Tod eines Akrobaten
Uri Shani. Foto: Patrick Gutenberg

Tod eines Akrobaten

Kurzgeschichte von Uri Shani (eigene Übersetzung)

Das Ministerium für Beschäftigung in Haifa, wo ich mein Arbeitslosengeld erhalte, befindet sich in einem Gebäude, das wir schmeichelhaft “die Rakete” nennen. Der Weg dorthin führt mich durch den Flohmarkt. Ich mag es, mich dort umzuschauen. Meine Schuhe, ich habe zwei Paare, die Kroks und noch ein Paar, also das andere Paar, habe ich dort gekauft, für zehn Schekel, in einem Altmetallwarenladen. Ich sah bald, dass der Verkäufer ein anderer Typ ist als die anderen Verkäufer im Flohmarkt. Ich wunderte mich, wieso ein junger, schlanker, feiner Typ, mit dem Gesicht eines Philosophiestudenten, einen Altmetallwarenladen im Flohmarkt hat. Ich begann ein Gespräch mit ihm, und das war seine Geschichte:

Es war der 5. März 2006. Ich erinnere mich genau an das Datum, das Datum des Termins, den ich endlich erhalten hatte. Hier kam meine Chance! Ich hatte so viele Male versucht, mein Stück auf die Bühne zu bringen, und bis jetzt hatte ich es nicht geschafft. Wenn ich gewusst hätte, was mir blüht, wäre ich vielleicht nicht hin, aber vielleicht ist es gut so. Wer weiß. Jetzt bin ich hier, in diesem Laden… Na ja, jedenfalls, ich betrat also das Büro, und der Theaterdirektor saß zufrieden mit sich selbst hinter seinem riesigen Tisch, mit einer Zigarre im Maul, und lachte über irgendetwas, das er gerade las. Ich dachte, das sei mein Stück und freute mich. Er merkte offenbar irgendwann, dass ich da war, hob seinen Blick und wurde stierernst.

  • Ja, bitte? Wer sind Sie?

Ich gab ihm meinen Namen, aber er wusste nicht, was er damit tun sollte. Ich erklärte ihm, wozu ich gekommen war, sagte etwas über mein Stück, und zeigte auf das, was er in den Händen hielt.

Er wurde ganz wild:

Hören sie mal zu, junger Mann! Ihr “Stück” – wie soll ich sagen? Ich glaube, Sie müssen ein bisschen in der Welt herumkommen und etwas lernen. Ich erzähl Ihnen etwas:

Es war ein schöner Winterfreitag, nicht so lange her, vor einem Monat oder zwei, und ich ging in den Talpiot-Markt. Nach wenigen Minuten wurde ich Zeuge einer sehr merkwürdigen Szene. Da stand jemand mit einer dicken Zigarre und rief:

„Meine Damen und Herren, meine Damen und Herren, sammelt euch um
mich!” Sogleich würden wir, die Zuschauer, ein Spektakel sondergleichen
erleben, versprach er, mit einem international bekannten Akrobaten. Nur wenige Zuschauer kamen zusammen. Der Markt bietet viele Attraktionen, und der Herr und sein Akrobat mussten alles einsetzen, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Nach ein oder zwei akrobatischen Übungen, während denen wir unter anderem erfuhren, dass slawische junge Frauen ihre Mutter verkauften, um den Akrobaten zu sehen, erschien ein junger, netter orthodoxer Jude und gab einen Schekel. Die Münze kullerte ein bisschen herum, bis sich plötzlich ein Tomatenverkäufer auf sie stürzte, in der Meinung, sie stehe ihm eher zu als dem Marktschreier und seinem Akrobaten. Da steht plötzlich der junge Orthodoxe vor ihm und besteht darauf, dass derjenige seinen Schekel erhält, den er dafür auserwählt hat. Nach einer kurzen Querele findet die Münze ihren Weg in den Hut.

Während der ganzen Schekel-Episode zeigt der Akrobat ein paar Kunststücke, unter anderem einen Kopfstand, der offenbar außergewöhnlich ist, denn er wird vom Conferencier als absolutes Weltwunder beschrieben.

Nun geht die Aufführung ihrem Höhepunkt entgegen. Der Akrobat werde, so der Zirkusdirektor, über den kleinen Platz schweben!

Der Akrobat konzentriert sich. Seine ersten Schritte sind vielversprechend.
Der Conferencier verkündet: „In wenigen Sekunden wird dieser urslawische Akrobat bis zu euch schweben!” Doch dann, urplötzlich, krümmt sich der Kraftprotz vor Schmerzen.

Der Conferencier biedert sich beim Publikum an und verspricht, sein Schützling werde es auch mit nur einem Arm schaffen, doch noch bevor er den Satz beenden kann, muss er sich verbessern: “Ohne beide Arme!” Nur ein paar Sekunden später, nach weiteren Verkrümmungen des Akrobaten, gibt der Marktschreier kund, der Akrobat werde es zusätzlich mit nur einem Bein, nein, ganz ohne Beine schaffen!

Der Arme windet sich auf dem Boden, und der begeisterte Zirkusdirektor verkündet: “Ein international berühmter,
multikontinentaler Akrobat stirbt hier auf dem Markt von Hadar in Haifa, zu eurem Vergnügen!” Lange zuckt der Körper auf dem Boden, während sich der ‚Kunstzuhälter‘ seine Zigarre anzündet.

Seine Begeisterung übersteigt nun alles Vorangegangene, er läuft rot an, ekstatisch ruft er immer wieder: „Er stirbt! Er stirbt! Er stirbt!“ Und dann, nach einer kurzen Kunstpause: „Er ist tot!“

Der Conferencier bedeckt den toten Akrobaten mit seinem Mantel,
verbeugt sich mehrmals dankbar und verschwindet.

Das war das Ende der Geschichte des Theaterdirektors. Es kam eine lange Pause, denn ich verstand nicht, was er mir sagen wollte. Er hatte mich während der Geschichte ein paar sehr bedeutungsvoll angeschaut, aber das half nicht viel. Schließlich sagte ich:

  • Und was geschah dann?
  • Ein anderer Verkäufer, oder vielleicht war es wieder der vom Tomatenstand, leerte auf dem “toten Akrobaten” einen Krug Wasser aus. Und dann dachte er, er könne den Toten wecken, wenn er ihm eine scharfe Peperoni in den Arsch steckt. Da musste der Arme davonrennen.
  • Scharfe Satire!
  • Ja, aber glaub mir, wenn die Peperoni in seinem Arsch gelandet wäre, wäre es schärfer geworden!
  • Nein, ich meine….
  • Denn das hätte allen gezeigt, wie wertlos dieses Theater war!
  • Ich verstehe nicht.
  • Sie sehen vielleicht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen mir und diesem Conferencier, ja? Mit der Zigarre und so weiter. Aber ich opfere meine Schauspieler nicht. Wozu? Für wen? Wer will überhaupt Opfer? Das Publikum will Unterhaltung, nicht Opfer! Ich erkläre dir was, Junge. Das Publikum ist Metallschrott, und wir sind ein Magnet. Der Magnet zieht das Publikum hinauf, aber wenn dieser Magnet zu hoch ist, dann kann er das Publikum nicht hinaufziehen. Kapisch? Wir müssen den Magneten senken, damit er überhaupt eine Wirkung hat. Und jetzt geh, ich habe Arbeit.

Und er schenkte mir kein Wort und keinen Blick mehr. Und so ging ich und machte diesen Laden auf.

Der Altmetallwarenladenverkäufer im Flohmarkt beendete seine Geschichte, und ich schaute mich um. Alte Computer, Werkzeug, Kücheneinrichtung. Ich kaufte ein altes Telephon mit einer Wählscheibe, denn es gibt Stücke, deren Handlung in den Sechziger oder Siebziger Jahren spielt, und das ist eine einfache Art, diese Zeit darzustellen. Und dann beschloss ich, auf mein Arbeitslosengeld zu verzichten, ich hatte meinen Lohn für heute erhalten. Und dem Verkäufer erzählte ich nicht, dass ich es war, der diese Szene im Markt inszeniert hatte.

Uri Shani ist als Israeli in der Schweiz geboren und aufgewachsen und lebt in Israel. Er hat mehr als 20 Stücke inszeniert, hat 11 Stücke, einen Roman, mehr als dreißig Geschichten und ein Dutzend Gedichte geschrieben. Sein Buch “Nemashim” ist 2011 im AphorismA-Verlag erschienen.

Außerdem arbeitet er als Übersetzer, Lehrer und Dozent. 

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  1. Super-Geschichte! Kunst imitiert Leben imitiert Kunst imitiert Leben…

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