Vierzig Stufen hinunter ins Tal - Re:Levant
Israel, Haifa, Tod, Kibbuz, Kindheit,

Vierzig Stufen hinunter ins Tal

Los geht's
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Nurit Livni Cahana wurde 1949 geboren und ist seit 1970 Kibbuzmitglied von Kfar Aza, verheiratet, hat drei Kinder und ist Künstlerin und Schriftstellerin.

Das Buch “Vierzig Stufen hinunter ins Tal” (Pardes, 2019) ist die Lebensgeschichte einer Einwandererfamilie, Emma, Matti und ihr kleiner Sohn Ari, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Europa gekommen sind; ihre Versuche, sich im Kibbuz zu integrieren, die Enttäuschung, das Verlassen des Kibbuz, Aris Tod.

Die Erzählerin ist Talia, die im Land geboren wurde, und sie spricht zu ihrem großen Bruder Ari, der so früh aus ihrem Leben verschwunden ist. In ihrer Kindheit und Jugend, im Haus über dem Tal, begegnet sie Menschen und erlebt Ereignisse, die ihre Zugehörigkeit zum Land und zur Familie festigen und sie prägen.   

Vierzig Stufen hinunter ins Tal

von Nurit Livni Cahana

Übersetzung: Uri Shani

8.

Die Bewegungstherapeutin, die jeden Tag kam, konnte nicht mehr helfen.

Du warst auf Physiotherapie und auf Schwimmen angewiesen. Deine Lungen waren von der Krankheit schwer geschädigt. Man brachte dich in ein Institut in Ramot Hashawin, einem Dorf in der Sharon-Gegend.

Die Regeln waren streng. Emma und Matti durften dich einmal pro Woche besuchen. Die Sorge um dich, die anstrengenden Busfahrten, die Sehnsucht, wie konnten sie das durchstehen? Wie einsam musstest du dich gefühlt und auf die wöchentlichen Besuche gewartet haben? Ich kann nur versuchen, es mir vorzustellen, und es macht mich traurig. Ich will dir erzählen, wie es mir erging. Ich war erst dreieinhalb Jahre alt, im Kibbuz Bne-Chaim. Ich kannte die Onkel und Tanten nicht gut, obschon sie die allernächsten Familienangehörigen waren. Wir wohnten zwei Stunden mit dem Auto voneinander entfernt, und auch ein Haustelefon gab es damals nicht. Wir trafen uns selten, normalerweise zu Chanukka.

Ich verstand nicht, warum ich alleine gelassen worden war. Vielleicht hatte man es mir erklärt, aber wer kann sich schon erinnern? Ich sehnte mich und wusste nichts. Tante Miriam trug ein Kleid mit langen Ärmeln und hochgeknöpft bis zum Hals, darüber eine Schürze, die sie um die Hüfte band, dazu hohe, braune Arbeitsschuhe mit Schnürsenkeln, wie alle Frauen im Kibbuz. Sie band sich ein Kopftuch fest aufs Haar, kein einziges Haar schaute heraus. Ihre Stirn war breit und glänzte. Ihr Gesicht hatte für mich immer einen strengen Ausdruck, und wenn ein Lächeln erschien, dann nur kurz und verschwand schon wieder. Vielleicht fürchtete sie, leichtsinnig und verantwortungslos zu erscheinen, und vielleicht war sie belastet von der Arbeit und der Sorge um die Familie. Sie hatte ihre eigenen beiden Töchter, um die sie sich kümmern musste und befehligte straff die “Ekonomia” des Kibbuz Ben-Chaim, und nichts geschah in der Küche und im Eßsaal des Kibbuz ohne ihre Bewilligung. Onkel Yitzchak glich Matti sehr, du hast ihn ja getroffen, als er zu Besuch kam, und vielleicht würdest du ihn besser in Erinnerung haben als ich. Auffallend war vor allem die Ähnlichkeit im Körperbau und die Maße der Nase und der Ohren, die er mit den Kiefern bewegen konnte, was er machte, wenn er gut gelaunt war, und wir alle lachten immer herzlich. Er war ein wenig gebückter und weniger muskulös als Matti, und ich konnte mir ihn nicht wirklich rennend, springend, oder sich sportlich betätigend vorstellen, außer Schach spielend.

Ich erinnere mich an seine Khaki-Hosen und das Hemd mit den einer Tasche, und aus dem Hemd schauten die Enden der Ziziot heraus, wie bei den anderen Männern in Bne Chaim. Er war für die Finanzen verantwortlich und studierte die Tora morgens und abends. Er mischte sich wenig in Frauensachen ein und sprach mich fast nie an.

Während des Tages war ich im Kinderhaus mit anderen Kindern, die ich nicht kannte. Ich schämte mich, weil ich fremd war, und ich wusste nicht genau, wie man sich verhalten muss. Alle wurden wir gleich angezogen, mit Kleidern aus dem gemeinschaftlichen Kleiderschrank. Die an jedem Tag identischen Mahlzeiten brachten die Erzieherinnen aus der gemeinschaftlichen Küche. Brot, Gemüse, Quarkkäse, Eier und manchmal Grießbrei. Du sollst wissen, dass ich mich nicht beklagte, und ich war auch nicht pingelig, aber alles war anders. Ich war verwirrt, plötzlich wurde ich aus allem gerissen, was mir bekannt war, und kleine Samen von Sorge, die ich zuvor nicht gekannt hatte, setzten sich in mir fest.

An den Sonnentagen spielten wir draußen, im Hof des Kinderhauses. Vielleicht spazierten wir mit den Erzieherinnen im Kibbuz. Ich kann mich an dunkle, sumpfige Erde erinnern, Pfützen, die man vorsichtig umgehen musste.

Um vier Uhr nachmittags, nach dem Kakao und dem Marmeladenbrot, gingen alle Kinder zu ihren Eltern. Wir gingen ins Zimmer von Tante Miriam und Onkel Yitzchak. Während sie Kaffee tranken und rauchten, spielten wir. Abends nahmen sich ihre beiden Töchter bei der Hand, und mich auch, und wir gingen zum Eßsaal, einer großen schwedischen Baracke mit roten Ziegeln. Ich erinnere mich gut an den Geruch des Breis und der harten Eier.

Jedesmal, wenn wir im Kibbuz spazierten, fragte jemand auf Deutsch: “Wie geht’s?”, und Yitzchak antwortete jeweils: “Gott sei Dank” (auf Hebräisch) und nickte. Zuhause sagte Emma immer: “Hände waschen, wir essen”, aber hier gab es in der Vorhalle des Eßsaals ein Becken, worin man die Hände gemäß einem religiösen Zeremoniell mit kaltem Wasser übergoss, und wir wurden angewiesen: “Jetzt spricht man nicht, bis wir uns setzen und eine Scheibe Brot gegessen haben.” Ich schaute mich um, alle machten es so. Nachdem der Onkel ein paar Worte murmelte, die ich nicht verstand, und auch andere Männer dasselbe taten, durfte man sprechen. Der Eßsaal war wie ein Bienenstock mit beschäftigten Bienen überall, Leute gingen und kamen, alle sprachen, lachten und interessierten sich füreinander. Auch zu uns kamen welche, und da die Tante mich als Nichte vorstellte, verstand ich, dass nach mir gefragt worden war, und ich senkte den Blick. Du kannst dich bestimmt erinnern, als du noch zu Hause warst, und Emma mit einer Nachbarin oder einer Bekannten sprach, und ich weinte immer, denn ich dachte, dass man über mich sprach! Kibbuzniks, die im Eßsaal Dienst hatten, schoben lärmige Metallwagen vor sich her und servierten. In der Mitte des Tisches stand ein kleiner Kübel für die Essensreste, der Kolboinik.

Nach dem Essen wurden die Teller, die Gläser und das Besteck in eine große Badewanne mit Wasser und Seife gelegt. Wir verließen die Baracke. Miriam fasste meine Hand mit ihrer festen Hand, und zusammen mit den beiden anderen Mädchen gingen wir in der Dunkelheit. Onkel Yitzchak blieb jeweils mit ein paar Freunden, um mit ihnen etwas zu besprechen und sagte uns ‘gute Nacht’. Auf dem schmalen Weg gingen wir ins Kinderhaus. Ich trug den braunen und schweren Wollmantel mit der Kapuze und den zwei großen Taschen. Erinnerst du dich an ihn, Ari? Er gehörte einmal dir.

An einem der Abende überraschte mich Tante Miriam am Eingang zum Kinderhaus und steckte mir ein Bonbon zu. Ich freute mich und dachte, dass ich es bald, wenn wir im Bett lägen, ganz leise in den Mund nehmen würde und mit einem süßen Geschmack einschliefe. Aber dann sagte sie: “Talia, wenn du am Morgen trocken aufstehst, kannst du das Bonbon essen. Wenn du nässest, gibst du es mir morgen zurück.” Sie legte uns alle zum Schlafen hin und ging. Tränen entweichen meinen Augen, wenn ich an das kleine Mädchen denke, das ich einmal war, vergraben in der Decke und verängstigt einzuschlafen, denn ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, nicht zu nässen. Die Erinnerung an den Trennungsschmerz vom Bonbon am nächsten Morgen blieb noch Jahre danach in meinem Mund.

***

Nach drei Wochen beim Onkel und der Tante in Bne-Chaim kam Tante Käthe, um mich nach Hause abzuholen. Ich war erregt. Sie nahm fest meine kleine Hand und sorgte sich die ganze Zeit, dass ich ihr aus der Hand entschlüpfen könnte, und etwas Schreckliches würde geschehen. Einer der Kibbuzniks brachte uns zur Hauptstraße, dort nahmen wir den Bus zur zentralen Bushaltestelle von Rechowot. Der nächste Bus brachte uns nach Haifa, und ein dritter stieg den Berg hinauf. Mein Herz begann, heftig zu pochen, bald würden wir zu Hause sein! Wir stiegen an einer unbekannten Bushaltestelle aus. Käthe hielt mich noch immer an ihrer Hand fest, in der anderen hielt sie ein Köfferchen mit meinen wenigen Kleidern. Nach einem Fußmarsch von zehn Minuten kamen wir zu einer jungen Zypresse, die vor ein paar Wochen noch nicht da gewesen war. Wir stiegen viele Treppen hinunter zum Eingang des Hauses, ich hatte keine Geduld mehr, wollte mich von ihr befreien und wie ein Vogel ins Haus fliegen.

Käthe rief von außen: “Wir sind da!” und öffnete die Tür, die nur selten verriegelt war, und jeder wusste, wo der Schlüssel versteckt wurde.

Ab diesem Moment kann ich mich an nichts erinnern. Ich war sehr jung, noch nicht vier Jahre alt. Ich nehme an, dass Emma und Matti mich herzlich umarmten und ihre Liebe bezeugten. Ich bin nicht sicher, ob sie mir erklärten, warum man mich in den Kibbuz geschickt hatte, wie lange ich dort gewesen war und was unterdessen zu Hause geschehen war. Vielleicht dachten sie, es sei besser, nicht zu viel zu sagen, kleine Kinder müssten nicht alles verstehen. Und tatsächlich beschützte mich das ein Weilchen, dass ich nichts wusste. Aber die Fragen senkten sich in mir hinein, wie Regenwasser in einem tiefen Brunnen. Eines Tages überfluteten sie den Brunnen und flossen hinaus.

Du warst nicht da.

Auf dem braunen Radio im Wohnzimmer stand ein Bild von dir – lachend, halbnackt, mit zerzaustem Haar und im Meer Wasser spritzend. Du sahst glücklich und gesund aus.

Es scheint, dass ich nichts fragte, ich fühlte in meinem Herzen, dass du nicht mehr kommen würdest.

Matti und Emma arbeiteten hart im Garten, mit kurzen Kleidern und schwieligen Händen, gruben im felsigen Boden, schleppten Kübel mit Erde den Hang hinunter, legten Stein auf Stein und bauten Terrassen vom Haus hinunter ins Tal. Später gab es dort eine Veranda und einen Garten. Viele Jahre später gaben sie zu, dass dies ihr Weg war, mit dem Schmerz umzugehen. Zu schwitzen, sich sehr anzustrengen, sich in schwerer Arbeit zu vertiefen, um nicht im Schmerz des Verlustes zu versinken.

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Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Sehr schön! Frage an die Autorin: warum hat sie sich beim (das fiktive) Kibbutz “Bnei Chaim” für ein religiöses Kibbutz – eine Randerscheinung der Kibbutzbewegung – entschieden?

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