Ramle, Musik, Unterricht, Gesellschaft

Violinstunde

Zeev Smilansky entstammt einer Schriftstellerfamilie. Sein Vater, der Schriftsteller S. Yizhar, war ein Sohn des Schriftstellers Zeev Smilansky, und dessen Onkel war der Schriftsteller Moshe Smilansky. Zeev (der Sohn und Enkel) studierte Mathematik und arbeitete in der High-Tech- und der Biotechnologie-Branche. Daneben publizierte er zwei Poesiebände und Kurzgeschichten. „Im Gerümpel“ (Pardes, 2020), sein erster Roman, beschreibt ein Mosaik der gemischten Stadt Ramle, die eine arabische Stadt war, bis die meisten Bewohner 1948 vertrieben wurden und Neueinwanderer stattdessen angesiedelt wurden. In dieses Mosaik kommt Hagai nach Ramle, um seine erste Violinstunde zu geben.

Im Gegensatz zu der Erwartung, die existieren könnte, angesichts der beschriebenen Genealogie, ist der Stil von Zeev (der Enkel) ein sehr salopper, gespickt mit slang und hautnah an der israelischen Realität. Die Satzzeichen, und vor allem das Auslassen der Satzzeichen, ist natürlich Absicht, oder wie es der Autor mir sagte: „Jedes Komma, und jedes Auslassen eines Kommas, ist in Blei gegossen.“

Für den Psalm 19 habe ich die Luther-Übersetzung benutzt.

Violinstunde

von Zeev Smilansky

Übersetzung: Uri Shani

Vor lauter Aufregung kam er eine Stunde zu früh, eigentlich eineinviertel Stunden, um Viertel vor drei stand er schon neben dem alten Taxistand. Er stand da an der Ecke mit der blauen Jacke und der Baskenmütze und dem Ziegenbärtchen, und in der Hand der Geigenkasten und der Bogen, und auf dem Rücken ein Rucksack mit Noten und zusammengeklapptem Notenständer, und einem Regenschirm, zur Sicherheit. Er streckte seinen Kopf aus, um genau hinzusehen, die Nummer sechs sei in der Straße der Negevbrigade, aber an die zerfallenden Häuserwände waren nur Plakate auf Arabisch aufgeklebt, mit Bildern mit einem Mann mit Schnurrbart und dunkler Sonnenbrille, der eine Ud in der Hand hielt. Er wandte sich an einen der Taxifahrer, der sich an die Wand lehnte und in der winterlichen Sonne erwärmte und sagte: Entschuldigung, bitte, wo ist hier Nummer sechs? Jener öffnete ein halbes Auge und musterte Hagai, der vor ihm stand, als wäre er ein seltener Fisch, der aus dem arktischen Ozean gefischt wurde, und sagte ihm: Sechs… Sechs… Jacky! Jacky! Er schrie plötzlich so laut, dass Hagai erstarrte. Von der Kreuzung kam ein älterer Mann herüber, mit einem kleinen Glas in der Hand, in dem eine dunkle Flüssigkeit schwamm, und machte diese bekannte wedelnde Handbewegung, die besagt: Was? Was? Was schreist du so? Jacky! schrie der Erste noch lauter, Jacky! Wo ist Nummer sechs? Da ist einer, der fragt. Nummer sechs… Nummer sechs… strengte sich Jacky an. Hmmm…. Hier ist Nummer eins, dann ist das wohl dort drüben, dort wo der Lastwagen steht, gegenüber den Gewürzen, siehst du? Danke, murmelte Hagai, drehte sich um und überquerte die schmale, schmutzige Straße der Panzerbrigaden, zum Laden für Hausgeräte, wo die verschiedenen Waren aus Plastik auf den Gehsteig quollen, farbige Schüsseln in verschiedenen Größen, die eine in der anderen in der anderen, Waschschüsseln aus Plastik, Eimer, Besen und anderes, und danach ein Uhren- und Schmuckgeschäft, mit lauter billiger und hässlicher Ware, dann überquerte er die Straße der Nachschubtruppen und ging einer steinernen Mauer entlang, bis er ein blaues Eisentor erreichte und daneben ein kleines Schild, worauf „Stadt Ramle – Erziehungswesen“, stand. Er versuchte, einen Eindruck vom Gebäude zu gewinnen, aber die Straße war sehr eng, und so überquerte er nochmals vorsichtig die Straße, die Straße der Negevbrigade, und schaute auf das Gebäude. Irgendwann in der Vergangenheit war es ein prächtiges Haus gewesen, mit zwei Stockwerken, aus weißem, grob gehauenen Stein im Tubse-Stil, mit wunderschönen roten steinernen Fenstersimsen, im Sumsum-Stil gehauen, und hölzernen Fensterläden, die vormals rostrot angestrichen gewesen waren. Im zweiten Stock war eine halbrunde Veranda mit Säulen. Das Haus umgab eine Mauer, die einen kleinen Hof einschloss, in dessen Mitte ein riesiger Palisanderholzbaum stand, mit acht oder zehn Stämmen, die diagonal aus der Erde wuchsen, wie ein riesiger Chanukkaleuchter. Der Baum war jetzt entlaubt, aber man konnte sich leicht das Haus in der Zeit seiner Pracht vorstellen, bevor seine Bewohner wer-weiß-wohin vertrieben worden waren. Im Hof waren bestimmt auch Zitronen- und Orangenbäumen und ein Gemüse- und ein Gewürzgarten, ein herrlicher Ort, sich unter dem riesigen Palisanderholzbaum auszuruhen, bis der Tag ausgebrannt hatte, vielleicht auch ein kleiner Springbrunnen, der ein beruhigend sprudelndes Geräusch von sich gegeben und kleine Vögel beherbergt hatte. Aber jetzt, so befand er mit Blick durch das blaue Eisentor, hatte man den ganzen Hof mit einem abstoßenden Kunstrasen bedeckt, der seinerseits von Dreck und Abfall bedeckt war, und auf dem Dach der halbrunden Veranda mit den stilhaften Säulen hatte man einen hässlichen grauen Behälter gestellt, der als Abstellkammer diente, zu dem eine plump und geradezu unanständig angeschweißte verrostete Eisenleiter führte.  Alles sah billig und vorläufig aus. Bestimmt wird man mich dorthin, in diesen Behälter, schicken, dass ich dort Geige unterrichte, dachte er, und sein Herz sank. Aber nach einem weiteren Moment fasste er sich, öffnete das blaue Eisentor und betrat den Hof.

Er stieg die fünf elliptischen Stufen der wunderschönen Steintreppe hinauf, durchquerte eine Kolonnade mit Säulen mit wohlgeformten Kapitellen und öffnete eine graue Eisentür. Darin war ein Büro mit einigen Tischen, das ohne den Fußboden mit den überwältigenden Verschmückungen ganz normal ausgesehen hätte. Ähh… sagte er, da niemand seinen Kopf in seine Richtung hob. Ich suche Liat? Von einem der Tische stand eine etwa vierzigjährige Frau mit angenehmen Gesicht auf, offenbar jüdisch-religiös, denn sie trug ein formloses langes Kleid über einem Hemd mit langen Ärmeln, klobige schwarze Schuhe und ein riesiges Kopftuch aus blauen Stoff mit Blümchen und gekonnt verknüpft. Du bist Hagai? sagte sie und fügte hinzu: Schalom, ich bin Liat, von der Erziehung, ja, ja, klar, du bist ein wenig zu früh, willst du vielleicht Tee oder Kaffee, willst du das Zimmer sehen, klar, klar, wir haben hier die ganze Welt auf den Kopf gestellt, damit dieser Kurs durchgeführt wird, du kannst dir das nicht vorstellen, komm bitte, komm, hierlang. Sie gingen aus dem großen Raum, der wahrscheinlich einmal eine prachtvolle Empfangshalle gewesen war, in einen Korridor, und nach ein paar Abzweigungen erreichten sie ein Zimmer, das dem Bug eines Schiffes ähnelte: Die eine Seite, die zum Garten mit dem riesigen Palisanderholzbaum wies, war ein halbes Sechseck, und in jedem der drei Teile dieses Tryptichons war ein schönes Fenster eingebaut, mit großen roten Fensterläden. Auch hier war der Fußboden mit geometrischen Verzierungen in Rot, Grau und Schwarz geschmückt. In der hinteren Ecke des Zimmers stand ein Berg von Plastikstühlen, ein kleiner Schrank und ein paar Bürogegenstände, aber der größte Teil des Zimmers stand leer.  Wir haben dir das Zimmer geleert, sagte Liat stolz, du kannst dir gar nicht vorstellen, wieviel Schlachten wir hier gefochten haben, das war ein Lagerraum hier, du kannst nicht glauben, was wir alles weggeschmissen haben. Ausgezeichnetes Zimmer, sagte Hagai erleichtert, darüber dass man ihn nicht in den Behälter auf dem Dach gebracht hatte. Hast du eine Ahnung, wie viele kommen werden?  Ich glaube drei, sagte Liat, Moment, ich schau mal nach. Hier: Reina Surmani, acht Jahre alt, David Kahanov, zehn Jahre alt, und Margaret Sonnenberg, sie ist… ich glaube neun. Super, sagte er, ausgezeichnet, und sie wissen alle, dass sie eine Geige mitbringen müssen? Klar, klar, nicht nur das, sie haben sich eingeschrieben, haben gezahlt, das ist wirklich ernst, weißt du, es gibt noch einen, der wird wahrscheinlich Gitarre unterrichten, und vielleicht noch jemand, in einer Schule, vielleicht Bistritzki, oder El-Huda, oder Terra Santa… ich glaube, Trompete, oder vielleicht.. wie nennt man das… Klarinette, oder Saxophon, ich bin nicht sicher. Und vielleicht, wenn wir es schaffen, ich meine nur, ja? Wenn wir es schaffen, können wir vielleicht ein Orchester daraus machen… aber das hat noch Zeit, das werden wir noch sehen. Sie hielt inne, selber bewegt von ihren Ideen, den weitläufigen, um nicht zu sagen gefährlichen, die sie wagte zu äußern.

Gut, sagte sie, nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, kann ich dir noch etwas bringen? Gibt es noch etwas, was du brauchst? Tee, Kaffee? Nein? Super, dann gehe ich jetzt wieder runter, aber nur dass dus weißt, in einer halben Stunde gehen alle, also am besten du kommst mit mir, damit ich dir zeige, wie man hier abschließt. Er ging mit ihr, und sie zeigte ihm, wie man die Türe schließt die Alarmanlage betätigt und was der Geheimcode war. Er zog sein Handy heraus und fotographierte das Schildchen mit allen Telefonnummern für den Notfall, und dann sagte sie komm mal ich zeige dir wie man Tee macht und wo die Toiletten sind und sie zeigte ihm die Teekanne und die Teebeutel und ein Glas mit Kaffee und eins mit Zucker und Löffel und zwei Gläser und noch ein paar pappene Becher und hier hinten sind die Toiletten, bis sie schließlich zurückkehrten, sie zu ihrem Tisch und er wand sich durch den Korridor der vormals zu Zimmern führte wo früher Menschen angenehm und sorgenlos wohnten und vertrieben wurden und nicht mehr da waren. Er kehrte in das schöne Zimmer mit der Tryptichonwand und dem herrlichen Fußboden und dem Berg Plastikstühlen in der Ecke zurück. Er zog angestrengt vier Stühle heraus, die er sorgfältig auswählte, und ordnete sie, drei im Halbkreis und einen gegenüber, suchte im Haufen etwas, das wie ein Tisch aussah, fand aber nichts Ähnliches, und zog deshalb noch einen Stuhl heraus, stellte ihn neben seinen Stuhl und darauf seine Sachen. Er stand neben dem Fenster und betrachtete den riesigen Palisanderholzbaum und den schmutzigen synthetischen Rasen, der zu seinen Füssen ausgebreitet war, als bat er um Verzeihung. Er seufzte und zog seine Geige aus dem Kasten und auch den Bogen, prüfte ihn, schmierte es mit Kolophonium, das er aus einer roten Schachtel entnahm, auf der ROSIN stand, prüfte nochmals die Geige und den Bogen, steckte die Kolophoniumschachtel in seine Tasche zurück und legte die Geige unter sein Kinn, zog ein wenig an der Geige, um die Stimmung zu prüfen, aber sie war gestimmt, G D A E, und seufzte deshalb nochmals ein bisschen, senkte den Bogen und hob ihn dann mit einer theatralischen Bewegung und begann, wie von selbst, die Prelude der dritten Partita in E, BWV 1006, von der er wusste, schmerzlich wusste, dass er sie nicht, dass er sie nie richtig spielen konnte und es auch nie wird können, so wie sie, die Partita, es erforderte, oder vielleicht war es genug zu sagen, so wie die Prelude es forderte, professionell aber ohne Anstrengung, zwar mit Geige und Bogen, aber als ertönte sie unvermittelt, von selbst, als spiele sie sich selbst, so wie er einmal Perlman hörte, wie er sie spielte. Ja, Perlman, er war zwar damals im Reservedienst, das war gleich nach dem Krieg, und auf die merkwürdige Weise, wie hier die Dinge geschehen, brachte man ihnen Perlman, sie wurden zum Konzert befohlen, statt zu schlafen, in einen Speisesaal in einem der Kibbutzim, und sie saßen da, er und noch zwanzig oder dreißig Soldaten, hundemüde, dreckig und schockiert, und dort war auch er, Perlman, saß in diesem Speisesaal dieses Kibbutzes, mit ihnen, keiner sagte was, weder Perlman noch jemand anderer, und Perlman nahm einfach seine Geige und begann ohne Einleitung diese Partita in E, Prelude, Loure, Gavotte, Minuet I, Minuet II, Bourree, Gigue, und als Perlman mit der Prelude begann, so wie er sie nie gespielt hatte und sie nie wird spielen können, gemäß ihrer geheimen Natur, geheim in ihren Noten, spielte sich mit Freude, nein, nicht mit Freude, das ist nicht wahr, fröhlich, nein, auch das nicht, vielleicht mutig, das passt auch nicht, nicht energisch, und nicht einfach hell, nicht charmant, sondern irgendwie anders, vielleicht wie der Bräutigam, der aus der Chuppa tritt, und sich wie ein Held freut, zu laufen die Bahn, und wenn schon, dann der ganze Text, der plötzlich so passend erscheint.

Ein Psalm Davids, vorzusingen:

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,       und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.

Ein Tag sagt’s dem andern,       und eine Nacht tut’s kund der andern,

ohne Sprache und ohne Worte;      unhörbar ist ihre Stimme.

Ihr Schall geht aus in alle Lande und ihr Reden bis an die Enden der Welt.     Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht;

sie geht heraus wie ein Bräutigam aus seiner Kammer       und freut sich wie ein Held, zu laufen die Bahn.

Nachdem die Partita beendet war, senkte Perlman die Geige. Die Hälfte der Männer schlief schon in ihren Stühlen, die andern blieben wach, aber nur er und vielleicht auch Adi, ja, bestimmt auch Adi, nur ihnen hatte sich der Magen umgestülpt, aber trotzdem sagte niemand ein Wort, sie klatschten nicht einmal, und nach einem weiteren Moment, oder zwei, sagte Rafi der Kommandant na gut wir gehen, sie bestiegen wieder den Lastwagen und fuhren zurück zum Posten, der Lastwagen humpelte und rumpelte auf der schlechten Straße, brach ihnen die Knochen, gut das ist Perlman, aber hier war nur er, im Haus der Erziehungsverwaltung der Stadt Ramle, mit seiner Geige, und seinem Bogen, und sich selbst, und all diese versperren ihm die Prelude in E, knarren und verfälschen und schwindeln, die Geige und der Bogen und er selbst mehr als alles andere, aber er überwand sich trotzdem und stand , so wie er war, stand vor dem Palisanderholzbaum, vielleicht im Gedanken, dass der Baum ein gebührendes Publikum sei, einerseits, und ihn nicht zu viel kritisieren werde, andererseits, stand und spielte diese Prelude von Bach vom Anfang bis zum Schluss, mit allem Knarren und Falschen und den schändlichen Fehlern, für die es keine Entschuldigung gab, stand mutig und spielte, ohne sich zu rechtfertigen, vom jungen energetischen Anfang durch die langsame nachdenkliche Mitte und bis zum mutigen Schluss, bis zum letzten langen Bogenstrich, bis zum letzten Ton. Und danach stöhnte er wieder, legte die Geige und den Bogen zurück an ihren Platz, schloss den Kasten und setzte sich einen Moment, stand aber sofort wieder auf und ging zurück in den verschlungenen Korridor zur Kaffeeecke und machte sich ein Glas Tee in einem der beiden Gläser, die dort waren, stand und schaute auf nichts, mit dem Tee in der Hand, bis er das Klopfen an der Tür hörte.

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Rosebud
Rosebud
2 Monate

Sehr schoen! Nebenbei ist der Stil zwar verschieden, aber auch Smilanskis Vater (S. Yizhar – interessanterweise schaemte sich der Vater fuer den Galut (Diaspora)-Namen, der Sohn nicht) hat den 1948-Krieg und seine Folgen thematisiert, vor allem in seinem bekanntesten Buch „Khirbat Khize“, wo es um die Vertreibung der arabischen Dorfbewohner geht – sein Sohn thematisiert die Spaetfolgen in der gemischten Stadt Ramle, deren Bevoelkerungszusammensetzung eine Folge des 1948-Krieges ist, der fuer viele nie geendet hat…

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