Im Gespräch mit Maurice Tszorf - Re:Levant Deutsche in Israel
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Im Gespräch mit Maurice Tszorf

Deutschsprachige in Israel

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In unserer neuen Interviewreihe stellen wir Menschen in Israel vor. In diesem Interview lernen wir den deutschsprachigen Ole (=Einwanderer) Maurice Tszorf kennen.

Erzähl uns ein bisschen über dich!

Geboren wurde ich 1954 in England. Als ich drei Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir, meinem älteren Bruder und meiner jüngeren Schwester nach Gelsenkirchen, wo mein Vater, orthodoxer Rabbiner, eine Anstellung als Lehrer und Vorbeter erhielt. In den darauffolgenden Jahren sind wir sehr viel umgezogen, sowohl innerhalb Deutschlands als auch in die USA, wo zwei Brüder meines Vaters mit ihren Familien lebten. Mein Vater und seine Brüder waren die einzigen Überlebenden von 12 Geschwistern. Mein Vater hatte den Krieg in Palästina überlebt, wo er 1938 hingegangen war. 

Maurice Tszorf, Relevant Autor
Maurice Tszorf

Meine Mutter wurde wie mein Vater in Polen geboren, kam aber 1925 im Alter von fünf Jahren nach Finnland, wo sie aufwuchs und lebte, bis sie meinen Vater kennenlernte. Er war nach Helsinki gekommen, um sich für die Position des Gemeinderabbiners zu bewerben. Die gesamte Kernfamilie meiner Mutter hat in Finnland überlebt, einige Verwandte in England, aber niemand ihrer in Polen zurückgebliebenen Verwandten.

Bis zum 12. Lebensjahr habe ich an verschiedenen Orten in Deutschland gelebt, anschließend mit Unterbrechungen bis zum 16. Lebensjahr in Israel, zum Teil bei Verwandten, zuletzt mit meiner Familie. Von dort gingen wir für ein Jahr in die USA und zogen dann zurück nach Deutschland. Dort durchlief ich eine Ausbildung zum Augenoptikermeister. In dieser Zeit wandte ich mich von dem orthodoxen Judentum ab, in dem ich aufgewachsen war. Später studierte ich in Tübingen Anglistik und Linguistik.

Wann bist du nach Israel gekommen?

Während meiner Ausbildung und meines Studiums habe ich Israel oft besucht und beherrschte auch die Sprache. Vor meiner Alijah (Einwanderung nach Israel) lebte ich sechs Jahre lang in Hamburg, arbeitete als Geschäftsführer eines Augenoptik-Geschäfts und betrieb eine eigene Fotogalerie. Ende 1991 beschloss ich, nach Israel auszuwandern.

Wo hast du zuerst gelebt, als du hierher gekommen bist und wo hast du sonst so hier gelebt? 

Meine erste Wohnung in Israel war eine angemietete Dachwohnung in Jaffo, die ich durch die Vermittlung eines Bekannten bekommen habe. Dort habe ich acht Jahre gewohnt, bevor ich zusammen mit meiner Lebensgefährtin in den Norden zog, zuerst nach Binyamina, dann nach Pardes Hannah, wo wir heute leben.

In dem Haus wohnte außer mir nur noch eine jüdische Familie, eine Mutter mit ihrem erwachsenen Sohn. Alle anderen Bewohner, unter anderem mein unmittelbarer Nachbar, waren arabische Familien, zu denen ich sehr guten Kontakt hatte. Nachbarschaftshilfe war genauso selbstverständlich, wie an jedem anderen Ort.

Warum bist du hierher gekommen? Was hat dich dazu veranlasst? 

Mein Motiv für die Alijah im relativ hohen Alter von 37 Jahren war in erster Linie der Wunsch, Wurzeln zu schlagen, an einem Ort, der mir dafür am besten geeignet erschien, unter anderem auf Grund meiner Erinnerungen aber auch auf Grund meiner durchgehenden auch gefühlsmäßigen Verbindung zum Land. Zudem war ich Zionist und betrachtete Israel als den Ort, an dem ich mich als Jude würde zuhause fühlen können, während ich mich in Deutschland immer auch etwas fremd gefühlt habe. Das lag sicherlich auch daran, dass ich in einer orthodoxen Familie und dem sozialem Ghetto aufgewachsen bin, das typisch war für die Generation der Überlebenden. Ich glaubte, mich in Israel als Teil der Gesamtheit fühlen zu können, als Teil einer Schicksalsgemeinschaft. Während des Studiums löste ich mich zwar aus der jüdischen Gemeinschaft und bewegte mich vor allem unter nichtjüdischen Menschen, habe mich aber nie ganz von den Einflüssen der frühen Jahre gelöst und letztlich lag mir auch an der jüdischen Tradition.

Was machst du beruflich und wie bist du dazu gekommen? 

Wie gesagt, bin ich ursprünglich Augenoptikermeister, ein Beruf, den mein Vater für mich ausgesucht hatte. In den ersten vier Jahren in Israel habe ich ein eigenes Augenoptik-Geschäft betrieben, bis mich die Arbeit nicht mehr erfüllte. Bereits sehr bald nach meiner Ankunft im Land hatte ich begonnen, journalistisch zu arbeiten, vornehmlich zu kulturellen Themen. Der Umgang mit Sprache war eigentlich, und spätestens seit meinem Studium, stets mein Metier gewesen und so habe ich 1995 auf den Beruf des Übersetzers umgesattelt und das Geschäft verkauft. Optikgeschäfte betrete ich seitdem nur noch als Kunde. Nebenbei schreibe ich weiter, sowohl journalistisch als auch frei. 

Warst du in der Armee?

Da ich erst im Alter von 37 Jahren Alijah machte, war ich vom Armeedienst befreit.

Bist du politisch und/oder gesellschaftlich aktiv?

Ich halte mich politisch auf dem Laufenden, bin aber nach eigener Ansicht nicht ausreichend aktiv.

Was vermisst du an Deutschland? 

Vor allem meine Freunde, wovon mir auch nach knapp 30 Jahren nicht wenige verblieben sind. Ich vermisse den im Vergleich zu Israel sehr entspannten Alltag auf allen Ebenen, die Verlässlichkeit der Abläufe, und nicht zuletzt auch die Tatsache, dass ich aufgrund des Unterschieds in den Lebenshaltungskosten dort als Selbstständiger sehr viel weniger arbeiten müsste, als hier, um durchzukommen. Ich vermisse auch die Weite des Landes, die Städte, sowie die Möglichkeit, ohne Umschweife andere Länder besuchen zu können; ich vermisse die Gutwilligkeit und Toleranz der Menschen und des Staates, die Nachsicht und die Rücksichtnahme…

Was liebst du an Israel?

Ich liebe, bei aller Schwierigkeit, die Mentalität der Menschen, ihre Geradlinigkeit und Authentizität. Ich liebe auch die Unberechenbarkeit im Alltag (während ich in Deutschland gerade die Berechenbarkeit liebe), die Farbe und Spannung ins Leben bringt, ja, die pure Herausforderung in der Bewältigung des Alltags. Ich liebe die Landschaft, vor allem die Wüste. Ich liebe den Stolz der Menschen, ihre Wärme, ihre Unmittelbarkeit, ihre Intelligenz, ihren Einfallsreichtum, ihre Art, out of the box zu denken, ihre fast osteuropäisch anmutende Improvisationskunst und ihren Pragmatismus. Und ich liebe das Wetter, das von den zwei oder drei Sommermonaten abgesehen besser nicht sein könnte.

Was kann deiner Meinung hier in Israel verbessert werden?

Eine solche Frage ruft – besonders bei Neueinwanderern – zu Vergleichen mit anderen Orten auf, und solche Vergleiche sind immer problematisch. Und doch gäbe es hier in der Tat viel zu verbessern: Verkleinerung der sozialen Schere; Verringerung der Lebenshaltungskosten; die Rechtslage der Mieter; Bekämpfung der von oben nach unten durchsickernden Korruption; eine Verfassung; gleiches Recht für alle; Verbesserung des teuren aber desolaten Bildungssystems…

Was liebst du an deiner Stadt, deiner Nachbarschaft/Schuna, deiner Straße? Hast du ein Nachbarschaftscafé, ein “Parlament” (=Stammtisch), erzähl mal davon.

Pardes Hannah ist ein Ort mit ländlichem Flair, den wir – meine Lebensgefährtin, unsere Tochter und ich – sehr lieben. Es hat trotz seiner relativ geringen Größe eine bunt gemischte Bevölkerung. Wir sind hier durch jahrelange Aktivität in einem Alternativ-Theater in eine Gemeinschaft ungewöhnlicher, interessanter, sehr liebenswürdiger Menschen eingebunden. Wir pflegen natürlich den Kontakt zu unseren Nachbarn.

Wir haben auch ein Nachbarschaftscafé, das ich zwar selten, aber gern besuche. Dort trifft man immer jemanden, den man kennt, oder man verabredet sich gleich.

Als ich nach meiner Einwanderung in Jaffa lebte, war ich tatsächlich Mitglied eines klassischen “Parlaments”: Eine Konditorei schlug jeden Freitag einen Tisch auf, der mit köstlichem Gebäck und schwarzem Kaffee gedeckt wurde, und um den herum sich immer dieselben Männer versammelten – Vertreter aller Schichten, Aschkenasim und Sephardim, die innerhalb einer Stunde alle Probleme des Landes im Handumdrehen lösten. Eine wunderbare Weise, die Woche abzuschließen.

Wie ist dein Verhältnis zu Deutschland und hat sich in der Beziehung was geändert, seitdem du hier bist?

Ich habe Deutschland spätestens mit dem Eintritt in das Berufsleben nicht als homogenen Block betrachtet. Mein Verhältnis zu dem Land war stets komplex und zuweilen auch widersprüchlich. Seitdem ich in Israel lebe, setze ich mich sehr viel weniger mit deutscher Politik Juden oder Israel gegenüber auseinander. In dieser Hinsicht hat sich mein Verhältnis eher entspannt. Ich habe heute ein weit positiveres Gefühl Deutschland gegenüber. Der misstrauisch hypersensible Blick hat sich in generelles Interesse verwandelt. Ich war dort auch nie sehr in die lokale Politik involviert, weil ich mich nie voll und ganz als Teil, als Deutscher, empfand. So kenne ich mich beispielsweise in der israelischen Politik und mit israelischen Politikern sehr viel besser aus, als dies jemals in Deutschland der Fall war.

Was ist dein Lieblingswort im Hebräischen?

Ich liebe den Klang vieler Wörter. Es wird oft gesagt, Hebräisch sei eine harte Sprache, aber sie hat sehr viele weiche Wörter, die zumeist mit dem -a-Laut auslaufen. Zu ihnen zählen meine Lieblingswörter: Ahava für Liebe, Adva für kleine Wellen…

Wenn du nochmal Alijah (nach Israel einwandern) machen würdest, was für Tipps würdest du dir selbst geben, mit dem Wissen, dass du heute hast?

So früh wie möglich proaktiv und intensiv Kontakte zu den Menschen aufbauen. Nichts erwarten, weder vom Staat noch von den Mitmenschen, damit rechnen, alles selbst in die Hand nehmen zu müssen, mit viel Kreativität, Flexibilität und gesundem Misstrauen. Mit schockierend hohen Lebenshaltungskosten und vielen unerwarteten Überraschungen rechnen. Und Fünfe auch mal gerade sein lassen.

Wo ist dein Zuhause?

Als freiwilliger Emigrant aus einem Land, in dem man sich letztlich gut gefühlt hat, hat man, glaube ich, immer zwei Zuhause. Das ist deutlich an den Einwanderern in Israel aus den verschiedenen Ländern zu sehen, auch bei einem Großteil der Migranten in Deutschland oder in den USA.
Der Wunsch, der mich nach Israel gebracht hat, nämlich Wurzeln zu schlagen und Teil der Gemeinschaft zu werden, hat sich leider nur teilweise erfüllt. Zu spät in meinem Leben fand dieser Wechsel statt. Ich bin sehr oft in Deutschland und fühle mich dort wie ein Fisch im Wasser und oft, besonders, wenn ich mit Freunden zusammen bin, auch zuhause. Aber ich habe hier eine Familie gegründet, eine Tochter, die in der Armee ist. Seit fast 30 Jahren ist Israel mein Lebensmittelpunkt. Vom Land her betrachtet tendiert das heimatliche Gefühl letztlich doch nach Israel.

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Rosebud
Rosebud
2 Monate

Frage an Maurice: du schreibst, dass deine Lieblingslandschaft in Israel die Wueste ist. Jedoch lebst du mit Familie in der “israelischen Toskana” (Weinbaugebiet um Zikhron und Binjamina), eine sehr schoene Gegend, aber das Gegenteil der Wueste. Warum?

1+
Maurice
Maurice
2 Monate
Antworten  Rosebud

Liebe/r Rosebud, leider kann man seinen Wohnort nicht immer dorthin verlegen, wo man es am schönsten findet.
Neben der rein optisch-emotionalen Attraktion spielen bei dieser Auswahl noch einige andere Faktoren eine Rolle.

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Das letzte Mal am 2 Monate von Maurice Tszorf bearbeitet
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