New York, Schriftsteller, Alkoholת Yuval Lieblich

Das folgende Kapitel ist das erste des Romans „JZ“ (Cohel, 2021), dessen Hauptperson J. Z. Zimakinow ist, ein nicht sehr erfolgreicher Schriftsteller aus Brooklyn, dessen Leben in den Straßen, Kneipen und dem Kaffeehaus „Poza“ vorbeigeht. Er ist umringt von Säufern und armen Künstlern, die an Größenwahn und Selbstzerfleischung, unbedeutendem Sex und der Gier nach Anerkennung leiden. Im Kaffeehaus sitzt auch Professor Bruce Fink, Redakteur und Kritiker, Frauenheld und Machthascher, der es liebt, unerreichbar zu sein. JZ ist ein Technophob, der nur von Hand schreibt und keinen Computer benutzt. Er versucht, Fink und andere Schlüsselfiguren in der Literaturszene für seine Geschichten und Romane zu interessieren, aber diese Literaturszene scheint eine undurchdringliche Show-Business-Bürokratie zu sein.

Juval Lieblich ist Musiker und Schriftsteller aus Tel-Aviv, mit einem M.A. in Philosophie. Für seinen ersten Roman „Degenerator“ (2015) erhielt Lieblich 2016 den Kultusministerpreis für neue Schriftsteller. Sein zweites Buch „Der Feuerring“ (2017) erhielt lobende Kritiken.

JZ

von Juval Lieblich

Übersetzung: Uri Shani

Die Geburt einer Idee

J. Z. Zimakinow saß in einer verpissten Kneipe, allein natürlich. Sein hinterhältiges Gehirn, frustriert von den radikalen Änderungen des letzten Jahrzehnts, wurde während eines Gesprächs mit einem für ihn überflüssigen Menschen von einem klaren und zielbewussten Gedanken heimgesucht. Die meisten Menschen, wenn nicht alle, muss man sagen, waren in seiner schleimigen Welt überflüssig. Zum Leidwesen des verbitterten Mannes, der in seinen eigenen Gedanken versunken war, saß auf dem hohen, harten Stuhl neben ihm ein enthusiastischer Typ mit dem Namen Archibald, der nicht aufhörte, auf seinem smart-dummen Handy herumzutippen. Dieses moderne Gerät ärgerte den Barrikadenkämpfer der off-Szene, die die Metropole mit rauchenden Fackeln in Flammen stecken wollte. Archibald, ein Alpha-Mann im Anzug mit offenem Kragen, war ein Genie der Reklame-Branche; jedes Wort dieses Mannes war Gold wert, und er sah sich als einer der wichtigsten Meinungsbildner. Sogar wenn er in so einer Kneipe saß, hörte Archibald nicht auf sich zu brüsten, dass er auf dem neuesten Stand sei. Er vergnügte sich ja mit den Snobs, den wichtigsten Männern in ihren eigenen Augen, die große Kommunikationsprojekte planten, größer als man es sich vorstellen konnte, bestimmt größer als die literarische, billige Welt des Sturm-und-Drang-Schriftstellers, der links von ihm saß.

Während er mit dem Nabel der Welt beschäftigt war, genauer gesagt mit dem nackten Busen der Stripteasetänzerin, dessen Körper sich um die Stange wandte, versuchte der Schriftsteller, die Fliege von sich abzuschütteln, die in seinem Ohr summte. „Hey, Mister, beruhigen Sie sich mal“, sagte er und versuchte, seiner Stimme den groben Ton eines Bewohners der Sozialwohnungen von Myrtle Avenue zu geben, der keinen Vorwand für ein deutliches Wort braucht. Sofort schluckte JZ, er bedauerte seinen heftigen Ton und weil der Türsteher auf sie aufmerksam wurde.

Jetzt war der Schriftsteller von seiner Idee inspiriert und kritzelte Worte auf ein Stück Papier, das er auf dem Fußboden fand. Je dreckiger das Papier, desto mehr konnte man es verschmutzen. Trotz den Seitenhieben, mit denen Archibald vom betrunkenen und verärgerten Schriftsteller traktiert wurde, ließ der anerkannte Werbestratege seiner Zunge freien Lauf und lallte frisch und fröhlich in sein Handy über sein Leben, die verbotenen Frauen und die Tiefen, in die er fiel, bis er starb und in der Intensivstation des St.-Vincent-Krankenhauses wieder aufwachte. Er verriet sich immer mehr, ohne darauf acht zu geben, dass das Ohr von Josef Stalin Zimakinov, bekannt unter dem Akronym JZ, alles hörte und seine Hand alles aufschrieb. Er wusste natürlich nichts über unseren guten Schriftsteller, den unnachgiebigen Parasiten und Zersetzer, professioneller Buddler im persönlichen Leben Anderer und „Liebling“ der Literaturkritiker, dessen Schuld sich bei den Kneipenbesitzern aufblähte. Der Werbestratege, ein großer und breiter Mann, war so in sein Handygelaber vertieft, dass er nicht verstand, dass neben ihm ein Vampir und Intrigant sondergleichen saß, der immer noch in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lebte und sich von Gesprächsfetzen, Informationssplittern und Gerüchten ernährte. JZ war von der Sorte eines Spions, der weit ausgeworfene Netze von Klatsch zu imaginären und aus den Fingern gesogene Lebensgeschichten zusammenwebte, ein Gebildeter, dessen Gerüche aus den Gerüchen von Gefängniszigaretten, Knoblauch und Alkohol gebildet waren.

JZ leerte noch ein Gläschen vom billigsten Wodka, das in der stinkenden Kneipe verkauft wurde,  in sich hinein und war zufrieden. Seine Wangen wurden gesund rosig, wenn er Halbwahrheiten hörte, die die anderen Kneipenbesucher ausspuckten. Es gab für ihn nichts Angenehmeres, als das Ohr an die dünne Wand zwischen zwei Menschen zu drücken. Er schickte seine langen Fühler in die Weiten, wie eine Kakerlake, die aus dem Spülbecken kriecht, und wie Schröpfen saugte er jede Anspielung und jeden Atemhauch aus dem verborgenen Leben seiner Mitmenschen, versteckte sich hinter dem halbdurchsichtigen Vorhang einer vorgegaukelten Freundschaft, stieß frech seine Nase und interpretierte überheblich.

„Hey, Bruder, was trinkst du?“ fragte er Archibald, der ihn zuvor geärgert hatte und jetzt „Bruder“ und Kumpel war.

„Budweiser.“ Bescheidener Geschmack. Man kann ihn billig ausquetschen.

„Hey, Busu, das Geld!“ rief der Barmann, der JZ gut kannte und wusste, dass er öfters Schulden machte und verschwand.

JZ zückte eine grüne zerknitterte Banknote, legte sie auf die zerritzte Theke und sagte: „Hier bitte, Boss, ich danke dir. Bring noch ein Wodka „vom Haus“.“

„Okay fucko, wie immer“, sagte der Barmann, machte eine Fratze und tat wie befohlen. Es war eine Striptease-Bar mit einer Klientel von Polizisten, Feuerwehrmännern und Anwälten aus  Downtown, und sogar JZ konnte es sich nicht verkneifen und musste bezahlen, denn großgewachsene Männer würden ihn hinauswerfen, wenn er den Kopf verlieren sollte.

Nachdem er den Wodka in zwei Zügen in sich hineingeschüttet hatte, begann er, den Kollaborateur zu interviewen, der wider Willen zum Wirt des Parasiten und zum Helden einer neuen Geschichte wurde. Das Stehlen von Information und Identitäten brachten den guten JZ zu einem verzerrten Grinsen, einem stillen Lachen, das immer dann ausbricht, wenn die naive Kreatur verschwindet, ohne zu spüren, dass sein Fleisch versengt und er zum Objekt der Erforschung des Schriftstellers und vielleicht der ganzen literarischen Welt wurde, die sich wie Würmer unter seine Haut eingräbt.

„Ja! Ja!! Tritt ihn in den Arsch, los! Bespritz ihn mit Benzin, hahahaha!!“ schrie der Schriftsteller in die kalte Luft der sich leerenden Rector Street, während er zur Subway torkelte. Es gab nichts, das seine kranke Fantasie mehr antrieb als ein beduselter Yuppie am Freitag nach der Arbeit. Und siehe da, nicht an jedem Tag traf JZ auf einen Schatz wie Archibald, der laut hinausposaunte, wie ein „Mädel“, das er – wie er sich brüstet – „gefickt und fortgeworfen“ hat, es gewagt habe, einen Slogan mit den Worten: „Kastration für Archibald Stawiski!“ mit schwarzer Farbe auf seinen roten Ferrari zu schmieren und dazu noch mit einem scharfen Gegenstand – einem Messer oder einer Schraube – sein geliebtes Fahrzeug zu zerkratzen. Als Nachtisch für ihre süße Rache fand er einen parfümierten Zettel vor, worauf stand: „Du bist ein mieses Stück, ein Hund, du Hurensohn, Archibald, und wenn du es wagst, zur Polizei zu gehen, werde ich ihr erzählen, wie du dich mir in den Toiletten jenes Clubs aufgezwungen hast. Ohne Gruß und nicht die Deine (und du weißt, wer ich bin), Audrey.“

Jetzt wurde die wiedergekäute und vage Information in den von Alkohol und Rauch stinkenden Keller des Elfenbeinturms gezerrt, dort kritzelte der Schriftsteller seine Eindrücke in Hefte voller Falten und Zettel. Er trank weiter und lachte mit seiner lauter Stimme über die vernünftige Welt, die ihn spies. Mehrmals kam es vor, dass Nachbarn an den Boden, die Decke oder an die Tür klopften. „Was erlauben Sie sich? Es ist vier Uhr früh!!“ So schrien sie. „Sein Zustand ist schlimm, von seiner Wohnung steigt ein Kadavergeruch hinauf…“ So flüsterten die Nachbarn in den von Küchengerüchen stinkenden Gängen von South Williamsburg.

Wegen chronischem Geldmangel und dem Bestreben, im Saft des Lebens zu leben, war er froh, hier zu wohnen, im Herzen des chassidischen Wohnviertels westlich des Wohnviertels in Brooklyn, in dem er aufgewachsen war. Das war der passende Ort, um sich unter selbsternannte Besserwisser aus dem Steinzeitalter des 20. Jahrhunderts, Rock-stars und Jazzfans mit Romanow-Abstammung zu mischen. Mit der Zeit wurde das Viertel zu einem Wahrzeichen der Mode, aber das zeigte sich nicht um sein Haus, wo Puerto-Ricaner und Chassidim um die Wette eiferten, wer die Gegend mehr verschmutzen konnte.

Seine Ohren öffneten sich wie eine fleischfressende Blume. Die Klagen seiner Nachbarn schrieb er Wort für Wort auf, zusammen mit akribisch genauer Beschreibung des schmutzigen Nachthemdes der polnischen Nachbarin, die Kerzen für die heilige Madonna anzündete, ihre Schließmuskeln nicht beherrschte und so weiter.

Er wachte jeweils in den späten Mittagsstunden mit schweren Kopfschmerzen auf, wusch sein Gesicht mit kaltem Wasser und startete mit einer Runde in den Straßen. Wenn neues Material in seinem Hirn zermahlen wurde, musste er die Welt mit seiner Gegenwart schmücken. Er ging schnell nordwärts auf der Bedford Avenue bis Greenpoint, trat ins verstaubte „Poza“ an der Ecke zur Manhattan Avenue, warf der alten Besitzerin einen Gruß zu, die Frau Jadwiga, von deren Kinn ein paar lange Barthaare hinunterhingen, und setzte sich an seinen angestammten Platz am „Boheme“-Tisch.

Am Nachbartisch saß, versunken in sein Heft, Professor F. – Bruce Fink, der unter dem ersten Buchstaben seines Familiennamens bekannt war, derselbe Buchstabe, mit dem auch das Wort „fuck“ beginnt. Professor F. war ein brillanter Literaturkritiker und erfolgreicher Akademiker, eine Schlüsselfigur in der Buchindustrie, der seltsamerweise in diesem einfachen Kaffeeshop, der einen starken Geruch von Dilettantismus ausströmte, zu weilen pflegte, nicht weniger als im „Lotus Club“ oder im Elaine’s, die den berühmten Intellektuellen und ihren Arschleckern bekannt waren. Professor F. war ein unerreichbarer Schweinehund, ein männlicher Schreiberling, den man nicht ungeladen ansprechen konnte, ohne zu verbrennen. Wenn ihm jemand ein Manuskript gab, ließ er es auf dem Tisch liegen und sagte zu Frau Jadwiga: „Geben Sie das dem Dreckskerl zurück, der es gebracht hat.“ So erging es auch JZ unzählige Male, der ihm aus Respekt ein Exemplar seines ersten Buches „Das rote Buch – eine Sammlung obszöner Geschichten“ geben wollte. Wenn er erzürnt war oder einfach nur einen Spaß machen wollte, nahm der Professor das Buch des jeweiligen „Graphomanen“ mit und warf es in einen Mülleimer in der Straße, denn „Müll bleibt Müll, Erde zu Erde, Staub zu Staub, Müll zu Müll“. Wenn er wirklich wütend war, warf er die Ware auf den, der sie brachte und schrie, dass er ihn in den Arsch ficken wird. Und zum Beweis die folgenden Lebensgeschichten von JZ’s Schriften. Das Verhalten gegenüber weiblichen Anwärterinnen war hingegen, besonders wenn sie jung und gutaussehend waren, anders. Der Professor F., den man leicht hassen konnte, wurde aber von seinen Günstlingen geliebt und verehrt, und seine Studenten lobten das Sicherheitsgefühl, das er ihnen gab, und seine ungestüme Großzügigkeit ihnen gegenüber.

Der verzauberte JZ zückte ein neues Pashkevil von der Pinnwand der Satmar-Chassidim in der Kent-Straße, das fehlerhaft in der heiligen Sprache der Anhänger des mosaischen Glaubens geschrieben war und bestellte einen grässlichen, rußigen und dreimal wiederverwendeten Capuccino. Den Kaffee mischte er mit Wodka, den er insgeheim aus einem Flachmann hinzufügte, der mit purem Silber überzogen und einem Stempel eines zweiköpfigen Adlers – offenbar ein österreichisch-ungarisches Symbol – verziert war und den er einmal für zwei Dollar von den unschuldigen Nichtswissenden des Flohmarktes einer katholischen Kirche gekauft hatte. Vom Moment an, da er eintrat, begann er laut und rücksichtslos mit den Literaten zu diskutieren.

„Du, he“, warf er einer bebrillten Rosine hin. „Du bist ja so ein schmuckes Kleinod!“

„Und du, J., was bist du? Du fickst eine Spielkameradin, die sich vor zwei Tagen umgebracht hat, du pädophiles Schwein!!“ antwortete ihm die Rosine, ein Rote-Beete-roter Lektor bei einer polnischen Zeitung und bei verschiedenen Verlagen, der jeden Tag eine Flasche Wodka leerte. Als er den Ausdruck Kleinod hörte, wurde Professor F.’s Gesicht violett. Er lehnte sich über den ewigen Stapel Papiere, die das Leben bedeuten, und sagte zu sich: „Ein Schriftsteller, der in so einer veralteten Sprache schreibt, verkauft nichts.“

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

0 0 Abstimmung
Article Rating
Abonnieren
Informieren Sie mich
guest
2 Comments
Älteste
Letzte Am meisten gewählt
Meinung innerhalb des Texte
Alle Kommentare ansehen
Rosebud
Rosebud
13 Tage

Macht Lust auf mehr! Vor allem wuerde mich interessieren, wieso der Protagonist mit Vornamen „Josef Stalin“ heisst und warum die Handlung (und das war bei mindestens einem anderen Buch des Autors auch so) in NY spielen muss…vielleicht kann der Autor es beantworten oder zumindest andeuten?

Vorherigen Artikel

Aussterbende Berufe

Nächsten Artikel

Wer hat Angst vor Omikron?

Spätestens abBlog

Wandertagebuch

In Ophiras jemenitischer Familie gibt es ein Geheimnis. Das wusste Ophira nicht, und schon gar nicht,

Die Kommune

Inzi hat eine Idee, wie die Linke gewinnen könnte. Auszug aus dem Roman "Die Kommune" von

Wer hat Angst vor Omikron?

Omikron ist ein grosses Thema überall! Diese Woche brachte Dan seine Kamera in eine geschlossene Massenveranstaltung

Aussterbende Berufe

#PostkarteausIsrael - Dan Lazar nimmt uns in die Welt der verschwindenden Berufe, die heute durch Technologie

2
0
Was denken Sie? Wir würden gerne Ihre Meinung erfahren!x
()
x
0 £0.00