Nach und nach in Ordnung bringen - Re:Levant
Shoa, Deutschland, Alisa Harth

Nach und nach in Ordnung bringen

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Mit der Protagonistin Elischewa, einer Sabra, gibt die Autorin Einblicke in die Kindheit und Jugend einer Jeckes-Tochter im jungen Staat Israel in den fünfziger und sechziger Jahren des 20 Jh. Elischewa, Tochter des Rudolf Harth, der aus Köln nach Palästina geflüchtet ist, wuchs nach der Scheidung ihrer Eltern bei Gertrud, der Schwester ihres Vaters auf. Als junges Mädchen findet sie Briefe, die dem Auge verborgen in Tante Gertruds Schubladen lagerten. Erst Jahrzehnte später beginnt sie in den Briefen zu lesen, und erfährt so von ihren im Ghetto Lodz ermordeten Grosseltern.

Aus dem Inhalt dieser Briefe ergibt sich Folgendes:

Aus seiner bescheidenen Wohnung in Köln schreibt Dr. Joseph Harth, ein zum Judentum übergetretener Katholik, Erzieher und Direktor der Morija jüdischen Schule, Briefe aus dem Nazi-Deutschland von 1935 bis 1939 an seine Tochter Gertrud. Dieser, einer unverheirateten Zahnärztin, ist es gelungen, nach Palästina zu entkommen. Ihr jüngerer Bruder Rudolf ist noch in Deutschland, sucht eine Ehepartnerin und wartet auf ein Einreisezertifikat, das auch ihm die Flucht aus dem Land der Nazis ermöglichen soll.  Verlag Ma’ariv 2008, 339 Seiten

Alisa Harth

Übersetzung: Helene Seidler

Kapitel 1

Anstatt eines Vorworts

Der Postbote wird in der nächsten Woche in unserer Straße wenig zu tun haben

Köln, 12.8.1936

Liebe Gertrud,

wir bestätigen dankend den Empfang der Karten von Venedig und heute von Triest. Nun bist Du schon 2 Tage auf dem Meer und hoffentlich nicht seekrank.

Ich habe heute Hillesums besucht, die uns die Sachen von Dir übergaben, wir alle danken Dir sehr für die nobelen Geschenke, ich brauche dabei aber nicht zu wiederholen, was immer mein Refrain ist. Ich bin mit Hillesums in die Stadt gegangen, denn sie wollten noch manches einkaufen.

Bei uns ist diese Woche sehr ruhig verlaufen, nun kommt die liebe Mama nächsten Mittwoch wieder und ist hoffentlich dann bei besserem Mut. Diese Woche schrieb sie sehr zufrieden, der Blutdruck war bloß noch 155, der Arzt meinte, das käme von den Medikamenten, die Bäder würden ihre Wirkung erst später geltend machen. Er hat noch 4 Thermalsprudel, das sind die stärksten Bäder, verordnet.

Josi hat auch geantwortet, sogar diesmal recht zufrieden, er ist bei einem Herrn Meier Posen aus Frankfurt, den er von früher her kennt. Er möchte von uns eine Frau besorgt haben, da dort keine geeigneten Mädchen vorkämen. Du wirst ja alles von ihm selbst hören.

Frau Hillesum war einen Tag in Homburg. Sie hat dir auch wohl erzählt, dass sich die älteste Tochter von Frau Klein verloben will. Bessy Herz aus Homburg ist ja auch in Tel Aviv, Jetty weiß ihre Adresse, sie will aber nicht bleiben, sondern vielleicht zu dem Bruder nach Amerika fahren, dem es dort sehr gut gehen soll.

Also nun, wo Du drüben bist, hast Du wohl die ersten Eindrücke empfangen und ich hoffe, Du wirst uns mit großen Schilderungen aufwarten. Reisen durch das Land kann man jetzt ja wohl nicht, denn es mag kein Vergnügen sein, irgendwo liegen zu bleiben, indem die Herren Araber die Schienen aufgerissen haben oder Bomben auf die Geleise geworfen. Von Soffe hatte ich diese Woche einen Brief, er schreibt, dass es der Mutter in der letzten Zeit nicht besser ginge. Von Heimreise hat er nichts geschrieben, er hat es damit nicht sehr eilig, obwohl er uns in der Schule fehlen wird. Du hast also Aussicht, ihn dort noch zu sehen.

Es ist in der Kehillo sehr still, man hört auch im Augenblick von keiner Reise. Nichts Neues mit dem Zertifikat von Rudolf. Er hat für Kalman Schlesinger auch ein Ziertischchen gemacht und will es für 10 M an sie verkaufen.

Hast Du eigentlich unsere Post auf dem Schiff empfangen? War das auch die richtige Kabine, wie Du sie bestellt hast? Die alte Frau wird Dir ja wohl weiter keine Beschwerden gemacht haben.

Denke nur daran, die Verbindung mit England aufrecht zu erhalten, und sobald Du im Besitz des Lötapparates bist, ihm auch die Sachen schickst. Ich setze immer noch eine kleine Hoffnung auf England, es sei denn, dass es Dir in Erez ausnehmend gut gefallen würde. Ich denke, Du wirst auch die Ruhezeit, die Du ja wohl unfreiwillig haben wirst, benutzen, um Deine Sprachkenntnisse im Englischen und vor allem im Iwrit zu vervollständigen.

Eben kommt ein Brief von Erika. Sie habe sehr viel zu tun und käme abends spät zu Bett. Sie erkundigt sich natürlich auch nach Deinen letzten Nachrichten. Auch 2 Würstchen sind angekommen, die uns sehr willkommen sind.

So langsam kommen die Leute wieder zurück aus den Ferien. Du wirst dort wohl keinen Mangel haben an Bekanntschaften.

Nun will ich schließen, hoffentlich bekommen wir bald gute Berichte. Mir scheint, der Postbote wird in der nächsten Woche in unserer Straße wenig zu tun haben, weil von Dir keine Briefe kommen. Leb wohl und nimm Dich bei verändertem Klima nur sehr mit dem Essen und Trinken in acht, damit Du gesund bleibst. Viele Grüße und einen Kuss, Dein

Vater.

September 2005

Sanfte Regentropfen perlen über die kleinen Fensterscheiben des Flugzeugs. München empfängt uns mit grauem Himmel und leichten Schauern, zitiere ich für Nawa aus meinem ungeschriebenen Tagebuch. Sie hört mich nicht. Wir sind vor einigen Minuten gelandet, doch sie ist noch mit dem hypnotischen Blick, den sie immer hat, wenn sie sich auf etwas konzentriert, in die Lösung des letzten Sudokurätsels aus ihrer zerknitterten Broschüre vertieft. Genau so hatte sie damals geguckt, vor einem Augenblick nur, als wir beide kleine Mädchen in Ahusa waren. Wenn sie zu mir kam, zog sie meist wie ausgehungert ein Buch aus dem Regal oder das neueste Heft der Zeitschrift „Ha-Arez schelanu“ – bei ihr zu Hause gab es viele Geschwister aber kein Geld, nicht für Bücher oder Zeitungen, sie hatten ja kaum etwas zu essen –, verschwand zwischen den Zeilen und kam erst wieder zum Vorschein, wenn sie auf der letzten Seite des Buches angelangt war oder bis sie endlich der Verführungskraft meiner von Lockrufen begleiteten Umkreisungen erlag. Manchmal holte ich, um sie zu abzulenken, eine Tafel Schokolade aus Gertruds und meiner Schublade mit den Süßigkeiten und hielt sie ihr unter die Nase, aber selbst das vermochte sie nicht aus ihrer Lektüre zu reißen, obwohl sie Schokolade liebte und es bei ihr zu Hause keine gab. Bis auf das eine Mal, als ihnen jemand weiße Schokolade aus dem Ausland mitgebracht hatte, als bei uns noch niemand ahnte, dass es so etwas wie weiße Schokolade überhaupt gab, nicht einmal ich, obwohl Gertrud viele interessante Schokoladen und Pralinen von Frigor, Lindt und Camille Bloch von ihren Freunden aus der Schweiz geschenkt bekam; dazu kaufte sie allwöchentlich Qualitätsschokolade im Café Laro in Hadar. Nawas Mutter, die mich eigentlich nicht mochte, weil ich von ihrer Tochter die Hausaufgaben abschrieb, überreichte mir feierlich ein winziges Stückchen, damit die Tafel möglichst lange vorhielte. Doch ich konnte das Häppchen nur mit Mühe herunterkriegen, denn es schmeckte überhaupt nicht nach Schokolade, sondern nach Milch, so dass ich mich fast übergeben hätte, und außerdem war es mir schrecklich unangenehm, dass sie etwas von dem kostbaren Geschenk an mich verschwendeten.

„Das wär’ erledigt!“, verkündet Nawa triumphierend mit ihrer Stimme von früher. „Endlich habe ich das ganze Heft geschafft, wo ist meine Tasche, wir müssen uns fertig machen. Warum hast du die Sudokus so schnell aufgegeben, Elischewa, das macht echt Spaß!“ Ich ziehe mir meinen khakifarbenen Anorak über und frage, ob sie vergessen habe, wie verleidet mir das Rechnen schon immer gewesen ist. Sie öffnet ihre prall gefüllte schwarze Ledertasche, die während des ganzes Fluges auf ihren kräftigen Knien geruht hat, stopft Heft und Stift hinein und erklärt lachend im Tonfall einer Lehrerin, die einem begriffsstutzigen Kind etwas beibringen will, dass Sudoku nichts mit Rechnen zu tun habe, doch das interessiert mich nicht, denn sobald ich Zahlen sehe, ergreift mich ein Schwindel. Nun befreit Nawa sich geübt wie jemand, der nicht nur einmal in zehn Jahren fliegt wie ich, aus dem Sicherheitsgurt und federt aus dem Sitz hoch. Sie reist für ihr Leben gern, jederzeit und an jeden Ort der Welt, sei es mit ihrem Mann Schlomo oder mit ihren Brüdern, aber auch allein, zu allen möglichen Tagungen, in denen es um die Straßensperren in den besetzten Gebieten, den Frieden oder die schweigend gegen die Besatzung demonstrierenden ‚Frauen in Schwarz’ geht. Auch nach Deutschland fährt Nawa gern, als wäre das gar nichts Besonderes, dabei stammte ihr Vater von dort, und ihre Mutter aus Österreich, und nicht alle Familienmitglieder waren rechtzeitig entkommen. Man darf nicht verallgemeinern, erklärt sie, und fliegt immer wieder nach Deutschland. Sie hat dort viele Freundinnen, und natürlich müssen wir die alle besuchen. „Ein Glück, dass wir deutsche Pässe haben“, flüstert sie mir zu und kramt eifrig in ihrer Tasche, bis sie ihren Pass im Plastikumschlag einer Reisegesellschaft findet. „So brauchen wir wenigstens nicht in der Schlange der Aussätzigen anzustehen … natürlich nur, wenn du deinen nicht vergessen hast, Elischewa.“ Habe ich nicht, erwidere ich, und höre ihn im Rucksack ticken.

Wir stehen im engen Gang und warten darauf, dass wir an der Reihe sind, uns aus dem Flugzeug zu schlängeln und an die regnerische deutsche Luft zu treten. Die Tropfen am kleinen Fenster neben uns rollen langsam an der Scheibe herunter und erinnern mich an den Wettlauf der Regentropfen am Fenster der Wohnung, in der ich mit Gertrud wohnte, und an das erste Mal, als ich vor Dutzenden von Jahren auf die Briefe stieß, die Briefe ihres Vaters, der mein Großvater hätte sein können.

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Rosebud
Rosebud
19 Tage

Sehr interessant! Und schoen uebersetzt von Helena Seidler…

Frage: Beruht das Buch auf wahre Ereignisse? Ich frage u.a., weil der Nachname der Autorin derselbe ist wie der Protagonistin…

Alisa Harth
Alisa Harth
16 Tage
Antworten  Rosebud

Danke, und ja ja, alles War. Die Briefe, die Geschichten, die Ereignisse, die Protagonisten. Dr Josef Harth haette unter anderen Umständen mein Großvater sein können. Statdessen ist er, seine Frau und deren Schwester in Lodj Gehto ermordet.
Alisa Harth.

Rosebud
Rosebud
15 Tage
Antworten  Alisa Harth

Danke fuer die Antwort. Unglaublich!

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