Ein schwarzer Panther - Re:Levant
Israel, Gesellschaft, Klassenkampf, Golda Meir

Ein schwarzer Panther

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Heute etwas für den morgigen Ersten Mai.

Die Familie Abergil, eine warmherzige, lebensfreudige Familie, deren Mitglieder sehr aneinander hängen, lebt in Rabat, Marokko. Das Jahr ist 1948. Ruwen Abergil ist fünf Jahre alt, einer der besten Schüler in der religiösen Schule, die in der jüdischen Tradition „Cheder“ heißt, verschlingt schon Bücher und weiß nicht, dass seine Eltern die Flucht in den neugegründeten Staat Israel planen.

Doch was sie in Israel erwartet, ist in jeder Beziehung ein freier Fall in tiefstes soziales Elend. Die Familie zerfällt, und die Kinder versinken in die Kriminalität. Das Buch „Ein schwarzer Panther“ von Tamar Verete-Zehavi (Kibbuz Meuhad-Sifriat Hapoalim, 2020) ist die Geschichte der Familie Abergil, aber sie ist zugleich die verschwiegene Geschichte eines Drittels der israelischen Bevölkerung.

Im folgenden Auszug befinden wir uns schon auf einem der Höhepunkte der Protestbewegung der „Schwarzen Panther“. Ruwen Abergil war einer der Gründer dieser Bewegung, er ist inzwischen mit Rina verheiratet und hat einen ersten kleinen Sohn, Alon. Er lebt immer noch im Armenviertel Mussrara. Die „Schwarzen Panther“ waren die wichtigste Protestbewegung in Israel. „Wenn ihr den Kuchen (das Staatsbudget) nicht gerecht verteilt, gibt’s keinen Kuchen!“ und „Wir wollen keine Brosamen vom Kuchen, wir wollen das Messer, mit dem der Kuchen geschnitten wird!“ schrien sie.

Die damalige Premierministerin Golda Meir stand dieser Bewegung hilflos gegenüber. Sie hatte keinerlei Verständnis für diese jungen Männer und Frauen, die sie „nicht nett“ fand.

Die „Schwarzen Panther“ schafften es, die Beziehung zwischen den europäischen („aschkenasischen“) Juden und den arabischen („orientalischen“) Juden grundsätzlich zu verändern. Bis heute ist Ruwen Abergil in jeder Protestbewegung aktiv.

Eine persönliche Bemerkung: Ich kenne Ruwen Abergil persönlich seit vielen Jahren und habe sehr hohen Respekt vor ihm. Es ist mir eine große Ehre, einen Text zu übersetzen, wo es um ihn geht. Der Vorname des Schwarzen Panthers, Ruwen Abergil, wird offiziell auf Hebräisch Re’uwen geschrieben, in die europäischen Sprachen kam er als Ruben an. Hier schreibe ich ihn Ruwen, so wie er von uns allen angesprochen wird.

Ein schwarzer Panther

von Tamar Verete-Zehavi

Übersetzung: Uri Shani

„Mach mir einen Gefallen, zieh einen Anzug an“, bat Rina.

„Niemals. Ich ziehe an, was ich immer anziehe.“

„Ruwen, dann zieh dir wenigstens eine Jacke an.“

„Nein!“

„Dann rasiere dich, bevor du gehst.“

„Nein!“

„Aftershave?“

„Nein. Was, geh ich etwa zu einem Rendezvous mit dem türkischen Sultan? Mit dem russischen Zaren? Mit dem japanischen Kaiser? Ich gehe zu Golda Meir, ich hoffe, sie bietet uns ihre amerikanischen Zigaretten an.“

„Wie kommst du dorthin?“

„Die Freunde kommen mit einem Taxi. Ich gehe zu Fuß, ich will nachdenken auf dem Weg.“

„Jalla, viel Erfolg!“ umarmte ihn Rina herzlich.

„Viel Erfolg!“ plapperte der kleine Alon ihr nach.

Ruben Abergil, 1971

Auf dem Weg zum Büro der Premierministerin listete er nochmals in seinem Kopf die Forderungen auf, ‚Forderungen, nicht Anliegen!‘ sagte er wieder zu sich, die sie der Regierung stellten: ‚gute Schulen in unseren Vierteln; kostenlose Kindergärten für Kleinkinder; Ausmerzung der Brennpunkte der Armut; anständige Wohnung für jede Familie; den Polizisten, Kommissaren und Detektiven soll es verboten sein, Häftlinge zu schlagen; Rehabilitierung von Häftlingen nach dem Absitzen ihrer Haftstrafe… und schäm dich nicht dafür, wer du bist‘, warnte er sich. ‚Schäm dich nicht für deine Mutter, die Mahlzeiten aus Fleisch und Gemüse zubereitete, die im Markt weggeworfen wurden. Schäm dich nicht für deine älteren Brüder, die fast gar nicht lesen und schreiben können. Schäm dich nicht dafür, dass du hundert Male im Gefängnis saßest. Vergiss nicht, dass es die Regierung und die Premierministerin ist, die sich schämen müssen, nicht du!‘

Er wartete auf seine Freunde vor dem Eingang zum Büro der Premierministerin und kicherte: ‚Ich bin wie einer der Armen in ‚Tausend und einer Nacht‘, die in den Palast des Königs eingeladen werden.‘

Das Treffen dauerte drei Stunden.

Zum Schluss bat die Premierministerin, dass nichts darüber der Presse berichtet werde. „Dieses Gespräch war geheim, und bald werde ich Sie zu einem zweiten Gespräch einladen, und wir machen einen Plan.“

Sie versprachen, nichts über das Gespräch zu erzählen und antworteten deshalb auf keine der Fragen der Journalisten, die auf sie lauerten, als sie aus dem Büro traten, und die ihnen Hunderte von Metern nachliefen, um trotzdem ein paar Worte aus ihnen zu locken.

Alle fünf kehrten zu Fuß nach Mussrara zurück. Auf dem Weg zitierten sie einige Sätze und lachten.  

„Das war gut, wie du ihr sagtest: ‚Warum fragen Sie mich, was ich arbeite und nicht, was ich studiere?'“

„Oh, das war Klasse, wie sie dir sagte, dass unser Name – die Schwarzen Panther – ihr nicht gefalle und sie uns rate, einen anderen Namen zu wählen. Vielleicht erfindet sie uns einen Namen auf Jiddisch? Schwarze Chajes, schwarze Tiere, so nennen sie uns doch…“

Alle fünf brachen in ein großes Gelächter aus und befreiten sich von der Spannung, die sich angestaut hatte.

„Und was heißt das Ganze? Die Schwarzen Panther, das sind genau die Schwarzen Chajes, vor denen sie Angst haben.“

„Oh, und was für gute Zigaretten sie raucht… wie heißen die? Chesterfield? Und wie die sauber geordnet bei ihr sind.“ Und sie lachten wieder.    

„Wenn ich nicht wüsste, dass sie Premierministerin ist, würde ich meinen, sie sei eine Kuchenverkäuferin in Mea She’arim, wo sie am Donnerstag Kugel verkaufen. Hast du mal Kugel gegessen? Nicht schlecht.“

„Man hat gesehen, dass sie noch nie mit unsereins gesprochen hat. Sie hat uns angegafft, als hätte man ihr Tiere aus dem Zoo gebracht. Tiere, die plötzlich sprechen können.“

„Aber wir haben ihr nicht das Gefühl gegeben, dass sie stark ist. Wir haben uns nicht gebeugt. Wir haben unsere Meinung gesagt, mit aller Wucht.“

Als er nach Hause kam, sah er Rina vor dem Haus sitzen, gierig darauf wartend, dass er ihr erzähle. Ruwen sagte ihr, dass sie der Premierministerin versprochen hätten, nichts zu erzählen, bis sie sie wieder träfen. Bald. Aus seinem Gesichtsausdruck verstand sie, dass das Gespräch gut verlaufen war. Was sie erreicht hatten, das wusste sie nicht.

„Ich kann dir eins sagen, auch der Erziehungsminister war da, Igal Alon.“

„Igal Alon? Ist der nicht Minister für Neueinwanderer?“

„War er, und jetzt ist er Erziehungsminister. Was für Ämter die erhalten.“

„Und was war mit dem Minister?“

„Ich sagte ihm, dass ich studieren will. Er fragte mich, ob ich ein Abitur habe. Ich sagte ihm, dass ich nur zwei Jahre in der Schule war. Er sagte, das geht nicht ohne Abitur. Ich sagte ihm, dass er und seine Partei daran schuld seien, dass ich kein Abitur habe. Wenn sie mir gute Lehrer gebracht hätten, hätte ich ein Abitur.“

„Und was hat er gesagt?“

„Er sagte, er würde darüber nachdenken.“

„Und wenn er dich studieren lässt, was machen wir dann? Woher holen wir Geld zum Essen, wenn du studierst?“

„Werden wir holen“, sagte er und ging hinaus zu einer Gruppe von jungen Leuten, die aus der Stadt Ssderot gekommen waren, um die „Schwarzen Panther“ kennenzulernen.

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Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Rosebud
Rosebud
12 Tage

Sehr schoen!

Ich kenne Ruwen Abergil zwar nicht persoenlich, aber von Demonstrationen und Veranstaltungen – und es ist mir eine Ehre zu sehen, dass ein Buch ueber ihn geschrieben wurde – und jetzt auch ein Teil davon uebersetzt!

Die „Pantherim“, die u.a. Milch vom gutbuergerlichen Rechavia (in Jerusalem) stahlen und nach Musrara und andere Armenviertel brachten, wo sie und ihre Familien in schrecklichen Bedingungen lebten, feiern dieses Jahr 50. Jahrestag der Gruendung. Die Kluft der „Haves“ und „Have-Nots“ hat sich leider nicht geschlossen, eher im Gegenteil. Ein trauriges Jubilaeum.

Eine Anmerkung und eine Frage an den Uebersetzer:

– Anmerkung: es waren, soweit ich weiss, fast nur junge Maenner (keine oder sehr wenige Frauen). Goldas abwertende Bemerkung ist mir als „hem lo Bachurim nechmadim“ in Erinnerung, also „sie sind keine netten Jungs.“ Von den oben erwaehnten Frauen ist mir nicht bekannt.

– Frage: Wer ist Tamar Verete-Zahavi (die Autorin)?

Zum Abschluss empfehle ich den Dokumentarfilm, der vor einigen Jahren im Kino lief und jetzt vollkommen (leider nur auf Iwrit) auf Youtube ist: https://m.youtube.com/watch?v=jdnYAVAnhKg

In diesem Sinne, froehlicher Tag der Arbeit!

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