Mehr als ein Schatten des Zweifels – der Fall Roman Zadorov
Tair Radah, möge sie in Frieden ruhen

Mehr als ein Schatten des Zweifels – der Fall Roman Zadorov

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Nicht alles ist, wie es scheint. Bild: Benjamin Rosendahl

"Das Blut wäre dann an meinen Händen",

sagt israelischer Generalstaatsanwalt Shay Nitsan zu Ilana Dayan in einem Interview ihrer investigativen Sendung “Uvda” (Fakten). Es geht um neue DNA-Funde im Fall Tair Radah, einer 13-jährigen Schülerin aus Katzrin (Golanhöhen), die 2006 in der Toilette ihrer Schule ermordet wurde. Sie stellen die Schuld Roman Zadorows, dem Wartungstechniker, der seit 9 Jahren eine lebenslange Haftstrafe für den Mord absitzt, in Frage.

“Zadorows Freisprechung ist meine Entscheidung”, so Nitsan in der Sendung, “wenn er doch schuldig ist, und wieder einen Mord begeht, dann ist das Blut des nächsten Opfers an meinen Händen.”

Ein Mord, ein Geständnis, und keine Beweise

Rückblick: Weniger als eine Woche, nachdem Tair Radah am 6. Dezember 2006 in der Toilette ihrer Schule tot aufgefunden worden war, wurde der Wartungstechniker der Schule, Roman Zadorow, ein ukrainischer Lohnarbeiter, verhaftet. Am 19. Dezember gab die Polizei in einer Pressekonferenz bekannt, dass er ein Geständnis abgelegt habe, und den Mord – Rada wurde mit einem Messer die Kehle durchschnitten – auch nachgespielt habe. Motiv sei ein abfälliger Kommentar gewesen, nachdem Zadorow sich geweigert hätte, Radah eine Zigarette zu geben.

Innerhalb von 24 Stunden nahm Zadorow sein Geständnis zurück. Wie sich später herausstellen sollte, war es ihm vom Polizeidolmetscher (Zadorows Hebräisch ist sehr schlecht) in stundenlangen Treffen eingetrichtert worden, und auch die Ermittler hatten auf Zadorow unter immensen Druck gestellt. Das Tatmotiv wurde von Radahs Eltern schnell als falsch entlarvt – weder hatte Tair geraucht, noch war sie dafür bekannt, einfache Menschen schlecht zu reden. Ihre Eltern glaubten von Anfang an an Zadorows Unschuld (Radahs Vater verstarb 2016, ihre Mutter kämpft zusammen mit Zadorows Frau für dessen Freilassung). Die Mordwaffe wurde nie gefunden, ebenso wenig wie DNA-Beweise (Haare, Blutspuren usw.), die Zadorows Schuld beweisen sollte.

Am 14. September 2010 wurde Roman Zadorow zu lebenslanger Haft verurteilt. Seine Berufung wurde vom Obersten Gerichtshof abgelehnt.

A.H., A.K. und mehr als nur "ein Schatten Zweifel"

In der Zwischenzeit häuften sich die Ungereimtheiten: nicht nur war Zadorows Geständnis erzwungen, auch das Nachspiel des Mordes war manipuliert – so konnte man am Polizeivideo erkennen, dass Zadorow eigentlich ein Stockwerk zu hoch gehen wollte, bevor er von einem Polizisten angehalten und zur richtigen Toilette geführt wurde. Auch verschwand Tair Radahs Handy unerklärlicherweise, und wurde erst vor zwei Jahren wieder als “gefunden” von der Polizei erklärt.

Und während Roman Zadorow im Gefängnis seine Unschuld beteuerte, und seine Frau den Kampf um die Berufung finanzierte und antrieb, erhielt die Polizei Dutzende Anrufen von meist psychisch gestörten Menschen, die gestanden, Tair Radah umgebracht zu haben. Ein Anruf kam von einem Mann, der der Öffentlichkeit nur als A.H. bekannt ist, und der behauptete, seine damalige Freundin, A.K., hätte eines Tages seine Kleidung gestohlen (u.a. ein Sweatshirt), und am Abend gestanden, Tair Radah ermordet zu haben.

Im Jahre 2016 – also ein Jahrzehnt nach dem Mord – wurde im israelischen Fernsehen die Serie “Zel Shel Safek” (auf Englisch “a shadow of a doubt”, also “ein Schatten Zweifel”) ausgestrahlt, bei der  Yotam Guendelman und Ari Pines Regie führten. Sie wurde ein großer Erfolg, und schließlich 2017 an Netflix verkauft, dass die Serie in 190 Ländern ausstrahlt.

Zurück in Israel wurden zwar die Stimmen immer lauter, die an Zadorows Schuld zweifelten, aber es galt auch hier, wie fast überall auf der Welt: die Mühlen der Justiz mahlen langsam.

Ein Haar

Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, aber stetig: Am 25. Oktober 2018 fand man am Tatort ein Haar, dessen mitochondriale DNA dem Familienprofil von A.H. entspricht – also dem Mann, der behauptete, seine damalige Freundin (A.K.) habe den Mord begangen und gestanden.

Dieser Fund war eine Sensation in den israelischen Medien, und wurde in allen Sendern in Hauptnachrichten und Hintergundberichten behandelt. “Uvda” fand A.K. (die jetzt in der Ukraine lebt) und interviewte sie, und auf allen Kanälen diskutierten die Anwälte Zadorows, A.H. und A.K. über Beweislagen und Schuld oder Unschuld ihrer Klienten.

Fazit: Ein Schatten Zweifel

Der Fall wirft sehr viele moralische und rechtliche Fragen auf, über erzwungene Geständnisse, über die Stärke von DNA-Beweise (mitochondriale DNA ist beispielsweise viel schwächer als andere DNA), und über die Frage, ob es besser ist, einen Mörder auf freien Fuß zu entlassen oder einen Unschuldigen in Haft zu halten. Gilt wirklich in dubio pro res (im Zweifel für den Angeklagten)?

Noch stehen viele Fragen offen. Der Fall wurde nicht neu aufgerollt. Roman Zadorow aber hat, wie vom israelischen Fernsehen kürzlich berichtet, eine wahre Armee an Unterstützer gefunden, die in die Tausende geht, und für seine Freilassung kämpft.

Was bleibt, ist mehr als ein Schatten Zweifel. 

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