Israel, Krieg, Intifada, Terror, Trauer, Journalismus

Am Anfang waren die Tränen

Heute, zum 21. Jahrestag der zweiten Intifada, ein Auszug aus einem Buch über einen besonderen Moment in der Geschichte des israelischen Journalismus‘. Oshrat Kotler ist Journalistin und Schriftstellerin. Während dreißig Jahren war sie Chefredakteurin und Nachrichtensprecherin im israelischen Fernsehen. Sie publizierte zwei Prosabücher und zwei Sachbücher. „Am Anfang waren die Tränen“ ist ihr erstes Buch, sie schrieb es am Ende der zweiten Intifada . Zu dieser Zeit unterbrach sie ihre journalistische Arbeit und studierte Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Im Jahr 2006 kehrte sie zum Fernseher zurück, diesmal als Regisseurin einer Reihe von Dokumentarfilmen, darunter über die israelische Waffenindustrie, die Korruption in Israel und die ökologische Katastrophe in der Welt. Danach war sie wieder Redakteurin und Nachrichtensprecherin. Heute doziert sie an verschiedenen Hochschulen.

Die zweite Intifada brach aus, nachdem der damalige Oppositionsführer Arik Sharon den Tempelberg „besuchte“. Der Ausbruch der zweiten Intifada bedeutet für viele das Ende einer Hoffnung.

„Am Anfang waren die Tränen“ (2010, Kinneret-Zmora) ist die Geschichte einer persönlichen Krise und einer Suche nach Bedeutung. Auf dieser Suche beschäftigt sich Kotler mit Zen-Buddhismus, mit der Philosophie von Spinoza und mit Psychoanalyse. Sie schlägt einen Weg vor, wie wir unsere Existenz im allgemeinen Chaos organisieren können.

Am Anfang waren die Tränen

von Oshrat Kotler

Übersetzung: Uri Shani

Es ist eine Geschichte, die mit Tränen beginnt.

Ich kann mich sogar an das Datum des Tages erinnern, an dem alles begann, wegen der ungeheuren Blamage: der Gedenktag für die Gefallenen 2003. Ich hatte gehofft, dass man mir die Moderation der alljährlichen Sendung erlassen würde. Ich hatte befürchtet, dass die Maske der Selbstbeherrschung – ein Instrument, dessen Wichtigkeit kein Nachrichtensprecher oder Moderator übertreiben kann – nach zweieinhalb Jahren intensiver Berichterstattung über die Intifada zerreißen, ja vielleicht sogar zerfallen könnte. Ich war erschöpft. Zählt euch dreihundertfünfundsechzig Tage von Tod, Gewalt, Dummheit der Regierung, Armut, Gemeinheit, niederer Gesinnung, Korruption, Krieg, Bedrohung, Terroranschlägen zusammen. Und das während zweieinhalb Jahren, und ich komme jeden Abend, um sechs genau, um dem Land zu erzählen, wie glücklich wir sind, und frage mich dabei, warum – warum ist das so und nicht anders? Ich brauchte fast drei Jahre, um zu verstehen, dass niemand eine Antwort hat, und dann kamen die Tränen. Live, vor der Kamera. Vor den Augen einer Million Zuschauer. Ich habe kein Problem mit Weinen, gar nicht. In unserer Familie ist es fast ein Instinkt, sich mit allem zu identifizieren. Ich weinte auch nicht, weil ich verstanden hätte, dass niemand unsere politische Situation ändern kann; das verstand ich damals noch nicht. Ich weinte, weil etwas in mir beschloss, Widerstand zu leisten. Ohne es mir zu sagen, ohne meinen Segen, ohne Einladung, und ohne, dass ich es verstünde. Im Nachhinein bin ich sogar froh um diese Tränen, aber in jenem Augenblick hasste ich mich. Die peinlichen Tränen brachten mich dazu, eine Suche zu beginnen, die damals begann und bis heute anhält, und ich hoffe, sie wird nie enden. Das ist es, was ich euch berichten will.

Der Gedenktag für die Gefallenen, 2003 – wo es begann

Es geschah während eines Interviews mit der Tante von zwei Kleinkindern, zwei und drei Jahre alt, deren Eltern von palästinensischen Terroristen vor ihren Augen ermordet wurden, während einer friedlichen Fahrt nach Hause. Der Mord ereignete sich in der Nähe meines damaligen Wohnortes, innerhalb der grünen Grenze, eine Viertelstunde Autofahrt von Tel-Aviv entfernt, auf der Straße nach Jerusalem, in der Nähe von Modi’in. Die Terroristen schossen vom Straßenrand, die Eltern wurden getötet, die Kleinkinder überlebten. Was den Fernsehkameras überblieb, war die Reste des Autos zu filmen, ein paar Blutflecken auf der Straße und Kinderspielzeug auf den Rücksitzen des Autos. Es war nur noch ein weiteres Attentat, über das makellos und steril berichtete wurde. Da wir uns schon an den Tod gewöhnt hatten, ersparten wir uns das Leid, uns wirklich mit der Realität auseinanderzusetzen. Dieses Interview, anlässlich des Gedenktags für die Gefallenen, hätte eigentlich an mir vorbeigehen sollen, ohne eine tiefe Wunde zu hinterlassen. Noch ein Terroranschlag, halt, in der endlosen Reihe von Terroranschlägen während der zweiten Intifada. Die Anzahl der Getöteten, vergleichsweise niedrig, hatte nicht einmal das Unterbrechen der Sendung, die gerade lief, gerechtfertigt. Aber jetzt, ein Jahr danach, war ich erschüttert. Etwas hatte sich geändert. Meine beiden Töchter waren damals etwa im Alter der beiden Waisenkinder. Die Brüchigkeit des Schicksals war unausstehlich. Wir luden die Tante, die plötzlich Mutter zweier Kinder geworden war, ins Nachrichtenstudio ein. Wir wollten hören, wie das Leben der beiden Waisenkinder und der adoptierenden Eltern ein Jahr danach aussah.

Wieder und wieder las ich die Worte, mit denen ich die Sendung eröffnen wollte und die ich selber geschrieben hatte, eine trockene Zusammenfassung der Ereignisse. Ich schaute mir mehrmals an, was am Tag des Anschlages und an den darauffolgenden Tagen gefilmt wurde: Die Kleinkinder spielen unschuldig und unwissend mit ihrem Spielzeug, das jenem ähnelte, welches im Garten meines Hauses herumlag. Ich tat alles, was ich eingeübt hatte, um die Maske zu wahren. Bis zu diesem Tage hatte es sich bewährt. Immer.


Aber schon zu Beginn des Interviews verstand ich, dass es diesmal nicht funktionieren würde die Intifada hatte zweieinhalb Jahre vor jenem Gedenktag begonnen. Zweieinhalb Jahre lang hatte ich die offenliegenden Nerven von Dutzenden von Interviewten befühlt, die ihre Nächsten verloren hatten. Ich mochte diese Interviews nicht. Aber ich machte sie. Zunächst machte ich sie, um zu trösten, mein Beileid auszudrücken, eine Stütze anzubieten. Aber je länger die Reihe der Getöteten wurde, so unerträglicher wurde es. Einerseits konnte man sie nicht ignorieren. Andererseits ergab ein Interview mit einem Elternteil eines Ermordeten oder mit einem Geschwister keinen Nachrichtenwert. Aber dann wiederum, das war unsere Realität. Sollten wir all den Schmerz ignorieren und weitermachen, wie wenn nichts geschehen wäre? Und wenn ich es nicht ignorierte, was konnte ich jemanden schon fragen, dessen Welt zusammengebrochen war? Jedes Opfer-Interview wurde zu einem Albtraum. Schon zu Beginn weigerte ich mich, Eltern von Ermordeten zu interviewen. Ihr Schmerz traf mich so stark, dass er meine Fähigkeit gefährdete, weiterhin die Rolle der Moderatorin und Interviewerin zu spielen. Aber auch die Interviews mit den nächsten Verwandten fielen mir schwer: Geschwister, Tanten, Onkel, Freunde, Vettern – alle standen bei mir Schlange, verzweifelt versuchend, ihre Nächsten in fünf Fernsehminuten zu verewigen und einen Moment des Trostes in der Veröffentlichung und in der Illusion zu finden, dass das Artikulieren ihrer persönlichen Tragödie etwas auf nationaler Ebene ändern könne.

Eine junge Mutter, zum Beispiel, die ihr Baby und ihre Mutter im selben Anschlag verloren hatte, verfolgte mich während Wochen. Gleich nach der Schiwa bat sie um ein Interview, weinte in die Kamera und flehte darum, dass der Wahnsinn aufhöre: „Nachgeben, einen Kompromiss machen, nur das beidseitige Morden stoppen.“  Ja, beidseitig. Auch im Abgrund ihres blutenden Schmerzes vergaß diese erstaunliche Frau nicht, dass ihre schreckliche Tragödie auch die Tragödie der anderen Seite war. Sie hörte nicht bei mir auf. Angetrieben von ihrem Schmerz ging die Frau, die zugleich Kind und Mutter verloren hatte, auch zu CNN, zu Sky, zu NBC und zu CBS, um der ganzen Welt das gleiche zu sagen: „Hört auf damit!“

Und so hörte ich das Flehen von mehr und mehr Familien, die verstanden, dass Rache ihnen ihre Liebsten nicht zurückbringen kann, sondern nur das Leben Anderer kostet.

Das Flehen half nicht. Nichts änderte sich.

Auf jeden Anschlag kam die Rache, auf die wieder ein Anschlag folgte, und wieder und wieder. Die Routine des Todes wurde zu einer Routine von Blut, dessen erstickende Dunstwolke immer mehr Häuser in Israel bedeckte. Und nichts änderte sich.

Der Gestank des Blutes betäubt die Sinne, nach einer Weile riecht man ihn nicht mehr. Ich nahm wahr, wie die Gefühle um mich herum abstumpften. Sogar die Radiosender hörten auf, nach einem Anschlag traurige Lieder zu senden. Ein Autobus explodierte, ein Terrorist machte ein Selbstmordattentat in einem Restaurant, mit Dutzenden von Toten, und nach ein paar Stunden war alles sauber, der Verkehr floss wieder, das Leben ging weiter. Ein Musikredaktor wagt es, normale Musik zu senden, und siehe da, wir kehren in die Routine zurück, zum Alltag. Der Schmerz blieb der von wenigen.

Bei mir ging das nicht. Ich schaffte es nicht, mich an die Todesroutine zu gewöhnen. Jeder Tag mit einem Anschlag war ein Tag eines schweren inneren Krieges. Die Trauer saugte sich in mir auf, ich konnte den Schmerz nicht hinausfiltern, konnte mir keinen Schutzpanzer dagegen bilden. Und zur gleichen Zeit musste ich senden, kalt bleiben, Information weitergeben.

Nach Jahren der Berichterstattung von Anschlägen entwickelte ich einen Mechanismus : Wir nahmen die Interviews mit den Nächsten der Ermordeten vor der Sendung auf, damit wir stoppen und wieder anfangen konnten, nicht nur wegen der Interviewten, sondern auch wegen mir. Alle Mittel zur Bewahrung der Maske waren legitim.

Aber, warum eigentlich sich solche Mühe geben? Warum nicht einfach ein Mensch sein und weinen? Denkt mal darüber nach: Siebenhundert Tote. Wenn ich mir erlaubt hätte, menschlich zu sein, hätte ich nach Hause gehen müssen. Der Interviewer einer Aktuell-Sendung hat hauptsächlich die Information wieder zu geben und zu versuchen, sie zu analysieren, damit man auch etwas verstehe in diesem ganzen Irrsinn. Die Tränen lässt man besser auf dem Kissen. Und tatsächlich nässte ich Dutzende von Kissen mit meinen Tränen in langen schlaflosen Nächten.

Oshrat Kotler – Foto: Gabriel Baharilla

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Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Rosebud
Rosebud
2 Monate

Sehr schön! Ich finde, der Übersetzer hat eine interessante Wahl getroffen, als er den Titel (im Original: “eine Geschichte, die mit Tränen beginnt”) mit “am Anfang waren die Tränen” übersetzt hat – das weckt zumindest bei mir Assoziationen mit der Schöpfungsgeschichte der Bibel (“am Anfang erschuf…”), die morgen in den Synagogen gelesen wird…

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