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meinleben.com

Heute wieder mal was für unsere jungen Leserinnen und Leser.

Der zwölfjährige Assaf, Resultat einer Samenspende, verbringt in „Mein Leben.com“ (HaKibbutz HaMeuched, 2012) einen guten Teil seines Lebens in Freundschaften im Internet – und am Klavier. Während er sich im Internet umschaut, sieht er zufällig eine Nachricht eines Menschen, der seinen Sohn sucht, den er nie gesehen hat, er korrespondiert mit Kindern über Adoption, über Samenspende, über den existierenden oder den fehlenden Wunsch, seinen biologischen Vater zu treffen, und erfährt Geheimnisse über sein Leben.

Ofra Gelbart-Avni erhielt den internationalen Korczak-Preis und andere Preise, schrieb viele Bücher für Kinder und Jugendliche.

Mein Leben.com

von Ofra Gelbart-Avni

Übersetzung: Uri Shani

Erstes Kapitel

Als Papa seinen Koffer fertig gepackt hatte – er ist Meister im Packen und macht es in einer Viertelstunde, und diesmal packte auch Mama einen Koffer für sich, denn sie wurde nach London eingeladen, um über ihr Buch zu sprechen – freute ich mich, dass sie fuhren, aber ich wusste noch nicht, dass unser Leben sich grundlegend verändern würde. Ich hatte keine Ahnung, dass mein Bruder, der in Mamas Bauch war, in eine Familie hineingeboren würde, in der es keine Geheimnisse gibt, in der alle Karten offen daliegen. Ich wusste nicht, dass all das wegen mir geschehen würde. Und vor allem wusste ich nicht, wie das uns alle ins Wanken bringen würde.

Mein Name ist Assaf. Ich bin zwölf. Ein überdurchschnittlich intelligenter Bücherwurm. Wirklich eine Leseratte – obschon man es mir nicht ansieht. Ich sehe ganz normal aus und bin sogar begehrenswert schön: helles, lockiges Haar, graue Augen, mittelgroß, und wirklich begabt: ich habe ein hohes IQ und weiß viel. Ich weiß nicht, wie da bei euch ist, aber bei uns in der Klasse bringt das Wissen, das du im Kopf hast, keine Ehre und keine Freunde. Niemand mag es, einen Freund zu haben, der zu viel weiß. Manchmal benutzt man in der Klasse mein Wissen, aber wenn es um Sport, Gesellschaftsspiele und anderes geht, bin ich nicht dabei. Weder bei den Jungen noch bei den Mädels. Die meiste Zeit ist das ok für mich, es gibt mir Zeit zum Lesen, zum Surfen im Internet, zum Klavierspielen, ich brauche sonst nichts. Aber trotzdem, ich habe ein Herz, ich habe Gefühle, ich möchte, dass man mich mag. Ich bin sogar ziemlich in eines der Mädchen in der Klasse verknallt – und wer in unserem Alter ist nicht in eines der Mädchen verknallt? – aber es macht keinen Sinn, darüber zu sprechen. Das ist wie ins All reisen wollen.

Mein Vater, Chesi, ist Geschäftsmann und ist mehr in der Luft als auf dem Boden. Man kann ihn nie ohne sein Laptop sehen. Auch Mama ist die meiste Zeit in der Luft – aber in einem anderen Sinn. Sie ist Schriftstellerin, ein Luftmensch, eine Träumerin, sehr erfolgreich. Sie wird viel gelesen, und man schreibt über sie in der Zeitung. Wir sind eine erfolgreiche Familie! Und jetzt sind beide in der Luft – Papa fuhr zum Geschäftemachen, und Mama zu ihren Lesern in London – und die Luft ist rein. Wunderbar. Ich mag es, wenn nur Sophie und ich alleine zu Haus sind.

Am Tag, nachdem meine Eltern gefahren waren, wachte ich auf, wusch mich, zog mich an und ging in die Küche. Ich wusste, dass ich Sophie dort auffinden würde. Jeden Morgen kommt sie, macht Frühstück, Sandwiches für die Schule, und wenn wir alle gegangen sind, macht sie sauber und kocht.

Sophie ist schon zwölf Jahre bei uns, seit ich geboren wurde. Als ich ein Säugling war, betreute sie mich und machte auch den Haushalt. Sie wurde Teil der Familie. Als ich begann, in den Kindergarten zu gehen, kam sie immer noch, zweimal die Woche, aber in den letzten Monaten, da Mama schon sehr schwanger ist und nicht mehr jung, wie sie sagt, und die Schwangerschaft schwieriger ist, wenn man nicht mehr jung ist, kommt Sophie wieder jeden Tag. Und das macht allen Spaß. Wir mögen sie alle. Diese Frau ist eine Energiebombe – schlank, flink, mit roten Locken, schwarzen Augen und klugem Blick. Sie ist älter als Papa und Mama, und eigentlich – ja, auch ein bisschen Mama für die beiden. Sophie ist Witwe, sie hat keine Kinder, und sie hat es nie eilig, in ihr leeres Haus zurückzukehren. Jetzt, wie die Eltern im Ausland sind, bleibt sie auch über Nacht bei uns, bis sie zurückkehren.

Sophie ist nicht gebildet, aber sie hat eine Lebensklugheit wie wenige. Wenn du einen guten Rat willst, oder jemanden, der etwas vom Leben versteht – Sophie ist die richtige Frau dafür. Und sie schnuppert nicht herum. Sie sieht alles – aber sagt nichts, wenn du es nicht hören willst. Ich mag sie wirklich sehr.

Sophie sagte mir: „Jetzt sind sie weg, wie? Jetzt sind wir alleine da. Womit darf ich dich verwöhnen?“

Ich bat um „ein Käse-Toast und ein Glas heißer Schokolade“. Normalerweise hat es dafür morgens keine Zeit, aber Sophie lächelte zufrieden und schob ihre roten Locken von der Stirn.

„Das ist mein Junge“, sagte sie und wedelte mit dem Brotmesser, das sie in der Hand hielt.

Ich beschloss, den Moment auszunutzen: „Heute gehe ich nicht in die Schule!“

Sophie machte ihre Augen zu schmalen Schlitzen und sagte: „Gut. Aber nur heute.“

Ich lächelte. „Abgemacht.“

Zweites Kapitel

Wie ich im Vorwort sagte, die ganze Geschichte, die euch erzählen will, begann im Internet. Das Internet ist, wenn man so sagen kann, mein bester Freund – außer dem Klavier. Ich spiele im Internet, lerne von ihm, plaudere mit dem Chat mit Leuten im ganzen Land und auch im Ausland und vergesse so ziemlich alles. Ich bin in der sechsten Klasse, und was ich erzähle, geschah in der Mitte des Schuljahres. Ich surfte in verschiedenen Blogs herum, um zu sehen, was so verschiedene gelangweilte Kinder schreiben. Die sind lustig, diese Blogger, sie glauben, jeder Biss, den sie von einem Hamburger nehmen, oder jedes Date, der ins Wasser fiel, das muss die ganze Welt interessieren. Solange sie erzählten, was anderen Kinder in unserem Alter geschieht, na gut. Sie sind wirklich gelangweilt. Manchmal habe ich reagiert, ein bisschen provokativ, damit es interessant ist. Aber als ich auf einen Blog eines Jungen stieß, der sich „Knospe“ nannte und der erzählte, dass er mit einer alleinerziehenden Mutter lebt und er von einer Samenspende geboren wurde, da fühlte ich, als hätte man mir mit einem Hammer auf den Kopf gehauen. Ich las wieder und wieder dieses Wort „Samenspende“ und konnte nicht weiterlesen. Denn auch ich bin von einer Samenspende geboren – ihr werdet gleich verstehen, was das ist, wenn ihr das noch nicht wisst. Ich hatte noch nie etwas gelesen, was jemand darüber geschrieben hat, und dann noch in einem Blog, den jeder lesen kann, und dazu auch noch ein Junge wie ich! Als ich weiterlas, war ich noch mehr erschüttert, denn im Gegensatz zu mir wusste es dieser Junge nicht, und er fand es zufällig heraus. Der Blog erzählte eigentlich darüber, wie er es herausgefunden hatte.

Ich muss hier etwas über meine Mutter Nurit erzählen. Sie hat ein paar Nachteile, aber sie lügt nicht und filtert keine Dinge raus, über die manche denken, dass man nicht darüber mit Kindern reden sollte. Sie denkt wie ich, dass man mit Kindern über alles reden kann. Wir sind keine kleinen Welpen, die nichts von Tuten und Blasen verstehen; die Erwachsenen werden mich entschuldigen, aber es gibt heute Dinge, von denen wir mehr verstehen als sie. Zum Glückt spricht meine Mutter mit mir über alles, besonders was mich angeht. Und so erzählte sie mir auch ganz offen, wie ich zur Welt gekommen bin. Sie hätte sich herauswinden und sagen können, dass Chesi mein Vater ist, denn als ich geboren wurde, waren sie schon verheiratet, aber sie entschied sich, mir die Wahrheit zu sagen. Sie wollte sehr ein Kind und hatte keinen Partner. Sie befürchtete, dass sie schon zu alt sein werde, bis sie jemanden finden würde, und entschied sich, eine Samenspende zu beantragen. Und so bin ich geboren. Meinen Vater, Chesi, lernte sie kennen, als sie schon schwanger war. Das ändert eigentlich nichts, denn, wie gesagt, sie waren schon verheiratet, als ich geboren wurde, und Chesi wurde sofort mein Vater, aber wenn ich an das Wort „Vater“ denke, dann tut es mir nicht leid, dass Chesi nicht mein biologischer Vater ist. Ich bin nicht sehr gelungen, aber Chesi hat keine Eigenschaft oder Fähigkeit, die er mir hätte vererben können, um meine Nachteile auszubessern. Ich glaube, was ihn auszeichnet, ist, dass man ihn nicht charakterisieren kann. Chesi ist voller Widersprüche. Du kannst nie sein Verhalten voraussehen, er lebt in einer ständigen Unruhe. Plötzlich kommt er und klebt dir einen Kuss, ohne Zusammenhang, und ein andermal kannst du mit einem traurigen oder nervösen Gesicht an ihm vorbeigehen, und er merkt es gar nicht, dass du ein Problem hast. Er sieht aus, als denke er ständig nach, er versucht immer etwas zu entscheiden, keine Ahnung welche Art von Entscheidungen. Und noch etwas Merkwürdiges: Er fährt nicht Auto. Er hatte einmal einen Führerschein, hat ihn aber nicht erneuert. Er fährt schon seit Jahren nicht mehr und erklärt es mit den Gefahren auf der Straße. „Selbstmordrouten“ nennt er die Straßen. Na und, auch wenn du zu Fuß die Straße überquerst, begibst du dich in Gefahr. Der hat einen Defekt im Kopf in dieser Sache. Mama hat schon aufgehört zu versuchen, ihn vom Autofahren zu überzeugen, ich habe aufgehört zu fragen, warum er nicht fährt, wir haben uns gewöhnt. Er fährt in Taxis, oder Mutter chauffiert ihn. Aber er ist sehr aktiv im „Frieden auf den Straßen“-Verein, so ein Verein, der sich für Verkehrssicherheit einsetzt. Merkwürdig, dass ausgerechnet jemand, der gar nicht selber fährt, in so einem Verein aktiv ist, denke ich. Wie gesagt, Chesi ist voller Widersprüche.

Ich weiß nicht, ob der Unbekannte, der seinen Samen spendete, aus dem ich geboren wurde, gelungener war als er, das interessiert mich auch nicht. Nur manchmal denke ich: Welche meiner Eigenschaften habe ich von meinem unbekannten biologischen Vater erhalten – das hohe IQ? Meinen asozialen Charakter? Egal, ich habe sowieso nicht vor, das zu untersuchen. Chesi ist mein Vater und fertig.

Eine Familie, das ist nicht unbedingt ein Vater, eine Mutter und Kinder. Es ist kein Geheimnis, dass es heute verschiedene Arten von Familien gibt. Es gibt Familien, in der es nur eine Mutter und Kinder gibt, es gibt Familien mit zwei Müttern und solche mit zwei Vätern; wenn ein Kind in einem Haus lebt, und ein oder zwei Elternteile sich darum kümmern, dann ist das schon eine Familie. Wenn Mama während ihrer Schwangerschaft Chesi nicht getroffen hätte, dann wären wir jetzt eine alleinerziehende Familie. Aber sie hat ihn getroffen, und sie haben geheiratet, und wir sind eine Familie mit Vater, Mutter und Kind. Und bald kommt noch eines dazu. Diesmal von Chesi. Chesi und ich sehen zwar nicht wie Vater und Sohn aus – er ist schlank, mit Brille, braunem, glatten Haar und braunen Augen, und ich, wie gesagt, mit hellem, gelocktem Haar und grauen Augen, und ich trage keine Brille. Na und. Auch wenn Chesi mein biologischer Vater wäre, sähen wir uns nicht unbedingt ähnlich. Kinder ähneln nicht immer ihren Eltern. Wenn schon, dann ähnle ich ein bisschen meiner Mutter. Auch Mama hat graue Augen, aber sie ist nicht so tollpatschig wie ich, sondern sehr flink und geschickt. Nur jetzt, mit ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft, hat sie ihren Rhythmus ein wenig runtergeschraubt.

Jedenfalls, ich rechne ihr das hoch an, dass sie mir die Wahrheit erzählt hat. Kinder müssen wissen. So viel wie möglich. Wissen ist Macht. Und ich glaube wirklich, dass man mit Kindern über alles reden kann, und vor allem muss ein Kind wissen, woher es kam. Später, als ich im Internet Material über Kinder suchte, die aus einer Samenspende geboren wurden, dachte ich, das sollte eigentlich ein Gesetz sein, dass ein solches Kind dies wisse, aber lassen wir das jetzt. Jetzt will ich über den Blog erzählen, den ich las, und zusammen mit Ereignissen, die zufällig aufeinanderfielen, worauf ich im Vorwort angespielt habe, ist eine ganze Geschichte entstanden. Wie ich so einige der Geheimnisse erfuhr, wie ich zum Schluss kam, dass man heute, wo sich ein großer Teil des Lebens im Internet abspielt, nichts mehr geheim halten kann, vor allem, wenn das Geheimnis mit einer weiteren Person zu tun hat.

„Knospe“ erzählte, dass seine Mutter ihm all die Jahre gesagt hatte, dass er keinen Vater habe. Sie sagte nicht „Dein Vater ist tot“ oder „Wir haben uns geschieden“, sie sagte: „Du hast keinen Vater“, und fertig.

Wie kann man einem Kind so etwas sagen, ohne es zu erklären? Auch ein kleines Kind weiß, dass es einen Mann und eine Frau braucht, damit ein Baby geboren wird. Dieses Kind hat seine Mutter nicht ins Kreuzverhör genommen, und schließlich fand er es zufällig heraus, dass er von einer Samenspende geboren wurde. Er erkrankte an einer seltenen Krankheit, und der Arzt fragte die Mutter, ob es in ihrer Familie oder der Familie ihres Mannes diese Krankheit gibt. Der Mutter verschlug es die Sprache. Sie sagte dem Arzt nicht, was sie ihrem Sohn all die Jahre gesagt hatte: „Das Kind hat keinen Vater“, sondern begann zu stottern. Und als der Arzt sie bat, sie solle sich bitte erklären, bat sie ihren Sohn, er solle draußen warten. Ich wäre nicht bereit hinauszugehen, aber dieses Kind ging hinaus. Er hatte nicht vor zu lauschen, aber eine Krankenschwester, die nach ihm hinausging, ließ die Tür ein wenig offen, und er hörte. Und so erfuhr er, dass er aus einer Samenspende geboren wurde. Er wusste natürlich nicht, was das ist, und so fragte er seine Mutter, als sie aus dem Zimmer trat. Und da hatte sie schon keine Wahl, und sie erklärte es ihm. Aber „Knospe“ hat ihr nicht verziehen und schrieb über sie schreckliche Dinge in seinem Blog, und das fand ich furchtbar, denn sie ist das einzige Elternteil, das er hat.

Mama erzählte es mir, als ich vier Jahre alt war. Vielleicht tat sie das so früh, weil ich mich früh entwickelte und sehr neugierig war. Und vielleicht erzählte sie es mir schon damals, weil sie nicht wollte, dass ich mit einer Lüge aufwachse. Ich hätte ihr nicht verziehen, wenn ich es zufällig erfahren hätte, wie dieser „Knospe“.

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Rosebud
Rosebud
6 Monate

Sehr schoen – und sehr interessantes, komplexes Thema, das in Israel, mit seiner Obsession vom Kinderkriegen, besonders aktuell ist. Neuestes Beispiel ist die Verkehrsministerin (und Feministin)Meirav Michaeli, die nach jahrzehnte lange Verweigerung, Mutter zu werden (sie nannte Leihmutterschaft eine Art der Prostitution) ueber eine Leihmutter ein Kind bekam. Interessante Wahl, dafka ein Kinderbuch zum Thema zu schreiben!

Frage an die Autorin: beruht das Buch auf einer wahren Geschichte?

Weitere Frage: ein Dilemma bei Samenspende ist ein moeglicher Inzest, entweder durch Verwandheit des Spenders und der Empfaengerin oder spaeter, wenn unwissentlich zwei Geschwister desselben Samenspenders sich verlieben (oder der Spender in eim von ihm gezeugten Kind). Wird das im Buch erwaehnt? Es erinnert mich etwas an „Homo Faber“ (auch da verliebt sich ein Mann unwissentlich in seine Tochter)

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