In den Stimmen - Re:Levant
Israel, Film, Roman, Shoa

In den Stimmen

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Irit Dovrat, über sich und das Buch „In den Stimmen“:

„Ich bin in Haifa in Israel geboren und lebe heute, verheiratet mit vier Kindern, in einem Dorf namens Givat Ada. Viele Jahre lang war ich Lehrerin für Theater in der Mittelschule und Yoga-Lehrerin. Meine Masterarbeit in Gender studies schrieb ich über „intimes feminines Schreiben“, und daraus kam der Traum, selber ein Buch zu schreiben.

Mein erstes Buch, „Dorthin führen mich meine Beine“ erschien 2015, das zweite, „In den Stimmen“, 2020. Dieses zweite Buch erzählt über Schira, eine Frau in der Mitte ihres Lebens. Nachdem ihr Lebenspartner tödlich verunglückt, beschließt sie, ihrem Leben eine willentliche Wendung zu geben. Sie fährt weit von Israel fort, um einen Film über ihre Großmutter zu machen. Im Roman verschlingen sich das Leben von Schira und das ihrer Großmutter.

In den Stimmen

von Irit Dovrat

Übersetzung: Uri Shani

In einer parallelen Welt

In der ersten Szene des Filmes werden ein Mann und eine Frau in einer menschenleeren Straße gehen. Er ist jung, seine Zeit ist – jetzt. Sie ist eine junge Frau, ihre Zeit ist vor dem Zweiten Weltkrieg. Obschon fast hundert Jahre zwischen ihnen liegen, wird man sie in der ersten Szene in derselben Straße gehen sehen. Bild ohne Ton. Man hört nur ihre Schritte auf dem Pflaster. Die Frau wird die Straße hinuntergehen. Der Mann wird hinaufgehen. Derselbe Gehsteig, dieselben Häuser im Hintergrund, dieselbe Straße. Die Kleider, die sie tragen, ihre Frisur, was sie in den Händen tragen – das wird den Unterschied der Zeiten andeuten. Sobald sie sich dem Kaffee „Roma“ nähern werden, wird sich die Straße mit Menschen füllen. Diese werden wie aus einem Nebel erscheinen, ihre Umrisse werden langsam deutlich werden. Einige gehören zur Zeit des jungen Mannes, die anderen zur Zeit der jungen Frau. Die Stimmen und Klänge der Straße werden langsam lauter und deutlicher werden und ihr Gehen begleiten. Eine Straßenbahn wird langsam durch die Straße fahren. Die Frau wird ihren Kopf wenden und der Straßenbahn hinterherschauen, bis sie verschwinden wird. Sie werden sich dem Kaffee nähern. Vor dem Eingang werden sie einen Moment lang innehalten. Die junge Frau wird aus einer kleinen, schwarzen Handtasche, die an ihrem Arm hängt, eine Puderdose hinausnehmen, sich im kleinen Spiegel betrachten und ihr Gesicht sanft tupfend pudern. Dann wird sie mit der Hand durch ihr Haar fahren und ihren engen Bleistiftrock glätten. Der junge Mann wird vor dem Kaffee stehen und das Schild betrachten. Dann wird er eine kleine Brieftasche zücken, eine verblichene Fotographie hinausziehen und das Foto mit dem Schild vergleichen. Er wird etwas erkennen – drei Stufen, die zu einer breiten, mit einem Spitzen-Vorhang bedeckten Glastür führen. Er wird die Tür öffnen, und vielleicht wird dies der Moment sein, in dem sie, die sich daran gewöhnt ist, dass Türen sich vor ihr öffnen, hineingehen wird. Sie werden am selben Tisch sitzen, sich nicht sehen – eine Entfernung von hundert Jahren liegt zwischen ihnen.

Vielleicht wird die Sonne in rotem Licht untergehen. Vielleicht wird der Tag langsam, leise, lautlos versinken, wie ein goldenes Blatt, das im Herbst vom Baum fällt.

So stellte ich mir den Beginn des Filmes über Oma Ira vor. Aus dem, was sie mir erzählt hatte. Aus dem, was Opa verschwiegen hatte. Aus dem, was ich in ihrer Stadt, wohin ich gefahren bin, gesehen hatte.

Die Frau, die die Straße hinuntergehen wird, ist schön, elegant und trägt einen wollenen Mantel mit Pelzkragen. Ein roter „Barett“-Hut liegt schräg auf weichem, welligem, honigfarbenem Haar. Der schräg liegende Hut verbirgt eine Seite ihres Gesichts. Die Augen sind hellblaue, scharfe Schlitze. Ein Auge ist sichtbar, das andere vom Hut verborgen. Obschon ihr Teil des Filmes schwarz-weiß sein wird, wird man wissen, dass der Hut rot ist. Sie hat den Blick eines Vogels. Sie geht hinunter. Sie ist kleinwüchsig, ihre Bewegungen geschmeidig und ihre Schritte leicht. Ihr Körper reagiert auf die Bewegung. Sie ist sehr präsent. Ihre Hände sind mit Handschuhen aus dünnem Leder, wie Spitze, bedeckt, und liegen in den Manteltaschen. Ihre Handtasche hängt von ihrem Handgelenk herunter. Sie wird langsam gehen, die Blicke suchend, den Kopf, der sich nach ihr umdreht. Die Schritte der Passanten werden auf dem steinernen Pflaster widerhallen. Ich möchte das in der Tonspur betonen, wie Musik. Sie wird in einer Zeit gehen, die an die 1920-er Jahre erinnert, vielleicht die 1930-er. Ihre Straße wird diese Zeit widerspiegeln.

Er ist der, der hinaufgeht. Er ist jung. Seine Zeit – jetzt. Er ist hochgewachsen, energetisch, mit schwarzem, kurzem Haar und Augen, die grün leuchten. Er ist ihr Urenkel und hierhergekommen, um Spuren zu suchen. Das „Waze“ in seinem Handy lenkt ihn. Von seiner Mutter hatte er die Geschichte gehört, mit allen Details, die sie wusste. Jetzt sucht er, vielleicht versucht er zu verstehen, er ist ein Sucher. Erforscht die kleinen Einzelheiten. Er ist entschieden, verzichtet auf keine Schattierung. Er ist sanft, offen, geschmeidig, vielleicht sind seine Augen eine Spiegelung der ihren, nur in grünlicher Färbung.

Sie werden auf demselben Gehsteig gehen, nur in umgekehrter Richtung. In meiner Fantasie spielt sich diese Szene in einer Straße auf einem Hügel in der Stadt Galatz in Rumänien ab. Es ist zwar eine ebene Stadt, ohne Hügel, aber für den Film bin ich bereit, da ein bisschen zu schummeln. Sie hat mir diese Szene so viele Male erzählt, dass ich sie ganz klar vor mir sehe.

Sie geht aus ihrem Haus hinaus in Richtung der Schneiderstube, die sie zusammen mit ihrem Mann, meinem Großvater, verwaltet, gibt den Näherinnen letzte Anweisungen und geht dann in die Stadt, zum Kaffee.    

Ich habe Rolf gewählt, er soll meinen Film drehen. Er hat sofort verstanden, wie ich ticke, und fand eine wunderbare technische Lösung, um die beiden Zeiten zu vereinigen, sodass es aussehen wird, als wurden sie gleichzeitig gefilmt, genau wie die Geschichte in meinem Kopf saß.

Wir haben mit der ersten Szene begonnen, denn die ist komplizierter, er geht hinauf und sie hinunter. Sie sind etwa gleichaltrig. Das ist das Bild, das schon seit Jahren in meinem Kopf festsitzt. Das ist genau das Bild.

Ich hatte schon fast aufgegeben, bevor ich Rolf traf. Zufällig. An jenem Morgen stand ich früh auf um zu schreiben. Vor mir lag eine kleine, versteckte Bucht – der bewaldete Berg stürzt dort scharf auf die Bucht hinunter. Ein Feuerball der aufgehenden Sonne stieg vom Wasser auf, stieg hinauf, tröpfelte Feuertropfen ins Blau und malte rosa die Wolken. Das Dorf streckte seine aufwachenden Glieder, gähnte genüsslich; Fensterläden wurden geöffnet, Geruch von bitterem Kaffee, Küchenlärm, Stielaugen. Mein Zimmer, von dem man das Meer sieht, war dunkel. Der Computerschirm erlosch angesichts des sonnigen Feuers, die schwarzen Buchstaben verschwammen. Ich klappte zu. Ich ging hinunter und schwamm in die blaue Unendlichkeit. Ich glitt auf den Wasserstrahlen, still wie eine winzige Welle, tauchte hinein, ging hinaus. Die Haut erzitterte.

In ein Badetuch eingehüllt saß ich auf einem flachen Felsen, auf dem man den Körper angenehm ausbreiten kann. Zwischen den Steinschenkeln gab ich mich der Sonne hin, dass sie die Kälte beruhige und den Körper entspanne. Ich las ein Buch. Auf Hebräisch. Rolf ging hinunter zum Baden. Betrachtete das Meer mit einem durchdringenden Blick und verschwand im blendenden Blau. Als er zurückkam, setzte er sich mir gegenüber, nickte zum Gruß und betrachtete eingehend das Buch.

„You read in Hebrew?“

„Yes, you recognize?“

„I know to read a little bit.“

Rolf schreibt Reisebücher; Gedanken während der Reisen, Poesie, Prosa, Erfahrungen. Er macht Vollmondnächtewanderungen, mit nur kurzen Pausen. „Eine Wanderung während mehrerer Tage mit wenig Nahrung und fast ohne Schlaf, das ergibt andere Möglichkeiten mit den Worten.“

Er gab mir das Buch zurück. Ich nahm wahr, dass er helle Hände hat, lange Finger, dünne Gelenke. „Die Klänge der Natur sehe ich in Farben, die Nahrung hat einen Klang, den ich in mir höre. Ein Apfel, zum Beispiel, klingt wie ein Saxophon.“ Ein kleines Lächeln, ein forschender Blick, er näherte sich zagend, danach kicherte er ein wenig schüchtern. „Die Berührung der Erde hat einen feuchten und tiefen Geschmack von Kirschen. Die Sinne vermischen sich, du glaubst mir vielleicht nicht, aber das ist ein wahrlich psychedelischer Effekt.“

Das letzte Buch, das er geschrieben hat, „Eine Riese zum tiefsten Punkt“, schrieb er über seine Reise von der Küste hinauf nach Jerusalem und hinunter zum Toten Meer. „Ich war in einem regelrechten Trip.“ Er blickte aufs Meer hinaus, das Blau spiegelte sich in seinen Augen. „Ich war ein halbes Jahr lang in Israel und lernte ein wenig Hebräisch.“ Er zeigte auf ein Haus, dessen Veranda über der Bucht hängt. „Im Sommer wohne ich hier. Jedes Jahr komme ich hierher ins Dorf, zu dieser kleinen Wohnung. Hier sammle ich alle meine Eindrücke vom Weg. Erinnere mich. Schreibe sie wieder auf.“

Ich hob meinen Blick zur kleinen Veranda, gleich über uns. Ein kleiner, runder Tisch und zwei Stühle blickten auf die Bucht. „Man kann von deiner Veranda mit Kopfsprung ins Meer springen.“

Ein Schatten eines Lächelns. Er ist nicht der schräge, ernste, überhebliche Typ. Nein. Nein. Ich erkannte in ihm Milde. Sanftmut. Etwas Freundliches und Warmes strömte aus ihm heraus. Von diesem schlanken, mageren Körper. „Du bist ein Modell, von dem man den menschlichen Körper studieren kann“, sagte ich ihm später einmal.

Er hat ein Lachen, das aus der Tiefe seines Bauches kommt. So anders als sein asketisches Aussehen. Rolf erwirtschaftet seine Einnahmen als Fotograph, und er hat Ideen, wie er meine Ideen filmen könnte. Wir werden zusammenarbeiten. Nein. Er wollte nicht dafür bezahlt werden, aber er würde sich freuen, wenn ich einen Teil seines Reisebuches auf Hebräisch übersetzen würde.

Bevor ich ihn kennengelernt hatte, hatte ich verschiedene Kameramänner getroffen. Noch in Israel. Ich hatte ihnen die erste Szene vorgestellt. Ich war begeistert, bewegt, zuerst schüchtern gewesen, hatte erklärt, fast bettelnd, bis der Funke des Zweifels in ihrem Blick erschienen war, ein Zögern, sie hatten andere Möglichkeiten vorgeschlagen, Kompromisse, Lösungen.

„Du verstehst nicht! Das ist unmöglich. Es gibt keine Kamera, die das machen kann.“

„Richtig! Ich verstehe nicht! Aber entweder so, wie ich es will, oder gar nicht!“

„Eine Straße in Galatz“, sagte ich ihm. Schon zögernd. Schon zweifelnd. Denkend, dass es Zeitvergeudung ist. Rolf sagte, dass es möglich sei, und dass er wisse, wie es zu tun sei. Er begeisterte sich, die Hände erklärten nach den Worten, wie die Szene getrennt gefilmt werden soll: „Zwei Kameras: Sie, er, zugleich. Damit der Hintergrund, die Tageszeit und das Wetter gleich aussehen, und so können wir die ‚continuity‘ und die Glaubwürdigkeit sicherstellen. Wir müssen gut vorbereitet sein, einen einzigen langen shot mit zwei Kameras parallel filmen. Das ist schwierig, aber möglich. Ich habe hier in Griechenland Freunde, Kameramänner, die das machen können“, sagte er. Danach wird er es mit einem besonderen Filmschnitt-Computerprogramm zusammenschneiden. Der Hinaufgehende mit der Hinuntergehenden. „Das wird aussehen, als geschähe es gleichzeitig“, versprach er.

Ich war beruhigt und schrieb weiter. Bilder, die ich mit rückwärts gerichteten, hineinschauenden Augen sah. Ich gab ihnen Worte: Zeit. Ort. Geruch. Textur. Blick. Handlung.

Stimmen      

von Mauern. von Häusern. Wenn sie sprechen könnten. Wenn sie die Geschichte derjenigen, die dort gelebt hatten, erzählen könnten. Die Stimmen der Gegenstände, die sich damals dort befanden. des knirschenden Schaukelstuhles, auf dem gesessen worden war. der Bewegung des Ventilators, der die Luft abkühlte. der Blätter der Bücher, die gelesen wurden. des Lichtschalters. des Tröpfelns des Wassers in der Dusche. des Metalls. des Holzes. des Porzellans. Stimmen innerhalb des Hauses von Material, das Material berührt. von Material, das Menschen berührt. Das Kämmen des Haares, die Hand, die die Locken entwickelt. einer Tür, die geschlossen wird.

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Benjamin
Benjamin
4 Monate

Wunderschöner Ausschnitt! Besonders die mise-en-scene von der Filmszene, wo sich zwei Personen treffen, obwohl hundert Jahre zwischen ihnen liegen, ist toll…

Angelika-Ditha Morosowa
Angelika-Ditha Morosowa
4 Monate

Das tönt sehr ineressant. Man kann sich die Szenen sehr deutlich vor Augen führen, was neugierig macht.

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