Ein Gespräch mit Ruth - Re:Levant
Rafting im Jordan Fluss
Los geht's
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Erzähl uns ein bisschen über dich!

Ich bin 1964 in Oldenburg, Deutschland geboren. Den größten Teil meiner Kindheit und Jugend habe ich in Berlin verbracht. Meine Eltern waren nicht jüdisch und ich hatte nie eine Beziehung zu Israel. 

Erst der Geschichtsunterricht in der Oberschule erweckte meine Neugierde. Was mich jedoch nach Israel zog, war das Interesse am Kibbutz. 

Zum Judentum habe ich nach meiner Scheidung konvertiert, obwohl ich nicht religiös bin. Der Grund ist, dass ich mich zu diesem Volk und diesem Land zugehörig fühle. 

Heute lebe ich mit meinem Partner, dessen Familie aus dem Jemen und Marokko gekommen waren, in einer Wohnung in einem Ort in den Jerusalemer Bergen. Wir haben einen liebevoll gepflegten Garten und verbringen unsere Freizeit mit Freunden und unseren Kindern, die schon alle erwachsen sind. Wir spielen gern Tischtennis und machen Ausflüge in die Natur und zum Strand.

Amnon und Ruth
Ruth und Amnon

Meine Tochter ist inzwischen 30, lebt in Tel Aviv lebt und ist Tattoo-artistin. Mein Partner hat drei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder.

Wann bist du nach Israel gekommen?

Ich lebe bereits seit 33 Jahren in Israel. Im Jahr 1986 bin ich als Volontär in einen Kibbutz gekommen und ein Jahr später habe ich Alijah gemacht.

Warum bist du hierher gekommen? Was hat dich dazu veranlasst? 

Als ich mit 18 mein Abitur abgeschlossen hatte, wusste ich nicht, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Eine Weile ins Ausland zu gehen erschien mir eine aufregende Sache.

Mein Vater hatte damals geschäftlich mit zwei Kibbutzim zu tun und erzählte mir von der Möglichkeit der Volontärarbeit dort. Das Leben in einem Kollektiv kennenzulernen war genau das Richtige für mich. 

Ich war begeistert und verliebte mich in das Kibbutzleben und das Land. Leider ist ein Kibbutz heute nicht mehr das, was er einmal war.

Wo hast du zuerst gelebt, als du hierher gekommen bist und wo hast du sonst so hier gelebt? 

Wie gesagt begann meine Liebesgeschichte mit Israel im Kibbutz. Ich verbrachte 12 Jahre in Kibbutz Gadot, im oberen Galiläa, am Ufer des Jordan.

Dort habe ich in der Landwirtschaft und dann viele Jahre in der Kleinkindererziehung gearbeitet. Meine Tochter ist im Kibbutz geboren. Sie hatte dort, wie alle Kinder, eine wunderbare Kindheit.

Nach meiner Scheidung bin ich nach Jerusalem gezogen. Das war sehr schwierig. Im Kibbutz gab es viele Europäer und das Leben war sehr geregelt. Man hatte ein Haus, eine Arbeit, die Erziehung und andere Dienstleistungen waren geregelt und man hatte keine finanziellen Sorgen.

Ich wusste damals noch nicht einmal, wie man eine Telefonrechnung bezahlt oder eine Kreditkarte benutzt. Und das mit 30 Jahren. Alles war mir fremd und es gab so viel zu lernen. 

In der Stadt war ich plötzlich mit einer ganz anderen Mentalität konfrontiert. Meine zuvorkommende Art war zwar überall beliebt, hat mir aber nicht immer weitergeholfen. Man muss sehr viel Eigeninitiative aufbringen und sich vieles allein erkämpfen. Persönliche Kontakte sind dabei das wichtigste, doch die hatte ich nicht. Wer es kann, hilft gern. 

Meine deutsche Sprache (zusammen mit meinen Englischkenntnissen) verhalf mir immer wieder beruflich weiter zu kommen. Ich fing als Firmensekretärin an und arbeitete mich zum Import Manager hoch. 

Später zog es mich in das hügelige Gebiet um die Stadt, in kleine Orte wie Mevo Beirat, Har Adar und jetzt Zur Hadassa.

Warst du in der Armee?

Nein, ich brauchte nicht in die Armee zu gehen.

Was machst du beruflich und wie bist du dazu gekommen? 

Vor etwa 12 Jahren war ich beruflich in einer Sackgasse angelangt und entschied, dass ich meine Leidenschaft zum Schreiben zum Beruf machen würde. Als alleinstehende Mutter ohne Familie im Land war das nicht einfach. Wieder fing ich ganz unten an und nahm jede Arbeit, die mich Schreiben ließ. 

Ein ergreifendes Projekt war die Zusammenstellung eines Buchbandes über Synagogen und jüdische Gemeinden in Deutschland vor dem Holocaust.

Heute arbeite ich als Marketing-Texterin und Contentwriter für verschiedene israelische Firmen. Ich liebe diese Arbeit. Die israelische Hightech Szene ist faszinierend.

Bist du politisch und/oder gesellschaftlich aktiv?

Nein, ich halte mich aus politischen Themen ‘raus. In der Vergangenheit war ich für eine Weile ehrenamtlich in einer Gemeinde sehr engagiert.

Was vermisst du an Deutschland? 

Das Schwarzbrot. 

Wie ist dein Verhältnis zu Deutschland und hat sich in der Beziehung etwas geändert, seitdem du hier bist?

Ich habe die deutsche Gründlichkeit und Sauberkeit sehr zu schätzen gelernt. 

Was liebst du an Israel?

Zum Anlass des 70. Israelischen Unabhängigkeitstags habe ich in meinem Blog ‘Linie 101’ siebzig Dinge, die ich an Israel liebe, aufgelistet. 

Ich liebe vor allem die Menschen. Jeder hat eine Geschichte. Die Vielfältigkeit der Mentalitäten und Kulturen sorgen immer wieder dafür, dass man seine eigene Sichtweise hinterfragen und neu einschätzen muss. Vielleicht ist das ein Grund, dass Israelis so gut improvisieren können und es auch tun, wann immer sie die Möglichkeit dazu haben.

Ich mag die Leichtigkeit, mit der man mit Fremden ins Gespräch kommen kann. So etwas kenne ich aus Deutschland überhaupt nicht. Man kann auch leicht mal in einen Streit geraten und dann genauso spontan wieder Frieden schließen. Israelis kritisieren viel und scharf. Das ist nicht immer angenehm, aber es ist gut, dass man es kann und Menschen bleiben trotzdem Freunde. Wenn man wirklich Hilfe braucht, bietet sich immer jemand an, und nicht nur mit netten Worten. Bei allen Schwierigkeiten bleibt immer Raum für Humor, der oft ein wenig verrückt ist. 

Ich liebe die Schweigeminuten an den Gedenktagen und die Ruhe an Yom Kippur. 

Ich liebe die weißen Felsen von Rosh Hanikra, den Flohmarkt in Jaffa, die Straße von Sattaf nach Beit Shemesh, die Promenaden am Strand, das Tote Meer, den Ramon Krater, die nördlichste Straße und die roten Berge von Eilat. Ich liebe Tee mit Nana, Kaffee mit Havaiege und Falafel mit Tahini.

Was kann deiner Meinung nach hier in Israel verbessert werden?

Ich denke, das Wichtigste wäre, Staat und Religion zu trennen. Dadurch würden viele Probleme diese Landes gelöst, auch solche, die nicht in direktem Zusammenhang mit Politik oder Religion stehen. Jeder Aspekt des Lebens ist dadurch irgendwie beeinflusst.

Was liebst du an deiner Stadt, deiner Nachbarschaft/Schuna, deiner Straße? Hast du ein Nachbarschaftscafé, ein “Parlament” (=Stammtisch), erzähl mal davon.

Zur Hadassa ist ein Ort mit viel Grün, zahlreichen Parkanlagen und modernen Spielplätzen. Es gibt hier sehr viele Gemeinde Aktivitäten.

Die Anwohner sind bunt zusammengewürfelt, Religiöse und Nichtreligiöse, junge Familien und Senioren, die meisten aus dem Mittelstand. Sie stammen teilweise aus orientalischen, teilweise aus westlichen Familien – Sephardi und Aschkenasi. In vielen Nachbarschaften ist es nicht so gemischt. 

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu allen Nachbarn, es ist wie eine Hausgemeinschaft. Bei passendem Wetter trifft man sich oft spontan draußen und plaudert. 

Die Medien konzentrieren sich immer auf den Konflikt zwischen Arabern und Israelis. Kennst du ein Beispiel vom friedlichen Zusammenleben aus dem Alltag, was Hoffnung für die Zukunft gibt? 

Ja, auf jeden Fall. Ich könnte da eine ganze Reihe von Geschichten erzählen. Auch darüber habe ich in meinem Blog oft geschrieben.

Ich hatte zum Beispiel jahrelang einen Hausarzt, der Araber war. Wir haben schon des Öfteren Angestellte meines Mannes in ihren arabischen Dörfern besucht.

Man muss bedenken, dass es viele grundlegende Unterschiede in Wertvorstellungen, Lebensweise, Glaube und Mentalität gibt. Die sozialen Regeln und Bräuche der Araber unterscheiden sich stark von unseren. Das macht ein enges Miteinander fast unmöglich. 

Arabische Frauen haben keine große Bewegungsfreiheit. Viele dürfen nicht einmal ohne männliche Begleitung aus dem Haus. Es gibt also kaum Kontakt, wenn man nicht gemeinsam arbeitet oder studiert.

An vielen Arbeitsplätzen und öffentlichen Stätten interagieren Israelis und Araber täglich friedlich und freundlich miteinander und respektieren sich gegenseitig. 

Was für eine Anekdote fällt dir spontan ein, die nur hier passieren kann. 

Israel ist wie ein Dorf. Irgendwie scheint jeder jeden zu kennen. Immer wieder passiert es, dass man jemanden kennenlernt und nach einer Weile feststellt, dass man irgendwelche gemeinsame Bekannte hat. 

“Oh, der Name deiner Tochter kling aber bekannt, ich glaube, sie hat mit meiner Tochter zusammen das Abi gemacht.” Oder: “Ach, das ist dein Mann? Mit dem war ich in der Armee.” 

Bei einem Job Interview saß ich plötzlich einer ehemaligen Nachbarin gegenüber. Im Tischtennisklub spielen wir mit den Eltern eines jetzigen Nachbarn, wussten es aber lange nicht. Als wir bei Freunden eingeladen waren, trafen wir eine Frau, die sich aufgrund das Namens an den Vater meines Mannes erinnerte. Sie hatte bei ihm als Kind Musikunterricht und er war Chorleiter. Solche Geschichten passieren hier ständig.

Was ist dein Lieblingswort im Hebräischen?

Das ist eine schöne Frage. Hebräisch ist eine sehr logische Sprache und ich liebe es, dass man selber Worte bilden kann, die Sinn machen und verstanden werden. 

Eines meiner Lieblingswörter ist ‘Bakbuk’ – auf Deutsch ‘Flasche’ – nach dem Klang, wenn man aus ihr Wein einschränkt: “bakbukbakbukbakbuk…”

Wenn du nochmal Alijah (nach Israel einwandern) machen würdest, was für Tipps würdest du dir selbst geben, mit dem Wissen, dass du heute hast?

Bringe einen gesunden Humor mit und nehme alles nicht zu ernst. 

Was empfindest du als Zuhause?

Israel ist mein Zuhause. Aber wenn ich nach Deutschland fahre, fühle ich mich auch dort sehr schnell wieder zu Hause. 

Wir danken für das Interview! 

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Leah hat 2004 Alijah gemacht. In Deutschland war sie Regieassistentin am Münchener Residenztheater für Dieter Dorn tätig, am Berliner Ensemble und den Salzburger Festspielen von Claus Peyman engagiert.
Seit sie in Israel ist, beschäftigt sie sich mit Content und Community Management für High Tech Firmen.

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