Samer-Time – Ein Araber ist der neue Vorsitzende der grössten Bank Israels
Samer Haj-Jichia. Foto mit freundlicher Genehmigung von Bank Leumi und Studio Sarur

Samer-Time – Ein Araber ist der neue Vorsitzende der grössten Bank Israels

Arabischer Pionier im Judenstaat

Samer Haj-Jechia ist der neue Vorsitzende Israels größter Bank, der “Bank Leumi”. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass ein muslimischer Araber Vorsitzender einer der großen Banken ist. Aber auch abgesehen davon ist es eine ungewöhnliche Wahl.

Wind of Change

“Wie tief sind wir gesunken!?!” , sagte der alteingesessene Fernsehmoderator Jaron London sinngemäß kürzlich in seiner Sendung, halb ironisch und halb ernst gemeint, “schlimm genug, dass jetzt ein Druse Luftwaffenpilot geworden ist, und eine Frau “Microsoft Israel” leitet – aber ein Araber leitet die “Bank Leumi”? Die Bank, die Theodor Herzl, der Gründer des politischen Zionismus, bereits 1902 gegründet hatte?”

Jarons Co-Moderatorin Geula Even lächelte verschmitzt – ein Lächeln, das wohl sagte, dass der Erfolg von Minderheiten vielleicht doch ganz im Sinne der Vordenker des Zionismus waren, und dass Herzl sich bestimmt über die Ernennung von Haj-Jechia gefreut hätte.

Natürlich leben wir heute nicht in der politischen Realität Herzls, und so kann man Knessetmitglied Ahmad Tibi nur zustimmen, dass Haj-Jechia nicht nur für sich, sondern für folgende Generationen palästinensischer Israelis die gläserne Decke brach, und dass er ein Rollenmodel sein werde. Ein weiteres palästinenisch-israelisches Mitglied der Knesset, Aida Touma-Sliman, ging sogar noch weiter, und meinte, es sei nicht nur eine gläserne Decke, sondern eine Betondecke, die Haj-Jechia durchbrach. Es ist auch 2019 sehr ungewöhnlich, dass ein Mitglied der arabischen Minderheit in Israel so eine Führungsposition innehat.

Der Outsider

Aber nicht nur Haj-Jechias ethnischer Hintergrund ist ungewöhnlich. Denn der 50-jährige Einwohner der Stadt Taibe, der nicht nur MBA und Wirtschaftsdoktorat hat, sondern auch gelernter Rechtsanwalt ist, kommt nicht von dem inneren Kreis des Banksystems. Stattdessen amtierte er in hochrangigen Stellen im Aufsichtsgremium vom Hadassa-Krankenhaus in Jerusalem, vom Lebensmittelkonzern Strauss, und einigen großen Einkaufsmarktketten, um nur einige seiner Arbeitsplätze zu nennen.

Auch hat er viele seiner prägenden Jahre im Ausland verbracht: So lebte er sieben Jahre lang in Boston, wo er auf MIT sein Doktorat in Makrowirtschaft erhielt. Seine Kinder wurden in Amerika geboren. Nach einem Artikel im Wirtschaftsteil der israelischen Tageszeitung “Jedioth” war es keine leichte Entscheidung gewesen, von der Luxusgegend in Boston nach Taibe zurückzuziehen, einer Stadt, deren wirtschaftlicher Status viel geringer ist, und die ein großes Problem von Bandenkriminalität hat.

Der bescheidene Visionär

Auf Haj-Jechia warten viele Herausforderungen, angefangen vom Rücktritt der Geschäftsführerin Rakefet Russak-Aminoach (die Geschäftsführer der drei großen Banken kündigten fast zeitgleich, u.a. wegen der Beschränkung ihrer Gehälter) bis zur Kritik der Kontoinhaber an den hohen Bankgebühren.

Für die größte Herausforderung – die technologische – hat er jedoch eine Vision: So geht die Tendenz von finanziellen Transaktionen in Richtung Fin-Tech (financial technology), und Applikationen (über das Internet oder Handy), die rund um die Uhr finanzielle Dienste anbieten, während die Banken ihr veraltetes System mit Papierbürokratie und physischen Zweigstellen mit limitierten Öffnungszeiten beibehalten. Allerdings wollen die High-Tech-Giganten alle Regulierung umlaufen, und den kleinen finanzielle Firmen fehlt etwas, das nur Banken haben: das Vertrauen der Öffentlichkeit.

Haj-Jechia will das ändern: ihm schwebt eine weitrangige Zusammenarbeit von Bank Leumi mit Start-Ups von Fin-Tech vor, wobei technologischer Fortschritt die müßige Bürokratie ersetzen wird.

Damit bringt Haj-Jechia, der als bescheiden, fast schüchtern gilt, und sich derzeit weigert, Interviews zu geben, nicht nur frischen Wind in das Bankensystem Israels, sondern bringt den Finanzsektor des Landes in das 21. Jahrhundert. Der Winter der rüchigen Bürokratie ist vorbei.

It’s Samer-Time.

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