Liebchen

Liebchen

Yossi Waxman

Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer

Ein israelischer Roman über die unmögliche Liebe zwischen einer Schoa-Überlebenden und einem verheirateten Mann

Der Roman „Liebchen“ (Yedioth Aharonoth Books), der 2004 in Israel begeisterte Kritiken und angesehene Preise erhielt, erzählt von der unmöglichen Liebe zweier Menschen. Doch es geht in dieser berührenden Geschichte nicht nur um Liebe – um romantische Liebe und die Liebe des Lebens –, sondern vor allem auch um Vergebung. Erstmals in der israelischen Literatur stellt der Roman „Liebchen“ einen Kapo ins Zentrum der Handlung – eine Jüdin, die gegen ihren Willen mit den Nazis kollaborierte – und lotet voller Empathie und Einfühlung die seelischen Abgründe dieser Figur aus.

Yossi Waxman ist ein israelischer Schriftsteller und bildender Künstler; bisher sind neun Bücher von ihm erschienen, die allesamt eine große Resonanz fanden und ausgezeichnete Kritiken ernteten, darunter „Alexandria, mein Schatz“ (1998), „Die Schauspielerin“ (2007) und „Die Zigaretten-Esther“ (2018). Sein Sachbuch „Die Geschichte der Kunst“ (2015) war für den Sapir-Preis (den israelische Booker-Preis) nominiert.

Gabi

Verliebt in eine alte Frau. Äh, also, ich hätte nie gedacht, dass mir so was mal passiert. Ich bin ja schließlich keiner von diesen feschen Teenies aus dem Fernsehen und sie ist wirklich alles andere als eine Annie Giradot. Ich bin knapp über vierzig, pummelig, kriege langsam Glatze. Sie ist noch nicht ganz achtzig. Die Liebe überfällt uns da, wo wir am wenigsten mit ihr rechnen. Wie der Tod. Und kann so schräg sein wie einer dieser frühen Video-Clips von Nina Hagen. Sie meinte, sie liebt es, wo der Mensch am Zerfallen ist. Ich habe gesagt, ich verstehe nicht. Sie zündete sich eine Broadway-Zigarette an und sagte, dort, wo der Mensch am Ende ist, fängt Gott an. Das hat mir gefallen. Da erzählte sie, sie war schon am Ende ihres Lebens und sei von dort zurückgekehrt. Ich lächelte. Und verzog ein bisschen den Mund, aber nur innerlich, damit sie es nicht sieht. Sie lachte, „Warum verziehen Sie den Mund, habe ich irgendwas Dummes gesagt?“ Glücklicherweise zerrte mich Fey zu ihrem Jacaranda. Wo ist denn das Ende des Lebens? […]

Wo fange ich an? Das ist ja fast verrückt. Und genauso einfach. Wie die Katzen. Eigentlich sind die Katzen schuld. Ich ging abends mit den Hunden fürs letzte Gassi raus, zu dem Stückchen Rasen zwischen Block 17 und 19. Mit Stawi, die kaum noch gehen kann und mit Fey, die rumtollt wie ein junger Spund. Jetzt koordinier das beides mal. Stawi kam mit Ahava und dem ersten Fiat Sport; Fey haben wir von „Gebt Tieren ein Zuhause“ geholt, zusammen mit dem englischen Namen und einer Unmenge Haare. „Kriegen Sie bitte mal diesen Terrier in Griff“, blaffte sie mich an. „Sonst drehen mir meine Mädels gleich durch.“ So nennt sie ihre Katzen, „meine Mädels“. Ich zog Fey zu mir ran. Abends macht sie ihnen frisches Wasser. „Sehr angenehm, ich heiße Gabriella. Aber Sie können mich Gabi nennen, wenn Sie wollen. Gabriella klingt so nach Fetisch, oder?“ Ich lachte in mich rein, diese Dame ist echt strange. „Sehr angenehm, ich heiße auch Gabi.“ Allein schon der Gedanke, dass wir den gleichen Namen haben, äh, machte mich an. Dass Sie jetzt bloß nicht denken, ich bin pervers oder so was, absolut nicht. Ich habe bloß eine tief sitzende Schwäche für alte Frauen. Seit meiner Kindheit schon. Alternde Lehrerinnen in synthetischem Strick haben es mir schon immer angetan. Pensionierte Krankenschwestern, die ehrenamtlich beim Gesundheitsamt arbeiten, ebenso. Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, warum. Ich kann Ihnen das nicht logisch erklären. Ahava meint, das spiegelt meine grundsätzliche Neigung zu Obsessionen wider: Ordnungsfimmel, ständiges Saubermachen, Antiquitätensammeln und diese Dinge. Ich bin selbst eine schrullige Alte. Flippe aus, wenn der Teppich nicht bündig auf einer Linie mit den Fliesen liegt. Und dusche auch stundenlang. […]

„Wo hast du denn diesen Kratzer her?“ fragte mich Ahava, als wir am Abend nebeneinander vor dem Badezimmerspiegel standen. „Eine Geliebte“, provozierte ich sie. […] Eine Frau, die den Namen „Ahava“, aber keine „Liebe“ in sich trägt. Das ist doch tragisch, oder? Nun, was ist von unserer Liebe übriggeblieben? Vier Zimmer mit Aufzug, zwei Hunde, eine Antiquitätensammlung, die unser Leben beherrscht, ein Mazda Lantis und ein Renault Mégane, ein Koto bei der Discount-Bank und eins bei der City Bank London – und sollte man uns, Gott bewahre, ins Meer werfen – ein Bild von Avigdor Arikha im Wohnzimmer sowie obendrein Cellulitis. Echt zu bemitleiden dieses Paar. Und plötzlich ist da diese alte Dame aus Nummer 19.[…]

Gabriella

Als ich von der Pediküre zurückkam, habe ich gleich das Rummikub auf den Wohnzimmertisch gestellt und bin duschen gegangen. Mit einem Ohr hörte ich ihn schon, aber ich habe es ignoriert. „Komm her, Liebchen, einmal Masturbieren für Onkel Otto.“ Ich will das nicht. Was tust du mir an? Also, danach bin ich runter zu meinen Mädels zwischen Nummer 17 und 19. Sophie braucht die doppelte Menge, weil sie noch stillt. Dann habe ich meine Mähne toupiert, ein bisschen Eindruck schinden, und die Biskuitrolle aus dem Kühlschrank geholt. In der Zwischenzeit habe ich fünf Broadways geraucht und im Stehen rasch eine Schnitte Brot gegessen, damit ich nicht umkippe. Sie lassen mich nicht in Ruhe, bis sie mich am Galgen sehen, diese Unholde. Als ich auf dem Flur am Spiegel vorbeikam, habe ich Gabriella gesagt, sie sieht gar nicht übel aus, wenn man bedenkt, was sie im Leben durchgemacht hat. Ich habe mich gut gefühlt. Nicht traurig sein, Liebchen. Auch wenn du niemanden hast, der dich liebt. Liebe ist nicht alles im Leben. Um sieben Uhr abends kamen Baby und Lili für unser wöchentliches Dienstags-Turnier. Das beruhigte mich. Also, meine Freundinnen beschützen mich. Vor ihm. […]

Ich bin in der Küche hängengeblieben. Zusammen mit ihm. Immer kommt er. Ohne jede Einladung. Lauert mir auf in dem kleinen Fenster über der Küchenplatte oder im Gemüsefach des Kühlschranks. Fräulein, auf die Knie mit dir. Fräulein, leck mir die Stiefel. […] Ich habe gefleht, dass ich doch Gäste im Wohnzimmer habe, was werden die bloß sagen, wenn sie mich in der Küche suchen kommen und so sehen, mit Hintern und Titten draußen, als hätte ich einen Dachschaden. Zum Glück hatte er dieses Mal Erbarmen mit mir. Ach so, Fräulein. Dann reicht uns das fürs Erste. Schließlich meldeten sich wieder diese Stimmen unten aus der Messerschublade und ich dachte, ich kollabiere. Sie schrien: Dann kriegen die hier eben einen Striptease zu sehen, deine beiden bescheuerten Freundinnen. […]

Da drang Babys Lachen aus dem Wohnzimmer zu mir herüber und jagte ihn zurück in sein Versteck im Gemüsefach, „Grundgütiger, da ist doch hoffentlich niemand gestorben in der Küche?“ Ich atmete erleichtert auf und zog mich schnell an. „Hier ist niemand gestorben“, schrie ich zurück. „Bis jetzt nicht.“

Am Abend, als ich raus bin, den Mädels frisches Wasser machen, hab ich den dicken Nachbarn aus Nummer 17 getroffen. Ach so, sonst geh ich ihm und seinen zwei Hunden lieber aus dem Weg. Besonders dem Terrier. Ich halte zu den Katzen. Dass uns bloß kein Dritter Weltkrieg im Garten ausbricht, sonst droht mir die hysterische Grünspanin sofort, dass sie die Stadtbehörde ruft und solche Sachen. […]

Wir haben miteinander geplaudert und ich hab einen auf weise Philosophin gemacht, blieb mir ja auch nichts anderes übrig, ich mit diesem ranzigen Körper und mit einem Bein im Grab. Der hat mir doch tatsächlich gefallen. Ein bisschen kompliziert, das zu erklären. Er hat mich irgendwie an jemanden aus meiner Vergangenheit erinnert. Vielleicht an Doktor Bloch, als er jung war. Keine Ahnung. […] Das Pummelchen. Plötzlich blinkten seine verträumten Augen wie zwei Sterne, und ich war gar nicht darauf gefasst. Aber ich fand ihn anziehend, keine Frage, obwohl ich ja eigentlich nicht auf Männer stehe. Ich liebe eher Frauen. Vielleicht sind es seine leicht weiblichen Bewegungen. Irgendwie zart. Und rund. Da dreh ich durch. Und nur damit Sie es wissen, ich bin sonst nicht so schnell entflammt. Im Gegenteil bin eher verschlossen und skeptisch. Bei ihm war ich anders als sonst. Als wäre ich aus einem über fünfzig Jahre dauernden bösen Traum erwacht. Guten Morgen, Fräulein. Ich ging in Schlangenlinien und schwenkte den Hintern wie das Flittchen aus dem Einkaufszentrum. Gab mir extra viel Mühe, meine Broadway ganz à la Lauren Bacall zu rauchen. Saugte mich an ihm fest mit meinem ollen Geschwalle, wie die Gangstas aus unserem Viertel das nennen. Habe ihn richtig spitz gemacht. Vielleicht wird er mich lieben. Vielleicht befreit er mich. Wir werden noch sehen. […]

Gegen Morgen kehrten die Stimmen unten aus der Messerschublade zurück. […] Haben Sie kein Erbarmen? Aber mit wem denn bitte? Mit Ihren Einbildungen. Den Phantasien verrückter alter Frauen. Verzeiht mir, aber sie sind legitim. Haben mit der Wirklichkeit, der Vergangenheit zu tun und zwar sehr viel! Das zählt nicht. Du zählst nicht. Du passt absolut nicht in die heutige Zeit, da kannst du dich noch so sehr mit dem Hipster-Slang aus dem Stadtmagazin aufbrezeln. Du kommst nicht mehr mit. Ich bin eine alte Frau aus Block Nummer 19. Schäm dich, eine Affäre mit einem, der dein Sohn sein könnte, also wirklich.

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