Sei unbeschwert, meine Seele!

Sei unbeschwert, meine Seele!

Juli ist Gastarbeiterin aus der Ukraine, wo sie in Armut und Knechtschaft gelebt hatte und illegal mit ihrem kleinem Sohn nach Israel gekommen ist, und hier versucht sie, ein neues Leben zu beginnen. Scheli ist eine Schriftstellerin, die, verwitwet von ihrem zweiten Mann, dem ultraorthodoxen Lebenswandel den Rücken gekehrt hat. Die Distanz zwischen Juli und Scheli ist fast unüberbrückbar, und trotzdem etwas, genauer gesagt: jemand verbindet die beiden. Es ist dies Barry, ein religiöser Verwandter von Scheli, mit dem sie eine Liebesbeziehung begonnen hat, der zwischen den beiden Frauen schwankt und die beiden schließlich verbindet.

Das Buch handelt von Übergängen: von einer geschlossenen in eine offene Gesellschaft, von einer Rabenheimat in ein neues und widerspenstiges Land, von der Trauer um den gestorbenen Ehemann und der Suche nach Liebe in eine enttäuschte und enttäuschende Liebe, vom Altersdilemma in die Erkennung, dass es kein Alter für die Liebe gibt.

Der Titel “Schuwi Nafschi” ist ein sehr bekanntes und zweideutiges Zitat aus Psalm 116,7.

Judith Rotem hat bisher 13 Bücher geschrieben, neben Dutzenden, die sie lektoriert und auf Bestellung geschrieben hat. Im Jahr 2001 wurde sie von “Globes” zur Autorin des Jahres gewählt, und 2003 erhielt sie den “Premierministerpreis”. Sie ist Mutter von sieben Kindern, Großmutter von 24 Enkel und Urgroßmutter von sieben Urenkeln und tönt und sieht aus wie eine Zwanzigjährige.

Juli ist Gastarbeiterin aus der Ukraine, Scheli ist eine Schriftstellerin. Die Distanz zwischen Juli und Scheli ist fast unüberbrückbar, aber ein Mann verbindet die beiden. Auszug aus einem neuen Roman der preisgekrönten Judith Rotem.

Sei unbeschwert, meine Seele!

von Judith Rotem

Übersetzung: Uri Shani

Juli

Der Mann sitzt im hinteren Teil des Kaffeehauses, sein Rücken zur Fensterwand, durch die man die Straße sieht, sein Gesicht durch die Morgenzeitung verdeckt. Er kaut an einem Sandwich, sein Kaffee vor ihm wird kalt.

Aber er beobachtet sie. Sie macht sich unsichtbar, so gut sie kann, und ihr Körper kam ihr noch nie so unbeholfen vor, füllt den kleinen Raum, in dem zehn Tische stehen, zwei-drei Stühle an jedem Tisch, ein quasi-Leder-Plastiksofa, und eine Theke.

Sie geht von Tisch zu Tisch, spritzt ein Reinigungsmittel auf die Holz- und Plastikplatten, wischt ab, trocknet, reinigt konzentriert die Theke und die Gläser, die darauf stehen, dann schleppt sie den Schrubber und den Putzlappen in einer Hand und in der andern den Eimer, dessen Wasser zu stark nach synthetischen Blumen riechen, und beginnt, den Boden zu wischen. Es ist ihr dritter Arbeitstag, und sie hofft, dass Aron, der Boss, die Schweißperlen auf ihrer Stirn nicht sieht, Schweiß, der nicht nur von der körperlichen Anstrengung herrührt. Die Adresse hier, wie auch die Adresse des Zimmers, in dem sie übernachtet, hat ihr eine fremde Frau auf der Straße gegeben. Fremd, lächelt sie in sich hinein, es ist doch alles fremd hier, die Wörter, die über ihrem Kopf schwirren, die Gebäude, die weder schön noch anmutig sind, die mit hupenden Autos vollgestopften Straßen, die riesigen Reklametafeln, die ihr unbekannte und unerreichbare Produkten ins Gesicht schrien.   

Und die Menschen. Die Bevölkerung in ihrem Land ist zehnmal so groß, und ihre Hauptstadt ist grösser als dieses Tel-Aviv, und trotzdem überschwemmt sie sie mit ihrer verwirrenden und erstickenden Maßlosigkeit. Ssawlanut, sagte sie sich auf Hebräisch, Geduld, und sie kostet das neue Wort, das sie von der Frau gelernt hat, die sie angesprochen und ihr Leben verändert hat. Ssaw-la-nut, sagte sie ihr, und fügte auf Russisch hinzu: Das ist ein neues Land, neue Menschen, sie haben Recht auf Geduld deinerseits.

Seit sie vor zwei Wochen ihr Land verlassen hatte, bemerkte sie, dass sie mit sich selber sprach, nicht laut und mit Handbewegungen, sondern mit Mimik, und manchmal ertönte ein unwillentliches Stöhnen. Heute Morgen, als sie am Spiegel im Badezimmer vorbeiging, erkannte sie ihr Gesicht fast nicht mehr. Der Abstand zwischen ihren Augen hatte sich verkleinert, ihre Augenbrauen berührten sich fast, und ihre Lippen murmelten etwas. Mit wem konnte sie sonst sprechen?

Aber hier, im kleinen Kaffeehaus, in der Stille des beginnenden Tages, kann sie allein sein mit ihren Gedanken, während ihre Hände beschäftigt sind. Nur die Augen des Mannes rufen eine Unruhe in ihr hervor und verlangsamen ihre Arbeit. Er hat seine Zeitung schon zusammengelegt und den zweiten Kaffee getrunken, den sie ihm gereicht hat, und in seinen Händen dreht er jetzt, wie ein Muslim, der in seinen Händen mit dem Rosenkranz spielt, einen blauen Samtbeutel, mit goldenen Buchstaben bestickt [das ist natürlich ein Gebetbeutel, aber das weiß Juli nicht, der Übersetzer]. Sie hört den Klang von Holzwürfeln im Beutel. Sei unbeschwert, beruhigt sie sich, denk nur an dich, und an die Kinder.

Die Kinder. Ein Schmerzespfeil durchbohrt ihr Herz. Nicht “die Kinder”. “Das Kind”. Genja hat sie bei ihrer Mutter gelassen. Sie wirft einen Blick auf das Sofa, dort liegt Dima, mit einer karierten Wolldecke bedeckt, die sie von Aron erhalten hat. Gott sei Dank schläft er, endlich ruhig. Seine hellen Augenlider sind fast durchsichtig, und sie sieht die schnelle, nervöse Bewegung, die gerunzelte Stirne, den süßen, nach unten gezogenen Mund, wie enttäuscht. Was träumt er?

Wann war es, vor zwei Tagen, oder mehr? fragt sie sich. Die gute Frau wandte sich an sie, auf dem bevölkerten Gehsteig, und fragte sie auf Russisch, ob sie Hilfe brauche. Sie hatte ein rundes, angenehmes Gesicht, von kurzem, schwarzem Haar umrundet, das auf ihre Augen fiel, und einen üppigen Körper. Ihr Kleid war lang, dunkel und formlos. In der Hand hielt sie eine schwarze, abgenutzte Ledertasche und eine Stofftasche, auf der fliegende Vögel aufgedruckt waren. Ihrem Akzent zufolge kam sie aus einem der “stans” – Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan, oder aus dem Kaukasus, Georgien, zum Beispiel, aus einem dieser Länder, auf deren Einwohner sie bis vor kurzem herablassend geblickt und deren Akzent sie verachtet hatte, aber jetzt war alles, was sie in ihrer Muttersprache hörte, angenehm und beruhigend, wie eine warme Flasche in einer kalten Nacht.

“Ist er nicht hungrig?” fragte die Frau vorsichtig und deutete mit den Augen auf Dima. Es hatte etwas Wunderbares, wie einfühlsam sie war, und zum ersten Mal verstand Juliane, dass hier, in diesem neuen Land, das sie gewählt hatte, das Kind ihr nicht ein Hindernis, sondern vielleicht sogar ein Nutzen sein würde.

Dima sprang auf dem Gehsteigpflaster, wie ‘Himmel und Hölle’ spielend, ein bisschen wegen der Kälte, und ein bisschen, weil er nicht stillstehen konnte, und Juliana schaute seinen Sprüngen nach. Ja, Nutzen. Wirklich schön, was aus dir geworden ist, Juli. Bilder erschienen in ihrer Erinnerung: Mütter, die ein Stück Gehsteig zu ihrem Zuhause machten, in der Stadt, die sie hinter sich gelassen hatte, ihr Säugling dicht an ihrer Brust, und neben ihnen, auf einer verschlissenen Decke, noch ein Kind, mit großen Hungersaugen, die den größten Teil ihres Gesichtes ausmachten. Sie schloss fest ihre Augen, um die Gesichter zu verscheuchen.

“Gib ihm das, er soll gesund sein”, sagte die Frau und legte in ihre Hand ein Brötchen, in Wachspapier und in einer durchsichtigen Plastiktüte eingepackt. Sie holte aus ihrer Tasche ein Handtuch, wischte sich die Hände ab, steckte das Handtuch wieder zurück und lächelte und das Kind an. Juliane dachte, dass das kurze Treffen damit zu Ende sei und empfand einen Stich im Herzen. Soll sie doch bleiben, noch ein wenig mit mir sprechen, wünschte sie sich. Wie lange war es her, seit sie mit jemandem gesprochen hatte, außer mit Dima?

“Ich bin Bella, fünf Jahre im Land, aus Tbilissi, woher bist du?” fragte die Frau, wie wenn sie Julis Stoßgebet gehört hätte, und sie, wie ein Korken, der aus der Flasche gezogen wurde und das Getränk in alle Richtungen spritzen ließ, erzählte noch und noch. Nicht alles, natürlich, aber genug, um das Gefühl der Existenz wieder zurückzuerlangen, dass sie ist, wer sie ist – Juliane, Juli, Klavierlehrerin in der weiten Vergangenheit und Buchhalterin in der näheren Vergangenheit, Mutter von zwei Kindern, die das Schicksal mit ihrem Sohn hierher verschlagen hatte, ausgerechnet in dieses Land, merkwürdig, und wer begreift überhaupt sein Schicksal?

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Scheli

“in ihrem Alter”… das war der Schlüssel. Sie hasste den Ausdruck nicht, dachte nicht, dass er abstoßend oder verwerflich sei, und verleugnete ihn nicht. Ihre Kindheit und ihre Jugend, unglücklich beide, ihre erste Ehe, die sie als Versäumnis und als Wirbel an der Schwelle, an vielen Schwellen, erlebt hatte – die Schwelle des Glaubens, die Schwelle der Entfernung, die Schwelle der Angst, die Schwelle des Mutes und die Schwelle der Entscheidung, ihrem Leid ein Ende zu setzen – all das fügte sich zu einer vollen Autobiographie zusammen und bildeten in ihr, was das Wort “Alter” war. Ihr Alter.

Ihr Alter war ohne Alter, wenn die Worte der Schmeichler wahr waren. Alter ist Freude, Alter ist Zeit, und sie hatte das “Alter der Dankbarkeit” erreicht, wie im Vers, den sie liebte: “Die da leben, loben dich.” [Jesaja 38, steht im Gegensatz zum Satz davor: “Die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht”, der Übersetzer] Solange der Mensch lebt, muss er sich dafür bedanken.

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Sie bewegte sich in ihrem Leben, ohne auf das Alter zu achten, ging in ihm wie die Fakire, die auf glühenden Kohlen liefen und sich nicht verbrennen, wie die Kinder, die mit ihren farbigen Gummistiefeln in den Pfützen waten, das Regenwasser trinken, das auf ihre Köpfe und ihre kleinen Gesichtern fließt.

Sie verachtete die Bedrohung des Alters nicht, aber bedankte sich für ihr Glück, das ihren aufrechten, unbeschwerten Gang bewahrte, das ihr Falten mit Gnade und Barmherzigkeit und eine junge Stimme und eine willige Seele gab.

Willig für was? Die Mutterschaft, die Großmutterschaft, die Freundschaft. In ihrem Herzen nannte sie sich “Strand ohne Bezahlung”, bereit für jeden Einbruch in ihre Zeit, für jedes Aussaugen ihrer Kräfte, für jeden, der sie wegen einer Beschwernis brauchte. Dank ihrer Kinder und ihrer Enkel empfing sie das Alter mit Liebe, denn wann, wenn nicht in den siebziger Jahren ihres Lebens, konnte sie auf ihrem Haupt den schönen Kranz tragen, den ihre Enkel ihr gewunden hatten, einundzwanzig an der Zahl, und die Zahl einundzwanzig, wie man sie auf Hebräisch schreibt, also mit Buchstaben, nicht mit Zahlen, ist auch ein Akronym für “jeder”, und das stimmte auch, denn jede und jeder von ihnen war ihr ans Herz gewachsen. All die überflüssige, nicht mehr brauchbare Libido schüttete sie auf ihre Enkel aus.

Die Leute geben dem Begriff des Alters zu viel Macht, eine Macht, die an das Unmoralische grenzte, an Beseitigen und Auslöschen, dachte sie. Diese Alten, über die die Jungen heute lachen, waren einmal jung, und auch sie grenzten die Alten ihrer Zeit aus und erniedrigten sie, und die Jungen, die sie heute missachten, werden auch einmal alt und erniedrigt und ausgegrenzt sein. Der alte Hillel, der einen Schädel auf dem Wasser treibend sah, sagte: “So wie du andere ertränktest, wurdest du ertränkt, und die dich ertränkten, werden eines Tages auch ertränkt werden.” Der verwerfliche Teufelskreis dreht sich weiter ohne Ende.

Und wann wird jemand, der Camus nicht gelesen hat, das angestammt Absurde der menschlichen Existenz verstehen? Gewiefte Werbetexter haben dem Alter euphemistische, käufliche Namen gegeben: “das dritte Alter”, “das goldene Alter”, “Nachess-Alter”. (Auf Deutsch könnte man sagen: Wonnealter, das ist aber schon besetzt, und das jiddische Nachess ist eine ganz spezifische Wonne. Der Begriff “Nachess-Alter” in Israel ist eine Erfindung einer ultraorthodoxen Werbetexterin, der auch von den Ultraorthodoxen gern gebraucht wird.) Das Wort “Lebensabend” ist schon fast ein Schimpfwort, ein Wort, das man nicht aussprechen darf, das niemand, sei er jung oder alt, über seine Lippen bringen darf.

Juli ist Gastarbeiterin aus der Ukraine, Scheli ist eine Schriftstellerin. Die Distanz zwischen Juli und Scheli ist fast unüberbrückbar, aber ein Mann verbindet die beiden. Auszug aus einem neuen Roman der preisgekrönten Judith Rotem.

This Post Has One Comment

  1. Judith Rotem ist echt eine faszinierende Person – und eine tolle Schriftstellerin! Hier etwas über sie: http://www.ithl.org.il/page_13239

    Nebenbei sind Ihre Töchter auch sehr interessante Menschen (vielleicht ist es genetisch):
    – Tamar Rotem schreibt bei “Haaretz”, u.a. auch über Menschen, die – wie ihre Familie – die religiöse Welt verlassen haben (https://www.haaretz.com/jewish/.premium.MAGAZINE-a-family-that-fled-the-ultra-orthodox-fold-1.5393791)
    – Noa Rot hat einen Film über ihre Familie gedreht:
    https://www.youtube.com/watch?v=SURvnp8W0So
    (leider nur auf Hebräisch, aber die Bilder sind sehr stark, lohnt sich also auch für Nicht-Hebräisch-Sprecher, sie anzuschauen)

    Ich hoffe, das Buch – und weitere Bücher von Judith Rotem! – werden einen Verlag in Deutschland finden!

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