Mrs. Lauras Theaterabend - Re:Levant
Shoa, Kindheit, Alter, Polen,

Mrs. Lauras Theaterabend

Start
16 mins read

„Mrs. Lauras Theaterabend“ (Totem, 2020) ist eine Sammlung von sehr kurzen Geschichten von Hannah Kab Roth. Die beiden ersten folgenden Geschichten sind aus diesem Buch, die dritte, „Hunger“, ist noch nicht erschienen.

Hannah Kab Roth unterrichtete am Seminar Hakibbuzzim und in Bet Berl. Sie publizierte Gedichte und Geschichten.

Übersetzung: Uri Shani

Getrocknete Blumen

Es schien ihr, als beobachte sie jemand, während sie die Bücher auf dem Regal anschaute. Und tatsächlich, als sie sich umdrehte, sah sie einen Mann am anderen Ende des Bücherladens, der sie konzentriert musterte. Es war kein Verlangen in seinem Blick, auch keine Neugier. Etwas, das sie nicht definieren konnte. Als kannte er sie und erwartete, dass sie ihn auch erkannte. Auch als sie zur Kasse ging und sich schnell nach ihm umblickte, sah sie, dass er sie immer noch unverhohlen anblickte.

Sie bezahlte und trat aus dem Laden, und dann, aus einem Bedürfnis, das sie sich nicht erklären konnte, kehrte sie zum Laden zurück, wandte sich an diesen Mann und fragte:

„Kennen wir uns von irgendwoher?“

„Sind sie in Polen geboren?“ fragte er.

„Ja.“

„In Bendsin?“

„Ja“, sagte sie erstaunt.

„Hella?“

„Damals Hella, heute Hila.“

„Hella Tannenbaum.“

Es war ihr angenehm, ihren damaligen Namen zu hören, mit diesem Überrest eines Akzentes, den sie so gut kannte.

„Und wer sind Sie?“

„Sie erinnern sich bestimmt nicht an mich. Ich habe mich sehr verändert, aber Sie sind so schön wie damals geblieben. Ich hätte Sie an jedem Ort erkannt.“

‚Was für eine polnische Ritterlichkeit‘, lächelte sie in sich hinein. ‚Jetzt küsst er mir gleich noch die Hand.‘ Aber er begnügte sich mit einem festen Handdruck.

„Ich bin Itzchak Hurwitz. Damals Itzko.“

Sie versuchte, den Mann, der vor ihr stand, in den fünfziger Jahren seines Lebens, mit silbernem Haar und gutaussehend, mit dem Namen Itzko zu verbinden, aber es gelang ihr nicht.

„Ich saß mit Ihnen in derselben Schulklasse.“ Er erwähnte den Namen des Erziehers, den sie beide geliebt hatten, und sie sprachen beide über ihn begeistert.

„Ich bin in Eile“, sagte sie. „Ich würde gerne stundenlang mit Ihnen reden, aber heute kann ich nicht.“ Sie gab ihm ihre Telefonnummer. „Rufen Sie morgen nachmittags an. Es ist schön, sich zu erinnern.“

Aus irgendeinem Grund erzählte sie ihrem Mann nicht über Itzko.

In der Nacht, als sie versuchte, sich zu erinnern und es schon fast aufgegeben hatte, erschien vor ihren Augen plötzlich Itzkos Gestalt, ein schmächtiger, blasser Junge, dessen Haar auf seine Augen fiel. Er saß immer in der ersten Reihe, weil er so kleingewachsen war. Und dann erinnerte sie sich: Jemand legte manchmal eine getrocknete Blume in ihr Lesebuch. Sie wusste nicht wer, und sie fragte nicht. Auch sie war damals sehr schüchtern. Sie wartete schon darauf, dass wieder eine getrocknete Blume in ihrem Buch liege. Manchmal blätterte sie und suchte danach, freute sich, wenn sie sie gefunden, und war enttäuscht, wenn sie keine gefunden hatte. Vielleicht wäre das Rätsel des anonymen Verehrers nie gelöst worden, ohne die Initiative des Erziehers. Er schlug vor, dass am Ende des Schuljahrs alle ihre Hobbys der Klasse vorstellten. „Und vielleicht machen wir eine Ausstellung am Schluss“, fügte er hinzu.

Am festgesetzten Tag brachten die Schüler ihre Sammlungen von Briefmarken, Münzen, Glastieren, Emaillepuppen und farbigen Süßigkeitspackpapieren in die Schule. Itzko brachte ein sehr großes Album, und als er es öffnete, konnte man in der Klasse erstaunte Rufe von allen Seiten hören. Noch und noch getrocknete Blumen, in allen Größen und Farben, bildeten ein prachtvolle Zusammenstellung. Sie blickte zu ihm herüber mit einem Blick, der sagte: Dein Geheimnis ist gelüftet, und er errötete. Den Wunsch der Mitschüler erfüllend, erklärte er mit schüchterner Stimme, fast flüsternd, den Prozess des Blumentrocknens, und was man tun müsse, damit die ursprünglichen Farben erhalten blieben.

In jenem Sommer wanderte Hellas Familie nach Palästina aus. Sie versuchte alles, um ihre polnische Vergangenheit von sich abzuschütteln, nahm einen israelischen Namen an, weigerte sich, polnisch zu sprechen und heiratete einen „Zabar“, einen im Land geborenen Israeli, vor allem, weil er eben ein Zabar war.

Am nächsten Tag rief Itzko an.

„Trocknest du immer noch Blumen?“ fragte sie. Er lachte ein warmes, beherztes Lachen und sagte, mit einem Siegeston:

„Du erinnerst dich also, wie?“

„Ja.“

„Weißt du, dass ich all die Jahre in der Schule in dich verliebt war? Als du plötzlich verschwandst, war ich lange Zeit sehr traurig.“

„Ah, das war vor langer Zeit. Was machst du denn heute?“

Er erzählte, dass seine Frau vor vier Jahren gestorben sei.

„Tut mir leid, das zu hören.“

„Ja, das war eine schwere Zeit. Aber jetzt beginne ich, mich davon zu erholen. Ich bin schon für eine neue Liebe offen“, und, als möchte er das eben Gesagte vertuschen, fügte er sofort hinzu: „Erzähl mir von dir!“

„Ich bin verheiratet. Wir haben drei Kinder, einen Enkel und ein zweiter ist auf dem Weg.“

„Schön für dich“, sagte er, aber sie hörte, was da zwischen den Zeilen war. Sie verabschiedeten sich und versprachen einander, in Kontakt zu bleiben. Er rief nicht mehr an.

Manchmal, wenn sie sich daran erinnerte, zuckte sie mit den Schultern und fragte sich, was wäre geschehen, wenn… aber sie beendete nie die Frage.

Morgen im Dickicht

Sie träumte davon, dass ihre Freundin Gita und sie sich in ihrem geheimen Versteck, einem Gestrüpp am Ufer des Flusses, befinden. Sie ziehen sich bis zu den Unterhosen aus und gehen ins Wasser. Das Wasser ist sehr kalt, und sie zittert, aber dann durchströmt sie plötzlich eine Wärme bis zu den Beinen hinab. Sie wachte auf, empfand die Wärme und dachte: ‚Jetzt habe ich wieder nassgemacht, aber nicht schlimm, bald kommt Mama und wechselt die Leinen, und ich werde mich nicht vor meinen Geschwistern schämen müssen.‘ Die Morgensonne, die durch die Äste des Baumes neben dem Fenster hineinstrahlte, zeichnete Schatten auf die weiße Zimmerdecke. ‚Wie das Schattentheater, das wir gesehen haben, als die Eltern uns alle in die benachbarte Stadt mitnahmen‘, dachte sie vergnügt.

Das war zwar nicht schön, dass sie wieder genässt hatte. Aber Mama sagte immer: „Nicht schlimm, das geschieht halt manchmal, und vielleicht solltest du nicht vor dem Schlafengehen trinken.“ Gestern hatte sie bewiesen, wie groß und mutig sie schon war. Sie ging ganz alleine in den halbdunklen Keller, obschon ihr Bruder Jakob ihr offenbart hatte, dass sich im Keller ein schrecklich böses Gespenst eingenistet habe, das „Ketew Meriri“ heißt, aber, so fügte er hinzu, wenn sie in beiden Händen die Daumenspitze an die Zeigefingerspitze hefte und dabei dreimal „Ketew Meriri, geh zum Teufel!“ sage, dann könne er ihr kein Leid antun. „Aber so ein Angsthase wie du geht bestimmt nicht in den Keller hinunter.“ Sie wagte es, heftete fest Zeigefinger an die Daumen und flüsterte den Zauberspruch. Der Keller war dunkel, nur ein einziger Sonnenstrahl beleuchtete ihn durch einen Spalt in der Decke. Nachdem ihre Augen sich an das schwache Licht gewöhnt hatten, erkannte sie lange Regale mit Marmeladegläsern, die ihre Mutter zubereitet hatte, und prall geblähte Säcke mit Zucker, oder vielleicht mit Reis. Ein muffiger Geruch erfüllte die Luft, und obschon Ketew Meriri sich nicht zeigte, vielleicht dank der zusammengepressten Finger, beeilte sie sich, wieder hinaufzugehen.

Sie hörte Lärm von Töpfen und fließendem Wasser. Bald würde Mama kommen mit der Schüssel zum Händewaschen, und sie wird das Morgengebet in der alten und merkwürdigen Sprache sagen. Sie rief: „Mama! Ich bin wach!“ Aber es war eine andere Stimme, die ihr antwortete, nicht die ihrer Mutter, und die sagte: „Es ist noch früh, Perla, schlaf weiter.“ Sie schloss die Augen, hoffte, dass der Traum vom Fluss wiederkommen würde, aber konnte nicht mehr einschlafen. Stattdessen flossen durch ihren Kopf eine Menge Gedanken. Zum Beispiel dachte sie daran, dass sie nach dem Sommer zum ersten Mal in die Schule gehen und lesen und schreiben lernen werde, und dann wird sie selber die Briefe lesen können, die ihr Bruder Schabtai aus Amerika schickte. Gestern war so ein Brief gekommen. Ihr Bruder Schraga, der den Platz des ältesten Bruders an Schabtais Stelle einnahm, lies ihn laut vor. Was für interessante Dinge es in Amerika gab, kaum zu glauben! So hohe Häuser, die bis in den Himmel ragen, über die Wolken hinaus, und Eisenbahnen, die tag und nachts in Tunnels unter der Stadt fuhren. Wenn sie lesen konnte, wird sie nicht mehr ihre Schwester Golda bitten, dass sie ihr den interessanten Brief noch einmal vorlese. Sie wird ihn selber so viele Male lesen, wie sie Lust hatte.

Sie versuchte aufzustehen, aber ihr Kopf war schwer. Sie erschrak und begann zu heulen. „Ich kann nicht aufstehen, Mama, Mama“, rief sie heiser. „Schschsch…scha, weine nicht, Perla, es ist alles gut“, und eine warme Hand legte sich auf ihre Stirn, strich Haare aus ihrem Gesicht, drückte auf einen versteckten Knopf, und die Matratze unter ihrem Kopf erhob sich, so dass sie fast saß. Die Hand schnäuzte ihre Nase und trocknete ihre Tränen. Dann half sie ihr sanft und vorsichtig, vom Bett in den Rollstuhl zu steigen, sie zog ihr die Hausschuhe über und fuhr die alte Frau zum Badezimmer.

Hunger

An jedem Abend, bis zu ihrem Tod, wiederholte sich das gewohnte Ritual: Sie ging in die Küche und öffnete die oberen Schränke. Es standen da reihenweise Konservenbüchsen, wie bereit zum Appell. Reihen von Ölflaschen, im schwachen Licht schimmernd; große, luftdicht verschlossene Säcke mit verschiedenen Mehlsorten; prall gefüllte Tüten mit Zucker, Erbsen und getrockneten Früchten; Biskuit-Schachteln; Zwieback; Büchsen mit Honig, Marmelade und noch und noch Nahrung. Nachdem sie die Sammlung geprüft hatte, ging sie zufrieden zu Bett.

Sie kam im letzten Transport an. Eine junge Frau. Der Krieg war schon nah an seinem Ende, sie erhielt nicht einmal eine Nummer tätowiert. Ihr schönes Haar wurde geschnitten, und immer wenn ihr Haar wuchs, und es wuchs schnell, erhielt sie Prügel: Judenschwein, schon wieder bist du schön.

Von allen Erniedrigungen, der schweren Arbeit und all den anderen Qualen erinnerte sie sich in ihrem Leben vor allem an zwei Dinge: An die Kälte und an den Hunger.

Als das Lager befreit wurde, stürzten sich ihre Freundinnen auf die Nahrung, die die Soldaten brachten, und sie starben, denn ihr eingeschrumpfter Magen konnte die Fülle nicht bewältigen. Sie überlebte, denn sie war so krank zur Zeit der Befreiung, dass sie nichts essen konnte. Sie aß nur winzige Mengen, bis sie wieder zu Kräften kam.

Sie kam zu uns ins Dorf, zu ihrer Schwester, als ich noch im Kindergarten war. Sie war hochgewachsen, und ihr Gewicht war, als sie kam, vierzig Kilo. Ich hatte noch nie eine so schlanke Frau mit solchen großen und traurigen Augen, die das Auffälligste in ihrem Gesicht waren, gesehen.

Sie wurde langsam gesund, nahm zu und sah wieder menschlich aus. Mehr als das, sie war eine schöne Frau, mit einem prächtigen Haarschopf, hoch oben. Aber in ihren Augen blieb der gejagte Blick.

Ihr Kleiderschrank war voll von schweren, braunen Mänteln, für die es in unserem Land keinen Gebrauch gab. Sie aß immer sehr wenig, aber ihre Küchenschränke waren immer voll.

Sie war meine Tante, die Schwester meiner Mutter, und ich liebte sie sehr.

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

0 0 Abstimmung
Article Rating
Abonnieren
Informieren Sie mich
guest
1 Comment
Älteste
Letzte Am meisten gewählt
Meinung innerhalb des Texte
Alle Kommentare ansehen
Rosebud
Rosebud
1 Monat

Sehr schoen! Ich mag vor allem die Intertextualitaet (ich hoffe, ich benutze den Begriff richtig) zwischen der ersten und der dritten Geschichte – die eigenstaendig sind, aber thematisch miteinander sprechen.

Nebenbei: was unterrichtete die Autorin denn in Beit Berl?

Israel, Nach einem Jahr Corona-Pause marschiert die „Gay-Pride“-Parade wieder durch Tel Aviv „Gay Pride“-Monat in Israel - und trotz der Befürchtungen vor einem (erneuten) Anstieg der Ansteckungen wegen Corona, kehrte die „Gay Pride“-Parade auf die Straßen Tel Avivs zurück, nach einjähriger Abstinenz während des Höhepunkts der Pandemie. Trotz der Bedenken und Distanzierungen schritt die Parade voran, und das mit Freude. Es waren zwar keine hunderte Tausende wie in den guten Jahren, aber es ist noch immer ein bedeutendes und wichtiges Ereignis, auch in seiner Existenz selbst. Es war freudig, am Freitag Mittag in Tel Aviv, freudig und stolz.
Vorherigen Artikel

Freudig und Stolz

Israel, Maskenpflicht
Nächsten Artikel

Maskenpflicht

Spätestens abBlog

Hornhäute

Tanja arbeitet im Labor für Transplantationen von Hornhäuten. Eines Tages erhält sie einen erschütternden Auftrag. Aus

Mit einem Lächeln

Nach zögerlichem Beginn bricht das Eis zwischen unserem Fotografen und zwei arabischen Frauen

1
0
Was denken Sie? Wir würden gerne Ihre Meinung erfahren!x
()
x
0 £0.00