NAMAL – Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturen bauen - Re:Levant
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NAMAL – Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturen bauen

Los geht's
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In den letzten beiden Artikeln (Teil 1, Teil 2) habe ich die Nonprofit-Organisation Matzmichim vorgestellt und die pädagogischen Methoden, die gegen das umfassende Themengebiet Mobbing eingesetzt werden. Nun möchte ich gerne meinen persönlichen Lieblingsbereich der Organisation vorstellen, ein Projekt namens NAMAL. Es wurde im November 2017 ins Leben gerufen. NAMAL ist eine hebräische Abkürzung und bedeutet übersetzt „Youth Promoting Social Cohesion“ (Jugendförderung des sozialen Zusammenhalts). Im Mittelpunkt steht der Aufbau einer Jugendgruppe, die Menschen aus verschiedenen Schulen und Gemeinschaften miteinander verbindet, mit dem Ziel, den Zusammenhalt in der israelischen Gesellschaft zu erhöhen. 

Auch möchte ich den Begriff „Shared Society“ gerne erläutern, da dieser ein zentraler Grundbaustein von NAMAL ist. Der Begriff „Shared Society“ bezieht sich auf eine Gesellschaft, in der alle Individuen den gleichen Status und die gegenseitige Verantwortung haben, frei sind, Unterschiede ausleben und ihre Stimme erheben können.

Die Gesellschaft in Israel 

Israel wird von einem bunten Kulturenmix gefärbt. Dies ist mir bereits beim Schlendern durch Tel Aviv aufgefallen. Allein die vielen verschiedenen religiösen Gebäude (Synagogen, Kirchen und Moscheen) in geringer Distanz zueinander, lassen auf eine Vielfalt in der Gesellschaft schließen. Besonders witzig finde ich die Straßenschilder. Ich kenne kein anderes Land, in welchem so viel Text auf Straßenschildern, aufgrund der verschiedenen Schriftbilder, vorzufinden ist.

Leider ist mir ein Besuch nach Jerusalem verwehrt geblieben. Jedoch habe ich gehört, dass hier noch prägnanter wird, wie dicht die unterschiedlichen Kulturen nebeneinander leben. 

Eine Kultur zeichnet sich durch spezifische Werte, Traditionen, Sprache, Geschichte aus. Entscheidend ist, dass sich Gesellschaftskulturen durch Unterschiede voneinander abgrenzen. Wo Unterschiede aufeinandertreffen, da treten auch Konflikte auf. Ich denke das kennen wir alle aus unserem alltäglichen Leben in sozialen Beziehungen. So kommt es in Israel zu Fragmentierung und Unverständnis zwischen den verschiedenen Gesellschaftsgruppen. Matzmichim hat sich zum Ziel gesetzt, Akteure des gesellschaftlichen Wandels zu werden und diese Unterschiede als Ressource für ein Leben in Vielfalt zu sehen. Im Kindes- und Jugendalter werden wichtige Grundsteine für die Zukunft gelegt. Weshalb es sinnvoll ist, Kinder und Jugendliche auf gesellschaftliche Strukturen aufmerksam zu machen und ihnen die Möglichkeit zu geben über kulturelle Grenzen hinaus Freundschaften knüpfen zu können. Bei NAMAL geht es darum, Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Schulsektoren zusammenzubringen. Das Ziel ist es einen Raum zur Begegnung zu stellen und Dialog- und Vermittlungsfähigkeiten zu verbessern. 

Das Schulsystem in Israel

Um die Bedeutung vom Projekt NAMAL besser verstehen zu können, möchte ich kurz das israelische Schulsystem beleuchten, welches sich aufgrund der verschiedenen Sektoren in Israel, stark vom deutschen Schulsystem unterscheidet. 

Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen vertreten häufig andere Wertvorstellungen und grenzen sich bewusst voneinander ab: es gibt den säkularen Sektor, den national religiösen Sektor, den arabischen und den jüdisch orthodoxen Sektor. Die Schulen und Bildungsstätten sind aus ganz unterschiedlichen Sektoren (jüdisch-orthodox, christlich, arabisch, säkular) zusammengesetzt. 

So entsteht eine Abgrenzung innerhalb der Gesellschaft, sowie in Schulklassen. In diesen Sektoren werden unterschiedliche Schwerpunkte, wie in dem erstellten Schaubild erkennbar ist gesetzt. Teils überschneiden sich diese Schwerpunkte, teils sind sie sehr verschieden. Der soziale Zusammenhalt zwischen Juden, mit unterschiedlichem Grad an Religiosität, und allen arabischsprachigen Minderheiten im Land wird durch diese Unterteilung in Sektoren verhindert.

Wie ist NAMAL aufgebaut?

Mit welcher Vorgehensweise gelingt es der Nonprofit-Organisation, die Jugendlichen zusammen zu bringen? Aufgrund des erfolgreichen pädagogischen Konzeptes von Matzmichim, werden die TrainerInnen an alle genannten Schulen verschiedener Sektoren eingeladen, um hier Workshops für SchülerInnen und LehrerInnen zu geben. Hier wird die Basis für weitere Treffen vorbereitet.  

Das NAMAL Projekt gliedert sich in zwei Bereiche. Einmal werden Treffen mit Gruppen von 10 bis 20 ausgewählten SchülerInnen von je einer Schule organisiert. Die SchülerInnen werden von KlassenkameradenInnen gewählt. Der zweite Bereich umfasst ein sogenanntes „Multisector Meeting“, bei welchem sich die verschiedenen ausgewählten Gruppen der unterschiedlichen Sektoren treffen. Insgesamt besuchen die SchülerInnen etwa 10 bis 15 Gruppentreffen an ihrer Schule und 5 bis 7 „Multisector Meetings“.

NAMAL hat sich im Laufe der Jahre immer mehr weiterentwickelt und wurde somit immer komplexer. Das Programm gliedert sich in viele Teilbereiche, um möglichst viele Menschen in der israelischen Gesellschaft zu erreichen. So finden beispielsweise, um auch die Eltern der Jugendlichen erreichen zu können, auch „Parent & Student Meetings“ statt. NAMAL beinhaltet so viele spannende Teilbereiche, dass ich euch leider nicht alle bis ins kleinste Detail erläutern kann. Ich werde im Folgenden mehr auf ein besonderes „Multisector Meeting“ eingehen. Dieses Treffen fand an einem der Pessach Tage statt und insgesamt haben 120 NAMAL- AbsolventInnen teilgenommen. Wie läuft ein solches Treffen ab? Der Tag wird durch einige Vorträge, wie auch praktische Übungen gefüllt. Das Ziel ist es Gemeinsamkeiten unter den Jugendlichen zu finden. Eine grundlegende Gemeinsamkeit ist das gute und verantwortungsbewusste Leiten einer Gruppe, was die Jugendlichen durch Diskussionen und pädagogische Übungen herausarbeiten. Wie kann ich den Bedürfnissen aller TeilnehmerInnen einer großen Gruppe gerecht werden ohne jemanden zu übersehen? Auch werden die negativen Auswirkungen von Machtmissbrauch thematisiert. Ich finde es genial, dass die Unterschiedlichkeit der Teilnehmenden, welche aufgrund der verschiedenen Sektoren vorliegt, genutzt wird, um aufzuzeigen, wie dennoch eine Einheit geschaffen werden kann. Vor allen Dingen spielen Kommunikation und Begegnung hier eine wichtige Rolle. Häufig reicht es schon aus, dass die Jugendlichen einfach etwas gemeinsam erleben und sich darüber austauschen können. Wir schaffen also Gemeinsamkeiten, indem beispielsweise bei Ausflügen Brücken zwischen den Jugendlichen gebaut werden können.

Ein Ausflug in die Stadt Akko

Gerne möchte ich den Begriff des Multisektorentreffen noch etwas näher beleuchten, indem ich euch mit auf eine Reise nach Akko nehme.

2019 konnte Matzmichim einen Sommerausflug mit NAMAL-TeilnehmerInnen in die Stadt Akko organisieren. Die Stadt wurde als Reiseziel ausgewählt, da sie viele verschiedene Bevölkerungsgruppen zusammenhält, was in der Vergangenheit zu schweren Problemen geführt hat. Gleichzeitig ist Akko Sitz vieler sozialer Initiativen, die sich speziell der Vermittlung und Koexistenz widmen, was sich in der Arbeit kommunaler Institutionen sowie in engen Kontakten zentraler Persönlichkeiten der jüdischen und arabischen Gemeinschaft ausdrückt. 

Die Jugendlichen lernten bereits bei den Treffen an der eigenen Schule mit TrainerInnen von Matzmichim die politischen sowie gesellschaftlichen Hintergründe der Stadt Akko kennen. Bis sie dann endlich die Stadt hautnah erleben durften. Im Rahmen des Projektes NAMAL organisierte Matzmichim ein Treffen von SchülerInnen verschiedener Schulen (aus verschiedenen Sektoren). Während der Reise wurden die Beziehungen zwischen den Jugendlichen aus verschiedenen Gesellschaftsgruppen gestärkt. Dies wurde einerseits durch die Begegnung miteinander ermöglicht, aber auch wurden die Jugendlichen zu intensiven Diskussionen angeregt, die dazu beitrugen, Vorurteile abzubauen und Themen wie Traditionen in Identitätserzählungen und Rassismus gemeinsam anzugehen.

Erfolgreich Begegnungen schaffen

Momentan sind wir in Kooperation mit 13 Schulen, die an dem Programm NAMAL teilnehmen. Wir sind sehr glücklich, dass dieses Pilotprojekt in den letzten Jahren enorm gewachsen ist! Mittlerweile arbeiten wir mit 30 Lehrkräften aus den verschiedenen Sektoren zusammen, sowie 120 SchülerInnen, die wiederrum mindestens 10 weitere MitschülerInnen positiv beeinflussen. Durch das Ausbilden von MultiplikatorenInnen unserer Methoden, haben wir eine sehr große Reichweite an israelischen Schulen. Dieses Jahr konnten wir bereits insgesamt 14 Tage (etwa 370 Stunden) unsere Multi-Sector Meetings veranstalten. Gerne möchte ich euch anhand von Zitaten, welche von den gemeinsam verbrachten Tagen sind, die Wirkung unserer Seminare näherbringen. 

Durch NAMAL wird den Jugendlichen die Möglichkeit gegeben Freundschaften über kulturelle Grenzen hinaus zu schließen. Die Jugendlichen merken, dass die sie, trotz unterschiedlicher Kultur, vieles miteinander verbindet: ähnliche Gefühle, gleiche Herausforderungen, gemeinsame Interessen. 

Auch den Lehrkräften wird eine einzigartige Möglichkeit gegeben, sich zwischen den verschiedenen Sektoren auszutauschen. Zwischen Lehrkräften herrscht häufig viel Skepsis, weshalb es Zeit braucht bis das Eis gebrochen ist zwischen den Teilnehmenden. Umso erfreulicher ist es, nach einigen gemeinsam verbrachten Stunden zu sehen, wie die TeilnehmerInnen zunehmend gelassener und authentischer werden. Somit wird im Seminar eine lockerere, offene Atmosphäre kreiert, die zu einem zwanglosen Austausch einlädt. 

So können sowohl SchülerInnen, wie auch LehrerInnen eine sektorenübergreifende Gemeinschaft erfahren, welche sie in ihr Arbeits- und Wohnumfeld mitnehmen. So verändern wir indirekt nicht nur die Klassenräume und Schulen in Israel, sondern haben Einfluss auf die gesamte Gesellschaft. 

Wir sind sehr stolz auf die zahlreichen positiven Auswirkungen von NAMAL. Wir sehen Vielfalt nicht als Hindernis, sondern als eine enorme Ressource!

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