Kibbutz, Israel, Familie, Deutschland, Schoah, Fotoalbum

Schlaf mein Tal

Die Geschichte meiner Familie

„Schlaf mein Tal“ (Carmel, 2012) ist die Geschichte einer Familie in einem religiösen Kibbutz in den Vierziger und Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Der Titel des Buches ist eine Anspielung auf ein sehr bekanntes Lied mit dem gleichen Namen („Numa Emek“). Das Gedicht dazu schrieb Nathan Alterman 1934. Die Geschichte im Buch beschreibt enthusiastische Pioniere, aus Deutschland geflüchtet, die im Alter von 15 Jahren nach Palästina geschickt wurden, von deren Eltern, die nach dem November-Pogrom von 1938 und Dachau über Bolivien am Schluss auch Palästina erreichen.

Ruth Netzer ist analytische Psychologin (Jungianerin), Lehrerin am „Seminar Hakibbutzim“, Dichterin, Künstlerin, Fotografin und Forscherin in den Bereichen Literatur und Film. Sie hat acht Sachbücher, elf Gedichtbände und diese Geschichte ihrer Familie publiziert.

Das am Schluss dieser Kostprobe erwähnte „Family of Man“ ist das Buch einer Ausstellung, die 1957 aus New York nach Tel-Aviv kam. Die Ausstellung von Edward Steichen wurde zuerst 1955 in New York gezeigt und ist seit 1994 in Luxemburg als Dauerausstellung installiert. Das Buch zur Ausstellung war auch in der hebräischen Version in sehr vielen Häusern zu finden.

Schlaf mein Tal

von Ruth Netzer

Übersetzung: Uri Shani

  1. In diesem Tal

Die Straße führt vom Jezreel-Tal durch seine Mündung in das kleinere Tal, nach Süden, und dahinter, hinter der Stadt Bet-Shean, öffnet sich mein Tal, in das die Straße durch grüne und gelbe Felder, Palmenhaine und Fischteichen führt, das Bet-Shean-Tal, das sich wie ein Fächer öffnet und hinunterfließt.

Eine Reihe von sanften Hügeln steigt von rechts hinauf, und dahinter befinden sich die Gilboa-Berge. Das Auge, das dem Gipfel des Gilboa nach Süden folgt, erreicht an deren Ende am Horizont den Punkt, wo der Gilboa auf die Gilad-Berge trifft, sodass unser Tal wie eine Halbinsel ist, von Bergen umschlossen, und nur gegen Norden offen.

Ich schreibe über eine entfernte Ecke am Ende der Zeit, am Ende vom Bet-Shean-Tal, in den Tiefen des syrisch-afrikanischen Grabenbruchs, in antiken Zeiten ein Verbindungsweg. Eine Ecke von Bruch, Trockenheit, Flora und Wasser.

Die Nabelschnur zieht mich hin zum Tal meiner Herkunft, mit der Anziehungskraft der Erde, die mich immer zum Anfang zurückbringt – zu der Zeit, die vor lauter offenen Möglichkeiten schmerzend war. Mehr als ein halbes Leben musste vergehen, damit dieser Drang, zum Anfang zurückzukehren, in mir erwachte. Der Anfang – das sind Fäden, die in alle Richtungen rollen und sich am Schluss wieder in der Hand sammeln, die sie zusammenhält.

Mein Kibbutz wurde am südlichsten Punkt des Bet-Shean-Tals gegründet, da wo es fruchtbares Land und mehrere Quellen gibt, und die Region heißt heute deshalb „das Tal der Quellen“. Das ist das Tal, von dem es im Talmud heißt, dass es der Eingang zum Paradies sei, und sie wussten nicht, wie sehr sie recht hatten.

Es ist mir nie eingefallen zu fragen, was dort war, bevor der Kibbutz gegründet wurde. Davor, das war mir klar, war nichts da. Die Gründung des Kibbutz ist der Anfang der Zeit, die Schöpfung der Welt.

Aber in diesem Tal fanden Archäologen Reste von römischen Straßen und von einer Synagoge aus byzantinischen Zeiten, also der Zeit des Talmud, mit einem Mosaik einer Menorah und eines Schofar, und auch ein Grab aus kanaanitischer Zeit – ein Zeugnis dafür, dass es hier schonmal etwas gegeben hat.

Mein Kibbutz ist der Kibbutz Tirat-Zwi. Am Eingang des Kibbutz befindet sich die Abu-Faraj-Quelle, die in einem grünen Tal voller Schilfrohre und Klebalant versteckt liegt. Neben dem Tal erhebt sich ein uralter Tel, der Abu-Faraj-Tel, der auf den Kibbutz und die umliegenden Felder hinabschaut. Die Beduinen, die dort lebten, erzählten, dass dort der heilige Abu Faraj begraben liegt, dessen Name bedeutet: Der das Heil bringen wird. Die Legende besagt, er habe die Felder mit einem Pflug bearbeitet, der von zwölf Ochsenpaaren gezogen wurde, und jede Nacht er aus seinem Grab gestiegen und habe sich umgeschaut, ob die Nachkommen der hebräischen zwölf Stämme schon in ihr angestammtes Land zurückgekehrt seien.

Und hier steht auch der syrische Christusdorn, der Wächter des Eingangs, neben der Quelle, und bewacht die ganze Gegend.

Hier, am Eingang des Kibbutz, standen meine Eltern eines Tages, am Ende des Jahres 1943, etwa zwei Jahre, nachdem sie geheiratet hatten. Sie stiegen mit einem einzigen Koffer vom Bus herunter, die Mutter schwanger, ich in ihrem Bauch, und Uri, der einjährige Säugling, in ihren Händen.

Das ist die Geschichte meiner Eltern, zwei junge Menschen, die aus Deutschland vor der Schoah entflohen waren. Meine Eltern Leah und Meir kamen ins Land durch die „Jugendalijah“, sie waren 16 Jahre alt und wurden hierhergeschickt, durchdrungen vom Glauben an den zionistischen Traum. Zwei alleinstehende junge Menschen, deren Eltern zurückblieben, bis auch sie es schafften, in der letzten Minute zu fliehen. Papas Eltern erreichten Palästina und lebten in Tel-Aviv, weit weg von uns, und Mamas Eltern flohen nach Bolivien.

Ein Bild meiner Mutter vor meiner Geburt: eine stolze Pioniermutter in einem einfachen Mantel für Männer, ihre schwarzen Haare umranden ihr breites Gesicht, das Jugend ausstrahlt. Sie lehnt sich an die Wand des „Hauses der jungen Misrachi-Frauen“ in Jerusalem, und neben ihr Rachel, ihre Jugendfreundin.

Ein Bild meines Vaters: ein junger schöner Mann, ein naiver Pionier, sein glattes Gesicht rund, der Mund anziehend, eine runde Brille, er sät im Feld, hinter ihm die große, runde Sonne, und so sieht die Welt aus.

Meine Eltern lernten sich im „Arbeitskommando“ der „Hachschara“ des „Hechalutz“ kennen. Als sie heirateten, war Papa 22 Jahre alt, Mama war 19. Ich habe nie ein Foto ihrer Heirat gesehen. Gibt es keines, oder hat Mama die Fotos in ihrer Wut zerstört? Mein Gesicht ist eine Kombination der beiden Gesichter.

Sie verließen die „Hachschara“-Gruppe, und ich wurde in der unseligen Übergangszeit gezeugt, als sie bei seinen Eltern in Tel-Aviv wohnten, bevor sie zum Kibbutz kamen. Kein Zweifel: Sie wollten damals kein zweites Kind. Mama verübelte es seinen Eltern, dass sie ihre Situation nicht verstanden und es ihnen nicht ermöglichten, noch weiter in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung zu bleiben. In meinen Händen steht Mamas Not zur Zeit ihrer Schwangerschaft mit mir geschrieben.

Meine Eltern brachten fünf Kinder zur Welt. Wir sind alle geboren, weil es halt eben so geschah, und wir waren mehr Kinder, als was ihnen an Zuneigung möglich war. Später schrieb Mama: „Jedes Mal, wenn Meirs Hausschuhe neben mir standen, wurde ich schwanger.“ Wenn Papa ungeduldig und unruhig war, sah Mama keinen anderen Weg, ihn zu beruhigen. Von Schwangerschaft zu Schwangerschaft blähten sich ihre Beinvenen mehr und mehr. In ihren letzten Tagen erreichte das Blut ihre Beine nicht mehr, die schwarz wurden, und von den Operationen, die sie hätten retten sollen, stand sie nicht mehr auf.

Der Kibbutz weigerte sich natürlich – aus religiösen Gründen – Abtreibungen zu finanzieren. Eine Abtreibung bezahlten Oma und Opa, als sie endlich verstanden, was geschah. Mama fuhr dazu in die Stadt, mit einer großen Sonnenbrille und einem Kopftuch, um die Schande der Sünde zu verdecken. Sie trieb zweimal ab.

Meine Eltern waren mit ihrer Arbeit beschäftigt und hatten keine Zeit für uns. Sie gaben, was sie konnten, aber was sie konnten, war wenig und verhalten. Für ganz wenig von all dem, das sie nicht geben konnten, wurden wir durch die Kindergemeinschaft des Kibbutz entschädigt.

Papa war schweigsam, in sich verschlossen, mit einer verschwommenen Identität, Mama beflissen und distanziert. Beide waren einsam. Die meisten meiner Erinnerungen an ihre Beziehung sind mir verloren gegangen, es sind leere Blätter.

Im Kibbutz, in dem ich aufwuchs, gab es undurchdringliche Gruppen der Gründer, die aus Europa gekommen waren. Meine Eltern hatten es schwer, aufgenommen zu werden. Sie hatten nie Freunde unter den Familien oder Paaren aus dem Kibbutz. Mama sagte, dass sie zwar eingeladen worden seien, Papa sich aber geweigert habe, die Einladungen anzunehmen. Sie gehörten nicht dazu und auch nicht wirklich zueinander.

Die ersten Bilder meines Albums: Mama erzählte, dass das erste Foto von mir gemacht wurde, als die Fotografin des Kibbutz sich an sie wandte und ihr sagte: „Du hast ein Foto mit Ruti verdient.“ Ich sehe mein Gesicht, das Gesicht eines lachenden Babys, und Mama ist so jung, und in ihrem Gesicht die Freude einer Mutter. Hier liegt ein Baby auf dem Rasen, hebt den Kopf lachend, vor allem glücklich.

Ich habe keinen Zweifel, dass meine Mutter trotz allem glücklich war, als ich geboren wurde.

Dann bin ich allein im Bild, ein dreijähriges Mädchen, mit hellem Haar, einem kurzen, gepunkteten und hellem Kleid, rundem Gesicht, und in ihren Augen ein Ausdruck eines zugleich offenen und verhaltenen Lächelns, die rechte Hand hinter dem Rücken versteckt, die linke erhoben, in einer verlegenen Geste, als sage sie: Kommt bitte nicht näher.

Kein anderes Bild, während all der Jahre danach, drückt mein Selbstporträt besser aus, berührend, am wahrsten.

Aber in einem alten Umschlag fand ich ein zusätzliches Foto, das damals gemacht wurde. Dasselbe Kleid. Von der Sorte der nicht geglückten Fotos, die man wegwirft. Warum wurde es aufbewahrt? Eine verschwommene Variation, eine Skizze. Kein Foto, das man in das Vorzeige-Album klebt. Das Mädchen, das ich bin, steht alleine. Lächelt nicht. Hinter ihr, in der Ferne, verlassene Felder, ein Haus, und sie alleine. Vielleicht ist das das wahre Bild.

Auf einem anderen repräsentativen Bild bin ich in demselben Kleid, und mein Bruder Uri, der immer 15 Monate älter als ich sein wird, hält mich an der Hand. Hinter uns kniet Papa, umarmt uns beide. Das einzige Bild aus diesen Zeiten, in dem Papa lächelt.

Woher das Kleid? In den Kindheitsfotos, so erzählte Mama, wurden wir mit Kleidern angezogen, die nicht unsere waren, man hatte sie uns vom Kleiderlager gebracht.

In den Fotos der Kindergartenzeit gab es noch etwas Gutes, Familiäres. War es wirklich so? – Ich habe Mama gefragt, und sie hat bejaht.

Im Buch „The Family of Man“ – ein Fotobuch, das Mama mir kaufte – hat sich mir das letzte Foto von W. Eugene Smith eingeprägt: Zwei kleine Kinder gehen Hand in Hand auf einem Weg, von Pflanzen eingerahmt. Wir sehen nur ihre Rücken. Ihre Gesichter sind zur hell scheinenden Zukunft gerichtet. Er ist der ältere. Sie, die kleine, trägt ein Kleidchen. Es war, als betrachte ich unser eigenes Bild. Das von mir und meinem Bruder. Ein Knabe und ein Mädchen gehen Hand in Hand am Anfang ihres Lebens. Und unter dem Foto steht: „Eine Welt wird unter meinen Füssen geboren.“

Uri Shani ist in der Schweiz geboren und lebt seit 35 Jahren in Israel. Er ist professioneller Übersetzer für Literatur aus dem Hebräischen ins Deutsche. Sein "Übersetzer-Credo" könnt ihr im Link nachlesen:

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Benjamin
Benjamin
1 Monat

Sehr interessant! Kurze Frage, auf die nur teils eingegangen wird: wie sehr war das Kibbutz von der doppelten Endzeitstimmung der bevorstehenden Erloesung (doppelt, weil durch den saekularen Pioniergeist der Kibbutzbewegung und den religioesen Itchalta deGeula gepraegt)? Wie steht sie zu dieser Erfahrung heute (als saekularer Stadtmensch, nehme ich an)? Und gab es einen spuerbaren Konflikt zwischen der sehr saekulat gepraegten (allgemeinen) Kibbutzbewegung und dem Glauben der religioesen Mitglieder?

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