Tod, Grab, Israel, Kurzgeschichte, Familie
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Gravez – Direkt ans Grab

Esther Wierzbicki Ziv ist eine in Polen geborene israelische Schriftstellerin.

Sie publizierte verschiedene Bücher und Geschichten, darunter „Tumult um Shimeks Tod“ (Am Oved, 1989) und „Baba Yaga“ (HaKibbutz HaMeuchad, 2001).

Außerdem unterhält sie den Blog https://haveeta.blogspot.com/, machte kurze Dokumentarfilme, die im Fernsehen, in Cinematheken und anderswo gesendet wurden.

Sie lebt in Jerusalem, ist geschieden und Mutter eines Sohnes.

Die folgende Geschichte erschien in der Literaturzeitschrift „Gag“ (2019).

Gravez – Direkt ans Grab

von Esther Wierzbicki Ziv

Übersetzung: Uri Shani

Ich kam zum Friedhof in Holon, dessen formaler Name „Tel-Aviv-Süd“ ist, anlässlich einer Jahrzeit.

In diesem Friedhof liegen meine Eltern seit fast fünfzig Jahren begraben. Sie starben in der Blüte ihres Lebens, sie in der Blüte ihres Lebens und er in der Blüte seines Lebens, liegen aber nicht nebeneinander begraben, wie es heute üblich ist, wie es vielleicht sein sollte, sondern in beträchtlichem Abstand voneinander, sie in Abteilung 6, Region 3, er in Abteilung 3, Region 7, beide zufälligerweise in der Reihe 24.

Was sagt das alles über uns, über mich und meinen Bruder, ihre Kinder, aus? Vielleicht nur, dass wir jung, schockiert, verwirrt und bettelarm waren, vielleicht, und vielleicht nicht.

Ich muss zugeben, dass ich nicht oft ans Grab meiner Eltern gelange. Zeremonien, Friedhöfe, Grabsteine – das liegt mir fern, alte Kälberweisheit, ich bin zwar dort, alle machen das, so ziemt es sich. Ich stehe vor dem Grabstein, der Stein berührt mein Herz nicht, er erfüllt mich sogar mit Widerwillen und Wut, ich verschließe mich, klebe am Stein. Ich bin Stein.   

Ich weiß nicht warum, vielleicht spielt meine Seele mit mir, eine Übung in Selbstverteidigung, Spezialisten können das vielleicht bezeugen. Vielleicht ein Trauma, zu dem ich nicht zurückkehren kann, eine Trennung, die zu sehr schmerzte, die Todesangst, würde ein Psychologe nicken. Er wird die Lösung haben.

Tatsache ist und bleibt, dass ich sehr wenig zum Grab meiner Eltern komme. Aber wenn es nicht um meine Nächsten geht, verweile ich gerne in Friedhöfen. Ich liebe sie, wenn das Wetter gut ist, wenn man die Stille hören kann, und der Wind rauscht durch die Blätter, in Friedhöfen, wo es hohe Bäume gibt und der Regen trieft auf sie häufig hinunter. Was in den meisten Friedhöfen im Land nicht geschieht, vielleicht nur in den ältesten, den entfernten.

Bei uns, in den städtischen Friedhöfen, begraben wir heute unsere Toten so nahe nebeneinander, dass der Abstand zwischen den Gräbern an den Abstand zwischen den Sitzen im Touristenabteil der Flugzeuge oder zwischen den Sitzen im Kino erinnert. Wenn die Lunge kaum Platz zum Atmen hat, schweben die Gedanken nicht.

Aber ich bin jetzt schon hier, im Friedhof, wo meine Eltern begraben sind, also was? Ich kann doch wohl nicht drum rum gehen.

Wir begannen, in die Richtung ihrer Gräber zu gehen, meine Schwägerin und ich, und obschon wir eine genaue Adresse hatten, verirrten wir uns, wie immer.

Zurück. Wir beschlossen, ins Friedhofsbüro zu gehen, in der Hoffnung, dass es noch offen sei, obschon es schon Freitagmittag war.

Es war ein langer Weg zum Büro, die Sonne brannte, wie sie liebt, und erhitzte die Marmorsteine, bemalte die Luft mit durchsichtigen Farbspielen, die vor unseren Augen tanzten und den klaren Blick verhinderten.

Der nette Mann, der uns im Büro empfing, bot uns kaltes Wasser an und fragte, ob wir ein Smart-Phone hätten, und ob wir die Namen der Begrabenen wüssten.

„Natürlich, gibt es denn heute noch Menschen, die kein Smart-Phone haben?“

Er bat mich um mein Smart-Phone. Innert einer Minute war ich verbunden, diesmal mit meinen Toten.

Gravez – das Waze der Gräber, so heißt die App, sie führe mich direkt ans Grab, ich müsse nur wählen, ob zu Fuß oder mit dem Auto.

Wir wählten zu Fuß. Die App sprach zu uns. Nein, leider nicht die Toten selbst, andere Stimmen, Fremde zeigten uns den Weg.

Als ich die Namen meiner Eltern eingab, erhielt ich das Foto ihrer Gräber. Dazu ihre genaue Adresse, Abteilung, Region, Reihe, die Todesdaten von beiden, das gregorianische und das hebräische Datum. Ich sah sofort, dass vom Grab meines Vaters schon wieder das Kerzengehäuse entnommen wurde.

Ich hatte davon gehört, dass das oft geschieht. Manchmal, wenn einem Friedhofsarbeiter für den neuen Grabstein ein Kerzengehäuse fehlt, entnimmt er ein altes und benutzt es für das neue Grab. Na gut, tröstete ich mich, in Manila in den Philippinen ist die Lage elender. Nach fünf Jahren, wenn du den Vertrag nicht erneuerst und Grabmiete bezahlst, nimmt man den Toten aus dem Grab, begräbt jemand Anderen an seiner statt, dessen Verwandte für ihn bezahlten.

Und zurück zum Augenschein: Auf den beiden Grabsteinen meiner Eltern verblich die Farbe der Inschriften, was die Schuldgefühle noch mehr entzündete und ein Versprechen, mir selbst gegenüber, entlockte, die Gräber häufiger zu besuchen und die Grabsteine zu pflegen.

Der Mann im Büro schaute sich die Fotos an und empfahl sofort, mit einem Klick, hier, sehen Sie, die Wiederherstellung der Grabsteine zu bestellen.

Nein, sagte mein Bruder, wir machen das selber, mit den Kindern.  

Aber nicht darüber wollte ich erzählen, sondern über das Gravez, die App, die euch direkt zum Grab führt, die euch mit euren Toten verbindet.

Ich warte schon aufs Nächste: eine App, die mich wirklich mit meinen Toten verbindet, dass sie mich selber zu ihrem Grab führen, und auf dem Weg und auch am Grab können wir dann miteinander reden. Überhaupt, wir sollten gemütlich miteinander sprechen können, es ist an der Zeit, nach so vielen Jahren.

Wenn es nicht zu meinen Lebzeiten geschehen und ich schon unter der Erde sein sollte, dann erinnert euch bitte, mich zu kontaktieren, wenn endlich die passende App entwickelt werden wird.

Ich habe letzthin über ein kleines Dorf in Japan gelesen, Otsuchi ist sein Name. Das Dorf liegt in einer Region, in der ein Erdbeben mit nachfolgendem Tsunami im Nu 16000 Leben auslöschte. Ein Dorfbewohner, der seinen Vetter verloren hatte, baute in seinem Garten eine Telefonkabine, damit er ihn anrufen könne, wenn er sich nach ihm sehnt. Viele Japaner, die ihre Nächsten verloren hatten, pilgerten zu dieser Telefonkabine.

Chana Granot, deren Sohn Dror im Krieg gefallen war, fuhr dorthin und rief an, versuchte es. Sie schrieb ein Gedicht darüber, ich las es.

Unheimlich.

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Benjamin
Benjamin
3 Monate

Unglaublich – und makkaber! Die App gibt es uebrigens wirklich: gravez.me

Ich wusste, dass es im Promi-Friedhof Trumpeldor gab (wo Leute pilgern, um das Grab von Ofra Haza, Schoschana Damari oder Arik Einstein zu sehen) so etwas gab, aber nicht in einem Friedhof fuer Ottonormalverbraucher…

Frage an die Autorin – beruht die Geschichte auf wahren Begebenheiten? Wenn ja, was ist der Grund, dass Ihre Eltern nicht gemeinsam beerdigt sind?

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