Posthum - Re:Levant
Die Hauptperson, das bin ich, Tali Deutscher-Schachar. Ich habe multiple Sklerose und bin heute an Armen und Beinen gelähmt, aber ich arbeite full-time als Coacherin. Das Buch ist 2017 erschienen.

Posthum

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Die Hauptperson, das bin ich, Tali Deutscher-Schachar. Ich habe multiple Sklerose und bin heute an Armen und Beinen gelähmt, aber ich arbeite full-time als Coacherin. Uri ist mein Sohn, heute 21 Jahre alt, in der Handlung des Buches ist er sehr viel jünger. Almati war meine Lebenspartnerin.

Die Handlung ist erfunden. Das Buch ist 2017 erschienen.

Die Hauptperson, das bin ich, Tali Deutscher-Schachar. Ich habe multiple Sklerose und bin heute an Armen und Beinen gelähmt, aber ich arbeite full-time als Coacherin. Das Buch ist 2017 erschienen.

Posthum

Von Tali Deutscher-Schachar

Übersetzung: Uri Shani

…”Wo bin ich?”

“Im Jenseits.”

“Was?!?”

“Beruhige dich. Was war der letzte Moment, an den du dich erinnerst?”

“Ich bin schlafen gegangen. Bist du sicher, dass ich nicht träume?”

“Du träumst nicht. Du bist tot. Dein Leben ist auf eine Weise zu Ende gegangen, die ihr in euer Welt auf hebräisch ‘Kusstod’ oder den ‘Tod der Gerechten’ nennt.”

Ich verstehe nicht, was er sagt. Er soll aufhören mich auszulachen. Das passt mir nicht. Er nervt mich. Er soll verschwinden, ich komm schon alleine zurecht! Kalter Schweiß bricht aus mir raus. “Wenn ich wirklich tot bin, wie kann es sein, dass ich die Kleider anhabe, die ich gestern gekauft habe, und doch soll ich in einer anderen Welt sein?” fragte ich mit zitternder Stimme. “Ich habe mich im Spiegel gesehen, und ich sehe aus wie gestern.”

“Das ist so, weil die Einbildung in unserer Welt, dem Jenseits, unseren Willen verwirklicht. Du hast dich in den Kleidern vorgestellt, die du beschrieben hast, und das genügt, dass du sie wirklich – in unserer Wirklichkeit – anhast”, sagte er in einer Ruhe, die mich verrückt machte.

Wer war dieser Mann? Vielleicht sollte ich einfach weggehen, aber wohin? Ich bin offenbar so ziemlich von diesem Schmuel abhängig, oder wie immer er auch heißt, und ich mag nicht von anderen abhängig sein! Ich habe genug davon.

Ich war schockiert, und verwirrt, und versuchte das Ende eines Fadens von Vernunft zu finden. Ich hatte nicht vorgehabt zu sterben. Ich habe noch lauter Pläne für die Zukunft, und eine Menge Dinge zu tun; ich schreibe gerade an einem Buch, Uri hat bald Geburtstag, nächste Woche ist eine Party für mich geplant, und in zwei Wochen eine Reise. Und ich habe mich von niemandem verabschiedet.

“Und wo sind alle?”

“Wer sind ‘alle’?”

“Uri, mein Sohn.”

“Er ist in der alten Welt.”

“Was? Ich werde ihn nicht mehr sehen?” fragte ich und wollte es nicht glauben.

“Je besser du das Jenseits kennenlernen wirst, je eher wirst du verstehen, dass du noch eine Menge Gelegenheiten haben wirst, ihn zu treffen”, versuchte er mich zu beruhigen. 

Ich war fassungslos und machte schnell eine Rechnung: Uri schlief nicht bei mir gestern, er schlief bei Almati. Was für ein Glück, dieser Grauen ist ihm erspart geblieben. Wenigstens für ein paar Stunden. Er sollte mit dem Schulbus nach der Schule zu mir kommen. Wohin soll er kommen? Wer wird es ihm erzählen? Wer weiß es schon? Meine Tränen rannen hemmungslos. Meiner Mutter sagten sie es bestimmt schon. Ich hoffte, dass sie Almati anrufen und es ihr sagen würde, damit sie Uri von der Schule abholen ging. Jetzt weinte ich laut.

“Was ist die Uhrzeit in der alten Welt?”

“Neun Uhr morgens.”

Die Hauptperson, das bin ich, Tali Deutscher-Schachar. Ich habe multiple Sklerose und bin heute an Armen und Beinen gelähmt, aber ich arbeite full-time als Coacherin. Das Buch ist 2017 erschienen.
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Benjamin
Benjamin
4 months ago

…wer hat in letzter Zeit nicht Gedanken an das Treffen mit dem Tod? Wollen wir hoffen, dass es in so schoene Worte gehuellt ist wie hier!

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Beni Steinberg, Roman, Jerusalem, Josephus Flavius, Papyrus,
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