Sonne in der Hosentasche - Re:Levant
Libanon, Militär, Krieg, Trauer, Krise, Israel

Sonne in der Hosentasche

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“Sonne in der Hosentasche” (2019) ist ein Flechtwerk zwischen der persönlichen Geschichte der Autorin und einem Handbuch, wie man am besten eine Krise überwindet. Dr. Michal Gatenio-Kalush beschreibt, wie sie den Tod ihres Lebenspartners während seines Militärdienstes am 28.2.1999 erlebt hat. Anhand von Tagebuchaufzeichnungen, die sie in den zwanzig Jahren seither schrieb, versucht sie, ihr eigenes Verhalten zu erforschen und zu verstehen, wie sie dieses Trauma bewältigt hat. Ehrlich und offen beschreibt sie den Prozess der Erkenntnis, der Therapie und der Rekonvaleszenz. Die Autorin verbindet Prosa mit wissenschaftlichem Schreiben, Gefühle und Gedanken mit Forschungsergebnissen. Durch ihre Erfahrung und ihre Erkenntnisse vermittelt sie den Lesern eine persönliche, emotionelle und professionelle Nachricht, die andern helfen kann, mit Herausforderungen und Krisen umzugehen, die wir alle im Leben durchmachen.

Dr. Michal Gateniu-Kalush ist Sozialarbeiterin und Dozentin am Sapir-College und in der Universität Bar-Ilan. Sie hat eine Praxis für Eltern und für Behandlung von Posttrauma. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder.

Zum militärischen Hintergrund: Während 18 Jahren besetzte das israelische Militär in abnehmendem Ausmaß den Süden von Libanon. Im Mai 2000, ein Jahr, nachdem Michals Partner dort gefallen war, beschloss der damalige Ministerpräsident, Ehud Barak, das Militär einseitig und ohne Abkommen abzuziehen.

Sonne in der Hosentasche 

von Michal Gatenio-Kalush

Übersetzung: Uri Shani

Zwanzig Jahre lang habe ich mich auf diesen Moment vorbereitet, und während zwanzig Tagen schrieb ich den Großteil des Buches.

Wir haben alle schwierige Tage, Krisen, die ein natürlicher Teil des Lebenskreises sind: der erste Schultag des Kindes, der Tod einer nahen Großmutter. Manchmal haben die Krisenmomente mit politischen Umständen zu tun, manchmal sind es Dinge, die uns aus keinem ersichtlichen Grund aus der Bahn werfen, und wir schaffen es nicht, in den vorherigen Zustand zurückzukehren.

Was geschieht mit uns in diesen Momenten? Wie geht jede und jeder von uns damit um, und was sind die Konsequenzen, die Vor- und Nachteile von jeder der Umgangsformen?

23.2.2019

Vor einem Monat sagte ich mir, dass ich das Buch schreiben will, aber die große Frage ist: Wie beginnen? In einer der Nächte, während der Gedanken und dem Grübeln vor dem Einschlafen, kam plötzlich die klare und einfache Antwort: Einfach von Anfang an, eine Liebesgeschichte zwischen er und sie. Wie sie sich kennenlernten, der erste Blick, der erste Kuss. 

Juni 1977, 12. Klasse

Ich bin Gruppenleiterin von drei Jahre jüngeren Zöglingen in den Pfadfindern von Rechowot. Wir sind am Freitagnachmittag mit den 9.-Klässlern nach Tel-Aviv gekommen, um den Ort in Gane Jehoshua für das morgige Treffen vorzubereiten, an dem Tausende von Pfadfindern teilnehmen werden. Wir bereiten herausfordernde Posten und angenehme und sozialisierende Aktivitäten vor. Wir haben gearbeitet, Abendbrot für alle vorbereitet, es ist Abend. Und danach Nacht. Omer hat sich zu uns gesellt, er ist für unsere Sicherheit verantwortlich. Wir begannen ein Gespräch. Während Stunden wechselten wir Parkbänke in Gane Jehoschua, wir sprachen endlos, vielleicht mehr als wir je danach gesprochen haben. Es war wunderbar, eine gute Stimmung von Nähe und Verständnis und gemeinsamem Lachen.

Ich dachte bei mir, während wir so sprachen, besonders nach einem tiefen Blick in die Augen – könnte es möglich sein, dass Omer Elkabetz an mir interessiert ist? Je länger die Nacht wurde, desto klarer war mir, dass die Antwort auf die Frage positiv sei. Ein Wunder. Zu sehr später Stunde in der Nacht, oder zu sehr früher Stunde am Morgen, während eines Bankwechsels zwecks Sitzbesserung und ein bisschen Bewegung, als wir gerade aufstanden, umarmte mich Omer, kam mit seinem Gesicht nah an meines, ein Treffen mitten im Leben [das sind die ersten beiden Zeilen eines bekannten Songs, das Yehuda Policker singt. U.S.], und wir küssten uns, ein erster unglaublich schöner Kuss. Ich erinnere mich bis heute an den Blick in den Augen, das Lächeln und die Aufregung in mir drin. Am nächsten Tag erhielt Omer frei vom Militär, für eine ganze Woche. Die ganze Woche waren wir zusammen. Schon eine ganze Woche wie im Paradies ist so gefährlich für uns… [auch das ist ein Zitat aus einem sehr bekannten Song (“Ich wurde für dich erschaffen”) von Schlomo Artzi. U.S.] Am Montag gingen wir zusammen ins Kino. Ich erinnere mich, wie ich aus dem Haus ging, mit altrosaroten Hosen und einem schwarzen Hemd, die Treppen hinunterstieg, mit den Schmetterlingen im Bauch, Omer kam mit einem Jeep, den sein Vater für die Arbeit gemietet hatte, und holte mich ab, und lächelte MICH an, mit seinem Lächeln. Was sonst braucht der Mensch in so einem Moment?

Am Donnerstagabend fuhren wir in den Norden, mit demselben Jeep, Omer sagte, mit diesem Jeep können wir überall hinkommen, und wir betrachteten den Sonnenaufgang von der Klippe von Arbel aus. Bevor wir zurückfuhren, lagen wir auf einer Matte im Schatten unter einem Baum, und plötzlich drehte sich Omer zu mir um und sagte mir etwas nicht ganz Klares. Ich schaute ihn mit fragenden Augen an, und er sagte mir, zum ersten Mal: “Mit anderen Worten, ich liebe dich, mein Mädchen.” Ein Moment des Glücks, der sich einprägt.

Merkwürdig, warum fließt die Liebesgeschichte, die ich erzählen wollte, nicht so unbehindert, wie ich es erwartet hatte? Vielleicht weil es merkwürdig ist, eine Liebesgeschichte zu schreiben, wenn die weibliche Hauptfigur ich bin und die männliche ist tot. Nicht so hatte ich mir meine erste Liebe vorgestellt….

***

Seit ich in der vierten Klasse bin, schreibe ich Tagebuch, Hefte um Hefte. Wer hätte gedacht, dass ein Teil der Wörter, die ich in diese Hefte schrieb, ihren Platz in einem Buch finden würden?

4.12.1997

…Ich bin zum Schluss gekommen, dass eine der guten Dinge im Lesen eines Buches (außer dem Vergnügen und dem, was man daraus lernt) die Tatsache ist, dass du an das Buch und nicht an Dich selbst denkst, und vielfach ist das gut, sogar sehr gut!!

Vielleicht werdet Ihr, liebe Leser, dies beim Lesen dieses Buches empfinden: Seid mit mir, begleitet mich, die 39-jährige Michal, die sich Mühe gibt, mit offenen Augen die 19-jährige Michal zu betrachten, die langsam erwachsen wird… Vielleicht werden wir einander eine korrektive Erfahrung sein, und zumindest während des Lesens in diesem Buch werden wir uns nicht alleine fühlen.

19.11.1998

Ein naher Freund von Dana, meiner Freundin, ist im Libanon gefallen. Er und zwei andere Soldaten wurden von einer Sprengfalle zerrissen. Ich bat meine Vorgesetzte im Militär, nach Hause zu gehen. Wir kamen zu ihr am Abend. Zu Beginn fühlte ich mich ein wenig fehl am Platz, vielleicht hätte ich nicht kommen sollen, ich kam ja für sie und war fast gar nicht mit ihr. Aber es war trotzdem gut, dass ich gekommen bin, wenn auch nur für das ziemlich kurze Gespräch mit ihr darüber, was geschehen war und wie sie sich fühle. Es war wie bei den Zeremonien der Gedenktage. Sie sagte, dass es sich unwirklich anfühle, dass er bestimmt in einem Monat einfach mit einem breiten Lächeln ins Haus kommen und sagen würde, es sei alles nur zum Spaß gewesen. Na ja, wie kann man das überhaupt fassen, dass jemand plötzlich tot ist und nicht mehr zurückkommt, niemals?

Es vergingen weniger als vier Monate, bis diese Frage mich ganz nah traf.

12.2.1999

…Ich traf mich mit Omer, er kam nach Haifa mit dem Auto und war so süß, er wartete auf mich am nächsten Tag, am Freitag, da habe ich unterrichtet, und dann fuhren wir nach Rechowot. Und überhaupt, in den letzten Wochen trafen wir uns fast jede Woche, und es war wunderbar. Er äußerte sich sehr ernsthaft zum Thema Partnerschaft, und ich blieb die ganze Zeit neutral…

Ich erinnere mich, nach all den Jahren, dass wir mit meinen Freundinnen, mit denen ich wohnte und die wie ich Lehrerinnen im Militär waren, abends aßen. Omer kaufte Eis zum Nachtisch. Während Wochen öffnete ich danach den Eisschrank und sah, dass das Ei noch da war, aber Omer war nicht mehr da.

Am 28.2.1999 war ein Ausflug der Feldschule, wo ich als Soldatin unterrichtete. Es war schön, die Atmosphäre war gut, die Landschaft war wunderschön, alles blühte und war farbenfroh. Ich saß im Bus, wir fuhren nach Hause, das Handy klingelte, meine Schwester, Keren, war am Apparat: “Michal…. Omer… ” sie weinte.

Michal: “Was ist? Ist er verwundet? Wo ist er? In welchem Krankenhaus?” Ich stellte mir vor, wie ich dem Busfahrer das Steuer aus den Händen reiße und die Fahrtrichtung ändere, wohin sie mich schicken würde.

Keren: “Nein… Michal…Omer… ist tot.” Bumm. Schwarz. Ich kann mich nicht erinnern, was danach war. Ich erinnere mich an die Fahrt im Zug, alleine, weinend, Radio um mich herum hörend, Nachrichten über den Anschlag. Unklare Gedanken…

An jenem Abend in den Nachrichten um neun Uhr sah man Awi und Chaja im Wohnzimmer sitzend, in Photoalben blätternd. Ich erinnere mich an diesen Moment, als ich sie am Fernsehen sah, vom Sofa sprang, und fühlte, dass ich dort sein muss, dass mein Platz bei ihnen ist. Ich kam schnell zu ihrem Haus, trat ein (tief Luft atmen, vorbereiten, ich meine: jetzt, zwanzig Jahre nach den schlimmsten Momenten meines Lebens). Chaja hob ihren Blick, sah mich und schrie…..

1.3.1999

Omer ist gestern (28.2.99) im Libanon gefallen, fuhr auf eine Sprengfalle, eine der neuen Sorte, er, der Kommandant, der Fahrer und ein Militärjournalist wurden auf der Stelle getötet.

…Alle rufen an und umarmen mich und sagen sei stark, und jedes Mal, wenn sie mir das sagen, zerbricht wieder etwas in mir. Und jedes Mal, wenn ich glaube, es gäbe keine Tränen mehr auf der Welt, denn – wie viel kann man denn schon weinen?! Dann sehe ich deine Mutter am Sonntag, wie sie schreit: “Michal, Michallllll, Michalllllll…Was wird sein? Mein Sohn wurde mir genommen, mein Leben ist hin, meine Welt ist zerplatzt.”

..Du hast mir den größten aller Glauben zerbrochen – dass alles ein gutes Ende haben wird. Wirklich, auch nachdem wir uns zum ersten Mal trennten, mit all dem Schmerz der Trennung, glaubte ich, dass alles ein gutes Ende haben werde, dass es besser so sei und… und wie kann man sagen, dass alles ein gutes Ende haben werde, wenn Omer im Libanon von einer Bombe zerrissen wurde?! Man kann wenigstens sagen, dass du nicht gelitten hast, es war schnell. Und fertig. Ein Bruchteil einer Sekunde beendete 22 Jahre mit einem einzigen Bumm! Und nichts wird ein gutes Ende haben.  

Sechs Wochen nachdem Omer getötet wurde und die Welt sich verdunkelt hatte, schrieb ich im Tagebuch:

10.4.99

…Im Allgemeinen bin ich in Ordnung. Außer dass ich mich seelisch unstabil fühle, es kann mir in jeder Situation geschehen, dass ich plötzlich weine, wenn ich an Omer denke. Eigentlich denke ich an ihn die ganze Zeit, aber nur manchmal überfällt es mich – und dann muss ich einfach weinen!

***

Die Angst, dass man mich nicht genau verstünde, kann mich daran hindern, mich anderen mitzuteilen. Wenn man den Willen loslässt, dass man ganz genau verstanden wird, kann man seine Gefühle mit anderen teilen. Und dann entdeckt man vielleicht, dass man nicht alleine ist, und dass andere auch Ähnliches durchmachen. Deshalb habe ich beschlossen, meine Geschichte mitzuteilen.

In der Geschichte, die im Zentrum dieses Buches steht, erkannte ich, dass ich anhalten und mir selber helfen muss, die Situation behandeln und zu einer Veränderung führen. Während der Therapie, die ich machte, erkannte ich, dass ich emotionell überschwemmt werde, weil ich mich mit den Gefühlen der Anderen identifiziere. Solche Erkenntnisse ordnen und organisieren den stürmischen Ozean von Gefühlen. Nachdem du wieder und wieder ordnest und organisierst, glätten sich die Wellen ein wenig, und du kannst verstehen, was in deinem inneren mentalen Zustand Einfluss auf dich hat und deine Verhaltensweisen leitet, und daraus kannst du ganz allgemein dein Leben besser verstehen.

Ich hoffe, dass der Weg, den ich gemacht habe, andere inspirieren wird.

Michal, 2019

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Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Rosebud
Rosebud
15 Tage

Frage an den Uebersetzer: warum Einzahl (Hosentasche) in der Uebersetzung? Auf Heb ist es im Plural…nebenbei kommt diese Wortwendung (Shemesh baKisim) in Shlomo Artzis Lied “tataeru lachem” vor – gibt es eine Verbindung?

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