Familie, Schwangerschaft, Feminismus, Frauen, Israel, Roman
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Die Schuster-Schwestern werden schwanger

Rakefet Sohar (mit stimmhaftem -s) wurde in einem Kibbutz im Norden Israels geboren, schrieb, während sie in der Mittelschule unterrichtete, und ist heute eine Managerin im Kibbutz. Sie publizierte drei Romane und zwei Serien von Kinderbüchern, außerdem redigierte sie drei Sachbücher. Ihre Bücher widerspiegeln das Leben der Frauen in Israel, und hinter dem leichten und humoristischen Stil steht eine kritische Haltung gegenüber dem gesellschaftlichen Konsensus, in den Bereichen Militär, Kibbutz und Familie.

„Die Schuster-Schwestern werden schwanger“, ihr drittes Buch, das 2002 publiziert wurde, begleitet die Erfahrung der Schwangerschaft und Geburt von vier Frauen und ist als polyphoner Roman konzipiert, der von jeder der vier Frauen aus ihrem Blickwinkel und in ihrer Sprache erzählt wird. Eine ist eine Sportlerin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, ihre junge Schwester wird zum vierten Mal schwanger mit Zwillingen, die ältere Schwester wird von einem Ehemann schwanger, der sie schlägt, und eine zusätzliche Freundin wird von einem One-Night-Stand schwanger, nachdem sie vergeblich während Jahren versucht hat, von ihrem Ehemann schwanger zu werden.

Der Roman wird allmählich zu einem Krimi, rings um die Brutalität des Ehemannes der ältesten Schwester und der Beziehungen zwischen den Schwestern, die immer komplizierter werden.

Die Schuster-Schwestern werden schwanger

von Rakefet Sohar

Übersetzung: Uri Shani

„Wer dir Sorgen machen sollte, ist die Neue“, sagte mir der Trainer. „Sie ist eine Korbballspielerin genau von deiner Sorte, stark, gescheit, nur zehn Jahre jünger als du und mit einem Vorteil von vier Zentimetern.“

Mit einem einzigen Satz schaffte er es, mich mindestens dreifach zu ärgern. Sagte mir, ich solle mir keine Sorgen machen, deutete an, ich sei nichts Besonderes, und machte dazu auch noch deutlich, dass ich seiner Meinung nach nicht genug großgewachsen sei.

Ich gebe mir Mühe, im Korbballtraining, ein gutes Mädel zu sein. Spiele nicht die Primadonna, diskutiere nicht, weiß, dass Disziplin, das Alpha und Omega des Sports ist. Andererseits erwarte ich eine faire Behandlung. Dass der Trainer mich nicht vor allen anderen Spielerinnen ärgere. Zum Glück war es schon das Ende des Trainings, und nach zwei, drei Sätzen war ich schon in den Umkleidekabinen, wechselte die Kleider und ging in schnellem Schritt nach Hause. Ich hatte drei Stunden, um zu essen, schlafen, Kleider wechseln und um vier Uhr bei der Arbeit zu sein.

Auf dem Weg ging ich bei „Zuberi“ vorbei, einem Kiosk-Restaurant, wo wir uns manchmal nach dem Spiel trafen. Gerade als ich dort vorbeiging, kam Awram Zuberi aus der Küche und stellte sich auf den Gehweg, mit einer Hand an der Schürze.

„Was gibt’s, Awram? Schmerzt der Rücken noch?“ Ich hielt an, obschon die Uhr mir das Gegenteil riet. Zuberi ist der begeisterte Fan Nummer Eins unseres Teams, und er verdiente es, fair behandelt zu werden.

„Schuster, Schuster, Schuster“, sagte er wippend von einem Bein zum anderen. „Lass den Rücken. Wie geht’s bei dir, mein Herzblatt? Wie war das Training? Gewinnt ihr morgen?“

„Alles ist gut, Awram. Du kannst ruhig schlafen heute Nacht, denn morgen vernaschen wir sie.“

„Ich verlasse mich auf dich, Schuster“, lächelte er und gab den Weg frei, die Hand immer noch an der Hüfte.

Um genau vier Uhr war ich in der Physiotherapie-Klinik. Das passt mir gut, Physio. Das Behandeln ist zwar nicht meine starke Seite, aber wenns ums Wursteln und Drücken geht, da bin ich Meisterin. Wenn die Patientinnen zu mir kommen, mache ich ihnen klar, dass sie ihre Seele beim Psychologen ausschütten sollen, bei mir sei ihre Aufgabe zu stöhnen. Und dann nehme ich tief Luft und lasse bei ihnen alles raus, was mir vom Korbball geblieben ist – die Spannung vor dem Spiel, die Nerven über den Trainer, die Begeisterung über den Sieg – und sie lieben es.

Genau wie der Mann, der jetzt eintrat, der letzte in dieser Schicht. Ich erkannte ihn am Helm, den er in der Hand hielt. Viele Motorradfahrer haben Rückenprobleme, und er war schon letzte Woche bei mir. Ich legte ihn mit dem Gesicht in das Loch der Matratze hin und begann zu arbeiten.

Ich hatte auch mal ein Motorrad. Nicht wirklich ein Motorrad, eine kleine Vespa, mit der ich zum Training fuhr. Aber nach dem Unfall erhielt ich einen Paragraphen im Vertrag, dass es mir verboten sei, mit dem Motorrad zu fahren.

Ich verstand von der Reaktion des Motorradfahrers, dass das Thema mich nervte.

„Alles Okay?“ fragte ich und ließ ein bisschen nach.

„Ja, ja“, stöhnte er. „Gib mir nur eine Sekunde zum Atmen.“

Ich wartete und betrachtete seinen Nacken. Der Nacken eines Kindes, glatt und braun, mit einer Bräunungslinie. Er verbringt seine Zeit also nicht am Strand. Interessant – was macht er wohl so im Leben?

„Was ist mit Sport, machst du?“ fragte ich höflich und drehte ihn auf den Rücken. Sein Gesicht war zerdrückt wie das einer Cocker-Spaniel-Welpe, nur mit einem Schatten eines geilen Ausdruckes, was mich daran erinnerte, dass er kein Knabe mehr war, und er sah nicht schlecht aus, und dazu hatte er den Nacken eines griechischen Gottes.

„Ein bisschen Ballspiel“, entschuldigte er sich. „Die Arbeit macht mich fertig.“

Ballspiel, tönt wie ein Jugendleiter bei den Pfadfindern.

„Was arbeitest du?“

„In – Auuu“, stöhnte er.

„Ja, ich spüre es.“ Ich kehrte mit der Hand zur schmerzenden Stelle zurück. „Hier?“

„Genau da. Das ist gut, was du jetzt machst.“

„Ich weiß. Hör zu, ich will, dass du mit den Übungen weitermachst, die ich dir letzte Woche verschrieben habe, und wir brauchen noch eine Sitzung.“ Er setzte sich, und ich ging zu meiner Agenda, die auf dem Tisch lag. „Wann passt es dir?“

„In ein paar Minuten, denke ich, wird’s gut sein.“

Ich schaute ihn verdutzt an.

„Ich würde dich gerne jetzt treffen, wenn du wirklich fertig bist mit der Arbeit und ich der Letzte bin, so wie es draußen auf der Liste steht.“ Er stand neben der Tür und spielte mit dem Helm.

Normalerweise klemme ich solche Anmachversuche schnell ab. Das ist ein heikler Beruf, Physiotherapie, und man muss klare Grenzen setzen. Andererseits hatte ich einen grässlichen Tag, und ich verdiente etwas Gutes. Jemand, der mein Ego ein wenig verwöhnte, um nicht andere Regionen anzusprechen.

„Ich hab dich im letzten Spiel gegen Karmiel gesehen“, fügte er plötzlich hinzu. „Du warst echt gut.“

„Danke, aber ich gehe nach Hause. Wir sehen uns nächste Woche zur gleichen Zeit, okay?“

Er nickte langsam, und ich verstand nicht, ob er vorsichtig war, wegen seines Halses, oder ob das einfach sein Rhythmus war. „Okay. Auf Wiedersehen.“

Ich wartete, bis er rausging, räumte ein wenig das Zimmer auf, packte meine Trainingstasche und schloss das Zimmer ab. Dann ging ich die vierzig Stufen der Trappe hinunter und ging hinaus. Mein Motorradfahrer lehnte sich ans Geländer, und ein roter Helm hing an seiner Hand.

„Wie kommst du nach Hause?“ fragte er höflich.

Ich näherte mich dem Parkplatz und suchte mit meinem Blick das Motorrad. Aber der Parkplatz war leer, außer einem antiken Fahrrad, mit einer Glocke am Steuer und einer israelischen Fahne über dem Hinterrad. Kein einziges Auto stand da.

„Kommst du?“ fragte und ging zum Rad.

„Auf dem?“ Es war mir klar, dass er mich foppte. Da gab es keine andere Erklärung.

„Warum nicht? Hat man dich noch nie auf dem Rahmen mitgenommen? Nawa hat mir gesagt, dass du eine gute Fahrerin warst.“

„Welche Nawa?“

„Nawa, deine Schwester vom Kibbutz.“

Meine Schwester Nawa lebte im Kibbutz und erzog dort drei Söhne und ihren Mann, in einem Haus mit bewässertem Garten, einer modernen Küche und geordneten Betten.

„Du kennst Nawa?“ fragte ich eine blöde Frage.

„Ich bin Kindergärtner in der Kinderkrippe ihres Sohnes, warum denkst du, tut mir der Rücken weh?“

„Ich dachte, wegen dem Motorrad.“

„Von wegen. Weil ich die Kinder die ganze Zeit auf die Schultern nehme, das heißt, außer wenn ich mit ihnen auf dem Fußboden herumkrieche, um Spielzeug einzusammeln.“

„Und das Ballspiel – ?“

„Sie lieben Ballspiele“, erklärte er mir in einem Ton einer Lehrerseminaristin. „Kannst Nawa fragen. Ihr Sohn fasst Bälle ausgezeichnet.“

Der Mann machte mich an. Das war klar. Egal. Soll er ein wenig weitermachen.

„Wie hast du erfahren, dass wir Schwestern sind?“

„Nach der letzten Sitzung erzählte ich Nawa über eine Physiotherapistin, die Wunder gemacht hat, und sie hat sofort verstanden, dass das du bist.“

Sein Kopf neigte ein wenig zur Seite, was ein hinterlistiger Blick sein könnte, oder einfach ein Hals, der nicht ganz frei ist.

„Bist du vom Kibbutz bis hierher auf dem Fahrrad gefahren? Kein Wunder, dass dein Rücken in so einem Zustand ist.“

„Von wegen. Ich kam mit dem Bus, und von dort ging ich bei meinen Eltern vorbei und nahm mir das Fahrrad, das ich damals hatte.“

„Ich dachte, das sei ein Motorradhelm“, entrüstete ich mich.

„Es ist nicht alles Gold was glänzt“, antwortete der pädagogische Kibbutznik. „Das ist ein sehr gutes Fahrrad, lohnt sich, es auszuprobieren.“

Seit ich den Kibbutz verlassen hatte, fuhr ich nicht mehr Fahrrad, und natürlich hat mich niemand seither auf dem Rahmen mitgenommen. „Macht es dir etwas aus, wenn ich am Steuer bin? Das ist auch besser für deinen Rücken“, sagte ich.

„Bitteschön.“ Er reichte mir das Fahrrad und machte sich dran, mir den Helm aufzusetzen, was sofort mit Spott abgelehnt wurde. Da gibt’s doch eine Grenze, was ich erlaube, für eine Mitfahrgelegenheit von einem mickrigen Kilometer bis nach Hause.

Ich stieg auf das hohe Rad, lehnte mich zum Steuer hin und wartete, dass er sich auf den Rahmen zwischen meinen Armen setze. So fuhren wir die Straße entlang, ich versuchte, mich zu konzentrieren, und er pfiff Kinderlieder, ohne auch nur einmal einen falschen Ton zu pfeifen, und nach drei Straßen war mir klar, dass ich eine Idiotin bin, wenn dieser Mann nicht zwischen meine ungewaschenen Leinen kommt.

Und, meine Damen und Herren, und wie er kommt.

Rakefet Sohar, Foto: Lior Easton

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Benjamin
Benjamin
3 Monate

Sehr schoen! Nebenbei hat Rakefet Sohar eine Kinderbuchreihe zu griechischer Mythologie herausgegeben – und auch dieser Roman hat Ansaetze einer griechischen Tragoedie (man kann seinem tragischen Schicksal nicht entkommen). Frage an die Autorin: war das so geplant?

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