Ein Mensch geht nach Hause - Re:Levant
Krieg, Trauma, Heilung, Familie, Israel

Ein Mensch geht nach Hause

Am 18. Oktober 1973 lag Yoram Eshet-Alkalay auf der Erde, in Ägypten, mit einem Raketensplitter im Kopf, sein Hirn lag frei. Dem Arzt, der ihn hartnäckig behandelte, sagte man: ‚Lass ihn, du solltest deine Infusionen für Verletzte aufsparen, die du noch retten kannst.‘ „Adam geht nach Hause“ (Keter, 2010) ist die Geschichte von Yorams Heilung, die keiner erhofft hatte, mit Hilfe seines Willens und seiner Lebenslust, die keine Grenzen kennt.

„Ein sehr eindringliches und bewegendes Buch. Es beschreibt mit einer seltenen Ehrlichkeit, wie der Krieg die Welt einer Person zerstört, und wie diese Person dann seine Welt neu aufbaut.“ (Yuval Noah Harari, Autor des Bestsellers „Kurze Geschichte der Menschheit“

„Die Geschichte eines Anti-Helden, die mit einer behutsamen literarischen Hand den langen Weg zurück zu einem bedeutsamen Leben beschreibt.“ (Amia Lieblich, von der wir hier auf Re-Levant auch eine Kostprobe aus einem ihrer Bücher publizierten.)

Das Buch erschien 2020 auf Englisch unter dem Titel „A man walks home“.

Yoram Eshet-Alkalay wurde 1950 geboren, ist Professor für Geologie in der „Open University“. Er lebt in Jerusalem, mit Frau, zwei Söhnen und zwei Enkeln. Jeder, der jemals einen fernen leuchtenden Punkt am Horizont sah und dachte: ‚Da komme ich niemals hin‘, aber trotzdem einen ersten Schritt machte und begann, dorthin zu schreiten, wird Yorams Geschichte lieben.

„Tikkun“ im folgenden Auszug heißt wörtlich „Verbesserung“, ist aber in der jüdischen Tradition etwas viel Bedeutenderes, eine Heilung der „zerbrochenen Gefäße“. Dies sind Begriffe aus der Kabbala, der jüdischen Mystik.

Die Geschichte der erstaunlichen Heilung von Yoram Eshet-Alkalay von seiner Kriegsverletzung.

Ein Mensch geht nach Hause

von Yoram Eshet-Alkalay

Übersetzung: Uri Shani

Drei Erinnerungen

Wenn ich an die Kindheit meiner Söhne denke, durchfährt mich eine große Trauer über die Versprechungen, die ich nicht erfüllt habe. Dass ich meine innere Welt nicht mit ihnen teilen konnte, dass ich nicht der Vater war, wie ein Vater sein sollte: ruhig, stark, aufrecht und sicher, ein Felsen, an den man sich stützen kann. Und immer kommen dann drei Erinnerungen, die nicht von mir lassen wollen.

In meiner ersten Erinnerung fährt unser Auto den Berg hinunter, auf der Straße, die zum Krankenhaus führt: Wir besuchen Eytan. Wir sind zusammen im Kibbutz aufgewachsen, und nach zwanzig Jahren trafen wir uns wieder im Krankenhaus: Er ohne Hand und ohne Auge, und ich gelähmt, mit einem großen Loch im Kopf und Augen, mit denen ich nicht auf die Seite schauen kann. Mutter sitzt am Steuer, ich neben ihr, und du, zwar schon zwei Jahre alt, aber noch ein Baby, auf dem Sitz angegurtet. Es sind einige Monate vergangen, seit ich vom Krankenhaus entlassen worden bin, und wir wohnen nicht weit davon entfernt in einer kleinen Wohnung, gleich neben Oma Ssarka und auch neben Oma Rosa, die beide mit allem helfen. Die Straße wendet sich den steilen Berg hinunter, jetzt habe wir die Kreuzung überquert und gleich werden wir das Krankenhaus sehen.

Du sitzest still dahinten, spielst mit dir selber und summst ein Lied von Arik Einstein. Das Auto biegt links ab, und nach der Kurve sehen wir das hässliche Gebäude mit den roten Ziegeln – ein riesiges Labyrinth von Türen und Korridoren, die alle schrecklich gleich aussehen und wo ich immer verloren ging, wenn ich die Abteilung verließ. Plötzlich bemerke ich die Stille im Auto. Ich wende mich nach hinten, und du summst nicht mehr. Deine Augen sind auf das Gebäude im Tal gerichtet, dein Mund verzerrt sich, und nach wenigen Sekunden brichst du in ein herzzerreißendes Weinen aus, dein kleiner Körper verkrümmt sich, deine Arme wedeln und verlangen, nach Hause zu fahren. Noga hält das Auto an, wir heben dich aus deinem Sitz, umarmen dich, sorgen uns um dich und versprechen dir die zwecklosen Versprechungen der Eltern, die ihre Kinder beschützen wollen: Alles sei in Ordnung, Papa und Mama seien hier und beschützen dich. Aber du bist hartnäckig, schreist mit aller Kraft und deine Arme zeigen immer wieder den Berg hinauf – nach Hause! Du beruhigst dich erst, als wir aufgeben, zurückfahren, und das Krankenhaus hinter der Kurve verschwindet. Und ich denke: Trotzdem du so fröhlich aussahst, während all den Monaten, in denen ich verschwunden war, hast du die existenzielle Angst des Ungewissen, in das wir geraten waren, ganz in dir aufgenommen. Und das Gewicht der Angst, wegen der es mir schwerfällt, morgens aufzustehen, wird zu einem schwarzen, unerträglichen Felsen.

In meiner zweiten Erinnerung bist du schon vier Jahre alt und beginnst, Gesetze und Regeln zu erkennen, die die Welt beherrschen. Eines Tages erzählst du Mama eine neue Erkenntnis über das Leben. Du erzählst stolz, dass man zuerst geboren wird, dann geht man in den Kindergarten, von dort in die Schule, dann ins Militär, und am Schluss stirbt man im Krieg – so nanntest du meine Verletzung. Und ich höre zu und fühle, wie der Himmel auf mich hinunterstürzt. Was für eine schreckliche Welt hast du dir aus deinen Kindheitserfahrungen gebaut.

In meiner dritten Erinnerung bist du schon Soldat und kommst für einen kurzen Urlaub nach Hause. Mama ist nicht zu Hause, und Schaul, dein Bruder, spielt Klavier in seinem Zimmer. Ich stehe in der düsteren Küche in unserer Jerusalemer Wohnung und betrachte die Zettel, die am Kühlschrank kleben. Ich erinnere mich, wie du dich hinter meinem Rücken näherst und fragst, in einem um Verzeihung betenden Ton: „Papa, hast du jemanden getötet im Krieg?“ Deine Frage ist wie ein Schlag auf den Rücken. Und gleichzeitig wartete ich so viele Jahre auf diese Erlösung: Dass du meine verriegelte, schwere Türe öffnest, die ich nicht selber zu öffnen vermag. Dass du mich fragst, was dort geschah. Und ich drehe mich um und schreie: „Darüber macht man keine Witze!“ Und deine schmalen Schultern sacken zusammen, dein Gesicht verschließt sich beleidigt, und der dünne, einmalige Spalt, durch den du in mich hineinspähen versuchtest, schließt sich und ist versperrt. Geschlagen und wütend hebe ich den Sack der Schulderinnerungen auf die Schulter und verschanze mich in meinen alten Gewohnheiten. Und so schlugen die Tore des Erbarmens zu, und es gab keine Fragen mehr darüber, „was im Krieg war“. Und seither klopfe ich an deine Türen und warte auf das eine Wunder, dass es komme. Und heute, da du am anderen Ende der Welt lebst, und die Zeit verrinnt in schwindelerregendem Tempo, frage ich mich, ob es anders möglich gewesen wäre, und ich habe noch immer keine Antwort.

*

Während Dutzender von Jahren weilte der Krieg in unserem Haus, gegenwärtig-abwesend, schwebend zwischen Wut und Angst, zwischen Hilflosigkeit und Hoffnung, zwischen Hinken und Blindheit, zwischen „Warum sitzt nur Mama am Steuer?“ und der Verletzung der Finger bis zum Knochen während des Salatschneidens. Alle spürten seine Anwesenheit, aber er war kein Thema, weder für ein tiefes Gespräch noch für einen trockenen Bericht. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemals jemand gebeten hätte, dass ich erzähle, und wenn ich selber versuchte zu erzählen, sagte man mir, dass „wir schon darüber gesprochen haben“. Und so, nach all den Jahren, wurde der Krieg zu einer bedrohlichen Schattenerinnerung im Haus, ein heißes Eisen, das jede Hand verbrennt, die versucht, es zu berühren: Noga, meine Eltern, meine Kinder. Und ich, in mir eine nicht erzählte Geschichte, ein zerknitterter und unbearbeiteter Knäuel von Schmerz, laufe herum und suche eine Tür, auf deren Schwelle ich meine lähmende Last ablegen könne. Und eines Tages entdecke ich, dass es keine Tür außer meine eigene Tür gibt, dass es keinen Menschen oder Arzt gibt, der verstehen kann oder Heilung bringen, und dass ich am Ende alleine bleibe mit dieser Geschichte, sie zu bearbeiten und zu bewahren. Und in meinen Träumen teile ich sie mit euch, meine geliebten Kinder, in der naiven Hoffnung, damit uns alle für die verlorenen Jahre zu entschädigen. Vielleicht ist dies ein unbeholfener Weg, auf eurem Rücken mit schweren Erinnerungen und mit einem unbearbeiteten Leben ins Reine zu kommen, vielleicht ein Tikkun meiner Seele.

*

Der Hirnschaden ist eine undurchschaubare und listige Verletzung. Wer eine Hand oder ein Bein verloren hat, versteht ziemlich schnell, was geschehen ist und beginnt, mit seinem beschränkten Körper zu funktionieren. Aber im Fall eines Hirnschadens ist es das Bewusstsein, das geschädigt wurde, und wir, die Geschädigten, sind dazu verurteilt, den Rest unseres Lebens damit zu verbringen, uns selbst zu erforschen. Versuchen und scheitern, aufstehen und umfallen, aufstehen und umfallen, aufstehen und umfallen. Bis die Verletzung, nach unendlich vielem Umfallen und wieder Aufstehen, im Bewusstsein eine Figur erhält. Und seit in meine Welt das totale Chaos eingebrochen ist, am 18. Oktober 1973, um zehn Uhr morgens, als die Rakete in den Rand des Grabens fiel, wo ich stand und mein Gehirn zerriss, kreise ich wie eine Fledermaus im Dunkel meines finsteren Bewusstseins und füge das Bild meiner neuen Welt zusammen, während ich mit den Wänden meiner Lebenshöhle zusammenstoße und an ihnen zerschmettere. Und trotz der Dutzenden von Jahren, die seither vergangen sind, bin ich noch immer am Anfang des Weges, und das Bild bildet sich noch immer in meinem Kopf und verändert sich von Tag zu Tag. Und mit der Zeit verschwimmen die schauderhaften Bilder, die ich sah, und manchmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob das wirklich geschehen ist oder ob ich es mir nur einbilde. Und nur der Graben in meinem Kopf, und die Augen, die nicht viel sehen, und die Hand, und das Bein, und die Gespräche mit Jacky, mit Amos, mit Schmulik, mit Motti, mit Dudu, und mit Doktor Eliras geben mir die nötigen Beweise. Und während meiner Forschungsreise bin ich fast überfahren worden, ich habe mich in der Wüste verirrt, ich fiel von einer Klippe und vom Fahrrad, ich fiel in den Prüfungen an der Universität durch, ich lebte in ständiger Furcht vor dem Scheitern und überließ den Toten die Verwaltung meines Lebens. Es vergingen zwanzig Jahre, bevor ich laut sagen konnte, dass ich behindert bin, und bevor ich den verbrannten Soldaten umarmen konnte, ihm ins Gesicht lachen, das Lachen desjenigen Glücklichen, der am Leben geblieben ist, und eine Rückkehr nach Ägypten wagen, nur um zu entdecken, dass die Menschen in Weiß verschwunden sind. Und trotz der langen Zeit, die vergangen ist, gehe ich noch immer auf einem Seil – und kämpfe verzweifelt um Gleichgewicht. Und so viele Male bete ich darum, dass mir die Kraft gegönnt sei, alles loszulassen und es der Schwerkraft zu überlassen, den Rest zu tun. Aber ich habe den Mut dazu nicht, und deswegen tanze ich bis jetzt noch immer auf dem Seil.

Diese Geschichte schreibe ich in meinem Kopf seit vielen Dutzenden von Jahren, seit dem Tag, als mein Tod verkündet wurde. Wie eine Staubwolke dreht sich die Geschichte in meinem Hirn und kristallisiert sich zu einer sternenhaften klaren und hellen Vollkommenheit. Es ist kein historisches Dokument, sondern die Geschichte, die ich mir heute erzähle, aus der Entfernung von fast vierzig Jahren, über meinen Krieg – und vor allem darüber, was danach geschah.

Die Geschichte der erstaunlichen Heilung von Yoram Eshet-Alkalay von seiner Kriegsverletzung.

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

4 1 wählen
Article Rating
Abonnieren
Informieren Sie mich
guest
2 Comments
Älteste
Letzte Am meisten gewählt
Meinung innerhalb des Texte
Alle Kommentare ansehen
Rosebud
Rosebud
1 Monat

Sehr schoen! Bewusstseinsstrom (Eng stream of consciousness Heb serem ha-toda’a) ist recht selten in Israelischer Literatur, da war ich froh, hier ein Beispiel davon zu lesen…
Und die wahre Geschichte dahinter ist UNGLAUBLICH לא יאמן כי מסופר

H.R.Hiegel
21 Tage

grossartig, einen Austausch von Intellektualität, Kultur und Verbundenheit zugleich so zu fördern. Dankeschön

Vorherigen Artikel

Minjan im Park

Nächsten Artikel

Grundlos tanzen

Spätestens abBlog

Wie eingefroren

Feiertage des Monats Tischri – der Monat der jüdischen Feiertage In Israel und der ganzen Welt

Violinstunde

Hagai kommt in die Provinzstadt Ramle, um minderbemittelnden Kindern Violinstunden zu geben. Kurzgeschichte von Zeev Smilanski

2
0
Was denken Sie? Wir würden gerne Ihre Meinung erfahren!x
()
x
0 £0.00