Interview mit Patrick Stafler - Re:Levant
Israel, Leute, Mittlerer Osten
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Interview mit Patrick Stafler

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Lernt den Ex-Düsseldorfer Patrick Stafler kennen, der seit 2010 Israel als sein Domizil erklärt. Wie es dazu gekommen ist und warum, hier in unserem Gespräch mit ihm.

Erzähl uns ein bisschen über dich!

Ich wurde in Düsseldorf geboren, kurze Zeit nachdem meine Eltern aus Rumänien übersiedelten. Mein Vater kam mit dem sprichwörtlichem einen Koffer und seinem Arzt Diplom, nachdem vorige waghalsige Fluchtversuche gescheitert waren. Wie viele rumänische Juden, hatten sie sich schon damals mit der Frage auseinandergesetzt, ob Israel das richtige Ziel für sie sei. Im kommunistischen Rumänien zu bleiben war keine attraktive Option. Meine Mutter erzählt lebhaft, wie die Hälfte ihrer Klassenkameraden Deutschland wählten und die andere Hälfte Israel. Aus Deutschland kamen überwiegend positive Signale: “Hier gibt es Arbeit, Sozialhilfe und die Lebenskosten sind niedrig”. Die israelischen Freunde klagten eher- “Die Hitze ist unerträglich, es gibt ständig Krieg, weder die Juden noch die Araber lassen einen leben…”. Und so entschieden meine Eltern sich für Deutschland. 

In mir formte sich der Traum, in Israel zu leben während der Jugendzentrum Zeit. Ein Schlüsselmoment zum Beispiel war als wir mit einer Gruppe von Madrichim den Film “Entebbe” zusammen schauten. Die meisten von uns hatten Tränen in den Augen, vor Rührung, Stolz und Zugehörigkeitsgefühl. Voll von jugendlichem Enthusiasmus sicherten mein Freund Tommy Cohn und ich uns gegenseitig zu: “Für dieses Land würde ich sterben.” Mit der Zeit wandte sich dieses Konzept um in den Wunsch “für das Land zu leben”, oder zumindest darin.  

Meine Mutter erzählt lebhaft, wie die Hälfte ihrer Klassenkameraden Deutschland wählten und die andere Hälfte Israel. Aus Deutschland kamen überwiegend positive Signale: “Hier gibt es Arbeit, Sozialhilfe und die Lebenskosten sind niedrig”. Die israelischen Freunde klagten eher- “Die Hitze ist unerträglich, es gibt ständig Krieg, weder die Juden noch die Araber lassen einen leben…”. Und so entschieden meine Eltern sich für Deutschland. 

In den darauffolgenden Jahren intensivierte sich meine Identitätssuche, da ich mich nie so Recht in Deutschland zu Hause fühlte. Zionismus und Religion wurden mir hauptsächlich im Rahmen der ZWSt Machanot nahegebracht. Durch Kontakt mit Menschen, die ein in meinen Augen gesundes, positives und inhaltsreiches Judentum vorlebten (als Beispiele seien genannt Eli Stern, Benni Pollack, Awi Blumenfeld, Dani Schustermann und nicht zuletzt Rabbiner Michael Goldberger Z”L) wurde mir bewusst, dass ich nicht assimiliert sein möchte und so begann ich, Tfillin zu legen, Shabbat und Kashrut zu halten.

Ich absolvierte mein Medizinstudium an der Heinrich Heine Universität in Düsseldorf und ging gegen Ende ein halbes Jahr nach Boston, wo ich unter der Aufsicht von Prof Kenneth Falchuk Z”L von der Harvard Medical School mein Doktorat machte. Prof Falchuk war ein ausserordentlich charismatischer Mensch, dessen originelle Denkart mich inspirierte “to think out of the box” (=querzudenken).         

Nach dem Medizinstudium hatte ich das Gefühl, etwas für die Seele tun zu müssen. Zusammen mit einem Haufen 18 jähriger Amerikaner verbrachte ich also, als junger Arzt, ein halbes Jahr auf der Yeshivat Hakotel- eine einzigartige Institution, von dessen Beit Midrash man direkt auf die Kotel herunterschaut. Ich las viel, lief in der Altstadt herum und nahm an möglichst vielen Shiurim, u.a. des Rosh Yeshiva, Harav Aharon Bina, teil, dessen unkonventionelle Lehrmethoden eine intime, authentische und intellektuell ehrliche Bindung zu unseren literarischen Wurzeln vermittelte.    

Voll von jugendlichem Enthusiasmus sicherten mein Freund Tommy Cohn und ich uns gegenseitig zu: “Für dieses Land würde ich sterben.” Mit der Zeit wandte sich dieses Konzept um in den Wunsch “für das Land zu leben”, oder zumindest darin.  

Als ich dann meine eigenen Wurzeln gerade in Israel schlagen wollte, stellte sich heraus, dass Natu Strauss, die Liebe meines Lebens, nach einem 4 jährigen Studienaufenthalt in Israel ihr Zelt nun in London aufzuschlagen plante. Ich folgte ihr, wir heirateten und verbrachten etwa 10 Jahre in London. Natu, in Buenos Aires geboren und in Düsseldorf aufgewachsen, hatte schon mit 18 schon Aliyah gemacht, und uns war eigentlich während des gesamten London Aufenthaltes klar, dass wir letztenendes in Israel leben möchten. 

In London machte Natu ihre Ausbildung zur Kinder und Jugendpsychotherapeutin im Anna Freud Zentrum und ich meine in verschiedenen Krankenhäusern zum Kinderarzt und dann in der Kinderpulmonologie. Es ging uns beruflich und gesellschaftlich sehr gut in Hendon, nicht zuletzt weil wir in der unmittelbaren Nähe meines Bruders Robby und später auch Rachel, Eliav, Aviv und Alon lebten. Der Abschied von ihnen fiel nicht leicht. 

Wann bist du nach Israel gekommen?

Als Natu und ich unsere jeweiligen Ausbildungen endlich abgeschlossen hatten, verwirklichten wir im Jahre 2010 unseren Traum und kamen auf Aliyah nach Israel. Wir waren Mitte 30 und im Schlepptau waren schon die damals 8 jährige Adi und ihre kleinen Schwestern Livi und Nava. 

Menschen in Israel

Warum bist du hierher gekommen? Was hat dich dazu veranlasst? 

Während des Studiums nahm ich jede Gelegenheit war, das Ausland zu erforschen. Ausser in Boston verbrachte ich viele Monate an der Uni Wien und auch in Israel. Nachher, wie erwähnt, lebte ich lange Jahre in England. Meine Zeit in Israel war immer die Beste. Ich lernte ziemlich schnell Ivrit, weil ich mich einfach zu Land, Leuten und Sprache verbunden fühlte. Vom ersten Moment an, hatte ich das Gefühl, die Koffer endlich auspacken zu können.   

Was machst du beruflich und wie bist du dazu gekommen? 

Seit ich im August 2010 in Israel angelangte, arbeite ich als Kinderlungenarzt im Schneider Krankenhaus in Petach Tikva. Ich sehe dieses Zentrum, wenngleich nicht ganz objektiv, als eine Art Mekka der Pädiatrie im nahen Osten. Ich war dort zunächst für das Lungenfunktionslabor zuständig und leite inzwischen den Bronchoskopie Service. Einen weiteren Schwerpunkt setze ich auf die Umsetzung verschiedener Technologien in meinem Fach. So habe ich unter anderem an einem start up mitgewirkt, der Kinder per biofeedback ermutigt, Schleim aus ihren kranken Lungen herauszubefördern und bin als Berater einer Firma tätig, die Ärzten hilft, ihre Patienten anhand eines Gerätes von der Ferne durch das Internet zu untersuchen. Wir entwickeln auch eine digitale Plattform, welche die Behandlung von Asthma Patienten besser und effektiver gestalten soll, ohne ihren physischen Besuch in der Arztpraxis zu erfordern. 

Wo hast du zuerst gelebt, als du hierher gekommen bist und wo hast du sonst so hier gelebt? 

Wir sind von Anfang an in Ra’anana, was uns sehr gut passt. Die Stadt ist zentral in Israel gelegen und hat doch einen intimen Charakter und man kennt sich in der Nachbarschaft. Viele Einwanderer aus angelsächsischen und deutschsprachigen Ländern haben sich hier wiedergefunden und aktive Gemeinden aufgebaut, so wie man sie aus Europa kennt. Der Mix zwischen Religiösen und weniger Religiösen ist angenehm, so dass man auf der einen Seite an Shabbat und Feiertagen die Ruhe auf den Straßen spürt, aber auf der anderen Seite niemand Dir vorschreibt, was zu tun oder zu lassen.  

Warst du in der Armee? 

Da ich schon 36 Jahre alt war, als ich kam, wurde ich nicht eingezogen. Ein bisschen fehlt mir das, aber in diesem Leben wird das wohl für mich nichts mehr. Unsere grosse Tochter hat soeben Schirut Leumi (soziales Jahr) angefangen und trägt ihren Teil bei, indem sie Kinder mit emotionalen Problemen betreut. So wie alle Eltern, hoffen auch wir, dass bis zu dem Tag, an dem unser 4 jähriger Noam (der erste echte Sabre der Familie Stafler-Strauss) Soldat wird, hier Frieden eintritt. 

Bist du politisch und/oder gesellschaftlich aktiv?

Politisch bin ich nicht aktiv, obwohl mich das mangelnde Verantwortungsgefühl vieler Politiker ihrem Volk gegenüber oft rasend macht. Meine ehrenamtlichen Aktivitäten sind auch leider zu wenige. 

Es sind nicht die normalen Menschen, an denen es (Frieden in Israel) hapert. 

Was vermisst du an Deutschland? 

Meine Familie. Bosch und Miele Haushaltsgeräte gibt es auch hier. 

Wie ist dein Verhältnis zu Deutschland und hat sich in der Beziehung etwas geändert, seitdem du hier bist?

Ich habe gegen niemanden etwas und scheue Verallgemeinerungen. Mit meinen Düsseldorfer Fachkollegen habe ich ein ausgezeichnetes akademisches Verhältnis mit regem Austausch. Und doch gibt es Elemente in der Deutschen Gesellschaft, die mir auf das Gemüt schlagen. Dazu gehört die manchmal unpersönliche, kalte, humorlose und dissoziierte Art und Weise, mit Menschen umzugehen.  

Ein Beispiel dafür ist der Versuch meiner Frau Natu, vor ein paar Jahren ihren Deutschen Reisepass zu verlängern. Der Beamte in der Tel Aviver Botschaft stieß unerwarteter Weise darauf, dass ihre Großeltern während der Nazizeit ausgebürgert wurden. Natus Eltern, und dadurch auch sie und ihre Schwester Fabiana, haben zwar in der Nachkriegszeit den Deutschen Pass bekommen, aber Natu wurde wohl aus Versehen nicht regelmäßig wieder eingebürgert. Also, so der Beamte, könne sie nicht ohne weiteres einen neuen Deutschen Pass bekommen, sondern müsse zunächst einen Antrag auf Wiedereinbürgerung stellen, und dafür eine gehörige Gebühr zahlen. Trotz meiner Versuche, zunächst freundlich und dann weniger, dem Beamten die Ironie und Absurdität der Situation vor Augen zu halten, bekam ich wiederholter Weise nur als Antwort “Ja, das sind nun man die Regeln, daran kann ich ja auch nichts ändern.”  Woran ich Anstoss fand, war weniger der sachliche Tatbestand, sondern eher die sture Dumpfheit des Mannes und seine Verweigerung oder Unfähigkeit, ausser dem Regelbuch auch mal sein Gegenüber und die Gesamtsituation ins Auge zu fassen.

Was liebst du an Israel?

Das Gefühl, dass jede Aktion Bedeutung hat- auch die Unangenehmste: Die Steuern, die wir zahlen, helfen Strassen in Israel zu bauen, unsere Arbeitslosen zu unterstützen und Schulen für unsere Kinder zu bauen. Man hört Radio, und obwohl einem die Haare zu Berge stehen, sind es unsere Zurres und die Motivation ist gross, im Alltag dazu beitragen, dass sich die Dinge hier weiter verbessern. Vor Shabbat und Feiertagen nimmt das ganze Land die besondere Stimmung des jeweiligen Festes an. Das ist für jeden sofort in der Luft spürbar, wovon mein Schwager Gidi immer wieder schwärmt.  

israelisch-deutscher Arzt
oznor

Was kann deiner Meinung nach in Israel verbessert werden?

Der Konflikt zwischen Rechts und Links, Religiös und Säkular ist echt. Die Lebensphilosophien gehen weit auseinander und es gibt tägliche Kämpfe darüber, welchen Charakter der sich immer noch in der Bildung befindende Staat haben soll. Ich würde mir wünschen, dass diese Auseinandersetzungen weiter gehen, aber in einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts und Liebe geführt werden. Am Ende sollte es doch mehr geben, was uns vereint, als was uns voneinander trennt. 

Was liebst du an deiner Stadt, deiner Nachbarschaft/Schuna, deiner Straße? Hast du ein Nachbarschaftscafé, ein “Parlament” (=Stammtisch), erzähl mal davon.

Ich liebe meinen “Schil”- Bet Knesset (Schil [aus dem jiddischen] und Bet Knesset [aus dem Hebräischen] sind andere Wörter für Synagoge). Dort ist auch mein “Parlament”, was in unseren Kreisen “Kiddusch Club” genannt wird. Über Hering, Whiskey, Tscholent (sozusagen ein jüdischer Eintopf) und Kigel (Nudelauflauf) werden dort am Schabbes mittag die Weisheiten der Woche zum Besten gegeben und nicht wenig über unsere manchmal absurde Realität gelacht. 

Die Medien konzentrieren sich immer auf den Konflikt zwischen Arabern und Israelis. Kennst du ein Beispiel vom friedlichen Zusammenleben aus dem Alltag, was Hoffnung für die Zukunft gibt? 

Das ist leicht. In meinem Alltag komme ich tagein tagaus mit Arabern in Kontakt. Seien es Patienten, Kollegen, Krankenschwestern, Techniker, etc. Wir leben sehr friedlich zusammen, lachen und weinen zusammen. Es sind nicht die normalen Menschen, an denen es hapert. 

Was ist dein Lieblingswort im Hebräischen?

Sababush, ein Wort was meine Kinder sehr gerne und oft sagen. 

Anmerkung der Redaktion: Sababush ist ein Di­mi­nu­tiv, also eine Verniedlichungsform, von dem Wort Sababa. Sababa ist wiederum ein Slang-Wort, das im hebäischen Alltag zu Hause ist jedoch aus dem arabischen entlehnt wurde und für viele Gelegenheiten benutzt werden kann, wenn man etwas gut findet: toll, schön, super. 

Wenn du nochmal Alijah (nach Israel einwandern) machen würdest, was für Tipps würdest du dir selbst geben, mit dem Wissen, dass du heute hast?

Auch mit den besten Voraussetzungen dauert es mindestens 2 Jahre, bis man einigermassen Fuss fasst. 

Was empfindest du als Zuhause?

Ra’anana, insbesondere ihre „upper east side“, der Tscholent Topf der Europäer.

3+

Leah hat 2004 Alijah gemacht. In Deutschland war sie Regieassistentin am Münchener Residenztheater für Dieter Dorn tätig, am Berliner Ensemble und den Salzburger Festspielen von Claus Peyman engagiert.
Seit sie in Israel ist, beschäftigt sie sich mit Content und Community Management für High Tech Firmen.

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Henry
Henry
23 Tage

Ich bin nicht ganz neutral, da ich ein Freund von Dr.Stafler bin…aber er ist ein Teil des “neuen” Zionismus…nicht alles ist immer rosig in Israel, aber wir sind hier um unseren kleinen Teil dazu zu tuen, es zu VERBESSERN…dazu braucht man etwas Geduld und viel Glaube an das gute….beides hat Patrick und seine ganze Familie ! Danke fuer diesen Artikel !!!

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