Homosexuelle, LGBT, Familie, Berlin

Sseder Pessach mit Harrison Ford

Dana G. Peleg ist eine israelische Schriftstellerin, Dichterin und Übersetzerin, die in den USA lebt. Ihr erstes Buch „Figs, my Love“ enthält die Geschichte „Seder Pessach mit Harrison Ford“, wurde im Jahr 2000 veröffentlicht und war eines der ersten Bücher in Israel über Lesben und Bisexuellen. In seiner Rezension schrieb der Dichter Ilan Sheinfeld: „In ihrem ersten Buch entfaltet Dana G. Peleg eine wunderbare Fähigkeit, die Innenwelt einer jungen lesbischen Frau in der neuen sozialen Realität von Israel auszudrücken. […] Ihre Sprache ist genau und erotisch, und sie erzählt einfach, direkt und hartnäckig ehrlich.“

Peleg schloss ihr Studium in Kunstgeschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem mit einem M. A. ab, schrieb 1996-2006 eine Kolumne in der Frauenzeitschrift „At“, die sich mit der LGBT-Gesellschaft beschäftigte. Sie übersetzt Bücher aus der englischen Sprache und steht auf der „Honour List 2018“ des IBBY. Im Jahr 2015 erschien ihr zweites Buch „Wifee“.

Sseder Pessach mit Harrison Ford

von Dana G. Peleg

Übersetzung: Uri Shani (mit der freundlichen Hilfe von Andrea Winterfeldt)

Es geschah während des Sseder Pessach. Er begann, etwas zu ahnen. Herr Keren, Herr Anwalt Keren, um genau zu sein, bemerkte, eine Weile nach seinem üblichen Scherz, einen leichten Wortwechsel über einen Filmschauspieler oder so etwas ähnliches am anderen Ende des Tisches. Seine älteste Tochter Tamar saß mit ihrem amerikanischen Gast, die schon seit letztem Jahr alle Feiertage mit ihnen feierte. Zudem saß dort auch seine jüngere Tochter Tali mit ihrem Freund, und gegenüber von ihnen seine deutschstämmige Schwiegermutter, die schon seit sechzig Jahren im Land lebt und noch immer kein gutes Hebräisch spricht.

„Darf ich um eure Aufmerksamkeit bitten?“ sagte er laut, und er glaubte, seine älteste Tochter etwas über einen Filmschauspieler sagen zu hören, worauf eine peinliche Stille eintrat, und sie ihm einen Blick zuzuwerfen, den er als entschuldigend interpretierte, und Jehoschua, ehemals Kornfeld, jetzt Keren, wie ihn alle nannten, auch seine eigene Frau, der seit vierzig Jahren im Land lebt, ein Mann, der alles, was er erreicht hatte, mit harter Arbeit erarbeitet hatte, und ohne Hilfe seiner Eltern, denn er musste sie ja schon als Jüngling ernähren, im Durchgangslager, wie sein Freund, Ben Lulu, Jehoschua nutzte die Gelegenheit und sagte:

„Liebe Versammelte, vielleicht habt ihrs nicht bemerkt, aber der Sseder hat bereits begonnen.“ Und „Oma“, auch auf Hebräisch wurde sie „Oma“ genannt, murmelte etwas auf Deutsch, das wie „kein Respekt“ klang. Und erst dann konnte er mit seinem nächsten Witz weiterfahren. „Über vier Söhne erzählte die Torah: über den Weisen, über den Bösen, über den Einfältigen und über den, der nicht wusste, wie man fragt. Na, dann soll er es eben lassen.“

Er begann es zu ahnen, aber wie es bei solchen Erkenttnissen ist der Fall ist, brauchte es eine Weile, um es zu verstehen. Und seit sich dieser Satz in sein Hirn gesetzt hatte, dem Hirn des Anwalts Keren, wich er nicht mehr von seinem Platz. Anfangs hörte er die Wörter und verstand ihre Bedeutung nicht wirklich, wie es so oft geschieht, wenn man Fetzen von Gesprächen hört und sie gleich wieder vergisst. Aber dann, als alle mit ihrer Suppe und dem Gefillten Fisch fertig waren, nachdem Tamar die Oma heimgebracht hatte, die Keren liebevoll „Mama“ nannte, und die Autoschlüssel auf den Tisch gelegt hatte, erinnerte er sich plötzlich an diesen Satz, und die Stimme verband sich mit ihr, und jetzt waren die Wörter nicht so wichtig, wie ihre Bedeutung, die nun in sein Bewusstsein eindrang. Er schaute sie an, seine kleine Tamari, die inzwischen eine erwachsene Frau war und ihr das Studium abgeschlossen hatte, und obwohl er nie gedacht hatte, dass sie mit dem Filmemachen Geld verdienen könne, fand sie doch Arbeit als Produzentin, und sie verdiente gut, obschon sie noch immer die Wohnung mit dieser amerikanischen Mitbewohnerin teilte.

„Ist alles in Ordnung, Tamari?“ fragte er und blickte sie an. „Kein Minus in der Bank?“

„Nein“, lächelte sie. „Keine Probleme. Gute Nacht, Papa.“

„Gute Nacht, mein Herzblatt.“

Er hatte das Verlangen, sie auf die Stirn zu küssen, wie er es getan hatte, als sie noch klein war, aber er wusste, dass das nicht mehr passte. Seit sie in die Pubertät kam, schon vor vielen Jahren, umarmen sie sich nicht mehr, nur ein kleiner Kuss auf die Wange, und auch das nur bei passenden Gelegenheiten. Aber jetzt überfiel ihn die Sehnsucht nach seiner kleinen Tamari, und er blieb im Wohnzimmer sitzen, bis er fast eingeschlafen war, dann stand er auf, begann, seine Krawatte zu lösen, und auf dem Weg vom Badezimmer zur Toilette blieb er kurz vor ihrem Zimmer stehen, Tamaris altem Kinderzimmer, und es schien ihm, als höre er ein Flüstern und andere Kinderstimmen.

Er blieb nur einen Moment stehen, trat dann leise ins Schlafzimmer, zog sich leise aus, bedacht, Frau Keren nicht zu wecken, die sowieso schon genug unter diesen Hitzewallungen litt und einen leichten Schlaf hatte. Doch als er im Bett lag, kurz bevor er einschlief, hallte dieser Satz, den Tamar mit klarer Stimme gesagt hatte, in seinem Kopf nach:

„Harrison Ford? Wer interessiert sich überhaupt für Männer?“

Auch Pnina Keren, eine besonnene und praktische Frau, hatte diesen Satz gehört. Sie saß neben ihrem Mann am Sseder-Tisch, und das Erste, was ihr einfiel, war, dass sie hoffte, er hätte es nicht gehört, und gleich darauf dachte sie: ‚Wie kann sie es wagen, so etwas bei Tisch zu sagen‘, und sie wollte schon ihre älteste Tochter zu einem Gespräch zitieren, wie sie es immer getan hatte, als sie von ihren Spielen mit den Buben zerkratzt und geschlagen nach Hause gekommen war, oder als sie von Tamars Klassenlehrerin wegen der ständigen Störungen ihrer Tochter tadelnde Briefe erhielt, und als sie später, in der Mittelschule und im Militär, mit Jungen ausging. Es war Frau Keren, Pnina natürlich, die ihr erklärt hatte, einfühlsam und praktisch, dass sie aufpassen müsse, auch über AIDS wurde damals schon gesprochen, und sie schlug ihr vor, mit ihr zum Gynäkologen zu gehen, damit er ihr Pille verschreibe. Sie erlaubte es natürlich nicht, auf keinen Fall, dass Männer bei ihr zu Hause im selben Zimmer schliefen. Nicht, solange die Kleine noch zu Hause sei. Ehrlich gesagt, war Pnina Keren nicht davon begeistert, dass ihre Tochter ein Sexualleben habe. Zu ihrer Zeit war das ganz anders, und sie bedauerte diese ganze Ungezwungenheit, all das Gerede über Karriere und Familie, Unsinn aus Frauenzeitungen. Sie hatte ja mit einundzwanzig geheiratet, mit zweiundzwanzig ihr erstes Kind bekommen, und das Studium beendete sie, als die Große eingeschult wurde. Jetzt, bald fünfzig, hatte sie einen leitenden Posten im Finanzministerium, so einen, über den man nicht spricht, und für den man nicht vom Fernsehen interviewt wird, aber genug wichtig, dass sie sich und ihrer Mutter sagen konnte, dass sie es zu etwas gebracht hatte, ohne die Familie zu vernachlässigen, zwei Töchter, die planmäßig geboren wurden und bis jetzt alle Erwartungen erfüllt hatten. Und auch die Kleine wird das tun, auf ihre Weise.

Sie hatte es schon seit langer Zeit erraten. Dieses Etwas Sache, das man nicht ausspricht, schwirrte in ihrem Kopf herum. Der Aufkleber von Yael Dayan auf dem Moped; ihr Beitritt zur Arbeitspartei, nach vielen Jahren des Aktivismus für Meretz und noch weiter links; all diese Filme, die sie aus der Videothek mitgebracht hatte; dass sie so viele der Schwulen und Lesben kannte, die im Fernsehen zu sehen waren; denn Pnina Keren, ehemals Morgenstern – als sie heiratete, machte man aus dem Namen noch keine endlose Reihe – war nicht von gestern. Sie verstand, hoffte dass es nicht wahr sei, aber noch bevor die Sache in ihr Bewusstsein drang, war es ihr klar wie Kloßbrühe, dass die Freundschaft zwischen Tamar und dieser Amerikanerin eine echte Freundschaft war, dass es eine besondere Beziehung zwischen ihrer Tochter und dieser stillen, kurz geschorenen Frau gab, die ein bisschen wie ein Jüngling aussah und immer leise und höflich sprach und sie Frau Keren nannte, obschon das hier nicht üblich war. Und unter all den Schichten von gebügelter Kleidung und der Bildung und der Höflichkeit einer Frau, die in einem deutschstämmigen Elternhaus aufgewachsen war, unter all diesen Schichten mochte sie diese Freundin ihrer Tochter sogar, mit einer merkwürdigen Zuneigung. Wie zu einem Sohn, den sie immer haben wollte.

Aber diesen Satz hätte Tamari nicht sagen dürfen. Nicht in der Gegenwart von Keren und nicht in der Gegenwart ihrer Mutter. Sie war schon immer so ein seltsames Mädchen gewesen, mit allerlei Faxen im Kopf. Glücklicherweise verstand ihre Mutter nicht wirklich Hebräisch. Wieviel Hebräisch brauchte schon eine Klavierlehrerin. Gut, sie verstand bestimmt nichts, und Pnina erlaubte sich einen erleichteten Seufzer, einen Moment bevor sie einschlief, genau im Moment bevor der Satz bei ihrem Mann eine Bedeutung annahm.

Tali, die einzige, die es aus erster Hand wusste, Tamars kleine Schwester, immer nur die kleine Schwester, flippte aus. Sie ärgerte sich über sich selbst, dass sie begonnen hatte, mitten im Sseder über Kino zu sprechen, und erinnerte sich, dass Tami diese Macke hatte, irgendwelche blöde Anspielungen in den Raum zu werfen. Papa bekommt einen Herzinfarkt, dachte sie, und Mama bringt sich bestimmt um. Na gut, vielleicht nicht gleich so, aber ich bin es doch, verdammt nochmal, die hier im Haus lebt, und sie dort, in Tel-Aviv, was weiß meine intellektuelle lesbische Schwester schon vom Leben in der Provinz. Wie erlaubt sie es sich überhaupt, ihre Freundin Ellen hierher zu jedem Feiertag mitzubringen. „Lebenspartnerin“ – komm schon! Als ob sie jemals hier heiraten könnten! Aber wenn ich meinen Freund nach Hause bringe, dessen Familienname kein besonders aschkenasischer ist, dann ziehen sie Grimassen, als hätten sie in eine Zitrone gebissen. Sagen tun sie nichts.

Meine große und begabte Schwester ist lesbisch. Ach was! Wie lesbisch kann sie denn schon sein, bei all dem Rumgeficke in der Schule und im Militär. Als ob ichs nicht wüsste. Ich bin doch nicht auf dem Mond geboren. Plötzlich ist sie eine Lesbe, und in der LGBT-Gemeinschaft aktiv, und jetzt hat sie auch eine Freundin. Na gut, guten Appetit, geht mich ja nichts an. Von mir aus kann sie auch Schafe ficken. Aber muss sie das an den Zaunpfahl kleben und damit herumwedeln? Und dann noch vor der Nase von Mama und Papa!

Aber vielleicht sollten sies wissen. Die, die das ganze Leben lang ihre Intelligenz verherrlichen. Als wenn das was Besonderes wäre. Hat kaum die Mathe bestanden. Wenn ich nicht gedacht hätte, sie würden daran zugrunde gehen, hätte ich es ihnen schon längst gesagt. Am Ende werden sies wissen, meine Freunde habens auch schon begriffen. Sie finden es irre cool. Da möchte ich die mal sehen, wie sie am Sseder-Abend neben den beiden Turteltäubchen sitzen, die über Glenn Close und Susan Sarendon diskutieren.

Ich denke viel an Oma. Meine Großmutter, deren wirklicher Name wahrscheinlich niemand mehr kennt, außer sie selbst, und auch sie vielleicht nicht. In letzter Zeit entgleitet sie uns mehr und mehr, sie erblasst immer mehr. Die Haut wird immer blasser, durchsichtiger, faltiger, und das Haar dünner, und es scheint, dass sie immer kleiner wird. Vielleicht werde auch ich am Ende so sein. Nur ihr deutsches Gehabe ist stärker als alles andere. Sie backt immer noch ihren himmlischen Apfelstrudel; sie erzählte mir mal, dass sie das von einer Wiener Freundin gelernt hat, die eine Nachbarin der Familie Freud war. Sie spielt schon seit Jahren nicht mehr Klavier, und mein Herz zieht sich vor Traurigkeit zusammen. Nur bei ihr war ich bereit, sieben Jahre lang, seit meinem sechsten Lebensjahr, Klavierstunden zu nehmen, dreimal die Woche, bis ich keine Lust mehr hatte. Ich ging zu ihr herüber. Zum Glück wohnte sie ganz in der Nähe.

Von ihr, von Oma, habe ich Deutsch gelernt, echtes Berliner Deutsch, nicht das, was man in Österreich oder in Rumänien spricht. In ihrem Deutsch, mit der sanften Aussprache, dem Umlaut, der die Lippen zusammenzieht, und dem veredelten -ich, erzählte sie mir wunderbare Geschichten über Berlin. Ich war noch nie dort. Ich möchte nicht dorthin fahren, um mir Omas Geschichten nicht zu verderben. Auch sie ist nie dorthin zurückgekehrt, aus demselben Grund. Bis heute, wenn ich sie besuche, liebe ich es, die Fotos zu betrachten, die in ihrem Wohnzimmer hängen, braune Fotos in Holzrahmen. Oma als junge Braut; Oma mit Opa, der starb, als ich noch klein war; Oma mit einer anderen jungen Frau, einer Freundin. Sie erzählte mir viel über sie, und immer mit einer gewissen Geheimnistuerei. Wer weiß, ob sie scherzte oder nicht. Heute kann man nicht mehr mit ihr sprechen, sie ist so eingeschlossen in ihrem Greisenalter.

Ich frage mich manchmal: Was war da in diesen Geschichten? Heute ist alles verschwommen, vermischt mit anderen Kindheitserinnerungen. Mit der Zeit lernte ich ein wenig über das Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre, bevor die Nazis kamen, über die Jahre, in denen Oma aufwuchs. Eine extravagante Stadt, Expressionismus, experimentelles Theater, Doeblin, Else Lasker-Schüler. Und jetzt, in Omas Wohnzimmer, eine junge und hochgewachsene Frau, Perla, wie Mamas bürgerlicher Name, mit einem kleinen Hütchen und Schleier, den Kopf erhoben mit einem Marlene-Dietrich-Blick, in der einen Hand eine lange Zigarette, die andere Hand auf Omas Schulter, die damals Grete hieß, bevor sie Morgenstern wurde, eine kleine Frau in schwarzem Kleid und rechteckigen Absätzen, und im Hintergrund, Unter den Linden schwebt die große Frage, die ich schon nicht mehr zu stellen wage.

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Benjamin
Benjamin
11 Monate

Sehr schön! Ich finde, es lohnt sich, diesen Auszug mit dem des Buches über den Jogalehrer aus Jaffa, der seine Homosexualitaet seinem Umfeld verheimlicht, gegenüber stellen – und natürlich beide Bücher lesen…
Uri – kannst du den Link posten?

Frage an die Übersetzung: was war hier so schwierig, dass im Team übersetzt werden musste?

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