Neta - Re:Levant
Schwangerschaft, Israel, Familie, Geburt,

Neta

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„Neta“ (2020) ist ein Roman über drei Generationen einer Familie, die ursprünglich aus der Türkei kam. Die Handlung wird hauptsächlich aus den Augen der Frauen dieser Familie beschrieben.

Neta ist Therapistin, verheiratet mit Dori und lebt mit ihm in Karkur neben Hadera, pflegt ihre Mutter und ihre Großmutter. Verschiedene Figuren führen dazu, dass Neta sich Fragen zur Vergangenheit der Familie stellt, was auch ihr eigenes Leben in Frage stellt. Im folgenden Auszug geht es um Netas und Doris unermüdliche Versuche, ein zweites Kind zu haben.

Ssarit Flein ist Schriftstellerin und Dichterin. Sie lebt in Nes-Ziona. Sie publiziert die literarische website „Wortschatz“.

Neta ist der Name der Hauptfigur. Neta bedeutet ungefähr „Pflanze“, und im Original heißt der Roman „Neta sar“, ein neuhebräischer Ausdruck, der wörtlich „Wildpflanze“ bedeutet und eine Person beschreibt, die fehl am Platz ist, die sich nicht zurechtfindet oder von der Umwelt nicht akzeptiert wird, oder beides. Gina ist Netas Mentorin. 

Neta

Von Ssarit Flein

Übersetzung: Uri Shani

Auch dieses Mal geschieht es mitten in der Nacht.

Etwas, das sie mitten in der Nacht aufweckt, kann nichts Gutes bedeuten. Ihre Kindheit, in der sie immer wieder erschreckt von einem Albtraum aufwachte, prägte das in ihrem Körper ein. Sie wacht mit dem Schmerz auf, oder war es der Schmerz, der sie aufweckte? Durch den Nebel des Schlafes hindurch spürt sie, wie er sich nähert, wie er durch die Schichten der Träume eindringt. Sie versucht, ihn zu verneinen, ihn von sich zu schieben, ihn abzuschütteln. Erst als die Krämpfe in ihrem Unterleib so wahrhaftig wie der Fleck in ihrer Unterhose werden, wacht sie vollständig auf.

Sie schleppt sich still in die Toilette, darauf bedacht, Dori nicht aufzuwecken.

Es scheint, als sprächen alle Tropfen miteinander. Die roten, die aus ihr in die Kloschüssel tropfen, ihre Schwestern, die ihr aus den Augen fließen, und diejenigen aus der Dusche, die darauf warten, ihren Körper von einem weiteren Monat der Niederlage zu reinigen. Was sagen sie zueinander? Empfinden sie den Schmerz des unerfüllten Versprechens, das zu einer Enttäuschung wurde? Und vielleicht belächeln sie, wie Dori, ihre Naivität?

Im ersten Jahr war Dori geduldig, glaubte, dass es nur eine Frage der Zeit sei. Vom Tag, seit sie die Pille nicht mehr genommen hatte, und bis ihre Tochter in ihrer Gebärmutter zu wachsen begann, waren ja kaum zwei Monate vergangen.

Als Jam zwei Jahre alt war, wurde die Pille wieder verbannt. Im nächsten Monat wird sie schon ihren vierten Geburtstag feiern, und die Menstruation meldet sich stur jeden Monat.

Doktor Sodiak blieb ruhig. „So ist das halt im Leben. Man gewinnt nicht immer im Lotto. Letztes Mal ging es schnurstracks, und ein anderes Paar saß zu Hause und weinte, jetzt braucht es a bissel mehr. Nur Geduld.“ Dann leierte sie eine lange und ermattende Rede über Statistik herunter und lud sie ein, in einem halben Jahr wieder zu kommen, wenn nichts geschehen sollte.

Nichts. Genau das war es, was geschah.

Als sie nach acht Monaten wiederkamen, wurden beide zu einer langen Reihe von Tests geschickt, an deren Ende Doktor Sodiak mit einer merkwürdigen Feierlichkeit verkündete: „So ist das halt, nicht immer hat die Medizin eine Antwort. Bei Ihnen, mein Herr, ist alles in Ordnung, tip-top, und auch bei Ihnen, Frau Neta, funktioniert alles. Vielleicht müssen sie mehr Hausaufgaben machen.“

Und als sie nicht verstanden, sagte sie: „Sex! Mehr! Was ist hier nicht klar? Ist alles eine Frage von Statistik.“ Und dann gab sie noch einmal in einer verkürzten Version ihre Rede über die Statistik von sich.

Sie gaben sich Mühe mit den Hausaufgaben. Das einzige Ergebnis war, dass ihre Schlafprobleme wieder erschienen. Seit ihrer Kindheit waren die nächtlichen Stunden die empfindlichsten für sie. Jede kleinste Veränderung gab ihr Echo in der Nacht. Und jetzt, nach einigen ruhigen Jahren, begann es wieder. Schon seit einigen Monaten entglitt ihr der Schlaf wie ein glitschiger Aal, für einen Moment war er da, es schien ihr, als halte sie ihn in ihren Händen und sie schlief ein, aber schon im nächsten Moment war er verschwunden. In solchen Tagen wird ihre Müdigkeit an ihren herunterhängenden Schultern, an ihrem bleichen Gesicht, das die schwarzen Ringe unter den Augen hervorhebt, und sogar an ihrem langsamen Atem sichtbar.     

„Schlafstörungen sind ein Problem, das intelligente Menschen haben“, sagte ihr Gina in einem ihrer Treffen. Beide lächelten, als sie sich an das letzte Mal erinnerten, als sie darüber gesprochen hatten.

Die viereinhalbjährige Jam begann erst etwa im Alter von drei Jahren, ganze Nächte hindurchzuschlafen. Das ging nicht wegen Zahnenschmerzen oder wegen fantastischen Ungeheuern so lange, die Kleine war einfach von einem unendlichen Strom von Fragen überwältigt, den sie auf ihre Mutter abwälzte: „Warum Rotkäppchen und nicht Blaukäppchen? Wo ist das, Kibbuz Megiddo? Warum wuchs die Nase bei Pinocchio, wenn er log, da doch seine Lügen ja aus seinem Mund kamen?“

In einer Vollmondnacht fragte Jam, wer ihn dort aufgehängt habe, und ob man sich an der Sonne verbrennen könne, wenn man sie berührte. Auch bei ihrem Vater ließ sie nicht locker. Sie hatte endlose Fragen über seine Fahrten ins Ausland. „Wie sieht der Mond in Norwegen aus? Welche Farbe haben die Zähne der Eskimos? Stimmt das, dass sie Walfische essen? Wie legen sie einen Walfisch auf den Teller? Was geschieht, wenn dem Piloten das Bein bei der Ladung einschläft? Wie heißt das Land der Feen? Wann fliegst du dorthin? Wenn die Ausflügler in deiner Gruppe nicht zuhören, bestrafst du sie dann? Warum nicht?“ Und wenn sie dann endlich um fünf Uhr morgens einschlief, war die Nacht ihrerseits schon zu Ende.

Aber heute würde Neta solche Schlafstörungen begrüßen. „Verstehst du, Gina? Das hat nichts mehr mit Jam zu tun. Mein Gehirn schaltet auch nachts nicht ab, es ist ständig Verkehr da, wie auf einer Autobahn, ich schaffe es nicht, meine Gedanken zu parkieren.“

Als ihre Versuche, schwanger zu werden, ein Jahr alt wurden, brachte Dori die Möglichkeit der künstlichen Befruchtung auf den Plan. Zu seiner Überraschung war Neta strikte dagegen. „Ich möchte mir nicht all diese Gifte verpassen. Kein Grund dazu. Wir haben es mit Jam geschafft, und es wird auch diesmal gelingen. Du hast Sodiak gehört, Geduld.“ Damals funktionierte ihr Humor noch, und sie machte eine Karikatur der Ärztin und ihrer Statistikrede.

Und trotzdem, damit ihre Eizellen und Doris Samen nicht weiterhin auf parallelen Schienen aneinander vorbeiliefen, beschloss sie, ihrem Körper zu helfen und den richtigen Zeitpunkt zu finden. Sie kaufte alle Präparate zum Feststellen des genauen Zeitpunktes des Eisprungs. In den Pausen zwischen den Sitzungen mit ihren Patienten maß sie Fieber, und als es soweit war, schickte sie Dori eine Nachricht: „Wir haben heute Hausaufgaben.“

Nachdem Jam eingeschlafen war, stellten sie sich zur Mission ein, oder, genauer gesagt, legten sich dafür hin. Zunächst war das Vergnügen noch grösser als die Pflicht, aber in den letzten Monaten verschlang ihr Drang, die gerechte Belohnung zu erhalten, die letzten Reste der Lust.

Auch Doktor Sodiak begann schon, über Pillen und Spritzen zu sprechen, aber Neta verschanzte sich hinter ihrer Weigerung, bewaffnet mit dem Wissen über die Nebenwirkungen der Prozedur aus Niwas Geschichten.

„Ich versteh dich nicht“, sagte Dori, als sie in einem kleinen Kaffeehaus neben der Klinik saßen. Beide hassten Tel-Aviv, die Hetze, von der die Menschen eingenommen werden, die Abgase, die jeden Fußgänger überfallen, der sysiphische Kampf um das Finden eines Parkplatzes, aber dieses Kaffeehaus mochten sie. Die Kellner beeilten sich hier nicht, sie ständig zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Sie verließen das Lokal einmal nach einer geschlagenen Stunde, ohne etwas bestellt zu haben, amüsiert davon, dass sie eine ruhige Ecke gefunden hatten, wo sie sich ausruhen konnten, ohne dafür bezahlen zu müssen.

„Das ist es genau. Dass du nicht verstehst. Und auch Sodiak nicht.“

„Dann erklärs mir.“

Sie versuchte zu erklären, dass weder er noch Sodiak den Preis für die Behandlung bezahlen mussten, sie war es, die dick werden würde, und all die anderen Nebenwirkungen. „Zu den anderen Nebenwirkungen kann ich mich nicht äußern“, sagte Dori. „Aber über dein Aussehen, das macht mir nichts, ich liebe dich.“ Sie unterbrach ihn, frustriert und ohne Geduld: „Das ist es doch nicht! Nicht du machst mir Sorgen.“

Dori nahm tief Atem und atmete leise aus, maß seine Worte:

„Wer macht dir denn Sorgen? Ich verstehe wirklich nicht.“

„Ich. Ich glaube nicht, dass ich mich im Spiegel anschauen könnte. Ich sehe Niwa, ich sehe, was sie durchmacht. Es ist nicht nur die schreckliche Gewichtszunahme. Es ist die überspannte Laune, wie eine emotionale Achterbahn, und das Gefühl, dass mein Körper mir entnommen wurde. Dori, Niwa hat keine Wahl. Sie hat überhaupt keine Kinder. Wir haben und noch werden weitere haben, aber nicht um jeden Preis.“

Und Dori, wie Dori halt ist, schwieg.

Er schwieg, als die Rechnung kam, er schwieg den ganzen Weg bis zum Auto, und er schwieg den ganzen Weg von Tel-Aviv bis Karkur.

Erst als er sich von ihr neben Jams Kindergarten verabschiedete und bevor er zu seinem Büro weiterfuhr, küsste er sie und sagte:

„Gut, wir gehen deinen Weg.“ Und sie verstand nicht, ob er wirklich verstand, oder ob er trotzig aufgab.

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Benjamin
Benjamin
26 Tage

Wow! Sehr eindrucksvoll geschrieben…

Frage: geht das Buch auch auf die nationale Obsession des Kinderkriegens in Israel ein? Es ist naemlich selten eine private Entscheidung – entweder geht es um religiose Pflicht, oder um den demografischen Krieg (die juedische Mehrheit sichern), um das Schicksal des juedischen Volkes (wir zeigen den Nazis, dass wir ueberleben) oder um den Familiennamen…

Wenn es dann nicht klappt, ist der Druck immens – und kuenstliche Befruchtung wird oft gewaehlt, was dann haeufig zu mehr Stress fuehrt. Kuerzlich (2019) gab es einen Film dazu, Besorot towot (auf English „the art of waiting“), wo die Frau aehnlich reagiert wie Neta hier – „das Problem liegt bei dir, aber ich muss die 7 Tore der Hoelle durchlaufen“, sagt sie ihren Mann. Hier der Trailer: https://m.youtube.com/watch?v=adqGU8xLsQM

Noch eine Frage zum Schluss: wie kam das Buch in Israel an?

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