Warum erschießt ein 14-Jähriger seine Eltern und seine Schwestern? Eine Frage, die auch 25 Jahre nach der Tat ungelöst bleibt.

Ein Mord in Jerusalem

Autor: Benjamin Rosendahl

Lektorat: Nina Zivy

Über diesen Mord in Jerusalem ist eigentlich alles bekannt: Täter, Opfer, Tatort, Datum und Uhrzeit der Tat. Gleichzeitig gibt er auch 35 Jahre später Rätsel auf: Der Name des Täters sowie sein Foto dürfen nicht veröffentlicht werden, weil er zur Zeit der Tat minderjährig war. Der jüngste Mörder Israels. Sein Nachname ist jedoch nicht schwer herauszufinden: die Opfer waren seine Eltern und seine Schwestern. Eine neue Doku-Serie versucht jetzt, das größte Rätsel dieses Falls zu lösen – das Motiv.

Warum erschießt ein 14-Jähriger seine Eltern und seine Schwestern? Eine Frage, die auch 35 Jahre nach der Tat ungelöst bleibt.

„Ich will eine Nachrichtensperre“

Dies waren die ersten Worte des 14-jährigen Jungens, als die Polizei ihn bat, die Tat nachzuerzählen. Ein paar Tage zuvor, am 22. Februar 1986, einem Freitagabend, hatte man in einem Vorort von Jerusalem namens Ein Kerem Schüsse gehört. Blutüberströmt klopfte der jüngste Sohn der Cohen-Familie bei einer Nachbarin an und sagte: „Sie wurden erschossen“. Die Nachbarin rief die Polizei in dem Glauben, Terroristen wären in das Haus eingebrochen.

Doch die Polizei fand keine Anzeichen von Einbruch – keine eingeschlagenen Fenster, keine eingebrochenen Türen, keine geknackten Schlösser. Bald war klar, dass nur eine Person den Vater, die Mutter und die zwei Schwestern umgebracht haben konnte: der jüngste Sohn der Familie. Er gestand, nach dem Schabbatmahl, als alle schlafen gegangen waren, das Armeegewehr seines Vaters genommen und seine gesamte Familie damit erschossen zu haben. Und er wollte aufgrund seines jungen Alters einen Maulkorberlass – niemand sollte jemals öffentlich bekanntgeben, wer der Mörder war, wie er aussah, und was er nach der Hafterlassung tun würde. Und so geschah es.

Ein Engel der Schuldigen

Inbal Rubinstein hat nie den Moment vergessen, als sie die Entscheidung fasste, Pflichtverteidigerin zu werden. Sie saß am Samstagabend, dem 23. Februar 1986, im Autobus, als das Radio von dem Mord in Ein Kerem berichtete. Die Buspassagiere, die bis dahin vor sich hin gedöst hatten, fingen an, laut schreiend ihr Entsetzen über diese schreckliche Tat kundzutun und den Täter zu verfluchen. „Ich aber“, so Rubinstein in einem Interview mit der israelischen „Globes“, hatte Mitleid mit ihm. Kein Kind bringt grundlos seine Eltern um. In diesem Moment entschied sich Rubinstein – zu dem Zeitpunkt Rechtsstudentin an der Hebräischen Universität in Jerusalem – Pflichtverteidigerin zu werden.

Rubinstein, die später u.a. Avishai Raviv (ein Schabak-Infiltrator der Siedlerbewegung, auch bekannt unter seinem Codenamen „Champagner“), dem Mithilfe bei der Vorbereitung des Mordes an Premierminister Jitzchak Rabin vorgewurfen wurde, erfolgreich vor Gericht vertrat, machte aus dieser Berufung Wirklichkeit: sie stieg zur Leiterin der landesweiten Pflichtverteidigungsstelle auf und führte sie von 2003 bis 2012. Den Mörder aus Ein Kerem hat sie jedoch nie getroffen.

Mord und Erbe

In der gut bekannten Geschichte des König Ahab und Propheten Elia wirft letzterer dem König vor: „Du hast gemordet und geerbt“ (HaRazachta we-gam Jaraschta), oder „durch einen Mord bist du Erbe geworden“ (1. Buch der Könige 21,19).

Und genauso war es mit dem Mörder aus Ein Kerem: Nach seiner Inhaftierung in einer Jugendanstalt wegen Totschlags – ein Motiv für eine Mordanklage konnte nicht gefunden werden – war er der Alleinerbe des Hauses seiner Eltern. Desselben Hauses, in dem er sie ermordet hatte. Auch die Rente seiner Eltern ging auf seinen Namen über – einen Namen, den er Berichten zufolge geändert hat. Er hat ein neues Leben angefangen, eine Karriere gemacht und eine Familie gegründet.

Papillon

Was aber war das Motiv? „Das Motiv“ ist der Titel der Doku-Serie von Tali Shemesh und Asaf Sudri, die derzeit im israelischen Fernsehen läuft. Eine verkürzte Filmversion war am renommierten Jerusalemer Filmfestival (das dieses Jahr hauptsächlich online stattfand) zu sehen. Sie hat sehr viel Buzz ausgelöst, zahlreiche Online- und Printartikel wurden geschrieben, bei denen teilweise die Kommentarsektion gelöscht werden musste, u.a. weil Leser den Mörder “outeten”. Auch in den wöchentlichen Hauptnachrichten vom Kanal 13 gab es eine Reportage dazu.

Was bringt einen 14-Jährigen dazu, die Waffe seines Vaters zu entwenden und damit seine Familie zu ermorden? Nicht nur seine Eltern, aber auch seine jugendlichen Schwestern? Geldgier allein kann keine Erklärung sein. Und psychotisch scheint der Mörder auch nicht gewesen zu sein – zumindest nicht laut seinem psychologischen Gutachten. Dieses befand, dass er sich seiner Handlungen bewusst war.

Als er von der Polizei gefragt wurde, was ihn zu der Tat trieb, erwähnte er den Film „Papillon“. 1973 erschienen, basiert der Film auf wahren Begebenheiten (erst kürzlich gab es ein Remake davon). Es ist ein Film über zwei Gefängnisinsassen (gespielt von Dustin Hoffman und Steve McQueen), die auf die Teufelsinsel verbannt werden. Einem der beiden gelingt schließlich die Flucht. Es gibt in dem Film eine Szene, in der ein Gefängnisinsasse erwähnt, dass er seine ganze Familie ermordet hat. Der Spitzname des Insassen, der die Flucht ergreift, passt auch auf den Mörder aus Ein Kerem, der nach 6 Jahre Haft entlassen wurde und heute ein komplett neues Leben lebt: Schmetterling.

Benjamin Rosendahl ist Projektleiter, Übersetzer und Journalist. In München geboren, lebt er in Tel Aviv mit seiner Frau Liron und der gemeinsamen Tochter Alma.

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True Crime Fan
True Crime Fan
11 Monate

Unglaubliche Geschichte!

Der Trailer zum Film (derzeit leider nur auf Hebräisch mit Hebräischen Untertiteln, aber die Bilder sind sehr stark, auch wenn man die Worte nicht versteht) ist auf Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=IkHakPM_ja4
(nebenbei ist das Kind natürlich ein Schauspieler, nicht der wirkliche Mörder)

Den Film Papillon kann man auf Deutsch komplett auf Youtube sehen:
https://www.youtube.com/watch?v=kG6nCbY1igY
(die Mörder-Konfession ist bei 1:17:15)

Rosebud
Rosebud
10 Monate

Update: in der Zwischenzeit hat die Spaetnachtsendung „HaZinor“ (das Kabel) den Moerder gefunden und in seiner Arbeit konfrontiert, das aber mit zensierten Namen gezeigt, und verschwommenen Bild.

Neta Choter, deren Buch hier praesentiert wurde (https://www.re-levant.de/erinnere-mich-bitte-nochmal-wer-du-bist/) schreibt dazu in ihrer Kolumne bei MaKo, dass das Ganze ziemlich sinnlos ist – in Social Media kann man diese Information mit einer Google-Suche in Sekunden herausfinden. „Wenn man ein Grab nach 35 Jahren oeffnet, dann braucht man einen Grund“, schreibt sie, „in anderen Worten, genauso wie bei der Tat selbst, fehlt hier: ein Motiv“ (https://mobile.mako.co.il/tvbee-articles/Article-6d923556a7be671027.htm?sCh=3d385dd2dd5d4110&pId=1777176726)

Benjamin
Benjamin
1 Monat

Die True Crime Dokuserie „The Motive“, um die es hier geht, ist ab heute auf Netflix: https://www.netflix.com/il-en/title/81449754?preventIntent=true

Anonym
Anonym
1 Monat

Das einfachste Motiv wurde m.E. von Anfang an ausser Acht gelassen. Greed!
Der Anwalt wollte auf Totschlag plädieren, damit der Junge erben kann.
Als Schachspieler erwähnt der Anwalt, dass es immer 10 Züge voraus plane (daher seine Strategie, auf Totschlag zu plädieren).
Der Anwalt hat aber m.E. ausser Acht gelassen, dass sein Klient ihm ebenfalls 10 Züge voraus war (ein 14jähriger ohne Motiv wird nicht wegen Mordes verurteilt und die paar Jahre im Knast tun ihm auch nicht weh).
Ich würde davon ausgehen, dass der 14jährige „Junge“ damals (wohl auch heute noch) eher ein kalt berechnendes Monster war.
In meinen Augen ein Justizirrtum. Der Mörder hätte für seine grausame Tat lebenslänglich kassieren sollen.

Rosebud
Rosebud
1 Monat

Es gibt jetzt auch einen Trailer auf Englisch (mA ist die Synchronisation nicht sehr geungen, ich empfehle, den Film im Original mit Untertitel anzuschauen): https://m.youtube.com/watch?v=YUGucXxUW3E

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