Israel, Polen, Jemen, Shoa, Geheimnis,
//

Wandertagebuch

Sharon Glass-Ivri wurde in Jerusalem geboren. In ihrer Jugend lebte sie in England, und später kehrte sie dorthin zurück, um Waldorf-Erziehung zu studieren. Ihr Leben ist der Erziehung von Jugendlichen gewidmet. Sie verheiratet, hat vier Kinder, und seit kurzem auch ein Enkelkind. Sie lebt in Harduf in Galiläa, der Waldorf-„Hochburg“ von Israel, und verbringt einige Monate im Jahr in Bulgarien. Dort, vor allem, schreibt sie. „Wandertagebuch“ (Matar, 2020) ist ihr zweites Buch.

Im folgenden Auszug kehren Ophira und Golan von einer familiären Zusammenkunft bei Ophiras Grossmutter zurück, wo sie erfahren, dass es in Ophiras jemenitischer Familie ein Geheimnis gibt. Aus einer Anspielung versteht Ophira, dass ihre Mutter einen Bruder hatte, der als Kleinkind spurlos verschwunden ist. Das Thema der „entführten jemenitischen Babys“ ist eines der strengst gehüteten Geheimnisse des Staates Israel, und es beschäftigt die Gesellschaft bis heute.

Wandertagebuch

von Sharon Glass-Ivri

Übersetzung: Uri Shani

Auf dem Weg nach Hause schwiegen sie. Sie waren aufgewühlt in ihrem Schweigen, aber es gab keine Worte, in denen das Gewühl hätte eingesammelt werden können. Einerseits erfuhren sie Dinge, die sie nicht wussten, aber das Gefühl war umgekehrt, als hätte alles, was sie gewusst hatten, keinen Wert mehr, und was sie erfuhren, war unverständlich und verwirrend und führte vor allem zu einem Gefühl von Hilflosigkeit und Verlorenheit. Golan saß am Steuer. Mehrmals fuhr er mit der Hand durch sein kurzgeschnittenes Haar, genoss das schmeidige Gefühl, die Rundung seines Schädels. Er war in sich gekehrt, als fahre er alleine. Ofira, die neben ihm saß, wollte so gerne Geschichten und Antworten hören, stattdessen öffnete sich in ihr ein Abgrund, der sich gänzlich in den schwarzen Pupillen des Säuglings spiegelte und darin verlorenging, dem Säugling, der seine Hand zum Gesicht seiner Mutter ausstreckte, auch ein Mädchen.

Am nächsten Morgen trat sie auf den Balkon mit einer Tasse Kaffee und einem Fotoalbum. Ihre Kindheit war beschützt gewesen, dachte sie, erst jetzt verstand sie, wie sehr sie beschützt worden war. ‚Damit die Tränen nicht an die Enkel vererbt würden‘, hörte sie die Stimme von Oma Ssimcha widerklingen.

Und trotzdem gab es Tränen und Ängste. Sie erinnerte sich, wie ihre Welt in ihrer Kindheit in gute und schlechte Bilder eingeteilt gewesen war. So nannte sie sie. Sie erinnerte, wie sie zwischen den Alpenveilchen gesessen hatte, ihre kleinen Füßchen mieden den kalten Felsen, auf dem sie saß, ihre Augen strahlten, als sie ihren Blick auf das sich aufrichtende Gras richtete, das in sattem und frischem Grün glänzte und mit seinen Linien mit dem hellen und leuchtenden Licht spielte. Wie sie sich freute, als auf einem dieser dünnen Grashelme plötzlich ein Marienkäfer erschien, als hätte er auf sie gewartet, erinnerte sich, wie sie sanft die Hand zum Grashalm ausstreckte, sich langsam bückte, um den Maikäfer nicht zu erschrecken, ihren Finger neben ihn, ganz nah, fast berührend, hinlegte, und wartete. ‚Steig auf meine Finger‘, kleiner Maikäfer, sagte sie bei sich und fügte hinzu, ’nur wenn du willst, nur wenn du wirklich willst. Steig hinauf, schöner Maikäfer, dann gehen wir spazieren‘ – flüsterte sie dem Maikäfer mit geschlossenen Augen zu. Und dann spürte sie das sanfte Kitzeln der Schritte des Kleinen auf ihrem ausgestreckten Finger. Zuerst ein paar fast unmerkliche Berührungen vom Finger bis zum Handrücken, und von dort hinunter zum weichen Fleisch der Handfläche, sanfte und angenehme Kitzler. Sie gingen zusammen. Das Mädchen hob die Hand manchmal gegen das Frühlingslicht und betrachtete das getüpfelte Wunder. Sie liebte den Käfer und wusste, dass auch er sie liebte. Sie gingen zusammen. Solche Käfer gehörten ohne Zweifel zu dem, was sie die guten Bilder nannte.

Als sie im Bett lag und versuchte einzuschlafen, bekämpften sich in ihr die guten und die schlechten Bilder. Die schlechten drangen immer vom Fenster ihres Zimmers ein und verdunkelten ihr Bewusstsein. Sie hatten auch einen Klang, ein tiefes hohles Summen, und sie wusste: Das ist der Klang der Schoa, des Todes der Kinder, des Schreckens. Die Gedenkzeremonien am Schoa-Tag in der Schule und die Geschichten, die die Klassenlehrerin Ilana ihnen als Vorbereitung dafür vorgelesen hatte, flößten ihr dieses hohle Summen des Todes ein. Und es gab auch die Spinnen, die von der Zimmerdecke hingen, die immer größer wurden, hinunterkamen und sich näherten, bis ihre langen Beine das Zimmer füllten und von ihr Besitz zu ergreifen drohten. Sie hatte ihre Tricks. Sie wandte sich zum Fenster, mit dem Rücken zum Zimmer, und konzentrierte sich auf die guten Bilder.

Zunächst sammelte sie in ihrer Fantasie weiche Teppiche von grünem, vom Morgentau glänzendem Moos ein, darauf saßen, standen und arbeiteten farbige und fleißige Zwerge. Dazwischen lagen Edelsteine und darum herum blühende Bäume und Blumen. Und dann fügte sie immer zum guten Bild ein Bächlein hinzu, und einen kleinen Teich mit Goldfischen und darüber schwirrenden blau-grünen Libellen. Und wenn das Bild voll und klar war, flüsterte sie zu sich unter der Decke: gute Zwerge und ein Teich, gute Zwerge und ein Teich, gute Zwerge und ein Teich – bis das Schoa-Summen sich durch das Fenster hinaus zurückgezogen, die Schreckensfarben und die Hexenschreie sich entfernt hatten und die Spinnen in sich heineingeschrumpft und verschwunden waren. Erst dann konnte sie tief atmen und einschlafen.

Aber über Itzchak erzählte man ihr nie etwas. Das erste Kind, das ihrer Großmutter Ssimcha und ihrem Großvater Schalom in Israel geboren wurde, wohin sie sich so lange Jahre gesehnt hatten und wo sie viele Jahre der Einlebungswehen erlitten hatten, ohne sich zu beklagen. Und vielleicht geschahen noch mehr Dinge, von denen sie nie etwas erfuhr? Was sagte Oma? Untersuchungskommission? Und warum hatte Mama nie etwas darüber erzählt? Es gibt bestimmt Dokumente, und es wurde geredet. In jeder Familie gibt es Geheimnisse, das wusste sie, Dinge, über die man nicht so gerne sprach, aber so etwas Großes? Sie war immer stolz auf die Offenheit in der Familie gewesen, und jetzt verstand sie, dass das vielleicht eine einzige riesige Fälschung war, die ihre Kindheit mit einer warmen Hülle eingepackt hatte, eine Offenheit, die eigentlich ein großes Geheimnis vertuschen und verstecken sollte.

Bei Golan, dachte sie, spricht man in seiner Familie nicht über „dort“, und das Schweigen ist allgegenwärtig, das Schoa-Schweigen. Sie hatten, Ophira und Golan, manche Male darüber gesprochen. Es gab in seiner Familie Lücken, Abgründe und Blicke, die Golan „verhüllte Blicke“ nannte, dahinter stellte er sich Drahtzäune, Schneewälder, und brutale Selektionen vor. Und bei sind immer alle fröhlich und lachen, und man verschweigt nichts, dachte sie, so sagte man immer. Und vielleicht versteckten die Fröhlichkeit und die Freude meiner Familie noch mehr. Bei Golan sprach man zwar nicht über die Dinge, aber sie waren allen bekannt, nicht versteckt, man schweigt nur darüber. Sie konnte es immer noch nicht glauben, dass sie ihr Gespräch mit ihrer Großmutter nicht geträumt hatte; sie schob immer noch das Telefongespräch mit ihrer Mutter hinaus, das alles erklären sollte, vielleicht fürchtete sie sich sogar vor der Erklärung. Der Nebel beschützte sie irgendwie.

Plötzlich war alles umgekehrt. In ihrer lauten Familie, in der jeder mit allen über alles sprach, versteckten sich Geheimnisse so hermetisch, dass sogar sie, die sich immer interessiert und fragt und es liebt, die Geschichten zu hören, nicht wusste, dass es überhaupt ein Geheimnis gab. Und in Golans Familie, die als zugeknöpft galt, gab es zwar Dinge, über die man nicht sprach, aber sie waren bekannt. Sie, seine Freundin, wusste auch, dass es in seiner Familie ein Baby gegeben hatte, von dem man nicht wusste, was mit ihm geschah, man nahm an, dass es zusammen mit der ganzen Familie ermordet wurde, aber es gab keine direkten Zeugen.

Wurde in ihrer eigenen Familie genug getan, um den Bruder ihrer Mutter zu finden? Oma sagte, dass sie gesucht und geforscht hätten und es schließlich aufgegeben haben. War das möglich? Konnte wirklich Oma Ssimcha, deren Wesen pure Mutterschaft war, auf einen Sohn verzichten, den sie so geliebt hatte? Konnte sie selber, jetzt, da sie das schreckliche Geheimnis erfahren hatte, zu diesem Verzicht schweigen? Noch am selben Morgen, als sie es erfuhr, erwachte in ihr der Drang, es zu verbessern, die schreckliche Ungerechtigkeit wiedergutzumachen, die richtige Ordnung wiederherzustellen, die Wunde, die sich in ihr plötzlich öffnete und die jetzt nicht von ihrem Bewusstsein ließ, zu heilen.

Am Morgen nach der schaudernden Enthüllung setzte sie sich nochmals mit dem Fotoalbum hin. Sie trank noch einen Schluck vom Kaffee, öffnete das Album und suchte das Blatt mit dem unglaublichen Foto. Hier war Oma Ssimcha, jung wie ein Mädchen, mit einem langen, breiten Kleid, alles war grau, außer ihr schwarzes Haar, das zu einem dicken Zopf geflochten war, in ihrem Arm das winzige Baby, und eins seiner Händchen zu ihrem Gesicht gerichtet. So, wie es Babys tun. Sie ziehen Mutters Haar, quetschen ihre Nase. Ein fröhliches Baby, das wie aus ihrem Schoss gewachsen ist, noch ein Teil von ihr, ungetrennt. Sie ist seine ganze Welt, und es gehört zu ihr. Wie alle Babys damals und wie alle Babys, die sich auch heute an ihre Mutter schmiegen. Sie, die junge Mutter – das Mädchen – schaut ernst in die Kamera, und seine Augen sind auf sie gerichtet. Hinter ihr eine blecherne  Wanne, ein Teppich hängt an einer Leine, und ein breites Zelt, dessen grauen Planen auf die beiden Seiten gefaltet sind, wie die Zelte aus den Geschichtsbüchern der Zeit der Einwanderung und der Übergangslager. Aber das ist nicht ein Kapitel Geschichte, dachte Ophira, auch nicht die „Affäre der jemenitischen Kinder“, und der Teppich ist der „Zauberteppich“, der auf den Adlerflügeln fliegt.

Es ist Ssimcha Amrani, meine Großmutter, die Zauberin der Suppen, dachte sie, als sie eine Locke ihres Haares von der Stirn auf die Seite schob; und das ist Itzchak, das erste Baby, das hier geboren wurde, mein Onkel; und das ist der schäbige Teppich, den sie damals hatten.

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

0 0 Abstimmung
Article Rating
Abonnieren
Informieren Sie mich
guest
2 Comments
Älteste
Letzte Am meisten gewählt
Meinung innerhalb des Texte
Alle Kommentare ansehen
Rosebud
Rosebud
10 Monate

Sehr schoen! Das Thema Entfuehrung jemenitische Kinder in den 1950ern hat kuerzlich Aktualitat bekommen – eine Kommission unter der Leitung von Prof. Itamar Grotto – allen Israelis als einer der Gesichter der Corona-Regeln bekannt – hat festgestellt, dass das Gesundheitsministerium (also sein ehemaliger Arbeitsgeber) direkt involviert war…

Frage an Autorin und Uebersetzer: was ist der Ursprung vom Titel (Yoman Nedida – der Ortswechsel ist ja nicht der springende Punkt, sondern die Suche nach den verschollenen Kindern) und die Wahl der Uebersetzung (Nedida kann Wandern sein, aber auch Migration oder Ortsaenderung)?

H.R.Hiegel
4 Monate

ja, spannend und realistisch, keine Romantik. Gut. !

Vorherigen Artikel

Die Brücke der Masken von Ramat HaScharon

Nächsten Artikel

Der Winter ist da, aber das Leben geht weiter

Spätestens abBlog

Ende und Anfang

Seew, ein Mossadagent auf dem Höhepunkt seiner Karriere und in der Mitte seines Lebens, erkrankt plötzlich

Gemeinsam leben in Tel Aviv 

Ein Straßenspaziergang durch Tel Aviv bringt stets Momente zum Vorschein, welche die israelische Gesellschaft repräsentieren, und

2
0
Was denken Sie? Wir würden gerne Ihre Meinung erfahren!x
0 £0.00