Purim & Posttrauma – Ein Alptraum für viele
Photo von Michael Cotler

Purim & Posttrauma – Ein Alptraum für viele

An Purim, wie es sich für einen guten jüdischen Feiertag gehört, geht es ums Essen oder die Abstinenz hierzu. Einen Tag vor Purim fastet frau/man. Am Chag (Feiertag) selbst wird getrunken und das vorzugsweise in Kostümen. Der jüdische Karneval erinnert daran, wie eine Jahrhunderte später sogenannte Endlösung der Judenfrage dem damals persischen Minister Haman vor Tausenden von Jahren vereitelt wurde. Haman nämlich wollte alle Juden im Reich töten lassen, und Mordechai und seine Nichte Esther konnten diesen perfiden Plan verhindern.

Es ist eine Mitzwa (ein religiöses Gebot) sich an diesem Tag zu betrinken (übrigens, wenn man tatsächlich gefastet hat, dann kommt man dem Gebot sehr schnell nach … ). Das gewünschte Alkoholpensum ist dann erreicht, wenn man schon nicht mehr weiss, ob man Haman (den bösen persischen Minister, der damals alle Juden vernichten wollte) verflucht oder Mordechai, den Juden, segnet.

Was hat Purim mit Posttrauma zu tun?

Purim ist ein lautes, ein ausgelassenes Fest, an dem frau/man über die Stränge schlagen muß. Da verwundert es einen nicht, dass Feuerwerkskörper im Umlauf sind. Hier hört allerdings der Spass für viele auf und wird zum Albtraum.  

Viele, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, erleben ihr Trauma erneut durch einen sogenannten Trigger bzw. Auslöser. Ein Feuerwerkskörper oder Böller kann ein solcher Auslöser sein und traumatisierte Menschen in jene Situation zurückversetzen, in der alles anfing. Soldaten mit PTBS, Terroropfer, Vergewaltigungsopfer, Leute, die beraubt wurden, aber auch Unfallopfer können Purim oft nicht unbeschwert erleben.

PTBS aus der Sicht eines Psychiaters

Posttrauma, so erklärt Dr. Gabriel Barkai, Leiter der Psychiatrischen Abteilung im Tel Aviver Krankenhaus Ichilov, ist eine die Erinnerung betreffende Krankheit.. Posttraumatisch ist demnach ein Mensch, der am eigenen Leib  ein traumatisches Erlebnis er- und/oder überlebt hat. Unter einer solchen Situation kann man sich am Besten einen Menschen vorstellen, der selbst unter Lebensgefahr stand oder unmittelbarer Zeuge einer lebensbedrohlichen Situation wurde, die jemand anders bedroht hat. Das hier entscheidende Kriterium ist, dass frau/man es selber erlebt haben muss. Das bedeutet, dass jemand, der potenziell traumatisierende Inhalte im Fernsehen wahrnimmt oder der eine Fremderfahrung einer Zeitungsmeldung entnimmt, kein PTBS entwickelt. PTBS setzt sich zusammen aus der eigenen Erinnerung, die man mit selbst  gesehen, gerochen und gehört haben muss. Posttrauma ist eine sehr schmerzhafte Angelegenheit für den Betroffenen.

In der Praxis heißt das: Plötzliche Geräusche können eine sogenannte Schreck- oder Panikreaktion bis hin zur Panikattacke verursachen. Eine sogenannte Panikattacke wird in der Regel von Herzrasen, Schweißausbrüch, intensiven Angstgefühlen und innerer Unruhe begleitet. Sie kann sogar bis zu einer dissoziativen Situation führen, in der man einen Flashback erl und an den Punkt kommt, wo die  erneut erlebt wird. Nicht nur Soldaten haben Posttrauma, sondern auch Leute, die einen Autounfall erlebt haben, die Zeugen eines Terroranschlags waren, und natürlich sind alle Menschen, die die Schoa überlebt haben, posttraumatisierte Individuen,

Angehörige können den Betroffenen eine Therapie nahe legen, aber in akuten Situationen hilft es den Betroffen, sich von der Situation zu entfernen. Sollte der Betroffene Kinder haben, dann gilt es, diese in solchen Situation zu schützen. Einige Leute mit PTBS haben Wutausbrüche, und Kinder neigen dazu viel Lärm zu verursachen. Man muss den Kindern vermitteln, dass diese keine Schuld tragen, sondern dass der Betroffene leidet, und ihnen erklären, wie man damit umgeht.”

Wie Familien mit PTBS umgehen

Hier erzählt eine Frau, die mit einem ehemaligen Soldaten verheiratet ist, wie ihren Mann seine Erinnerungen zu Purim einholen:

Mein Mann leidet unter PTBS aufgrund seines Wehrdienstes in der Armee. Es ist für uns alle schwierig. Heute mussten wir die Purimfeier unseres Sohnes im Kindergarten verlassen, weil der Lärm für meinen Mann zu heftig war. Purim und Jom HaAtzma’ut (der israelische Unabhängigkeitstag) sind immer ein Albtraum für uns.

Soldaten mit posttraumatischer Störung

Ein Soldat mit PTBS erzählt uns hier, wie er Purim erlebt:

Ich möchte euch erzählen, wie es mir an Purim geht.

Während ihr feiert, lacht und Spaß habt – leide ich.

Dieser Feiertag bringt mich jedes Jahr zur Verzweiflung und das wegen der Böller.

Ihr denkt vielleicht, dass die Böller harmlos sind, Teil des Ganzen sind und gar nicht so schlimm sind.

Aber für mich sind sie eine Katastrophe!

Ich war in einer Kampfeinheit. Im Jahr 2000 bin ich der Golani Brigade beigetreten.

Im Epi-Zentrum der Terroranschläge

Sind wir auf Terroristen gestossen,

Haben Freunde verloren

Zwei Jahre später gab es einen weiteren Angriff eines Selbstmordattentäters,

Den ich leider nicht rechtzeitig stoppen konnte

Ich bin nach Hause gegangen,

Habe meine blutgetränkte Uniform verbrannt

Und bin in meine Einheit zurückgekehrt.

Aber ich bin schnell zusammengebrochen.

Einige Jahre später wurde ich zum Reservedienst im Libanonkrieg eingesetzt,

Und da kam ich kaputt zurück

Mir wurde klar, dass ich unter PTBS leide

Und zwar jeden Tag und immer wieder:  

Schlaflosigkeit

Albträume

Jucken am ganzen Körper

Unkontrollierte Angst

Aber an Purim leide ich noch mehr.

Dann, wenn die Böller zum Einsatz kommen

Jedes Mal, wenn ihr die Böller sprengt,

Dann zersprengt ihr mein Herz

Jedes Mal, wenn ein Feuerwerk die Nachbarschaft erschüttert,

Erschüttert ihr meine Seele

Jede solcher Explosionen versetzt mich und meine Freunde zurück nach Tulkarm, Dschenin und in den Libanon.

Jede dieser Explosionen bringt mich zu meinen verstorbenen Freunden

Und Brüdern, die niemals wiederkommen werden

Und ich weiß, was du denkst:

„Es sind nur Kinder

Lass sie spielen“

Zu Purim gibt es genug Dinge, die einem Freude bereiten:

Kostüme

Mischloach Manot

Rasseln

Natürlich kann man Purim so feiern, wie es einem beliebt,  

Aber ich möchte euch bitten keine Böller zu benutzen.

Purim haben wir jetzt hinter uns, aber das Trauma ist nicht vorbei, denn nur kurze zwei Monate später ist Jom HaShoah (der israelische Holocaust-Gedenktag) und Jom HaZikaron (der Gedenktag für die gefallenen Soldaten). Danach folgt ein eigentlich fröhlicher Feiertag, nämlich Jom HaAtzma’ut (der israelische Unabhängigkeitstag), aber auch er ist, wie Purim, von lautstarken Feuerwerken begleitet, und wird somit den traumatisierten Ex-Soldaten, die nichts als ihre (Wehr-)Pflicht getan haben, keine grosse Freude bereiten …

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