Ein Rabbi wider Willen
Meditation am Annapurna Trek

Ein Rabbi wider Willen

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Der Rabbiner, der nicht religiös werden wollte

Dov Ber Cohen (42) wuchs als traditioneller Jude in London auf, merkte jedoch schon bald, dass sein Glück woanders liegt. Es zog ihn nach Fernost (Sri Lanka, Thailand, Laos, Korea, China und Japan), wo er sechs Jahre lang lebte und als Englischlehrer in engen Kontakt mit den lokalen Kulturen kam, die Landessprachen lernte, mit buddhistischen Mönchen und hinduistischen Priestern meditierte und ein inniges Verhältnis zu seinen spirituellen Meistern pflegte. Bei einem Israel-Aufenthalt fand er schließlich zum Judentum und wurde Rabbiner. Heute lehrt er in der Jeschiwa Aish Hatorah in Jerusalem, ist verheiratet und hat drei Kinder. Unser Autor kennt Dov Ber aus gemeinsamen Lernjahren in der Jeschiwa, und schätzt an ihm, dass er scheinbar mühelos die verschiedenen Welten in sich vereint. 

Ein Gespräch über die Suche nach der Wahrheit und was das Judentum noch über sich selbst entdecken kann. Von Patrick Samuel Goldfein


Nach jahrelangem Soul-Searching in Fernost wurde Dov Ber Cohen Rabbiner in Jerusalem. Ein Gespräch über die Suche nach der Wahrheit und was das Judentum noch
über sich selbst entdecken kann. Von Patrick Samuel Goldfein
Ein Zeitungsartikel über ihn in der britischen Presse, wo er zum Spenden aufrufen wirbt für eine Wohltätigkeitsorganisation in Indien.

Rabbi Dov Ber, wie kamst du dazu, sechs Jahre lang in Fernost zu leben?

Während meines Studiums der östlichen Philosophien in London waren die Menschen um mich herum einfach nicht glücklich: Kaum einer mochte seinen Job, kaum einer war in einer gesunden Beziehung. Das westliche Erziehungssystem bereitet dich vielleicht auf deinen späteren Beruf vor – aber es lehrt dich nichts über das Leben: Wie gehe ich mit Enttäuschungen um? Wie bewältige ich Schwierigkeiten? Ich sah damals viele Martial-Arts Filme und erkannte, dass es in Fernost tiefe Weisheit gibt. 

Hast du sie gefunden?

Ja. Ich tauchte tief in den Buddhismus ein und lernte wichtige Praktiken, um mit dem Leben besser umzugehen. Und durch jahrelange Mediationen kam ich zur Seelenruhe. 

Du hast in indischen Waisenhäusern volontiert, Martial-Arts trainiert, bist durch den Himalaya gewandert. Hätte doch eigentlich für immer so weitergehen können.

Dov in einem indischen Waisenhaus in Baghar

Ja, ich hatte ein unglaubliches Leben. Viele Menschen wenden sich Religionen zu, weil sie unglücklich sind oder ihnen irgendetwas fehlt. Ich hingegen war glücklich und erfüllt.

Wie kamst du dann zum Judentum?

Auf dem Weg nach Südamerika legte ich einen dreiwöchigen Zwischenstopp in Israel ein. Dabei kam ich zum ersten Mal mit den tiefgehenden, wunderschönen Weisheiten des Judentums in Berührung. Sie enthielten all das, was ich im Osten gelernt hatte – oder widerlegten es gar teilweise. 

Was bewegte dich, in einer Jerusalemer Jeschiwa zu lernen?

Während meiner Reise in Fernost ging es mir immer darum, eine intellektuelle Wahrheit zu finden – und nach ihr zu leben. Wenn ich meine spirituellen Meister fragte, woher sie wissen, dass ihre Lehre wahr ist, bekam ich Antworten wie: „Weil Buddha es so sagt“, oder „In meiner Meditation kam ich zu der Erkenntnis“. Das überzeugte mich nie. In der Jeschiwa in Jerusalem präsentierte man mir hingegen fünf rationale Beweise, dass kein menschliches Wesen die Torah geschrieben haben kann.

Zum Beispiel? 

Laut Torah muss ein Tier zwei Zeichen aufweisen, um koscher zu sein – gespaltene Hufe und wiederkäuen.  Außerdem steht geschrieben, dass nur vier Tiere existieren, die nur eines dieser Zeichen haben. Warum sollte man das schreiben? Es würde ja reichen, ein fünftes solches Tier zu finden, und das ganze Buch wäre widerlegt! Wenn du dies nicht als sicheren Fakt wüsstest, würdest du es niemals in dein Buch schreiben. Wie konnte das ein Mensch vor etwa 2500 Jahren wissen? 

Wie hast du auf die Beweise reagiert?

Ich habe mich lange Zeit dagegen gewehrt. Wollte erst nicht religiös werden, und versuchte die Beweise zu widerlegen – sogar mit Hilfe atheistischer Foren im Internet. Aber es gelang mir nicht. Gemäß meiner Suche nach der intellektuellen Wahrheit, bedeutete das für mich, ein religiöser Jude zu werden. (Heute hat Rabbi Dov Ber eine eigene Webseite, auf der die Torah-Beweise nachzulesen sind: www.areyouright.org)

Obwohl du in deinem Buch „Mastering Life“ feststellst, dass jüdische Synagogen im Vergleich zu buddhistischen und hinduistischen Tempeln eher unspirituelle Orte sind.

Während es in den östlichen Religionen um eine spirituelle Erfahrung unter Entsagung der materiellen Welt geht, strebt das Judentum an, den mondänen Alltag zu erheben und zu heiligen. Auch wenn das nicht immer einfach ist. (Zum Gesprächs-Termin erscheint Dov Ber voll beladen mit Einkaufstüten: Schabbat-Einkäufe, die er auf dem Jerusalemer Machane-Yehuda Markt getätigt hat. Einen Buggy mit seinem einjährigen Sohn vor sich herschiebend.

Sein Buchcover “Mastering Life”

Was sollte sich ändern?

Das Judentum muss seine tiefen, spirituellen Wurzeln erst wieder neu entdecken. Es ist zu kopflastig – eine Folge aus der jahrhundertelangen Diaspora. Dabei geht es hauptsächlich um eine emotionale Verbindung zu Gott. So wie es der Chassidismus  lehrt. Und schon der Talmud sagt: „Der Ewigste will dein Herz.“ (Anm. d. Red.: Der Chassidismus wurde im 18. Jahrhundert von Rabbiner Israel Baal Schem Tov in Osteuropa begründet, und betont, dass auch ungelernte Juden eine persönliche Verbindung zu Gott aufbauen können.)

Das wissen nicht viele. 

Deshalb suchen viele sinnsuchende Juden ihre Spiritualität erst einmal in der Ferne. Weil oberflächlich betrachtet, das Judentum scheinbar nur aus Ritualen besteht. Und die anderen Religionen besser aussehen: Sie lehren Meditationen und Achtsamkeit (mindfulness); dabei sind das ursprünglich uralte jüdische Praktiken, die uns verloren gingen. 

Auch der Hinduismus könnte aus dem Judentum entstanden sein. 

Darauf gibt es einige Hinweise: Die Torah beschreibt, wie Abraham sechs seiner Söhne für spirituelle Weisheit in den Osten schickte. 800 Jahre später entstanden dort die zentralen Schriften des orthodoxen Hinduismus. Der hinduistische Hauptgott heisst „Brahma“, seine Frau „Saraswati“ – das geht auf Abraham und Sarah zurück. Und ebenso wie wir Juden, glauben Hindus daran, dass Gott transzendent ist und der Mensch eine göttliche Seele hat.

Sind diese Verbindungen der Grund, warum sich viele junge Israelis in Indien so zu Hause fühlen?

Das liegt wohl eher daran, dass Indien so günstig ist, an den wunderschönen Landschaften, und weil es eine spirituelle Atmosphäre hat.

Nach langen Lehrjahren in der Jeschiwa wurdest du zum Rabbiner ordiniert. Wie hat dir dein Martial-Arts-Hintergrund (schwarzer Gurt in Taekwondo, Training in Kung Fu und Aikido) dabei geholfen?

Vor allem, dass ich früh aufstehen kann. In meinem Gebet und bei der Ausübung der Gebote wende ich Meditation und Achtsamkeit an. Und ich habe verstanden, wie wichtig es für jeden Menschen ist, einen spirituellen Mentor zu haben.

Heute lehrst du in der Jeschiwa junge Juden aus der ganzen Welt, leitest jüdische Meditations-Retreats. Wie gestaltet sich deine Arbeit mit der jungen Generation?

Dov Ber heute

Es ist einfach mit ihnen zu arbeiten, weil viele junge Menschen sehr wohl spüren, dass sie ein sinnloses Leben leben: den ganzen Tag Netflix schauen, Gras rauchen, und im Grunde vor sich selber fliehen. Das macht sie empfänglich für Spiritualität und Tiefe. Sie erkennen, dass sie eigentlich vor nichts fliehen müssen – die Torah erlaubt, ein physisches Leben zu leben. Es ist möglich, Wein zu trinken, und es gibt ein eheliches Intimleben.  

Was konntest du ihnen in der Corona-Zeit weitergeben?

Den Glauben. Ich fragte sie, wie sie sich in Zeiten der Ungewissheit fühlen. Denn wenn du fest an Gott glaubst, und weißt, dass Er die Welt lenkt, und alles zum Besten ist, dann hat sich auch durch Corona nicht viel für dich geändert.  

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  1. Sehr inspirierend!

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