Mobbing in Israel

Mobbing in Israel

von Jennifer Bayer

Im letzten Artikel habe ich mich und den geschichtlichen Hintergrund der Non-Profit-Organisation Matzmichim vorgestellt. In diesem Artikel möchte ich euch gerne die Inhalte und Methoden der Workshops von Matzmichim vorstellen. Mit dem Fokus auf einer großen Herausforderung im schulischen Alltag – Mobbing. Mobbing ist ein englischer Begriff und bedeutet übersetzt anpöbeln, fertigmachen. Es ist eine Form der Gewalt, die direkt oder indirekt, verbal, psychisch und physisch gegen eine Person ausgeübt wird. Oftmals findet Mobbing wiederholt statt und führt zur sozialen Ausgrenzung. Mobbing kann sogar so weit gehen, dass sich Betroffene das Leben nehmen. Daher ist es von enormer Bedeutung dieses Thema so früh wie möglich Kindern und Jugendlichen näher zu bringen und darüber zu diskutieren.


Quelle: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2019.01621/full

Aus Fragebögen, die an einige SchülerInnen in Israel und auch in Deutschland verteilt wurden, gingen folgende Ergebnisse aus. An israelischen Schulen gelten etwa 19% der Befragten SchülerInnen als Mobbingopfer, dazu kommen weitere 8%, die selbst mobben und gleichzeitig auch Opfer von Mobbing sind. Besonders bei der zweiten genannten Gruppierung lässt sich ein Unterschied zwischen den Bevölkerungsgruppen der Juden und Araber, die in Israel leben, erkennen: bei den israelischen Juden ist die Zahl der Mobbingopfer, die auch selbst Täter sind um fast die Hälfte geringer, als bei dem Arabern; 5,6% zu 10,4%. Hier ist anzumerken, dass die verschiedenen Gesellschaftsgruppen in Israel (auf welche ich im nächsten Artikel bei der Erklärung des israelischen Schulsystems genauer drauf eingehen werde) unterschiedliche Umgangsweisen haben, mit Gewalt umzugehen. Dies unterscheidet sich auch innerhalb der jüdischen Gesellschaft nochmals. So weisen beispielsweise orthodoxe Juden und Araber ähnliche patriarchalische Strukturen auf, die einen autoritären Erziehungs- und Lehrstil zur Folge haben. Ein autoritärer Lebensstil kann Mobbing begünstigen, da die individuelle Person nicht immer Gehör findet. 

Generell möchte ich nochmals betonen, dass an israelischen Schulen 27% angeben schon einmal gemobbt worden zu sein – das ist jede/r vierte SchülerIn! Werfen wir nun einen Blick auf Deutschland lassen sich dort erheblich weniger Mobbingopfer finden: 10% und weitere 6,7%, die Täter und Opfer sind. Auch eine viel zu hohe Zahl an Kindern und Jugendlichen! Nun die entscheidende Frage: Wie lassen sich diese Zahlen minimieren? Matzmichim setzt hierfür bei der großen „blauen“ Masse der Neutralen, sowie bei den Mobbern an. Wie genau Matzmichim hier vorgeht möchte ich gerne im Folgenden beschreiben.

Was macht die Arbeit von Uplifters besonders?

Wie bereits im letzten Artikel erwähnt, geht es um die Umbewertung von Werten, dass aggressives Verhalten minimiert und nicht weiter zu Anerkennung führen soll. Vielmehr sollen Uplifters im Klassenraum einen hoch angesehenen sozialen Status erfahren. 

Kommunikation macht den Unterschied

Dies ist nur eine von vielen Beispielen unserer pädagogischen Methoden, zögere nicht uns zu kontaktieren um mehr über weitere interaktive Methoden zu erfahren. 

Ich habe festgestellt, dass ich einige Methoden und Grundhaltungen von Matzmichim auch in meinem privaten Leben anwenden kann. Im Prinzip überall, wo Menschen in Gemeinschaft zusammenleben oder -arbeiten: sei es in der Familie, auf dem Arbeitsplatz, im Musik oder -Sportverein. Damit das Zusammenleben oder Zusammenarbeiten in jeglicher Form von Gemeinschaft harmoniert, ist es wichtig, dass die Mitglieder frei ihre Meinung äußern können ohne dafür verurteilt zu werden. Dazu ist Vertrauen nötig und auch ein gewisses Maß an Selbstreflexion. Auch finde ich es spannend zu hinterfragen, welche Vorbilder ich bewusst oder unbewusst in meine Leben habe und was ich an ihnen bewundere. Dies sind nur ein paar Beispiele wie die angewandten Methoden von Matzmichim nicht nur den Schulalltag tangieren müssen. 

Cybermobbing und die Bedeutung des Sozialen Statuts für Jugendliche

Beim Thema Mobbing sollte im heutigen Zeitalter, wo fast jeder Jugendliche und auch zunehmend Kinder bereits in jungen Jahren ein Smartphone besitzt, die Bedeutung von Cybermobbing nicht unterschlagen werden. Wie bereits im ersten Artikel erwähnt hat der C.E.O. Yony Tsouna vorletztes Jahr ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht. Da die Organisation auf Grundlage dieses Buches ein tiefgehend recherchiertes Wissen besitzt, möchte ich einige Stellen aus dem Buch von Yony zitieren. Ich habe mich dazu entschlossen in diesem Bericht die Bedeutung des Sozialen Status für Jugendliche näher zu beleuchten, da so ersichtlich wird, warum soziale Medien für Kinder und Jugendliche eigentlich einen so hohen Stellenwert im Leben einnehmen und wie sich dieser auf das Verhalten von Kindern und Jugendliche auswirken kann. 

Das Spruchband an der René-Cassin Schule in Jerusalem bringt es auf den Punkt: Kinder sind „Statuts-Junkies“. 

3 Aspekte, die belegen warum der soziale Status für Jugendliche so wichtig ist:

1. Kinder und Jugendliche haben ein fragiles Selbstbild. Ein Erwachsener versteht, dass er an seinem Arbeitsplatz gefördert oder aber unterdrückt wird, Kindern dagegen fehlt es an Lebenserfahrung und damit an der Fähigkeit, zwischen ihrem eigenen Wert und der Einschätzung der Umgebung zu unterscheiden. Sie messen ihren Wert an der Behandlung, die das soziale Umfeld ihnen zukommen lässt.

2. Kulturelle Einflüsse: In der Gegenwartskultur lässt sich eine verstärkte Beschäftigung mit Status und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit erkennen. Kinder (wie die Helden aus den TV-Realityshows) werden an der Zahl der„Likes“ gemessen, die sie erhalten, an der Zahl der Follower, die sie aufzuweisen haben sowie an der Zahl der virtuellen Gruppen, denen sie angehören.

3.Ein einziger gesellschaftlicher Bezugsrahmen: Während ein Erwachsenenleben sich in verschiedenen Rahmen, Bezugsgruppen (Arbeit, Freund*innen, Familie), Interessen- und Sorgenschwerpunkten abspielt (Kindererziehung, wirtschaftliche Lage, Anerkennung im Beruf), verbringen Kinder ihre Zeit zumeist in derselben sozialen Gruppe, sei es in der Schule, in Kursen oder in den Jugendorganisationen, außerdem haben sie weniger Sorgen als ihre Eltern. Deswegen erhält die Beschäftigung mit dem sozialen Status mehr Bedeutung, nimmt in ihren Gedanken mehr Raum ein und drängt sie zu gewissen Verhaltensweisen.

Wie kann der Blick der Kinder und Jugendlichen nun darauf gelenkt werden, dass es viel wichtiger ist, sich um seine MitschülerInnen zu kümmern, anstatt alle Energie in das eigene Auftreten zu stecken?

Schließlich können wir vielleicht erreichen, dass zwischen einer Frage nach dem sozialen Status und einer Frage nach der moralischen Entwicklung kein Widerspruch mehr besteht. Fragen nach dem Status können ebenfalls Fragen nach der Entwicklung von tieferen Werten sein. Hier einige Beispiele:

  • „Wer zeigt mir jemanden, der seinen sozialen Status gefährdet, um ausgeschlossene Kinder in die Mitte zu holen?“
  • „Wer hilft, Leid zu vermeiden, auch wenn das etwas gegen die allgemeine Stimmung in der Gruppe verstößt?“
  • “Eigentlich denkt jeder zuerst an sich selbst, aber manchmal passiert es, dass ich zugunsten anderer meinen Status gefährde oder etwas “ (Zitat aus dem Buch von Y. Tsouna 2018: 4. Das Modell: Wie ermutigen wir Kinder, in den sozialen Netzwerken als Uplifter aufzutreten, also als Kinder, die anderen zu wachsen helfen?)

Dies war eine kleine „Kostprobe“ und deckt längst nicht das ganze Buch, geschweige denn das Thema Cyber-Mobbing ab. Wenn der/die eine oder andere jedoch neugierig geworden ist, kann er/sie gerne auf unserer Website verfolgen ab wann das Buch von Yony auch in Englisch oder  vielleicht sogar in Deutsch erscheinen wird. 

Erfolge

Zuletzt möchte ich noch betonen, dass es schwierig ist, die Erfolge in konkrete Zahlen und Fakten beim Thema Mobbing zu messen. Anhand von Fragebögen und Beobachtungen der Lehrkräfte wird die Klassenatmosphäre untersucht. Dennoch kann nicht Alles überprüft und nachvollzogen werden, was zwischen den SchülerInnen passiert. Besonders schwierig ist es nach zu vollziehen, wie sich SchülerInnen in sozialen Medien verhalten. Es geht allerdings auch keineswegs um die Kontrolle der SchülerInnen, sondern um Vertrauen und Offenheit der SchülerInnen untereinander, sowie pädagogischen Fachkräften und Eltern gegenüber. Und diese Erfolge können anhand von Zitaten seitens Lehrkräfte, Eltern oder auch SchülerInnen, Beobachtungen und Fragebögen ermittelt werden. 
Einige wurden im letzten Bericht bereits genannt. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einfach ein zusätzliches erfolgreiches Beispiel aus einem unserer Workshops geben. Den SchülerInnen wurde in einem unserer Workshops die Möglichkeit gegeben, ohne Lehrkraft nur mit unserer Trainerin in den Austausch über die Nutzung mit ihrem Smartphone im Bezug auf den Freundschaften und den Klassenverbund gehen. Somit wurde den SchülerInnen der Freiraum gewährt offen, ohne Angst vor Sanktionen, über Herausforderungen im Netz zu sprechen. Hier möchte ich auf einen Vorteil von TrainerInnen von Matzmichim hinweisen: SchülerInnen vertrauen einer anonymen Person, welche den SchülerInnen gegenüber auch eine Schweigepflicht hat, andere Dinge an, als einer Lehrkraft, die den SchülerInnen ja auch Noten geben muss und jeden Tag Teil des schulischen Alltags ist.

Zusätzlich zum Thema Mobbing werden in den Workshops von Matzmichim noch weitere Themen behandelt, wie Kommunikationsregeln, ein respektvoller Umgang miteinander und Empathievermögen zu MitschülerInnen, aber auch zu anderen Kulturen. Im nächsten Artikel möchte ich dazu gerne auf ein besonderes Programm von Matzmichim eingehen, welches speziell zum einander begegnen der verschiedenen Sektoren in Israel, entwickelt wurde. Sagt euch „Shared Society“ etwas? Habt ihr euch schon immer gefragt wie das Schulsystem in Israel funktioniert? Dann lasst euch in 2 Wochen den Artikel nicht entgehen und schaut auf Re:levant vorbei.

Hier geht es zum ersten Teil dieser Serie: Initiative gegen Gewalt an israelischen Schulen

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This Post Has 2 Comments

  1. Sehr interessant!

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