Tod, Trauer, Vaterschaft, Roman, Israel, Scheidung
Warum ausgerechnet er? Warum musste ausgerechnet sein Sohn sterben? Er schlägt mit dem Kopf an die Wand und versteht es nicht. Von Anat Rossmann

Warum ausgerechnet er?

Anat Rossman wurde 1978 in Israel geboren. Sie studierte Theaterregie und Bibliotherapie und leitet Kurse für Kreatives Schreiben.

„Radiergummi der Goldherzblume“ (Pardes, 2021) ist ein Memoir, aber nicht nur. Es ist nicht chronologisch geschrieben, sondern geht dem Faden der Gefühle nach, von Kindheit über Jugend und bis zum erwachsenen Leben.

Die Geschichte „Warum ausgerechnet er?“ befindet sich im letzten Viertel des Buches und wird in der dritten Person erzählt, die Hauptfigur ist ein älterer Mann. Er ist, im Vergleich mit den anderen Figuren des Buches, außergewöhnlich, aber seine Geschichte hat einen emotionellen Zusammenhang mit den anderen.

Bemerkung des Übersetzers: Unter der Chuppah schwört der jüdische Mann: „Vergesse ich dich, oh Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke…“

Warum ausgerechnet er?

von Anat Rossman

Übersetzung: Uri Shani

„Warum ausgerechnet er?“ Er schlug seinen Kopf an die Schranktür und half mit den Händen mit, bis seine Stirn blau war.

Das war der einzige Satz, der aus ihm herauskam, an diesem Tag, als man es ihm sagte – „warum“ „ausgerechnet“ „er“ „warum“ „ausgerechnet“ „er“.

Jeder Schlag zerschlug den Satz in Wörter, Silben, Laute. „Warum ausgerechnet er“, „warum ausgerechnet er“ – bis es nichts mehr auseinanderzunehmen gab.

Vier Orangen reichen nicht. Sie reichen nie. Aber jetzt hatte er nur vier. Dies ist, was geblieben war, und er würde jetzt nicht bis zur Tür gehen und sie öffnen und hinausgehen und die Beine bewegen bis zum Ort, wo man kauft, was man nicht braucht.

Vier ist acht, und acht ist sechzehn – kommt alles auf den Schnitt an. Je mehr er schnitt, desto mehr hatte er, aber auf jeden Fall wird nichts die Menge des Saftes ändern. Vier kleine Orangen ist ein Glas. Und er war sich gewöhnt, noch ein halbes zu trinken, und er hatte eine Stunde, bis sie zurückkam, also ließ er es bleiben. Er wird die Orangen pressen und trinken und die Spuren verwischen. Vor allem von der oberen Lippe. Ihr nicht mit dem orangen Saft Lust machen. Er wollte nicht nur keine Orangen für sie pressen, er konnte keinen Willen, der vor einem Moment sein Wille war, von ihr ausstehen.

Er entschied sich für sechzehn Viertel. Dann sind sie leichter zu pressen. Er presste von Hand. Prinzip. Die Jahre machten es nicht leichter. Das Pressen auf die Schale hob seine angebrannte Seele hervor, und die violetten Venen, von denen er nicht wusste, dass es solche gibt. Und wie dünn war jetzt alles.

Jetzt war es anders. Es gab ein neues Haus. Und neue Wände, und keine Fußböden, auf denen Kinder gegangen waren. Und es gab auch eine neue Frau. Sprach nur Französisch. Und die Wände hatten keine Schränke. Und man konnte mit dem Kopf gegen die Wand schlagen. Um miteinander zu reden, benutzten sie die Hände, und auch diese bewegten sich schon nicht mehr so leicht.

Manchmal tauschten sie Silben miteinander aus, wie Teller beim Festmahl.

Er hatte zwei Herz-Bypass-Operationen hinter sich und war einmal an der Grenze des Todes gewesen. Er schob die achtundvierzig Jahre Ehe mit seiner ersten Frau, diejenige, die im Wald im Krieg geboren wurde, weit in den Tunnel hinein. Insgeheim wissend, dass sie, wenn der Moment kommen würde, sich vom Leben zu verabschieden, sicher dort auf ihn warten würde, am erleuchteten Ende, nur um ein letztes Mal Adieu zu sagen. Lebend oder tot hatten sie sich trennen müssen, rings um das Gold des Todes und nicht das Schwarz des Lebens. Er konnte einen letzten Abschied von ihr nicht umgehen.

Bis dann überlebte er. Atmete wie ein Fisch, wegen seiner Augen, die sich wie die Augen jener nicht schlossen.

Während Jahren hatte er sie betrogen. Alle wussten es.

Was ist das eigentlich, betrügen? Sie wusste es ja. Sie tat nur so. So wie er so tat, mit dem Ende, und dem Licht.

Sie hatte sich immer darüber beklagt, dass es nicht genug Vitamin C in der Welt gebe, für alle Schwierigkeiten, die sich auf sie stürzten.

Unter dem Vorwand, das erwünschte Vitamin zu suchen, begann sie, in den Schubladen zu wühlen, in seinen Papieren – als hätte er ihr die Papiere absichtlich hinterlassen.

Er wollte schon lange das Ende herbeiführen, und es war sie, die sich so lange zurückgehalten hatte, bis sie sich entschloss, auf das verführerische Belastungsmaterial einzugehen.

Sie hatte seiner Telefonrechnung und seinem Bankkonto nachgeschnüffelt, ging in jenen Schmuckladen, um zu sehen, welches Schmuckstück er ihr gekauft hatte. Er stellte sie sich jetzt vor, und nur die Tonspur hörte er nicht. Schritte? Weinen? Ihr Heiratssong, vielleicht ein Kinderlied?

Ein schneller Schlag aufs Genick und fertig. So verreckte ein Kind. Vor dem vierzigsten Geburtstag. Nur drei runde Geburtstage, wenn man die Null nicht mitrechnet. Sie hatten ihm nie eine Überraschungsparty gemacht. Was ändert das jetzt – jetzt gab es Schalen einzusammeln. Das geschah ihm normalerweise nicht. Nichts entglitt ihm so aus der Hand, ohne dass er es bemerkte. Und es gab heute keine Jahrzeit, und er erinnerte sich nicht an etwas Außergewöhnliches. Lassen wir das.

Er presste und erinnerte sich an das Ohr, das er seinem Sohn zwickte, als er neun war. Warum er das getan hatte, daran konnte er sich nicht erinnern. Aber er erinnerte sich, dass er es genossen hatte. Wenn er jetzt dieses Ohr gehabt hätte, hätte er es noch mehr ausgepresst. Und kein Saft wäre daraus getröpfelt, wie aus dieser Orange, sondern nur ein ersticktes Weinen, das sich aus den Stollen des Körpers hinausgrub.

„Warum ausgerechnet er?“ Er war wirklich der Beste. Ein kleiner Kopf, aber was für ein Hirn! Drei Söhne hatten sie gehabt, und er war die rote Marmelade, die nie ausging. Der Einzige, mit dem er alles besprach. Sogar über die Französin wusste er Bescheid. Das war alles nicht gegen seine Mutter gerichtet, nur einfach das männliche Verstehen eines Mannes Herz.

Er schrie in den Schrank: „Warum hast du nicht mich genommen?“ Er hatte nicht wirklich ein Tauschgeschäft gemeint. Es war nicht „Entweder er oder ich – und wennschon, dann ich.“ Nie. Er wollte immer da sein. Er wollte einfach, dass sein Sohn wieder am Leben sei. Das war alles.

„Gemeiner Schurke! Du bist ein Aas, das bist du. Jahrelang habe mit einem Aas gelebt. Wie habe ich das nicht gerochen?“ schrie diejenige, die im Wald geboren wurde. Der einzige Geruch, der in seine Nase stieg, war die Kälte, die den Leichengestank ihres Sohnes eindämmte. Wie konnte ein so warmer Körper so kalt werden?

Und jetzt lag sie im Sterben, und er konnte nicht einmal seine Beine heben und in die onkologische Abteilung gehen, um sich von derjenigen zu verabschieden, mit der er die meisten Jahre seines Lebens verbracht hatte. Die verbachte Zeit hat nicht viel gebracht, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie jetzt im Sterben lag.

Seine Rechte war nicht mehr, was sie mal war. Er wechselte die Hand. Es geht langsamer, und die Sanduhr beeilt sich, sich an die umgekehrte Richtung anzupassen. Warum ausgerechnet er warum ausgerechnet er – fünf Jahre danach, und immer noch dieselbe Frage und derselbe Schmerz.

Seine Verflossene konnte nicht verstehen, was man nicht sieht. Sie war immer das Opfer. Ihr ganzes Leben drehte sich um dieses Wort und um die Suche nach ihrer Bedeutung.

Er hasste sie. Wegen ihr starb ihr Sohn. Wegen ihr glitt er mit dem Bein, nachdem er das andere vom Kreideboden gehoben hatte. Wegen ihr hatte er nicht genug Gleichgewicht.

Genug damit.

Man muss die Rechnungen bezahlen. Strom, Wasser, Telefon – wofür die Französin verantwortlich ist.

Was für eine Null war er doch. Einundsiebzig Jahre alt, und hat nur mit zwei Frauen im ganzen Leben geschlafen. Keine der beiden liebte er. Diese Fähigkeit existierte irgendwie nicht bei ihm. Nur bei demjenigen, der tot war. Der konnte lieben. Man sah es ihm an.

Warum konnte er seinen Namen nicht aussprechen? Er wollte sterben. Sterben, um wieder mit seinem Sohn zu sein. Vielleicht konnte ihm sein Sohn etwas über Liebe beibringen. Wie hatte er nur diese Gelegenheit versäumt?

Er wechselte wieder die Hand. Es blieben noch fünf Viertel.

Warum war er nicht mit ihm dort gewesen? Wie hatte er ihn einfach so gehen lassen? Eigentlich war es er, der an allem schuld war.

Vielleicht sollte er wirklich ein paar Rosen kaufen und sie im Krankenhaus besuchen?

Das ganze Leben wollte er eigentlich ihre Schwester. Mit ihren Mandelaugen und dem ihr eigenen Geruch – von Myrrhe und Balsam und Zimt. Sie hatte ihn immer an eine biblische Figur erinnert, und er wusste nicht, in welcher Schlacht er sie gewonnen hatte. Nicht gewonnen – was schon gewonnen! Sein größter Feind war immer schon die Zeit. Sie hatten sich um zehn Jahre verpasst. Warum konnte sie nicht ihre Goliath-Rüstung anziehen und in riesigen Sprüngen in seine Zeit springen? Seine insgeheime Anziehung zum zehnjährigen Mädchen sublimierte er im Orangensaftpressen. Nur seinen hatte sie geliebt. Und er presste, bis er betrog. Nicht sie, sondern ihre Schwester. Was hätte er gegeben für die Gelegenheit, sie zu betrügen. Aber seit sie in die Kupferrüstung hineingewachsen war, und der Altersunterschied zwischen ihnen, sozusagen, geschrumpft war, da hatte er schon den Zunge-soll-mir-am-Gaumen-kleben-Schwur geschworen, und sie verliebte sich in einen David mit schönen Augen. [1. Samuel, 16, 12, der Übersetzer]

Vielleicht hatte auch sie ihn insgeheim all die Jahre geliebt? Warum hatte er nie daran gedacht? Auf jeden Fall war jetzt alles verloren.

Er konnte nicht mehr so weiter. Die Wellen trieben ihn mit großer Kraft hin zur nächsten Tat – er öffnete den Wasserhahn und öffnete seinen Fischmund, um Luft hineinzuziehen. Das Wasser in seinem Haus hatte einen Geschmack von Frankreich, und er war ja noch nie in Frankreich. Wie schön war seines Sohnes Gesicht. Vielleicht zu schön für diese Welt. Warum war er nicht kahl? Das hätte ihm bestimmt gepasst. Und das hätte ihn bestimmt davor bewahrt, von der Klippe zu stürzen, wie ein betrunkenes Wildschwein. Wenn er kein Haar gehabt hätte, hätte er nicht so gedacht wie einer, der Haar hat, und hätte sich nicht als Herrscher der Welt gefühlt und nicht so gehandelt und wäre nicht gefallen. So ein Dummkopf! Vielleicht war er wirklich nicht seiner. Wirklich zu schön. Er ähnelte niemandem. Und wenn er nicht von ihm war, dann würde er sich von allem Schmerz befreien. Das konnte helfen. Ein zwingender Beweis, dass sie ihn vor ihm betrogen hatte. Dann wäre er frei, und alles wäre vorüber.

Er wird zu ihr gehen. Sie um ein Geständnis bitten, oder einfacher: ein Bluttest.

Er brauchte ihr Wort, dass sie ihm sagte, dass er nicht von ihm sei. Er wird letzte Worte aus ihr herauspressen. Das wird ihn vom Zwang des erzwungenen Kontaktes mit den Enkeltöchtern befreien, von denen eine genau wie er aussieht – wie ihr Vater, wie sein Sohn. Nicht sein Sohn! Er ist nicht sein Sohn!

Er musste den Saft trinken. Er trank ihn in großen Zügen und fühlte, wie alles wegschwamm. Jede Spur von Vergangenheit verwischte. Verschwand. Sogar das kleine Ohr zerbröckelte, und der Kreideboden verhärtete sich, und das Haar und das Genick und die hohe Stimme und der lange Finger und der unglaubliche Verstand, den er hatte, und das Bein, das er hob, und die verkehrten Socken, und die Stimme und die Augen und der Geruch.

Alles war weg jetzt, er musste sich nur entscheiden, welche Farbe er wählte für die Rosen, die er ihr bringen wollte.

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Benjamin
Benjamin
2 Monate

Sehr schoen?

Frage an die Autorin:
Was bedeutet der Titel des Buches (Radiergumme der Goldherzblume)?

Frage an den Uebersetzer:
Der Titel der Geschichte ist auch auf Hebraeisch „warum ausgerechnet er“? Mit den biblischen Verweisen im Text (David, Goliath, Psalme) haette ich etwas wie הבן יקיר לי אפרים (mein teurer Sohn, Ephraim) erwartet…

Andererseits, falls der Titel doch „warum ausgerechnet er“ ist – es hat eine schoene Doppelbedeutung („er“ kann der Vater oder der Sohn sein)

Last but not least – beruht diese spezifische Geschichte auf wahren Personen?

Benjamin
Benjamin
2 Monate
Antworten  Uri Shani

…weil bei diesem traurigen und ernsten Thema „schoen“ vielleicht nicht das richtige Wort ist…

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