Hörte ich eine andere Stimme

Hörte ich eine andere Stimme

Chajuta Deutsch, Jahrgang 1960, publizierte nach drei Sachbüchern im Jahr 2009 eine Geschichtensammlung und dann 2014 ihren ersten Roman: “Hörte ich eine andere Stimme”. Im Zentrum steht eine Journalistin in einer doppelten Krise, einer persönlichen und einer ideologischen. Sie ist wie die Autorin Anhängerin des nationalreligiösen Zionismus, fühlt sich aber bedroht von den extremistischen Auswüchsen auf der rechten Seite. Neben ihrer Geschichte entwickelt die Autorin parallel dazu einen Krimi über eine rechtsextreme, messianistische Untergrundbewegung, und der folgende Abschnitt behandelt diese Gruppe. Der israelische Geheimdienst hat in diese Gruppe einen Agenten eingeschleust, um die Gruppe und ihre Machenschaften aufzudecken. Die Übersetzung dieses Abschnitts erscheint bei uns drei Tage nach dem 24. Jahrestag der Ermordung von Premierminister Itzchak Rabin. Auch damals gab es einen Agenten, der eigentlich hätte wissen sollen, was sich zusammenbraut.

In diesem Buch wird die direkte Rede nicht mit Anführungszeichen gekennzeichnet.

Chajuta Deutsch, Roman, Schriftstellerin, Israel

Hörte ich eine andere Stimme

von Chajuta Deutsch

Übersetzung: Uri Shani

“Am Anfang war die Geschichte – die Regeln kamen später.”

Eine Gruppe von Jugendlichen ist in einem fast völlig abgedichteten Wohnwagen versammelt. Rotes Sonnenuntergangslicht dringt in das kleine Zimmer durch die Ritzen der halb geschlossenen Rollladen des Fensters hinein. Alle Anwesenden haben die letzte Selektion überstanden. Sie sind entschlossen. Sind in dieser kleinen Siedlung eines Abends mit Rucksack, Mantel und Schlafsack erschienen und warten auf Anweisungen. Jeder kam aus seinem eigenen, besonderen Grund. Naama, zum Beispiel: hat in einer “Ulpana”, einer religiösen Mittelschule, gelernt, und nach dem Zivildienst arbeitete sie als Putzmacherin. (Was sie sah, als sie in Wohnungen von Anderen gearbeitet hat: Spuren von Frauen, die ihre Männer betrügen und von Männern, die ihre Frauen betrügen; unverschämte Jugendliche, die nur mit sich selbst beschäftigt sind.) Oder Oriya: ein vorbildlicher Offizier in der “Golani”-Einheit, der kürzlich seinen Dienst beendet hat. (Was er im Militär sah: Nachlässigkeit, Gleichgültigkeit, Schlamperei.) Die israelische Gesellschaft wird immer verdorbener. Jeder, der hier in diesem Wohnwagen sitzt, kann eine Menge Beispiele dafür bringen.

Der Einzelne und die Gesellschaft, sagt der Redner, befinden sich in einer ständigen Bewegung zueinander und voneinander weg, wie in einem Tanz. Die Augen des Redners glühen, und sein weißes Haar fällt auf seine Augen. Er mustert die Anwesenden. Einige von ihnen werden morgen oder übermorgen ausscheiden. Die Einen hat er selbst ausgesucht, in schlauer Ermittlung. Nach jeder Katastrophe, die eine moralische Unterlassung bewirkte, erschien er in den Krankenhäusern, ging an Beerdigungen, besuchte die “Schiwa” und fand sie: wütend, hoffnungslos, rachsüchtig, von einer Neuordnung träumend.  

Ruth traf er nach einer familiären Krise. Ihr Vater, eine angesehene Persönlichkeit, betrog seine Frau und verließ das Haus. Ihre jüngere Schwester ist in einer psychiatrischen Abteilung interniert und leidet unter Anorexie, nachdem sie seifenopersüchtig wurde und wie die Heldinnen aussehen wollte. Als er sie traf, war Ruth vollständig reif, offen für seine Pläne. Jamit, seine rechte Hand, fand er bei der Beerdigung ihrer Freundin. Die Freundin war ein Opfer eines Terroranschlages auf dem Weg nach Hause in ihre Siedlung in den Besetzen Gebieten. Der checkpoint, der an dieser Straße war, wurde ein paar Tage zuvor aufgehoben, aus zynischen politischen Erwägungen. Bei der Beerdigung stand sie neben ihrem Freund Itay, und ein seltsames Feuer brannte in ihren Augen. Ein kurzes Gespräch mit ihnen reichte. (Damals wusste er noch nicht, dass die Fäden, die ihn mit dieser Jugendlichen verbanden, komplizierter verknüpft waren, als es zunächst schien.)

Nennt mich Levi, sagt er den Anwesenden. Einfach – Levi. Mit Betonung auf der zweiten Silbe. Vorbeter, Gottesgesandter. Sie verstehen, dass es nur ein Deckname ist und fragen deshalb nicht nach seinem wirklichen Namen. Ein hoher Mann mit einem klaren Blick. Wenn sein langes weißes Haar auf seine Augen fällt, wirft er es mit einer Kopfbewegung nach hinten.

Was ihr wollt, ist nicht Rache an den Arabern, erklärt er den Anwesenden. Rache an den Arabern ist nicht interessant, dafür gibt es Andere, wenn es überhaupt wichtig ist. Ihr seid hier, um uns alle wieder auf den rechten Weg zu führen, den Königsweg, wie wir so schön auf Hebräisch sagen, den Weg der Könige, der Priester und des auserwählten Volkes. Eine Kultur ohne Zurückhaltung und ohne Finesse, in der der Impuls und der Gefühlsausbruch vorherrscht, ist zum Untergang verurteilt. Und wer soll davor warnen, wenn nicht wir?

In seiner Fantasie sieht er brennende Paläste.

Wie ist Jochai gestorben, erzähl es mir, wird Jamit ihn in einer ihrer Gespräche fragen. Und er wird ihr über einen Jüngling erzählen, der von seinen Eltern davongelaufen ist und im Flughafen herumgeirrt ist. Jochai war der Mann, der ihn gefunden hat, der ihm einen Platz gegeben hat und ihm höchst wichtige Dinge beigebracht hat. Dann wird er ihr erzählen, wie Jochai in der Schlacht gefallen ist, ein überflüssiger und bedeutungsloser Tod, an dem ein besoffener Kommandant schuld war.

Warum sagst du bedeutungslos, wird Jamit sagen. Hier ist die Bedeutung. Hier ist alles, was daraus geworden ist. Alles, was du bist, und wir.

Die erste Selektion war am Telephon. Achtzig Prozent wurden abgewiesen. Die zweite Selektion war in einer persönlichen Begegnung. Jamit behandelte die Dokumentation und die Interviews. Sie fragte Fragen, die man normalerweise nicht fragt, wie – was denkst du müsste korrigiert werden. Was ist zerbrochen, nach deiner Meinung, was ist kaputt gegangen. Es gab welche, die kamen mit Tränen in den Augen aus dem Interview. Tränen der Freude. Endlich fragte jemand die richtigen Fragen.

Die Torah beginnt mit einer Geschichte, fährt Levi im gedrängten Raum fort. Wie der Mensch gebildet wurde, wie er zum ersten Mal gesündigt hat, wie der Tod kam. Wie er mordete, liebte, eifersüchtig war. Erst später wurden die Geschichten zu einer Ansammlung von Gesetzen. Eine große und langweilige Ansammlung von Gesetzen. Tut dies und das, und jenes dürft ihr nicht tun.

Er atmet tief. Er wartet. Nimmt sein Publikum wahr. Dann erklärt er, was der Unterschied ist zwischen einer notwendigen moralischen Grenze und einer Haarspalterei, die auf überflüssigen Kleinigkeiten beharrt. Was der Unterschied zwischen großen Menschen und kleinen Menschen ist. Er entzieht sich Fragen über die Grenze und das Gesetz. Habt ihr mal den Film “Cider House Rules” gesehen? fragt er. Nein? Ihr seid guterzogene Kinder, gehört zu einer Welt von Gesetzen. Schaut euch diesen Film vom Jahr 1999 an, und ihr werdet einiges über Gesetze verstehen. Wie problematisch die sind, wie es manchmal unumgänglich ist, sie zu brechen. Er hält einen Moment inne und fährt fort: Aber “the Sound of Music” habt ihr bestimmt gesehen. Ja? Also ich frage euch: Wer war erfolgreicher, der Vater mit seinen Gesetzen oder Maria Trapp, das Kindermädchen, mit der Musik?

Das Kindermädchen mit der Musik! antwortet Jamit. Ihre Mutter ist immer noch süchtig nach diesem Film, unzählige Male hat sie ihn gesehen. Jamit versteht Levis Gedanken schnell. Itaj, ihr Freund, ist kritischer. Er sitzt neben ihr im überfüllten Wohnwagen und zieht eine Augenbraue hoch. Diese kleine Geste hat eine sofortige Wirkung auf sie. Jamit meldet sich mit erhobenem Finger: Wenn Itaj nicht einverstanden ist, muss der Redner sich hinterfragen, und ich muss mich hinterfragen, denn was Itaj sagt, ist mir sehr wichtig.

Die Anwesenden unterdrücken ein Lächeln. Was ist hier gerade geschehen?

Levi setzt sich, lehnt sich zurück, zufrieden und gelassen. Alles läuft wunderbar. Er mag dieses Paar – aber in der letzten Zeit nimmt er beim jungen Mann einen Zwiespalt wahr. Er sollte mal Aug in Auge mit ihm sprechen.

Itaj, was wolltest du sagen? wendet er sich an ihn.

Ich wollte sagen, dass ihr ein wenig zu weit geht mit der Sache mit den Gesetzen. Das ist alles.

Das ist alles?

Itaj nickt. Einen Moment sieht es fast so aus, wie wenn Levi das akzeptiert, aber schnell stellt sich das Gegenteil heraus. Legenden, sagt Levi, das ist es, was Millionen von Menschen suchen, die die internationale Filmindustrie so erfolgreich gemacht hat. Sie wollen, dass man ihnen eine Legende erzählt. Und wenn sie gut ist, lernen sie daraus etwas und verändern sich.

Dann beginnt er über die Halacha, die jüdischen Gesetze zu sprechen. Über den Schulchan Aruch. Der ist nicht genug, sagt er. Der Schaden, den er gebracht hat, ist grösser als sein Nutzen. Er hat die Hände gefesselt und Angst verbreitet. Er hat verängstigte Menschen in der Diaspora in den Tod getrieben. Die ursprüngliche jüdische Ethik erfordert kein Gesetz, denn das Gesetz ist in ihrem Wesen. Das kleinliche Gesetz zerkleinert. Es ist Zeit für das große Gesetz. Das große Gesetz sprießt aus Schönheit und Stärke. Das große Gesetz ist in unserer Natur, und wir brauchen Geschichten, die uns an dieses Gesetz erinnern, das in uns allen ist: Liebe Deinen Nächsten, respektiere Deine Eltern, stiehl nicht! Sagt mal, gibt es jemand, dem man das erklären muss? Dem man das in Paragraphen und Absätze zerstückeln muss? Wem man das erklären muss, der ist geistig behindert. Das ist es eigentlich, was allen geschehen ist. Und das ist auch mit der Thora geschehen: Aus einer herrlichen Sammlung von Geschichten, die den Menschen darstellen, mit seinen Mängeln und den Möglichkeiten, sie zu überwinden, ist die Thora zu einer Liste von Regeln verkommen. Du darfst nicht auf dem Dach rauchen! Du darfst keine Sandwiches im Bett essen! Rabbi Karlebach, der das besser als alle Anderen verstand, sagte, wir ähnelten den Ärzten, die um den Kranken auf dem Weg in die Intensivstation versammelt sind, und auf dem Weg dorthin schneiden sie ihm die Fingernägel. Der jüdischen Welt ist das Herz gebrochen. Maniküre wird da nicht helfen. Sie braucht eine Adrenalinspritze. Zur Wiederbelebung. Für die stärksten Kräfte. Sie braucht Legenden, und Material, aus dem die Legenden gemacht werden: Menschen, bemerkenswerte, die sich nicht mit Kleinigkeiten befassen.

Jamit strahlt vor Freude. Ihre Eltern waren Schüler von Rabbi Karlebach. Sie beginnt zu klatschen.

Wie schön sie ist, denken alle Jünglinge im Wohnwagen. Wie gefährlich sie ist, denkt einer von ihnen, der mit dem orangen feurigen Haar.

… 

Chajuta Deutsch, Schriftstellerin, Israel

This Post Has 3 Comments

  1. Sehr schoen! Chajuta Deutsch ist uebrigens eine gebuertige Leibowitz, und hat auch eine Biografie zu Nechama Leibowitz z”l geschrieben. Ist sie mit Nechama und Jeschajahu Leibowitz z”l verwandt? Es waere eine interessante Verbindung zu diesen zwei religioesen, aber sehr liberalen und aufgeklaerten Philosophen und Denkern…

    1. Wenn Du Lust, kannst Du sie fragen. Ich geb Dir ihre e-mail-adresse.

  2. Gerne (als pm, damit sie nicht mit Telefonaten bombardiert wird)

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