf Kritik gestoßen war, sie erschien als romantischer Versuch, etwas “Wirkliches” zu tun, vielleicht sogar etwas Heroisches, statt der frustrierenden, grauen politischen Aktivität: Flugblattverteilen, Zeitungen verkaufen, Mahnwachen, Sitzungen und Diskussionen auf der Straße. Sie hatten nicht einen Weg gesucht, sondern eine Abkürzung.

So auch ich.

***

… Weder der Geographieunterricht noch stundenlanges verträumtes Betrachten des Atlas hatten mich auf diese Distanzen vorbereitet. Mehr als fünf Stunden ging der Flug von Kairo nach Aden. Im kleinen Propellerflugzeug saßen nur etwa vierzig Passagiere, alles Jemeniten, so jedenfalls kamen sie mir vor. Wenn ich ihnen in Tel-Aviv begegnet wäre, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass sie keine Israeli waren.

Als wir in der Hauptstadt der demokratischen Volksrepublik Jemen landeten, war es schon Abend. Achmed umarmte und küsste den Fahrer, und sie wechselten ein paar Worte auf Arabisch. Der Fahrer verfrachtete unser Gepäck im Kofferraum. Achmed ermahnte mich, mich tief im Sitz zu vergraben und nach hinten zu lehnen, um keine unnötigen Blicke anzuziehen. So konnte ich nicht viel vom Weg sehen.

Der Wagen hielt in einer Gasse vor einem kleinen einstöckigen Haus, dessen Hof mit einer mannshohen Steinmauer umgeben war. Das Tor stand offen. Neben dem Eingang zum Haus lehnte ein Soldat in Sandalen an der Wand, eine Kalaschnikow geschultert, und erst als die Wagentür sich öffnete, stand er gerade. Ein hoher Mann mit Schnurrbart, der nicht besonders jemenitisch aussah, trat aus dem Haus, als ob er uns hinter der Tür erwartet hätte. Er machte dem Soldaten ein Zeichen, dass es in Ordnung sei und reichte mir die Hand. “Ahlan wa Sahlan”, sagte er einige Male und hielt meine Hand in beiden Händen. Dann wandte er sich zu Ahmad, und die beiden umarmten und küssten sich auf die Wange. “Tfaddal, sei mein Gast”, sagte der Gastgeber und lud mich ins Haus ein. Er selber blieb noch einen Moment draußen, wechselte ein paar Sätze mit Achmad, dann kam er selbst herein und schloss die Tür. “Ich habe ihm gesagt, er solle gehen”, sagte er auf Englisch. “Ein ganzes Jahr hat er seine Familie nicht mehr gesehen.”

Das große Zimmer war einfach möbliert: rechts lagen einige Matratzen mit aufgerollten Decken und Kissen zum Abstützen, links standen ein Sofa und ein paar verschlissene Sessel um einen kleinen Kaffeetisch. Er lud mich ein, mich hinzusetzen. Ich setzte mich ans Ende des Sofas, und er setzte sich auf den Sessel daneben. Dann griff er nach dem Findschan, der auf einem Holzkohleöfchen stand, und goss dunklen Tee in zwei kleine Tassen. “Ich entschuldige mich, ich habe mich noch nicht vorgestellt”, sagte er, als er mir mein Glas reichte. “Weißt du, wer ich bin?”

“Nein.”

Er lächelte. “Ich bin Salim Rubai Ali”, sagte er. “Du kannst mich Salmin nennen.”

Das war der Präsident von Südjemen.

Ehud Ein-Gil, Israel, Schriftsteller, Journalist
Ehud Ein-Gil, Photo: Aviva Ein-Gil

This Post Has One Comment

  1. This sounds really interesting. Is it all a true story? If this is true i should be considered a unique episode. One would like to know more. Can the book be ordered now?

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